Freitag, 9. September 2011

Rosen, Literatur und Politik



Nikolaus Lenau

Welke Rose

In einem Buche blätternd, fand
ich eine Rose welk, zerdrückt,
und weiß auch nicht mehr, wessen Hand
sie einst für mich gepflückt.

Ach, mehr und mehr im Abendhauch
verweht Erinnerung; bald zerstiebt
mein Erdenlos, dann weiß ich auch
nicht mehr, wer mich geliebt.


































Zum Thema Rosen und Politik:



Kapitel-Auszug (MS) aus:
Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit:


In Genf – oder: Kann die UNO einen Diktator zur Rechenschaft ziehen?


         Frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht. Präambel der Schweizer Verfassung

An den Bahnhof der Stadt kann ich mich heute nur noch vage erinnern. Als Wanderer zwischen den Welten, als interkultureller Emissair, habe ich in all den Jahren so viele Bahnhöfe erlebt, gewaltige und kleine, historische und profane, architektonisch herausgeputzte und verkommene, freundlich heitere und trostlos trübsinnige, dass mein Gedächtnis sie nicht mehr genau auseinander halten kann. Ein Bahnhof hat oft mehr von Abschied als von Willkommen und ist nicht selten verknüpft mit unfreiwilligen Transporten und Reisen ins Ungewisse, mit Trauer und Melancholie. Aber ein Bahnhof ist auch eine Stätte der Beweglichkeit, ein guter Ort, um dem bunten Treiben zu folgen, um nachzudenken. Menschen strömen auf und ab, und Züge fahren hin und her. Auch auf Bahnhöfen ist alles im Fluss, selbst die Gedanken.
Bevor ich auf den brieflich vereinbarten Treffpunkt zusteuerte, wo mein Gastgeber bestimmt schon meiner harrte, ging ich wie gewöhnlich in den ersten Blumenladen in der Vorhalle, um einen Strauß zu besorgen. Bisher hatte ich es immer so gehalten, wenn ich besuche abstattete und wusste, dass eine Dame das Haus führt. Blumen öffnen das Herz und machen Menschen empfänglich.
„Was darf es sein, mein Herr?“ sprach mich ein junges Fräulein an.
„Rosen“ erwiderte ich wie einer, der weiß, was er will. „Fünf weiße Rosen, bitte!“ Die Frau sah mich etwas erstaunt an, denn weiße Rosen wurden wohl nicht oft verlangt, und brachte mir dann fünf kräftige Rosen, die aber nicht richtig weiß waren, sondern eierschalenweiß mit einer leichten Tendenz ins Grünliche. Als ich sie entgegen nahm, verspürte ich sogleich einen leichten Hauch von dem schwachen, süßlichmilden Duft, den sie verströmten. Ja, diese Rosen dufteten noch. Sie sahen makellos aus und so frisch, als wären sie kaum erst geschnitten worden – und sie dufteten. Noch einmal sog ich mit einem tiefen Zug das zarte Parfüm ein, bezahlte großzügig, bedankte mich und ging dann zum Treffpunkt am Hauptausgang.
Diesmal wurde ich warm empfangen. Der Herr im besten Alter, der mich dort schon nervös entgegenfieberte, war von hagerer Statur, hatte dunkle Haare und einen markant ernsten, doch freundlichen Blick. Halb verunsichert kam er auf mich zu, begrüßte mich dann aber mit einer Herzlichkeit, die nur Menschen zusteht, die man seit langem gut kennt. Die gemeinsame Sache einte uns. Er schien vor Tatendrang zu sprühen und wirkte auf mich wie ein hektischer Enthusiast, der die ganze Welt mit einem Ruck aus den Angeln heben will. Man sah es ihm gleich an, dass er ein geradliniger und pflichtbewusster Charakter war, ein Mensch für den, im Gegensatz zu den meisten anderen Zeitgenossen, der höhere Zweck mehr zählte als die Bestreitung des trivialen Alltags. Er hieß Ganea. Sein Vorname war Ion. Viele Rumänen führen diesen Vornamen. Wie hätte er denn sonst heißen sollen? Ion entspricht dem deutschen Namen Johann oder kurz Hans, der als Taufnamen bei den Deutschstämmigen im Banat genauso häufig herhalten musste wie Ion bei den Rumänen. Stammte ich nicht selbst aus einer Sippe, die mütterlicherseits seit fünf Generationen diesen Vornamen kultivierte, so als ob keine weiteren Namen auffindbar gewesen wären. Mein Urgroßvater, ein k.u. k. Soldat, der bereits 1922 an den Folgen des Kriegseinsatzes starb, hieß Johann oder populär Hans. Sein Sohn, mein Großvater hieß Hans. Und dessen jüngerer Bruder, streng nach dem Namen des Paten getauft, wurde auch Hans gerufen; ebenso wie sein Sohn Hans hieß. Gott sei Dank, bekam mein Bruder den viel verbreiteten Vornamen Jahre vor mir ab – wie das halbe Dorf - und bewahrte mich davor. Das war die Gnade der späten Geburt, die auch noch andere Vorteile mit sich bringen sollte. Mehr zufällig als gezielt erhielt ich einen königlichen Namen, der mir imponierte, weil er nobel klang und weil er dort selten und damit unverwechselbar war. Später hörte ich selbst noch die Namen Hans Hans und Ion Ion als ultimative Steigerung und Gipfel der nominellen Phantasielosigkeit. Dahinter stand die Macht der Tradition, die so einfach nicht zu durchbrechen war. Durfte ich mich da wundern?
Als 1990, wenige Monate nach der Revolution, in Rumänien erstmals wieder freiere Wahlen abgehalten werden konnten, forderte Ion Ratiu, ein Exilpolitiker, der von London ausgewirkt hatte, den Postkommunisten Ion Iliescu heraus. Und Stelian Diaconescu, ein Dichter von europäischem Format, entschied sich für das Pseudonym Ion Caraion, was genau in meinen Ohren genau so witzig klang wie Ilie Pintilie, ein heute etwas vergessener Revolutionär aus dem Geschichtsbuch. Ion ist ein archaischer Allerweltsname, dessen Ursprünge auf den Evangelisten zurückgehen und in das orthodoxe Griechentum hineinreichen. Wohl deshalb führt die halbe Nation der Rumänen diesen Namen. Die anderen tragen mit Vorliebe die Namen berühmter Urahnen, die teils von bedeutenden Cäsaren abgeleitet sind wie: Traian, Adrian, Claudiu, Tiberiu, Marcu, Marius, Cesar oder aus denen römische Geistergrößen hervorleuchten wie Virgil, Liviu, Ovidiu, Cicerone und andere mehr, um so, nach Ion Luca Caragiale, als waschechte Rumänen zu gelten und auf die antike Herkunft der an sich noch jungen Nation zu verweisen. Dahinter verbirgt sich eine Art historischer Komplex der Spätgeborenen, der die Zeiten überspringen und die spät geformte nationale Identität durch eine edle, über zwei Jahrtausende zurückreichende Herkunft kompensieren will. Nach Decebalus, ihrem geto-dakischen Ahnherrn, oder nach Burebistas, der das Dakerreich vom Pontus bis nach Makedonien ausdehnte, wurde merkwürdigerweise kaum jemand benannt; auch nicht nach Caligula und Nero oder nach dem noch edlen Diktator Sulla Felix, der in Mozarts Oper Sila heißt. Gerade nationalistisch orientierte Rumänen akzentuieren in der Nachfolge ihres historiographischen Übervaters Nicolae Iorga immer wieder ihre romanische Herkunft und ignorieren dabei gern die Tatsache, dass ihre gegenwärtige Hochsprache erst im 19. Jahrhundert auf der Grundlage des Französischen und des Italienischen durch das Einfügen zahlreicher Wörter erweitert und reformiert wurde, ohne dabei etwa ein Drittel des alten Wortschatzes slawischen Ursprungs verleugnen und ausmerzen zu können.
Wie ich bald feststellen sollte, spielten bei Ion Ganea nationalistische Überlegungen keine übergeordnete Rolle. Er war ein politisch denkender, engagierter Emigrant, der sich als Liberaler verstand. Als solcher hatte er seinerzeit in Bukarest gewirkt, bevor die einzige Partei des Landes, die Kommunisten, nach einem erfolgreich durchgeführten Staatsstreich unter der Regie Moskaus das politische Monopol für sich reklamierten, um die Alleingestaltung der Volksrepublik und später der Sozialistischen Republik zu übernehmen. Jetzt kam es ihm darauf an, Mittel und Wege zu finden, um von Genf aus die Respektierung der Menschenrechte in seinem Heimatland durchzusetzen. Die 1975 in der finnischen Hauptsstadt Helsinki abgehaltene Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, kurz KSZE, an welcher seinerzeit auch die Ostblockstaaten teilnahmen und sogar gewisse Verpflichtungen eingegangen waren, hatte diese Weichenstellung theoretisch ermöglicht. Die praktische Umsetzung gewisser Liberalisierungsbestrebungen jenseits des Eisernen Vorhangs jedoch war nach wie vor reine Illusion. Trotzdem war Ion nicht davon abzuhalten, für eine gute, ihm und anderen wichtig erscheinende Sache aktiv zu werden. Er war zweifellos ein Idealist alter Schule – und die Rechtfertigung seiner Existenz bestand im konkreten Einstehen und Handeln für einen höheren Wert. Das Eintreten für ein Ideal, für eine ethische Zielsetzung, für Menschenrechte, für die Ideale der Französischen Revolution, die besonders im Ostblock von den politischen Akteuren zynisch verachtet wurden, verband uns intuitiv. Obwohl es nie ausführlichere Wertediskussionen gegeben hatte, verstanden wir uns auf Anhieb. Damals war ich zwar noch recht jung an Jahren, brachte aber eine natürliche Autorität ein, die auf dem Faktischen beruhte und auf meine mehrjährige, sehr intensive Oppositionstätigkeit zurückging, die für sich sprach. Das individuelle Handeln unter Repressionsbedingungen und der Gestus des weiteren antitotalitären Wirkens auch im Westen zählten mehr als die Person dahinter. Mein oppositionelles Agieren im Land wurde allgemein anerkannt; nicht zuletzt von Ion, mit dem ich seit Monaten über die anstehende Aktion, deren geistiger Urheber er war, korrespondierte und häufig telefonierte. Ion bestach mehr durch eine fast naive Geradlinigkeit, die ihm generell Glaubwürdigkeit verlieh, als durch intellektuelle Prägnanz. Wir kannten uns also schon etwas. Sein Geld verdiente der Liberale, wie manch anderer geschickte Kunsthandwerker in der Schweiz, als Uhrmacher in einer traditionellen Werkstatt. Unmittelbar nach meiner Ankunft bestiegen wir seinen Wagen und fuhren in ein nahe gelegenes Wohnviertel, wo er mit seiner Gattin ein kleines Appartement bewohnte. Kinder hatten sie keine.
Während wir die viel befahrenen Hauptalleen der City entlang fuhren, hatte ich genügend Zeit, die ersten Eindrücke dieser an sich recht kleinen, von ihrem Format her aber wahren Weltstadt aufzunehmen und diese auf mich wirken zu lassen. Nach einem doch etwa stürmisch rasanten Aufstieg aus dem unscheinbaren Provinznest Sackelhausen hatte ich zunächst die nahe Universitätsstadt Temeschburg ausgelotet; dann erlebte ich die erste kleine Metropole Europas, die Hauptstadt des Staates, Bukarest; das gigantische London hatte ich bereits gesehen, die Boulevards von Paris, selbst die Prachtstraßen Amsterdams und einige deutsche Großstädte, darunter München und Westberlin – doch Genf war anders, ganz anders. Es erinnerte mich zwar leicht an Paris und Bukarest wie eine zweite Tochter derselben Mutter - doch Genf hatte etwas eigenes, etwas calvinistisch Kühles, das ich nicht greifen konnte und das sich mir entzog. Die Eisigkeit sagte mir, dass ich hier nicht heimisch werden konnte.
Die Dämmerung wich bereits dem Dunkel der Nacht, die sich langsam über der Stadt ausbreitete. Mir bot sich ein gewaltiges Panorama. Glaspaläste, repräsentative Bauten, Brunnen, Fontänen, von Parks umgebene Villen der Superreichen. Alles war in strahlendes Licht getaucht und verlieh dem Ganzen etwas märchenhaft Romantisches. Die scheinbare Irrealität der Illumination beeindruckte mich wie die poetisch entrückte Welt eines Algabal. Plötzlich riss Ion mich etwas unsanft aus den Träumereien, indem er mir signalisierte, in der unmittelbaren Umgebung von Versoix, wohne der abgedankte König Michael von Rumänien und führe hier am See eine fast bürgerliche Existenz. Seit der erzwungenen Abdankung nach dem Zweiten Weltkrieg lebe König Michael aus dem Hause Hohenzollern im Schweizer Exil. Auch er sei an unseren Aktivitäten interessiert; und höchstwahrscheinlich werde er uns alsbald zu einem Gespräch empfangen. Die Hoffnung auf eine Revision der politischen Verhältnisse in Osteuropa und die Institution einer konstitutionellen parlamentarischen Monarchie in seiner Heimat habe er noch nicht ganz aufgegeben. Interessiert folgte ich Ion Ausführungen, war aber doch recht skeptisch, was die hehren Ziele anging, denn Entwicklungen dieser Art erschienen mir im Jahr 1981 doch sehr unrealistisch.
Deutschland, mein altes Vaterland und neue Heimat, wurde damals von der sozial-liberalen Koalition unter Kanzler Helmut Schmidt und Vize Hans Dietrich Genscher regiert. Beide setzten in ihrer Außenpolitik, besonders aber im Verhältnis zu Osteuropa und der Sowjetunion, auf Entspannung, auf Verständigung und auf Wandel durch Handel. Die von Bundeskanzler Willy Brandt begründeten Ost-West-Beziehungen waren nach wie vor ein zartes Pflänzchen, das es zu pflegen galt und das nicht durch übereilte Aktionen zertreten werden sollte. Deshalb fand ich unmittelbar nach meiner Einreise in die Bundesrepublik bei den damals politisch Verantwortlichen weder Echo noch Gehör für die Sache der inzwischen unterdrückten Freien Gewerkschaft SLOMR, nicht einmal beim Deutschen Gewerkschaftsbund. In Großbritannien bestimmte die Eiserne Lady die Richtlinien von Downing Street Nr. 10 und im Weißen Haus war der ehemalige Hollywoodschauspieler Ronald Reagan gerade dabei, den Baptistenprediger Jimmy Carter als Präsident der Vereinigten Staaten abzulösen. Amerika litt seinerzeit unter der so genannten Malaise Carters und war außenpolitisch angeschlagen. Trotzdem war Amerika auf dem Gebiet der Menschenrechte immer noch die paradigmatische Leitnation der Freiheit, zu der die Geknechteten aus allen Teilen der Welt aufblickten. Amerika hatte damals noch eine moralische Stellung inne, die es, kaum zwei Jahrzehnte danach durch das alles andere als weitsichtige Wirken eines einzigen Präsidenten und durch die Verabschiedung vom Völkerrecht vielleicht für immer einbüßen sollte. In der Sowjetunion ging die Ära Breschnew ihrem Ende entgegen. Es folgten aus der Reihe der starren Altherrenriege des Kreml Tschernenko, Andropow und schließlich Gorbatschow. In Rumänien hingegen behauptete sich nunmehr seit 1965 eine Person als Staatschef, Nicolae Ceausescu, ohne dass eine potentielle Personalveränderung denkbar erschien. Der Status quo war unverrückbar starr und erschien für alle Zeiten zementiert zu sein. Der konservativ ausgerichtete Westen setzte weitgehend auf Konfrontation und Tot-Rüsten. Der Osten, inklusiv China, das seine kommende Weltmachtrolle schon vorbereitete, setzte auf Selbstbehauptung. In dieser Konstellation war es nicht einfach zu opponieren und auf Veränderungen zu hoffen. Trotzdem musste es sein, denn es gab keine alternative Perspektive. Vielleicht konnte im Kleinen etwas bewegt werden, was irgendwann große Wirkungen haben konnte. Wenn der ehemalige König Michael noch daran glaubte, das Eis könne brechen, dann wollten wir nicht daran zweifeln, sondern weiterhin aktiv vorgehen und durch unser Tun etwas bewirken.
Ion bewohnte mit seiner liebenswerten Ehefrau, die ich gleich kennen lernen durfte, eine gut bürgerliche Wohnung in einem auffällig sauberen, ruhigen Stadtteil von Genf. Auch die Dame des Hauses empfing mich mit natürlicher Freundlichkeit und Warmherzigkeit, die ich auch noch bei anderen Rumänen angetroffen habe. Ich hingegen verhielt mich zunächst etwas verkrampft, nicht zuletzt deshalb, weil ich unbewusst noch in einem einst exzessiv gelebten Deutschtum gefangen war, das tiefer verwurzelt war als der intellektuelle Humanismus. Leicht gehemmt überreichte ich ihr die Blumen.
„Rosen? Weiße Rosen?“ wunderte sie sich und grinste verschmitzt wie wenn ich rote gebracht hätte. Auch weiße Rosen verwiesen auf Leidenschaft, aber auch auf Reinheit, Trauer und Entsagung.
„Ja, Rosen! Madame!“ antwortete ich mit einem Hauch von Ironie. „Rosen sind ganz besondere Blumen, Madame! Ich habe ein spezielles Verhältnis zu diesen Pflanzen! Sie müssen wissen, dass ich unter Rosen aufgewachsen bin und dass sie mich durch mein ganzes Leben begeleitet haben. Viel Ideelles ist in ihnen und viel vom Schönen dieser Welt!“
„Es sind die Blumen der Liebe!“
„Im weitesten Sinne, Madame. Bei uns in Deutschland assoziiert man noch ganz andere Dinge mit Rosen, mit weißen Rosen… Für manche Leute stehen sie für Anstand, für den aufrechten Gang …und seltener selbst für ein reines Gewissen!“
Wir vertieften die Materie nicht. Die Gastgeberin griff routinehaft nach einer Kristallvase, füllte sie mit Leitungswasser, schnitt die Stiele kürzer und stellte sie in das frische Nass. Dann stellte sie die Vase auf eine furnierte Kommode aus Eiche unweit der Tafel, an der wir bald Platz nahmen. Als wir später beim Abendessen zusammen saßen und bei einem Jurakäse und einem Chasselas aus der Region etwas von den kulinarischen Köstlichkeiten genossen, die die Schweiz zu bieten hat, fiel mein Blick auf die mitgebrachten Rosen, aus deren Hintergrund ein lackiertes Holzkreuz hervor strahlte. Das Kreuz und die Rose durchdrangen sich und verschmolzen zu einer symbolischen Einheit, die mir noch in der Nacht zu denken gab und die Erinnerungen wach rief, Erinnerungen, die tief in die Vergangenheit reichten. Mir wurde ein komfortables Gästezimmer zugewiesen, wo ich in den nächsten Tagen auch meine freien Stunden verbringen konnte. Auch mein leibliches Wohl kam nicht zu kurz. Die Dame des Hauses, die selbst keine Kinder hatte, bemühte sich fast mit mütterlicher Umsorgung darum, dass alles stimmte. Sie war vor allem bestrebt, möglichst gepflegt zu kochen, damit wir auch vornehm tafeln konnten. Etwas savoir vivre war stets dabei – als Hinweis auf die kleinen Freuden des Lebens, die es lebenswert machen. Bei späteren Besuchen, die bis zum Abschluss der Klagevorbereitungen noch erforderlich werden sollten, erlebte ich immer wieder die gleiche, natürlich unmittelbare Gastfreundschaft dieser Menschen. Während dieses mehrtägigen Aufenthalts in Genf lernte ich eine Reihe weiterer Personen kennen, die in der Schweiz oder überwiegend in Frankreich lebten und sich in der Regel als Exilpolitiker betätigten. Sie alle hatten eigene Vorstellungen, wie das politische Wirken im Westen zu gestalten und zu koordinieren sei. Partiell verfolgten sie eigene Interessen - und manche von ihnen sahen sich schon als künftige Mitglieder eines Schattenkabinetts, das nach einem politischen Umsturz in Bukarest seine Arbeit unverzüglich aufgenommen hätte. Für unsere Sache waren diese zahlreichen Politakteure weniger wichtig, mit der Ausnahme einiger weniger Persönlichkeiten, die tatsächlich Einfluss hatten und unserer Mission in der Öffentlichkeit dienlich sein konnten. Unter ihnen war eine etwas ältere Dame, die sich als Autorin und Journalistin betätigte und zahlreiche gute Kontakte unterhielt.
„Ich bin Nicolette Franck“, stellte sie sich mir vor. Sie sprach dann noch über ihre Kindheit und Jugend im Großrumänien der Vorkriegszeit. Sie stammte aus dem jüdischen Zentrum Tschernowitz, in der Bukowina, dessen kulturgeschichtlicher Hintergrund erst mit der breit rezipierten Lyrik Paul Celans, der aus der gleichen Gegend stammte, bekannt wurde. Sie hatte ihre aktive Zeit als Journalistin in Jassy verbracht, in einer Stadt an der nordöstlichen Grenze zur Sowjetunion, wo mein noch in Rumänien weilender Mitstreiter Erwin seinen Militärdienst absolviert hatte. Mehr als vierzigtausend Juden hatte das Jassy der Vorkriegszeit eine Heimat geboten, bevor unter Antonescu Pogrome möglich wurden, die vielen von ihnen das Leben kosteten. Nicolette Franck verkehrte regelmäßig im Haus des ehemaligen Königs Michael. Den Umständen seiner Abdankung hatte sie eine historische Abhandlung gewidmet. In dem seinerzeit taufrisch in Paris erschienenen Buch La Roumanie dans l’ Engrenage; dessen mögliche Edition ich in ihrem Auftrag auch Deutschland ausloten sollte, beschrieb sie auf Informationen aus erster Hand gestützt, wie Michael I., König von Rumänien, von inländischen Stalinisten mit vorgehaltener Pistole gezwungen wurde, das Ausscheiden Rumäniens aus der mehr als vier Jahre andauernden Allianz mit Hitler-Deutschland und der Wehrmacht zu unterschreiben; also nach außen hin einen unfreiwilligen königlichen Putsch zu vollziehen, in welchem auch der bald darauf verurteilte und exekutierte Marschall Antonescu entmachtet wurde. In der deutschen Historiographie, mehr noch im Bewusstsein der weniger genau informierten Allgemeinheit, ist dieser Akt der Kapitulation eher als Verrat interpretiert und empfunden worden – nicht zuletzt von den Volksdeutschen aus dem Banat und Siebenbürgen, die die daraus erwachsenden Konsequenzen bis zum Exodus hin auszubaden hatten. Aus dem abrupten Abfall des Bündnispartners erwuchs möglicherweise ein gewisses Ressentiment, aus welchem das spätere Desinteresse Deutschlands an dem politischen Schicksal Rumäniens zu erklären wäre. Es ist mir aus zeitlichen Gründen leider nicht gelungen, diese Diskussion, die mich auch als Historiker faszinierte, weiter zu verfolgen. Gleichzeitig wirkte Nicolette Franck als Genfer Korrespondentin der Brüsseler Tageszeitung La Libre Belgique. In dieser Eigenschaft sorgte sie dann auch dafür, dass unsere ausführlich geplante und gut vorbereitete Aktion, die rumänische Regierung auf internationaler Ebene zur Verantwortung zu ziehen und zu verklagen, angemessen in der Brüsseler Zeitung veröffentlicht wurde. Da ich der einzige Repräsentant der 1979 in Rumänien gegründeten Freien Gewerkschaft rumänischer Werktätiger, kurz SLOMR, war, der im Westen lebte, kam mir die Aufgabe zu, als so genannter porte parole, als Sprecher dieser inzwischen unterdrückten Vereinigung, aufzutreten und die Sache in der westlichen Öffentlichkeit zu vertreten. Dazu war ich geistig wie politisch in der Lage, da ich die Protestbewegung – zumindest in Temeschburg – selbst konzipiert und organisiert hatte. Selbst hatte ich mir die mit vielen persönlichen Risiken behaftete Aufgabe, als anklagender Zeitzeuge aufzutreten, die von einem genuinen Rumänen vielleicht besser hätte wahrgenommen werden können, nicht ausgesucht, sondern ich nahm sie aus einer moralischen Verpflichtung heraus an, wie ich gebraucht wurde – und weil es zu meiner person keine Alternative gab. Flankiert werden sollte ich bei der Klageaktion von Menschenrechtsorganisationen, speziell von der rumänischen Liga für Menschrechte aus Paris, und von Exilgruppierungen demokratischer Rumänen vorwiegend aus Frankreich, Deutschland und der Schweiz. Auf der Grundlage meiner authentischen Aussagen über den Ablauf der Gewerkschaftsgründung in Banat sollte ein Dossier erarbeitet werden, eine Akte, in welcher die wichtigsten Menschenrechtverletzungen in Rumänien seit der Verabschiedung der gemeinsamen Charta der KSZE-Konferenz von Helsinki festgehalten wurden, unter besonderer Berücksichtung der Gründung einer freien Werktätigengewerkschaft SLOMR in Rumänien, Monate vor den turbulenten Ereignissen in Polen. Die Gründung von Solidarnosc in Polen, die Ausweitung der Bewegung in Millionen-Mitglieder-Dimensionen und die letztendliche Verhängung des Kriegsrechts unter General Jaruzelski, die gerade in der Realität abliefen, bildeten den geistigen wie politischen Hintergrund dazu.

Mehr zur Thematik auch unter:

http://books.google.de/books?id=ykTjXDg8uycC&pg=PA313&lpg=PA313&dq=carl+gibson+rhapsodie&source=bl&ots=uk12-BovDD&sig=fdvi9QpWohkt8VKvssgupZbLSUA&hl=de&ei=jBZqTrOVHonSsgaKntnmBA&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=1&ved=0CB0Q6AEwAA#v=onepage&q&f=false



Die ewige Wiederkehr des Gleichen?
Absterben und Wiedergeburt?
Vergehen und Werden?

Ist alles nur ein "heimlich still vergnügtes Tauschen", wie es Lenau in einem seiner Waldlieder unübertroffen poetisch prägnant ausdrückt?



Weiße Rose
im September




Rosen-Quintett





Nikolaus Lenau

An die Entfernte

Diese Rose pflück ich hier,
In der fremden Ferne;
Liebes Mädchen, dir, ach dir
Brächt ich sie so gerne!

Doch bis ich zu dir mag ziehn
Viele weite Meilen,
Ist die Rose längst dahin,
Denn die Rosen eilen.

Nie soll weiter sich ins Land
Lieb von Liebe wagen,
Als sich blühend in der Hand
Läßt die Rose tragen;

Oder als die Nachtigall
Halme bringt zum Neste,
Oder als ihr süßer Schall
Wandert mit dem Weste.










































Helles Aufleuchten vor dem Zerfall


Im Duett



"Daß alles Schöne muß vergehen
Und auch das Herrlichste verwehen,
Die Klage stets auf Erden klingt;
Doch Totes noch lebendig wähnen,
Verwirrt das Weltgeschick und bringt
Das tiefste Leid, die herbsten Tränen."
Nikolaus Lenau




Mehr über
Nikolaus Lenau
unter
 
 
Interpretationen zur Dichtung Lenaus in meinem Werk:
 
 
Carl Gibson, Lenau. Leben - Werk - Wirkung.
Heidelberg 1989, 321 Seiten.
 
Dieses viel zitierte Standardwerk der Lenau-Forschung ist -
laut World Cat Identities und neben einer Studie des Freud Schülers Isidor Sadger über das Liebesleben Nikolaus Lenaus -
das weltweit am meisten verbreitete Werk über den Spätromantiker und Klassiker der Weltliteratur Nikolaus Lenau .
 
Der leider viel zu früh verstorbene Germanist und Nietzsche-Forscher Prof. Dr. Theo Meyer erkannte in diesem Werk
"einen Markstein der Lenau-Forschung.
Es ist überhaupt die prägnanteste Lenau-Monographie. es dürfte zum Besten gehören, was über Lenau überhaupt geschrieben worden ist."
 
Das Werk, das mir, dem Autor bisher noch kein Einkommen generiert hat, wurde in acht Teilauflagen gedruckt. Die Leinen-Ausgabe ist seit vielen Jahren vergriffen. Ein Restbestand der kartonierten Ausgabe liegt - ungeachtet anderer Meldungen im Internetbuchhandel - noch vor und kann beim Winter Verlag, Heidelberg bezogen werden.
Trotzdem ist eine grundlegend überarbeitete Neu-Edition dieser Monographie angesagt,
da die Werke und Briefe Lenaus inzwischen in einer historisch-kritischen Ausgabe vorliegen.
 
Fotos: Carl Gibson
©Carl Gibson
 


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