Dienstag, 12. April 2011

Roman Rocek: Dämonie des Biedermeier. Nikolaus Lenaus Lebenstragödie - Buch-Rezension von Carl Gibson




Carl Gibson, Buchbesprechung:


Roman Rocek, Dämonie des Biedermeier. Nikolaus Lenaus Lebenstragödie.

Erschienen in der Reihe: Literatur und Leben, Neue Folge, Bd. 65. Böhlau Verlag Wien- Köln – Weimar, 2005. 398 Seiten mit 60 Abbildungen.

Roman Roceks jüngst erschienene Lenaudarstellung ist ein Buch, auf das die teilweise aus weltanschaulichen wie methodischen Gründen auseinanderdriftende Lenauforschung lange warten musste. Die umfassende Studie zum Leben und Oeuvre Lenaus ist zwar als Biographie des - zunehmend in breiter Aufwertung begriffenen - Dichters angelegt und kann gut als solche gelesen werden. In ihrem Gesamtcharakter jedoch geht sie weit über die Möglichkeiten einer Lebensdarstellung hinaus. Es ist nicht nur ein von den Notwendigkeiten der Forschung diktiertes Werk, sondern, und dies in hohem Maße, auch ein sehr persönliches Buch über Nikolaus Lenau, das Rocek vorlegt. Fast hundert Jahre lang musste sich der an Lenau Interessierte mit zum Teil unbefriedigenden Kurzcharakteristiken zufrieden geben, die teilweise mehr verschleierten, als sie offen legten. Das ändert sich nunmehr mit Roman Roceks Lenaudarstellung schlagartig. Rocek, der nach eigener Aussage im Vorwort mit Lenaus Versen und vorgesungenen Liedern im Ohr groß geworden ist, nimmt sich die Zeit, um, was die Werkinterpretation betrifft, in die Tiefe zu gehen. Darüber hinaus ist es ihm ein besonderes Anliegen, die spezifischen Eigenheiten der historisch wie ideengeschichtlich hochinteressanten Zeit zwischen 1802 und 1850, die der Lebenszeit des Dichters entspricht, in ihrer Vielschichtigkeit als Zeit des Umbruchs zu erfassen. Es ist einerseits noch die viel erforschte Goethezeit, die Klassik und Romantik im Literarischen, die absolutistische Epoche eines Napoleon Bonaparte im Historisch-Politischen, aber auch die Zeit der Freiheitsbewegungen und des Vormärz, die in die Revolution von 1848 mündet. Ein Spiegelbild dieser turbulenten Tage in der Menschheitsgeschichte stellt Nikolaus Lenaus Lebensgeschichte dar, die nach Rocek als Lebenstragödie aufgefasst wird. Rocek macht in seinem Werk nicht nur einen pantragischen Zug aus; er steigert den Zugang noch ins Geistig-Metaphysische, wenn er den Begriff des Dämonischen wählt und den Lebensweg des großen österreichischen Lyrikers als Dämonie des Biedermeier überschreibt. Das entspricht einer leichten, das Interesse des potentiellen Lesers stimulierenden Provokation, denn Dämonie und Biedermeier sind eigentlich antithetische, an sich nicht kompatible Begriffe, die sich nahezu aufheben. Die Dämonie, ein weitgehend negativ besetztes und von Irrationalismus geprägtes Phänomen, das unkontrolliert um sich greift und das – bis ins Ekstatische und Dionysische hinein – seine Eigenwirkung entfaltet, verträgt sich nur schlecht mit der beschaulich-geordneten Welt des Biedermeier, die von Lenaus Freundeskreis aus der Stuttgarter Gegend verkörpert wird, von Lenau aber in keiner seiner unterschiedlichen Lebensphasen verinnerlicht wurde. Sieht man von Justinus Kerner ab, der sowohl eine Vorliebe als auch einen besonderen Zugang zum Dämonischen hatte, dann weiß der Schwäbische Dichterbund, sprich Gustav Schwab, Ludwig Uhland und die anderen, heut weniger bekannten Dichter des literarischen Freundeskreises, nicht viel mit Dämonie anzufangen. Dämonie entzieht sich dem Rationalen und bewegt sich, wie Lenaus Vita vielfach offen legt, hinein in das Unüberprüfbare und Mystische. Doch das macht auch Lenaus enigmatischen Reiz aus.
Lenau gehört zu jenen Dichtern, deren facettenreiches Werk auf dem Hintergrund eines nicht geordneten, ja turbulenten Lebens entsteht. Roman Rocek gelingt es in besonderer Weise, das Wechselverhältnis von Existenz und Dichtung in seiner Komplexität und Tiefe einzufangen, wobei das Neue, das Innovatorische im Mittelpunkt des Zugangs steht. Wer Lenau noch überhaupt nicht kennt, wird durch dieses Buch einen guten und angemessenen Einstieg erhalten. Der Lenaukenner hingegen wird eine Vielzahl von Neuansätzen vorfinden, die interpretatorisch neue Wege gehen und neue Perspektiven der Deutung eröffnen. Dem Lenauforscher wird schnell deutlich, dass der Autor im Bereich der Werkinterpretation auf das literaturhistorisch weitgehend gesicherte verzichtet und dort ansetzt, wo individuell und subjektiv Neuland betreten werden kann. Perlen Lenauscher Lyrik wie die Schilflieder, die Waldlieder, der Sonett-Zyklus Stimmen, die populären und gleichzeitig kunstvollen Gedichte Die drei Zigeuner, Der Postillion, Die Wurmlinger Kapelle, Bitte, Welkes Blatt, Die nächtliche Fahrt, die zahlreichen, originellen Herbstgedichte und Zeugnisse von extremer Vereinsamung und Melancholie wie das Doppelsonett Einsamkeit oder ganz besondere Gedichte wie Blick in den Strom, um nur einige große Dichtungen heraus zu greifen, werden – weitgehend als bekannt vorausgesetzt – und als gesicherte Werte praktisch nicht mehr explizit einbezogen. Stattdessen richtet sich der Fokus des interpretierenden Biographen auf periphere Gedichte wie Frühlings Tod, Frühling oder Das Blockhaus, Dichtungen von hoher Prägnanz, in welchen Sublimierungsprozesse offen gelegt und politische Neuwertungen angestrebt werden. Auf diese Weise gelingt es Rocek, das bestehende, an sich schon multivalente Lenaubild in vielen Punkten substanziell zu erweitern und gleichzeitig diskrepante Dissonanzen zu harmonisieren. Man spürt die intuitive Nähe zu dem Faszinosum Lenau und die Einfühlsamkeit des Hermeneuten, der über seine Wege neue Ansätze zu erschließen versucht.

Von allen, die den Sänger lieben,
Die, was ich fühlte, nachempfanden,
Die es besprochen und beschrieben,
Hat keiner mich wie du verstanden,

formulierte es Lenau einst in Zueignung. Etwas von diesem tieferen Verstehen schwingt in der durchweg positiv wertenden Darstellung mit. Neben der individuellen wie originellen Annäherung über einige weniger bekannte Gedichte Lenaus, die allerdings schon ausreichen, um das geistige Format und die poetische Potenz des Lyrikers zu verdeutlichen, bezieht Rocek die großen Dichtungen Lenaus, seinen Faust, dann Savonarola und die freien Albigenser-Dichtungen ansatzweise in seine Interpretationen mit ein, insofern es die Möglichkeiten einer Biographie erlauben. Diese gesamte Welt neuer, vielfach befruchtender Gedanken zum Werk Lenaus ist von Roceks Darstellung fast schon als Zuschlag zu werten, denn die eigentliche Leistung des Buches wird in den gründlich erarbeiteten, sehr überzeugenden biographischen Teil erbracht, die dem vielfach ausgewiesenen und brillanten Essayisten aus der Feder fließt. Diese Lenau-Biographie ist, um es vorweg zu nehmen, nicht nur ein großer Gewinn für die Forschung, sondern auch ein Buch für den anspruchsvollen Leser, das mit Lust gelesen werden kann.
Der Autor nimmt sich viel Zeit und Raum, um im Rahmen der Schilderung an sich bekannter Lebensstationen des Dichters, sein individuelles Lenaubild zu entwickeln. Prägnante Überschriften der acht großen Kapitel, die jeweils weiter differenzierend unterteilt sind, verweisen auf die ideengeschichtlichen Prioritäten dieser Biographie, in deren Mittelpunkt – seinem Wert angemessen- erfreulicherweise neben dem Dichter nun auch der Denker Lenau steht. 
Die Philosophieverbundenheit Lenaus, speziell sein Verhältnis zum Deutschen Idealismus, zu Schelling, vor allem aber zu Hegel, zieht sich als roter Faden durch die gesamte Studie, immer interessiert, den Gang des Denkens und die künstlerische Rezeption von Ideen zu verfolgen und darzustellen. Die Überschreibungen der Einzelabschnitte wie: Faustisches Verlangen oder der ewige Student, Amerika – Tod und Wiedergeburt, Flucht aus der verlorenen Zeit und Eine Ästhetik des Schreckens markieren die Stoßrichtung. Hinter der Lebensbeschreibung entsteht dabei ein vielschichtiges Lenaubild, das selbst dem profunden Lenaukenner deutlich macht, auf wie vielen Wegen man sich nach wie vor dem Dichter nähern kann, ohne ihn erschöpfend zu erfassen. Die unruhige und wechselvolle Lebensbeschreibung steht für einen proteushaften Lenau, dem immer neue Züge abzugewinnen sind – und dies, obwohl die in jüngster Zeit abgeschlossene historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe Lenaus keine nennenswerten Zusatztexte und Materialien erschlossen hat.

Foto: Privatarchiv Carl Gibson

Alte Lenau-Gedenk-Postkarte aus dem Jahr 1940 - mit Bildern aus "Lenauheim" im Banat.

Im ersten Teil der Lebensbeschreibung Gefährdete Kindheit, wo Roman Rocek sich weitgehend auf die manchmal selbst stilisierenden Aussagen der frühen Biographen Lenaus Anton Xaver Schurz, Ludwig August Frankl, Max von Löwenthal bis hin zu Eduard Castle verlassen muss, werden wichtige Einzelaspekte konsequent herausgearbeitet; speziell das Vaterbild, die Mutterbindung, die melancholische Disposition des jungen Knaben sowie sein weiteres determinierendes familiäres Umfeld mit der labilen Schwester Magdalena und der überstrengen aristokratischen Großmutter. Lenaus Vater, als der schöne Niembsch bekannt, erscheint als herunter gekommener Bohemien, der in den Bordellen von Temesvar im Banat, wo Lenau das Licht der Welt erblickte, herumstreunt, sich dem Spiel ergibt, ihm hoffnungslos verfällt, Spielschulden macht und damit – über seinen Tod hinaus - das künftige Schicksal der Familie und seines Kindes Nikolaus schwer belastet. Ein Stich aus der Zeit um 1817, der eine Kapelle mit Leichenkammer darstellt, ein trauriges Gemäuer, in welchem die völlig veramte Familie Lenaus überleben musste, veranschaulicht, weshalb die Melancholie des Knaben gerade in diesem Umfeld zum ersten Mal erwachte.
Rocek geht sehr detailliert auf die besonders intensive Mutterbindung des späteren Dichters ein und sieht darin das Element der Verhinderung, einen Faktor, der jede spätere engere Bindung an Frauen verhindern wird. Er folgt dabei bis zu einem gewissen Grad den psychopathologischen Ansätzen des Freud-Schülers Isidor Sadger, der in einer Studie zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Liebesleben Lenaus eine zweifelhafte Pathologisierung des Dichters betrieb, indem er die Melancholie- Genie – Wahnsinn- These weiter strickte. Einen Makroansatz Freuds aufgreifend, nachdem jede Kunst aus Krankheit emaniert, erscheinen Leben und Werk als unfreiwillige Funktion der genetische Disposition, der Melancholie, und später der syphilitischen Infektion, also determiniert durch Krankheit. 1)

Den älteren, oft undifferenziert eingesetzten Melancholiebegriff drängt Rocek etwas zurück und favorisiert dabei das modernere Krankheitsbild des Neurasthenikers. In den interessanten Ausführungen über Lenaus geistige Entwicklung während der Studentenzeit und Zugehörigkeit zu einer Burschenschaft erhalten Lenaus philosophische Lehrer erstmals ein markantes Gesicht, vor allem Vinzenz Weintridt, Lenaus Lehrer der Religionswissenschaft und der Philosophie an der Universität Wien. Weintridt, eine wichtige Bezugsperson Lenaus in jener Zeit, galt als liberaler Mann der Kirche und war – aus der Aufklärung kommend – ein mehr oder weniger deklarierter Anhänger der damals in Wien verfemten Philosophen Kant und Bolzano. Die Nähe zu Bolzano und der sehr liberale, auf direkte Kommunikation ausgerichtete Kontakt zu den Studierenden führten zu seiner Entfernung aus dem Lehrbetrieb. Mit Lenaus Wesen gut vertraut, soll er sehr früh festgestellt haben, der Dichter werde wohl nie glücklich werden. In seiner Darstellung, die in den größeren Strukturen die Forschungsergebnisse einer immerhin mehr als hundertfünfzigjährigen Lenauforschung anerkennt, im Detail aber zahlreiche Korrekturen vornimmt und mit neuen Spiegelungen andere Akzente setzt, zieht sich der Autor immer wieder in prätentiöse Exkurse zu zeitgeschichtlichen und ideengeschichtlichen Themen zurück, die er unmerklich galant in die Beschreibung einstreut. Es sind Notwendigkeiten, die viel über die Zeithintergründe aussagen, das Biographische ergänzen – und über die reine Textimmanenz hinausgehend – große Interpretationshilfen geben. Gründlich und mit viel Liebe zum Detail, das nur jener kennt, der in der Kaiserresidenz, im Wiener Umland und in der österreichischen Landschaft aufgewachsen und daheim ist, der – auf Lenaus Spuren – die Welt in Stockerau, Ischl oder Grinzing sinnend erwandert hat, bringt Roman Rocek viel Licht in manche dunkle Stelle aus der Vergangenheit des faszinierenden Lyrikers, die vielfach poetisch in die Zukunft weist und einiges davon antizipiert hat. Das Schubert-Umfeld im Silbernen Kaffeehaus, das Lenau täglich mehrfach beehrte, um dort seine tief gelebte Einsamkeit in der Geselligkeit der Künstlerfreunde aufzulösen, ist ein solches Thema; ebenso wie das erste amouröse Abenteuer der platonischen Art mit Nanette Wolf aus Gmunden, der Freundin Franz Schuberts. Das persönliche Verhältnis zwischen dem lange bewunderten, dann zugunsten Beethovens wieder abgelehnten Komponisten und Lenau, die sich wahrscheinlich gekannt haben, bleibt mangels neuer Quellen weiterhin enigmatisch verdunkelt. In solch einem Kontext erscheint dann immer wieder ein Leitmotiv der Biographie: Lenaus Verhältnis zur Musik, das als unendliches Thema mit Variationen stets wiederkehrt. Die sich anbahnende Freundschaft zu den Repräsentanten der Schwäbischen Dichterschule wird hingegen etwas zurückhaltender behandelt, wobei auf das Verhältnis zu einzelnen Dichtern wie Ludwig Uhland und – neben den Schwaben – auch Denkern wie Franz von Baader oder Virtuosen wie Liszt überhaupt nicht näher eingegangen wird. Die Prioritäten in dieser Monographie liegen nicht in der genauen Auslotung aller Querverbindungen, sondern ganz woanders:

Lenau in Amerika steht im Mittelpunkt dieser Monographie – als Herzstück des Ganzen und, könnte man meinen, als Buch im Buch.
Allein in diesem Kapitel, dass mehr als hundert Seiten umfasst, offenbart sich ein Lenau jenseits der Klischees des Unsteten und Zerrissenen, der in eine Welt eintaucht, die sich ganz anders ist als in den oft vereinfachenden Zusammenfassungen früherer Forschung. Lenaus Reise nach Amerika und zurück – das ist eine ganz spannende Art, fesselnde und zugleich kritische Zeitgeschichte zu erleben. Ausgehend von Heidelberg, wo Lenau sich nach Roceks fester Überzeugung erstmals mit der Syphilis angesteckt hat, ein Grund, der den angehenden Mediziner Lenau abgehalten haben soll, nähere Bindungen mit Frauen anzustreben, reist Lenau im Gefolge einer Auswanderungsgesellschaft in die Vereinigten Staaten. Dort erlebt er als aufmerksamer und zeitkritischer Beobachter die Konstitution einer Demokratie unter Präsident Jackson, die mit seinen Vorstellungen von Freiheit nichts mehr zu tun hat. Vielleicht deutlicher als andere Amerika-Reisende, deren Zeugnisse Rocek mit einfließen lässt, unter anderen Beschreibungen von Alexis de Tocqueville, Vicomte de Chateaubriand und deutschen Aristokraten wie Berthold, Herzog von Sachsen-Weimar, erlebt Lenau die Durchsetzung eines unethischen, materialistischen Pseudoliberalismus, der nicht dem utilitaristischen Streben verpflichtet ist, dem Glück der größtmöglichen Zahl, sondern lediglich der Geldgier weniger Oligarchen, die selbst bestimmen, was Freiheit ist – nämlich die Freiheit, die anderen totzuschlagen. Eine der Amerika-Zwischenüberschriften steht deshalb unter dem Begriff Genozid. Er bezieht sich auf die diskriminierten, verfolgten und schließlich fast vollständig ausgerotteten Ureinwohner Nordamerikas, auf die von Lenau vielfach besungenen Indianer. Kontrastierend dazu führt Rocek, gestützt auf zahlreiche Vorarbeiten anderer Autoren 2) den Leser in die Wertegemeinschaft der Harmonisten ein, einer christlich-pietistischen Sekte aus Württemberg, in deren Siedlung Nikolaus Lenau mindestens zwei Monate als Gast des Gemeindegründers Rapp gelebt hat. Die wahrhaftige und innige Gottsuche dieser Menschen, die in dem als Indianerschlächter bekannten Präsidenten nicht weniger sehen als den Widersacher, und ihrer von Besitzlosigkeit und Zölibat geprägten Lebenshaltung werden – wie Rocek mehrfach hervorhebt – Lenau tief beeindrucken und auf die Gestaltung des bald entstehenden Savonarola  und der Albigenser maßgebend einwirken. Das gesamte Amerika-Erlebnis, dessen politische Tragweite nicht zu unterschätzen ist, wird in Falle Lenaus zu einer reinigenden Katharsis existentieller Art führen, aus der dann auch eine neue Poesie erwächst. Wie seine gute, alte Guarnerius-Geige sich in den hundert Jahren ihres Bestehens selbst reinigt und alles Unnütze ausscheidet, um einen einmaligen Ton heraus zu bringen, wird die Läuterung in der Einsamkeit der amerikanischen Wüste zu einem dichterischen Neuansatz führen. Rocek richtet seinen Blick dabei auf den Zyklus Atlantica als unmittelbarem Ausdruck von Lenaus neuer Poesie, in welche im gleichen Atemzug eine Fülle politisch brisanter Gedanken in sublimierter Form eingearbeitet wurden. Große Aufmerksamkeit widmet der Autor darüber hinaus Lenaus sehr spät in der Harmonistenkolonie entdeckten Gedicht An die Ultraliberalen in Deutschland, in welchem sich der Dichter mit dem falsch verstanden Liberalismus, sprich mit der ad absurdum geführten Idee der Freiheit in Europa und Übersee, kritisch auseinandersetzt. Lenaus Liebesziehungen zu dem Wiener Vorstadtmädel Berta Hauer, zur gefeierten Primadonna Karoline Unger sowie zu der als unwiderstehlich apostrophierten Sophie von Löwenthal werden eingehend analisiert, wobei einige Aspekte neu ausgeleuchtet werden. Materialien des Verfalls in collagenhafter Zusammenstellung ohne Kommentar lassen die Studie ausklingen, ohne dass dabei Lenaus spätes Don Juan-Fragment noch angesprochen werden kann.

Lenau, dessen gesamter Lebensverlauf ein unsteter, rastloser, spontaner und unkonventioneller war, beginnend mit der melancholischen Kindheit, über wechselvolle Jahre des Heranreifens bis in den tragischen Verfall hinein, war stets ein Geist, der polarisierte, eben weil er in kein Raster passte. Doch er war nicht primär ein bewunderter und in manchen Kreisen sogar vergötterter Exot, ein schwarz gefiederter Paradiesvogel der Romantik umgeben von einer Aura des Dämonischen. Lenau war in erster Linie eine Persönlichkeit der Zeitgeschichte, die kraft ihrer in poetische Formen gepresster Gedanken wirken wollte und wirkte. Diesem philosophisch Ambitionierten, der schon seine Zeitgenossen zu provozieren wusste und damit nicht nur Zustimmung auslöste, räumt Rocek in seiner Lenaumonographie weiten Raum ein. Dabei stellt er den Dichter in eine philosophische Tradition, in der er die in der Forschung zunehmend Anklang findende geistige Linie von Lenau zu Nietzsche und in die Existentphilosophie gelten lässt. 3) Interpretationen Lenauscher Texte vor dem Hintergrund einer langjährigen Hegel-Rezeption dominieren die Diskussion, fordernde Passagen, die nicht selten ein Eingelesensein voraussetzen, während eine Beeinflussung Lenaus durch die Schriften des Systemphilosophen Herbart oder durch Gotthilf Schuberts psychologisch-mystisches Schrifttum nicht näher verfolgt wird.
In seinem sehr einfühlsam geschriebenen, angenehm lesbaren Buch, das in weiten Passagen dem wissenschaftlichen Essay verpflichtet ist, rezipiert Roman Rocek beachtlich viel Sekundärliteratur, ohne natürlich alles berücksichtigen zu können, was an neuesten Veröffentlichungen über Lenaus Werk vorgelegt wurde.4) Dieser sehr wissenschaftsnahe Aspekt unterscheidet in substanziell von der der vorletzten Lenaubiographie Zeit des Herbstes von Ritter, in welcher die einzelnen Ausführungen und Argumentationsketten ungleich schwerer überprüft werden können.5) 

Roceks Lenaubiographie ist – ganz im Geist des Dichters, der als Ausstrahlungsphänomen den Impressionismus und noch eindeutiger den Expressionismus befruchten wird – in manchem Sinne freiheitlich geschrieben, ohne jedoch die Basis strenger Wissenschaftlichkeit zu verlassen. Nicht selten findet sich ein gängiges Briefzitat in einem unerwarteten Kontext. Das schafft neue Sichtweisen und spornt an, den Dichter immer wieder mit veränderten Augen zu sehen.
Neid, Missgunst und künstlerische Rivalitäten gehässiger Landsleute wie Franz Grillparzer, dem bei offensichtlicher Anerkennung des gefeierten Dichters kein Lob Lenaus zu entlocken war, oder einzelner Jungdeutscher und Linkshegelianer, deren Polemik über die Argumentation hinausging, haben dazu geführt, dass einzelne pejorative Wertungen auch in die Forschung einflossen. Noch vor Jahrzehnten war es nicht unüblich, Lenau zurechtzustutzen, seinen Wert zu schmälern, und ihn eher ab- als aufzuwerten. Diese halbmasochistische Selbstkasteiung scheint inzwischen weitgehend überwunden – vor allem dank der Studien wie der vorliegenden. Roman Rocek malt auf ruhige Weise ein sehr konstantes Lenaubild, indem er den Dichter gefühlvoll, doch mit wachem Auge durch das Leben begleitet. So entsteht das Porträt einer faszinierenden Gestalt der Zeitgeschichte und gleichzeitig eines stets neu mobilisierenden Dichters, eines Lyriker ersten Ranges, der nun auch einen großen Biographen gefunden hat. Bei Lenau – und das fühlten Hugo von Hofmannsthal, Rilke und Stefan Zweig – fällt es nicht schwer es auszusprechen: ecce poeta.

Carl Gibson
Bad Mergentheim


Fußnoten:

1.)   Sadger, Isidor: Aus dem Liebesleben Nikolaus Lenaus, In: Schriften zur angewandten Seelenkunde, Heft 6, Wien,1909.

2.)   Zahlreiche Beiträge zu den Amerika-Erfahrungen des Dichters erschienen in den Publikationen der Internationalen Lenau-Gesellschaft, Wien, speziell im Lenau-Forum und im Lenau-Almanach in Verlauf der letzten Jahrzehnte.

3.)   Unerwähnt bleiben auch engagierte Werke der Lenauforschung wie die geistige Charakteristik in der Form eines literarisch-wissenschaftlichen Essays: Hammer, Jean-Pierre: Lenau. Poète rebelle et libertaire, Paris, 1988, in der deutschen Fassung: Lenau. Rebell und Dichter, Schwaz 1993, Studien, in welchen die auch von Rocek verfochtene Apologie der Verfolgten, der Indianer, Zigeuner und Juden, mit viel Überzeugung vertreten wird.

4.)   Vgl. dazu: Gibson, Carl: Nietzsches Lenau-Rezeption, in: Sprachkunst, 2. Halbband, Wien 1986, S. 188-204. bzw. das Kapitel: Die dionysische Weltanschauung, in: Gibson, Carl: Lenau. Leben – Werk – Wirkung. Beiträge zur neueren Literaturgeschichte. Dritte Folge, Band 100, Heidelberg, 1989, S. 206ff.

5.)   Michael Ritter: Zeit des Herbstes,: Nikolaus Lenau. Biographie.Wien 2002. Es ist wohl davon auszugehen, dass die beiden letzten Lenau-Biographien parallel entstanden sind. Schon aus diesem Grund geht Rocek, der in seinem Werk eindeutig andere Wege beschreitet, fast überhaupt nicht auf Ritter ein.

Foto.: Monika Nickel

Büste des österreichischen Lyrikers von Weltrang in dem nach ihm benannten
"Nikolaus Lenau"- Lyzeum in Temeschburg (Timisoara), im Banat.

©Carl Gibson. Alle Rechte vorbehalten.


Mehr über

Nikolaus Lenau
unter



Interpretationen zur Dichtung Lenaus in meinem Werk:




Carl Gibson, Lenau. Leben - Werk - Wirkung.
Heidelberg 1989, 321 Seiten.

Dieses viel zitierte Standardwerk der Lenau-Forschung ist -
laut World Cat Identities und neben einer Studie des Freud Schülers Isidor Sadger über das Liebesleben Nikolaus Lenaus -
das weltweit am meisten verbreitete Werk über den Spätromantiker und Klassiker der Weltliteratur Nikolaus Lenau .

Der leider viel zu früh verstorbene Germanist und Nietzsche-Forscher Prof. Dr. Theo Meyer erkannte in diesem Werk

"einen Markstein der Lenau-Forschung.
Es ist überhaupt die prägnanteste Lenau-Monographie. es dürfte zum Besten gehören, was über Lenau überhaupt geschrieben worden ist."

Das Werk, das mir, dem Autor bisher noch kein Einkommen generiert hat, wurde in acht Teilauflagen gedruckt. 
Die Leinen-Ausgabe ist seit vielen Jahren vergriffen. 

Ein Restbestand der kartonierten Ausgabe liegt - ungeachtet anderer Meldungen im Internetbuchhandel - noch vor und kann beim Winter Verlag, Heidelberg bezogen werden.

Trotzdem ist eine grundlegend überarbeitete Neu-Edition dieser Monographie angesagt,
da die Werke und Briefe Lenaus inzwischen in einer historisch-kritischen Ausgabe vorliegen.



©Carl Gibson



Montag, 4. April 2011

In Memoriam SLOMR- Temeschburg – Zur Niederschlagung der ersten „freien Gewerkschaftsbewegung“ in Osteuropa vor „Solidarnosc“ in Polen durch den rumänischen Geheimdienst „Securitate“

In Memoriam SLOMR- Temeschburg – 


Zur Niederschlagung der ersten „freien Gewerkschaftsbewegung“ in Osteuropa 

vor „Solidarnosc“ in Polen durch den rumänischen Geheimdienst „Securitate“



Der Sturz der Diktatoren und der Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa waren keine Produkte des Zufalls -
einige Mauerspechte waren schon frühzeitig damit beschäftigt, Löcher in Mauern, Zäune und ideologische Bollwerke zu hämmern.

Die Mauer fiel - das Tor ist offen ... und die Akteure des Widerstands sind fast schon vergessen ...    


Es gibt Daten und Ereignisse, die man jedoch nie vergessen kann.

Ein einschneidendes Datum in meinem Leben ist heute.

Am  4. April 1979 wurde die „Freie Gewerkschaft rumänischer Werktätiger“ SLOMR in Temeschburg (Timisoara) durch die örtliche „Securitate“ aufgelöst, zerschlagen.

Nachdem Radio Freies Europa (RFE) die Gründung von SLOMR in der Stadt an der Bega,
namentlich im Betrieb „Electrobanat“ (ELBA) über die Ätherwellen bekannt gemacht hatte,
wurden die Organisatoren und Unterzeichner der Bürgerbewegung verhaftet und am Sitz der Securitate in Temeschburg verhört,

Den Gründern Erwin Ludwig und Carl Gibson wurde am 6. April 1979 ein „kurzer Prozess“ gemacht.

Sie wurden je zu 6 Monaten Haft verurteilt.


SLOMR-Temeschburg Mitbegründer Erwin Ludwig

Während sie und andere Oppositionelle der Ceausescu-Diktatur im Gefängnis saßen,
standen manche Literaten deutscher Zunge aus dem Banat noch Jahre lang treu zur Rumänischen Kommunistischen Partei,
Opportunisten und Wendehälse,
die sich heute in Deutschland als Verfolgte und Dissidenten ausgeben.
Und man glaubt ihnen sogar

Die Geschichte der freien Gewerkschaft SLOMR in Temeschburg im Banat beschrieb ich ausführlich in dem Werk:

Symphonie der Freiheit.
Widerstand gegen die Ceausescu- Diktatur. 2008, 418 Seiten.

-         aus der Sicht des aktiven Zeitzeugen, der die Ereignisse mit gestaltet hat.



Einblick in das Buch im Internet unter:




Hier auf meinem Blog
bzw. unter



veröffentlichte ich nachträglich (nachdem ich meine CNSAS- Securitate- Akte eingesehen hatte) weitere Dokumente aus der SLOMR- Oppositionszeit und davor bzw. umfassendes Bildmaterial zur Thematik, u. a. unter den Links:




(Dort noch viel mehr zum Themenkomplex „Kommunismus“ , Securitate, Ceausescu- Diktatur, Rumänische Geschichte, Rumänische Gauck-Behörde CNSAS, Vergangenheitsaufarbeitung mit weiter führen Links.)

Die Rumänen waren bisher nicht in der Lage, die Geschichte ihrer wichtigsten Oppositionsbewegung 10 Jahre vor dem Sturz von Diktator Ceausescu wissenschaftlich aufzuarbeiten.

Bei der CNSAS in Bukarest warten mehrere Ordner dazu auf baldige wissenschaftliche Auswertung.

In Deutschland fehlt leider ein überragendes, wahrhaftiges Interesse an rumänischer Geschichte.
Eine Gegenreaktion auf diesen Missstand ist die Gründung  des

Instituts zur Aufklärung und Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Europa,
zunächst als Blog.
Band zwei der „Symphonie der Freiheit“ liegt ebenfalls noch nicht im Druck vor,
weil der Verleger seinen verlegerischen Pflichten trotz eindeutigem Vertrag bisher  nicht nachgekommen ist.

Zeitzeugen und Autoren sind – über die Erarbeitung der Materie hinaus – auch oft noch genötigt, Publikationen von allgemeinem Interesse zu finanzieren und sogar die Publikation rechtlich durchzusetzen, insofern sie über die materiellen Mittel dazu verfügen.

Andererseits erschleichen sich ehemals Systemprivilegierte Preise und Leistungen über das Vorspiegeln falscher Tatsachen.
Daran hat kaum noch jemand Anstoß genommen.


Dokument: Privatarchiv von Carl Gibson



Der Chef des Geheimdienstes "Securitate" in Temeschburg (Timisoara) General Taurescu
berichtet dem Vize-Innenminister Moise nach Bukarest:

(Die beiden freien Gewerkschaftsgründer) Erwin Ludwig und Carl Gibson wurden ( weisungsgemäß) abgeurteilt und ins Gefängnis geworfen.

Die Unterdrückung von SLOMR hatte höchste Priorität.
Präsident und Diktator Nicolae Ceausescu hielt sich dann noch zehn Jahre an der Macht.

SLOMR- Gewerkschaftsgründer Ionel Cana lebt heute noch verkannt in Bukarest.
Die Kommunisten von gestern, heute als Wendehälse in neuen Positionen, Ämtern und in der Wirtschaft, haben kein Interesse daran,
dass ihre Schandtaten während der Diktatur bekannt werden.


Dokument: Archiv Carl Gibson

Der jugendliche Opponent Carl Gibson als "Hilfsarbeiter" in dem Elektro-Betrieb ELBA in Timisoara (Temeschburg).

Der Betrieb ELBA hat die Revolution gut überstanden und existiert auch heute noch.


Foto: Carl Gibson (2008)

SLOMR-Temeschburg Mitbegründer Erwin Ludwig - seinerzeit ebenfalls Mitarbeiter im Werk ELBA -
wirft einen  Blick in die
"Symphonie der Freiheit" -
Testimonium authenticum früher Opposition 1979.

Erwin Ludwig, von der Securitate mehrfach gefoltert, war seit seiner Ausreise 1981 nicht mehr in Rumänien.  


©Carl Gibson. Alle Rechte vorbehalten.





Hybris und Ethos in Politik und Wirtschaft – vom hohen Aufstieg und tiefen Fall der Polit-Akteure Guido Westerwelle und Karl-Theodor zu Guttenberg

Hybris und Ethos in Politik und Wirtschaft –  vom hohen Aufstieg und tiefen Fall der Polit-Akteure 

Guido Westerwelle 

und 

Karl-Theodor zu Guttenberg




Hochmut kommt vor den Fall,
besagt ein Volksweisheit.

Alte Mythen künden davon – Ikarus,
und dahinter
Prometheus, Tantalus, Sisyphus in der Antike
sowie Faust und Don Giovanni in der Renaissancezeit,
am Vorabend von Aufklärung und Moderne.

Heute stehen zwei Namen im Rampenlicht:

Karl -Theodor zu Guttenberg – ein Unersättlicher, der nach dem Sternen griff und Regenwürmer erntete,
und
Guido Westerwelle, noch kurze Zeit FDP-Chef,
ein nicht minder kluger Kopf,
der in einem Augenblick von Selbstüberschätzung, Selbstvergessenheit wie geistiger Entrückung das Prinzip „Verantwortung“ vergaß,
indem er den Ausdruck „spätrömische Dekadenz“ nicht nur lauthals verkündete,
 sondern auch so lange vertrat,
bis er die Armen Deutschlands gegen sich und die deutsche Nation gespalten hatte.

Nicht nur die Kernspaltung spaltet ein Volk!

Auch kurzsichtige Politiker können es tun, wenn sie das von Max Weber als Paradigma vorgegebene „Charisma und Augenmaß“ aus den Augen verlieren.


So lange eine Gesellschaft ethisch definiert ist und offen an Ethos und Moral festhält, wird jeder Politiker, der sich gegen die vorgelebten Werte versündigt, früher oder später scheitern.

Öffentlich Wasser predigen und heimlich Wein trinken – das funktioniert nicht mehr.

Das Volk ist wachsam – und gerade in Wahlzeiten wird manches abgestraft:

Politische Inkonsequenz (wie jüngst bei der FDP und CDU ) ebenso
wie das Verhöhnen verfassungsrechtlich garantierter Grundwerte wie Würde, Wahrheit und Recht.

Lange vor „KT“s Niedergang, als der Stern des CSU-Politikers noch kometenhaft stieg, verfasste ich, gewissermaßen avant la lettre, auf der linken Plattform DER FREITAG den Beitrag:



Es dauerte dann fast noch ein Jahr, bis der Polit-Superstar zu Guttenberg (CSU) sich dann selbst ein Bein stellte, indem er Anstand und Würde aus den Augen verlor und damit die Grünen „auf Augenhöhe“ brachte
und in Regierungsverantwortung in Baden -Württemberg.

Werden Werte leichtfertig aufs Spiel gesetzt, führt das zu politische Erbeben und Tsunamis, die alles Gewohnte hinweg fegen – wie nie da gewesen:

Den Pseudo- Liberalismus,
den Pseudo-Konservativismus,
die Atomlobby

und noch vieles mehr.

Tragisch-komische Entwicklungen stellen sich ein.

Ebenso vor einem Jahr, als Guido Westerwelle getragen von einem zufälligen Wahlerfolg in die Regierung und an die Spitze des Außenministeriums der Bundesrepublik Deutschland getragen worden war, fragte ich mich mehrfach und öffentlich, ob ein nach innen stark polarisierender Charakter die Geschicke der Bundesrepublik nach außen adäquat vertreten würde
ich fragte  teils polemisch, teils ernsthaft unter:





Inzwischen macht Guido Westerwelle seinen Job als Außenminister recht gut,
etwa in der Haltung der BRD zur Intervention westlicher Staaten in Libyen bei Abstinenz Deutschlands,
der  auch wenn er im gleichen Atemzug heute in China – genau wie vor einem Jahr –
erneut vergisst,
die eklatanten Menschenrechtsverletzungen dort beim Namen zu nennen.

Politisch-ökonomischer Pragmatismus darf aber nicht soweit gehen,
dass mit zweierlei Maß gemessen wird.

Die „relativ gute Arbeit“ im Auswärtigen Amt kann jedoch den politischen Flurschaden nicht ungeschehen machen, den die deplatzierte Abkanzelung der Ärmsten der Armen in diesem Land über den Ausdruck „spätrömische Dekadenz“ verursacht hat.

Auch Hartz IV-Empfänger haben ein gutes Gedächtnis, wenn es um persönliche Verunglimpfung Benachteiligter geht, die oft nur durch das Versagen des Staates zu dem wurden, was sie sind, nämlich zu Opfern der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise, die von den Regierungen des Westens mit verschuldet wurde.

Ethisches Versagen – etwa in der Atompolitik – lässt sich nicht einfach durch das Einberufen einer Ethik- Kommission aus der Welt schaffen.


Wer wird in diese Ethik- Kommission berufen?
Unabhängige, kritische Philosophen?

Oder saturierte Politiker und übersorgte Universitätsprofessoren, die für eine Handvoll Euro als Aufwandsentschädigung und in vorauseilenden Gehorsam das attestieren, was bestimmte Kreise hören wollen,
quasi als Opium-Pillen zur Besänftigung des Volkszorns nach Fukushima!

Als ich im Jahr 1993 in Bad Mergentheim das „Institut für Wirtschaftsethik“ in die Welt setzte und diese Einrichtung bis zu heutigen Tag aufrecht erhielt, ging ich stets davon aus, dass auch mein Kritizismus einmal in die Debatte eingebracht werden könnte – nach offiziellem Ruf und von der Basis aus.

Weit gefehlt!
Wenn die Moralisten aus der katholischen und der evangelischen Kirche zur Atompolitik schweigen, dann sollen es die unabhängigen Philosophen wohl auch tun?

Grotesk – vor einiger Zeit traten Repräsentanten der Atomwirtschaft an mich heran, angeblich aufgrund einer Empfehlung mit der Anfrage, ob ich einen Vortag vor Fachleuten  im Umgang mit Journalisten abzuhalten bereit sei – ein Namenskoinzidenz war der Grund der Verwechslung.

Das Unglück von Fukushima hat neue Fakten geschaffen – in der Wirtschaft und in der Politik. Aus dem so genannten „Restrisiko“ ist eine konkrete Gefahr erwachsen, die so einfach nicht mehr beherrscht werden kann.

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist gut beraten, sich auf diese neue, existenziell brisante Situation einzustellen :
aus Gewissensgründen, aus Ethos und Moral,
aber auch aus einem politisch-pragmatischen Überlebenswillen heraus.

Wer die Zeichen der Zeit und den Werte-Wandel einer Zeit verkennt, wird hinweg gefegt werden – wie von einem Tsunami!

Foto: Monika Nickel

Blick auf die Machtzentrale (Bundeskanzleramt) in Berlin -

Nach dem Fukushima-Effekt in Politik und Wirtschaft kommen auf Bundeskanzlerin Angela Merkel turbulente Zeiten zu,
nunmehr ohne Polit-Superstar Karl-Theodor zu Guttenberg ... und bald wohl auch ohne Guido Westerwelle als Außenminister?

©Carl Gibson. Alle Rechte vorbehalten.






Freitag, 1. April 2011

Bildung, Wissen, „ehrliche Arbeit“ und Plagiat – Von "Systemrelevanz" und der systemimmanenten Heuchelei dahinter -"Bildung ist Freiheit" und "Wissen ist Macht"!?

Bildung, Wissen,„ehrliche Arbeit“  und Plagiat – Von "Systemrelevanz" und der systemimmanenten Heuchelei dahinter


"Bildung ist Freiheit"
und

"Wissen ist Macht"!?


Die erste Aussage wird Ludwig Börne zugeschrieben, einem Dichter und Publizisten des deutschen Vormärz, dessen Ahnen ( Baruch) aus meinen gegenwärtigen Wirkungsort Bad Mergentheim stammen.

Die zweite Sentenz geht auf Francis Bacon zurück, der wie Börne ein früher Aufklärer war, einer der vom Wert des Wissens wusste ebenso wie von dem Phänomen der Macht,
deren Entfaltung wir täglich und hautnah  in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erleben.

Deutschland ist ein ressourcenarmes Land, das seinen Wohlstand den hellen Köpfen der Nation verdankt, der Wissenschaft und der Wissensumsetzung im Bereich der Technologie.

Wie viel ist in den letzten Wochen und Monaten über Bildung, Wissen und Technologie öffentlich diskutiert und debattiert worden?
Dabei wurde immer wieder deutlich, dass jeder dieser Begriffe einen Wert an sich darstellt, ungeachtet der Ebene, wo Ausbildung und Wissensvermittlung umgesetzt werden.

Es ist schön, wenn man „Bildung“ hat,
klassische, humanistische Bildung.
Man kann dann trefflich mitdiskutieren, streiten, glänzen, Vorträge halten, in Shows auftreten und noch mehr.
(Man kann aber auch ohne Bildung und Wissen Bücher schreiben und sogar berühmt werden!)

Besser aber ist es, wenn der Einzelne eine grundsolide Ausbildung hat, die es ihm ermöglicht, sich im leben zu behaupten.

„Handwerk hat einen goldenen Boden“,

pflegte man früher zu sagen, wenn es darum ging, den jungen Leuten einen Beruf ans Herz zu legen, der ihn redlich nährt.

„Ehrliche Arbeit“ war angesagt –

und im „Schweiße seines Angesichts“ sollte der Mensch sein Los bestreiten.

Doch heute, in einer Zeit, wo vieles traditionelle Handwerksberufe bereits ausgestorben sind und immer noch rarer werden, ja weiter verschwinden,
setzt die Welt verstärkt

auf die akademische Ausbildung,
auf Wissenschaft,
auf Hochtechnologie.

Dessen ungeachtet wird auch an den deutschen Universitäten „am Mark vorbei“ ausgebildet,
etwa in den Geisteswissenschaften, wo in bestimmten Bereichen viele gut ausgebildete und begabte Nachwuchswissenschafter kein berufliches Auskommen finden,
weil es keine entsprechenden Stellen gibt.

Wer nicht im Lehramt unterkommt, der hat oft das Nachsehen.

Das Ergebnis dieser Freiheit von Studium, Forschung und Lehre ist eine Schar frustrierter Akademiker, für die Arbeitsmarkt und Arbeitsvermittlung keine Lösungen finden.

Trotzdem: Ausbildung, Abschlüsse, Grade, Titel etc. sind Werte an sich.

Wir hatten gerade erst die hohe Wellen schlagende „Plagiat-Affäre“, wo der bis ins Ministeramt aufgestiegene Politiker
Karl - Theodor zu Guttenberg
 unter Missachtung der akademischen Gepflogenheiten und bürgerlich rechtlicher Setzungen –
 sich etwas aneignete,
was ihm nicht zustand,
etwas,
was er selbst in „ehrlicher Arbeit“ nicht  erarbeitet hatte,
sondern abgekupfert war von anderen.

Geistiger Diebstahl ist kein Kavaliersdelikt –

auch dann nicht, wenn ein Baron sich die Früchte und das geistige Eigentum anderer aneignet.

Wie hell war früher der Aufruhr, als Japaner und später Chinesen unsere Patente abkupferten und die von uns entwickelten Produkte zur Marktreife und auf den Markt brachten – und dazu noch als „ihre“ Erfindung.


In der akademischen Welt hat man sich massiv gegen die erlebte Unehrlichkeit gewehrt; man ist auf die Barrikaden gegangen, um der Welt darzulegen,
dass ein Wert ein Wert ist
beziehungsweise,
dass „geistiges Eigentum“ seinem Urheber zusteht, der davon lebte.

Deshalb gibt es ein

Urheberrecht (Copyright)

in Wissenschaft, in Technik,
 in der Kunst,
in der Literatur

ein Recht, das im Prinzip weltweit geschützt ist,
bis auf jene Länder und Staaten, wo Piraten aller Art immer noch tun und lassen können, was sie wollen, weil sie selbst den Staatschef stellen
oder der Strohmann an der Spitze das tut,
was die Strippenzieher und echten Akteure von ihm erwarten –
gegen Geld und geliehene Macht, natürlich.

An der Deutschen Universität ist einiges krumm und schief,

seitdem Politiker und Parteien bevorzugt „ihre Leute“ platzieren – wie auch in der Wirtschaft,
während die Aufrichtigen und Geradlinigen ohne Vitamin B das Nachsehen haben.


3000 Professoren muckten in der Guttenberg- Affäre auf –
und hinter ihnen 30 000 – 50 000 angehende Akademiker, Doktoranden, Studenten, die alle nicht hinnehmen wollten,
dass ihre akademische Arbeit,
ihr Ringen, ihr heißes Bemühen und Streben durch ein schwarzes Schaf entweiht und entwertet wird.

Flankiert wurde die illustre Schar von keinen Geringeren als Bundesforschungsministerin

Prof. Dr. Annette Schawan (CDU),

ordentlich promoviert und habilitiert,
die sich für das Tun und Handeln ihres Kabinettskollegen KT nicht nur „geheim“ schämte,

sowie von Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert (CDU),

der das unrühmliche Vorgehen als „Sargnagel“ in das Vertrauen demokratischer Politik bezeichnet hat.

Wenn der Wert gefährdet ist, 
dann kann man nicht weg schauen,
gar alles bagatellisieren und jenseits von Ethos und Moral zur Tagesordnung übergehen.

Der früher ebenso wie KT zu hoher Popularität gelangte Bundesminister Dr. Norbert Blüm hat gerade eine neues Buch auf den Markt gebracht – unter dem Titel

„ Ehrliche Arbeit“,

ein Buch,
in welchem sich der kleine Mann, der von der Pike auf – und auf dem Zweiten Bildungsweg als Opel-Arbeiter seinen Weg ging – bis ins Ministerium - 
von windig erschlichenen  Pseudo-Leistungen ( etwa der Finanzjongleure) distanziert.

Bundespräsident Wulff tat das am 31. März auch, 
indem er den Banken ins Gewissen redete und darauf hinwies,
dass  - man höre und staune –
der „Steuerzahler“ künftig wohl nicht mehr bereit sein werde, 
mehrere Hundert Milliarden für die Rettung maroder Banken auszugeben.

Welch eine Heuchelei!

Wurde denn der Steuerzahler überhaupt gefragt, als Milliarden in Schrottbanken investiert und weitere Milliardenbürgschaften in astronomischer Höhe sogar für nichtdeutsche Banken und Staaten von deutscher Seite gegeben wurden?

Nach Bundeskanzlerin Angela Merkel werden künftig die Gesetze der Freien Marktwirtschaft auch für Banken gelten!

Wie luzid!

Weshalb galten sie nicht schon bisher?

Fälle wie IKB, Hypo Real Estate und das hohe Milliarden-Debakel diverser Landesbanken aus Nord, West, Ost und Süddeutschland wären uns erspart geblieben,
wenn die Bundesaufsicht (BAFIN) funktioniert, Interessenkonflikte aufgedeckt
 und
der Staat keine Steuergelder zur Rettung von Versagern eingesetzt hätte.
(In den USA gab es Konsequenzen – dort ging es auch ohne Lehmann Brothers, Merrill Lynch etc. weiter.)

Und was steht hier an - man verschont die Versager in den Chefetagen, die munter weiter machen wie bisher und sich sogar Boni auszahlen; 

statt dessen steht der Missbrauch von Hartz IV- Leistungen im Mittelpunkt bzw. das Feilschen um 5 Euro für die Ärmsten der Armen in einem der Reichsten Länder der Welt.


„Systemrelevanz“ein Zauberwort, um alles Versagen in Politik und Wirtschaft zu entschuldigen, auszubügeln.

„Systemimmanenz“ 
aber ist das andere magische Wort,
 das das Wesen der Lüge, 
der Täuschung und der allgegenwärtigen Heuchelei in der westlichen Gesellschaft beschreibt –

 bis hinein in den Krieg, der gerade wieder in Nordafrika vom Zaun gebrochen wird.



Wohin es führt, wenn fremdes Wissen und Technologie nicht adäquat umgesetzt werden,
wenn Vertuschung und Täuschung regieren, statt Aufklärung und Wahrheit,
haben uns die weltbewegenden Ereignisse im Atomkraftwerk Fukushima in Japan realistisch demonstriert.

Am Ende wartet die Katastrophe, wenn nicht gar die Selbstvernichtung.

Was ist geschehen?

Die Japaner hatten die US-Pläne eines Atomkraftwerks übernommen und das Ganze
 ( fast maßstabsgetreu) an der japanischen Küste umgesetzt,
ohne sie spezifischen Eigenheiten Japans, massive Erdbebengefährdung und Tsunamis, zu beachten.

Eine grobe Fahrlässigkeit – zu der es bestimmt nicht gekommen wäre, wenn die Japaner selbst alles erdacht und ausgeführt hätten, unter Berücksichtigung der Bedingungen vor Ort.

Bildung, Ausbildung, Wissen, Wissensvorsprung, moderne Technologie und Anwendungen – das alles sind Werte an sich, die unsere gesamte Existenz bestimmen.

Was macht der „kritische Bürger“ aus alledem - er nimmt alles hin, stoisch und gelassen 
wie die Japaner das Jahrhundertbeben, den Tsunami und die Verstrahlung
ohne zu murren,
ohne auf die Barrikaden zu gehen wie die Franzosen, wenn nicht gerade gegen Atomkraft geht!

Nur dann und wann, wenn Wahlen anstehen, stimmt er ab – und verteilt seine Quittung in der Hoffnung, dass es unter neuen Köpfen besser wird.

„Die Hoffnung stirbt zuletzt“,
 sagt man.


Foto: Monika Nickel

"Bildung ist Freiheit" - Leitsatz am Schulgebäude in Mühlbach, (Sebes)
am Tor zu Siebenbürgen (Rumänien) vom Banat herkommend.


Gedanken zum Thema Bildung

Bildung ist wieder ein Thema in Deutschland.
Über Bildung wir wieder leidenschaftlich diskutiert.
Und über Bildung wird wieder verstärkt nachgedacht,
in den Schulen, in Weiterbildungseinrichtungen, 
in den Ministerien, in der Wirtschaft und in der Politik.
Und das nicht erst seitdem das Deutsche Bildungssystem am Pranger steht und von außen kritisiert wird, sondern aus einer eigenen Selbstbesinnung heraus.

Der Wert der Bildung rückt wieder zunehmend in das allgemeine Bewusstsein.
In unserer Zeit wächst das Wissen immer schneller, und es wird immer wichtiger. Niemand kann sich mehr darauf verlassen, dass das in Schule und Studium erlernte Wissen für Jahrzehnte im Beruf ausreicht. Anders gesagt: Die Halbwertzeit des Wissens nimmt ab. Außerdem müssen sich die Menschen heute das Wissen, das sie für Alltag und Beruf brauchen, weit gehend selbst erarbeiten. Aber auch über die speziellen beruflichen Kenntnisse hinaus muss sich jeder und jede laufend mit der aktuellen technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Entwicklung auseinander setzen, um Urteilsfähigkeit und Handlungskompetenz zu behalten. Noch nie war die Notwendigkeit hierzu für jeden Einzelnen so spürbar - noch nie aber auch gab es so breite Zugangsmöglichkeiten zum Weiterlernen, zum Erhalt oder dem Ausbau der persönlichen Kompetenz auf nahezu allen Wissensgebieten.
Erstausbildung und Weiterbildung gehören zusammen. Lernen findet nicht mehr ausschließlich in Bildungseinrichtungen statt, sondern mit Bildungseinrichtungen - ein Leben lang.


Deutschland hat als eine der großen Bildungsnationen der Welt viel zur universellen Bildung beigetragen. – und braucht sich deshalb auch heute nicht zu verstecken.

Lange Zeit wurde Deutschland von außen als Nation der Dichter und Denker wahrgenommen, wobei unser Südweststaat Baden-Württemberg eine besonders gute Figur machte:

Der Schiller und der Hegel,
der Uhland und der Hauff,
das ist bei uns die Regel,
das fällt uns gar nicht auf,

- dies war immer schon ein gern zitierter Reim, der von Selbstbewusstsein der Schwaben kündet.

Nach Hegel ist Bildung die Conditio sine qua non des Menschseins überhaupt:

Der Mensch ist, was er als Mensch sein soll, erst durch Bildung.

Soweit der Philosoph. 

Ein Realpolitiker wie Nelson Mandela, der das Los der Welt mit den Augen des benachteiligten Afrikaners wahrnimmt, 
sieht die Wurzel aller Armut im Fehlen von Bildung. 

Und John F. Kennedy, einst der mächtigste Mann der Welt, wusste, dass nur eines teurer ist als Bildung – 

keine Bildung!

Bildung bleibt eine Herausforderung für die Gegenwart und die Zukunft Deutschlands und Europas.

Das Ausruhen auf alten Lorbeeren ist passé. 

Wer überleben will, auf nationaler wie auf europäischer Ebene, muss auf neue Bildungsinitiativen setzen und auf Innovationsfreudigkeit, denn von diesen hängt unsere Selbstbehauptung in der globalisierten Zukunft ab.

Wo beginnt Bildung?
Wo hört sie auf?
Gibt es einen Paradigmenwechsel aus der industriellen Gesellschaft in die Wissenschaftsgesellschaft?

Ein weites Feld – und ein abendfüllendes Thema, das hier nicht vertieft werden kann.

Es gibt Schulen, die ihre humanistische Ausbildung mit der Lektüre der Odyssee beginnen, also mit einem Werk, das lange Zeit Homer zugeschrieben wurde – und das ca. 700 vor Christus entstanden sein dürfte.

Auf ihm baut dann alles künftige Wissen auf, die Philosophie, das Denken, die Naturwissenschaften und die Technik –

und wo sind wir inzwischen angelangt?

Bei einem neuen Paradigma?
Wir stehen an der Pforte zur Wissenschaftsgesellschaft, in der das Weltwissen wächst und
rasant zunimmt.

100 000 neue Buchpublikationen kommen pro Jahr auf den Markt.

Die Spezialisierung und Computerisierung nimmt zu, zum Nachteil der Humanwissenschaften, die vernachlässigt und zurückgedrängt werden.
Die Industrie fordert mehr Innovation und sieht darin den Schlüssel zum Überleben in der Globalisierung.

Die Politik folgt ihr und fordert eine Bildungsoffensive für Europa

und neue Investitionen in die Bildung auf nationaler Ebene – allen voran Bundespräsident Horst Köhler, der die Bildungsoffensive zu seinem Thema gemacht hat.

Was ist aus den Anglizismen geworden, die vor einem Jahr vor gleichem Auditorium
exponiert wurden?

Ist E- learning die Wunderwaffe, die man erwartet hat?
Wohl kaum!

Und live long- learning

Alter Wein in neuen Schläuchen?
War es nicht immer schon so, dass jener, der zu den Bildungsbürgern gezählt werden wollte, nach Goethes Maxime über drei tausend Jahre Bescheid wissen musste, ohne aufzuhören, weiter zu lernen.

Ich würde nichts schöneres kennen, als in Ewigkeit weiterlernen zu dürfen,

sagt Christian Morgenstern prägnant – und trifft dabei des Pudels Kern.

Der kontinuierliche Lernprozess geht weiter für alle, die noch Kreatives und Zukunftsträchtiges schaffen wollen - in allen Bereichen.

Der neueste Terminus aus diesem Bereich heißt: Employability.
Ein unaussprechliches Etwas, das deutsch mit

Beschäftigungsfähigkeit 
übersetzt wird.

Die Weiterbildung des Einzelnen soll diese Beschäftigungsfähigkeit gewährleisten. 
Wer sein Abitur nachholt, wer seine Qualifikationen ausbaut, sichert diese Beschäftigungsfähigkeit.

Aus der Sicht der Wirtschaft, der Unternehmensleiter und der Ökonomen, wird er dadurch produktiver – mit ihm der Betrieb und die gesamte Volkswirtschaft.
Die Erhaltung des erreichten Wohlstands funktioniert nur über dieses Modell.

Der Einzelne bleibt aufgerufen, für sich das Beste zu tun – und damit für die Gesellschaft.

Auf den Punkt gebracht lautet das Rezept für die Zukunft eindeutig: 

mehr Bildung.

Goethe, der Ahnherr aller deutschen Bildungsbürger, rief, bevor er für immer schied, nach:

Mehr Licht!

Das war symbolisch gesprochen!
Vielleicht meinte er: 

mehr Bildung!


Ein Wort Mark Twains kommt mir noch in den Sinn: 

Bildung sei das, was übrig bleibe, wenn der letzte Dollar weg ist.


Dem habe ich - mit den Sophisten und Stoikern der Antike - nichts mehr hinzu zu fügen!


©Carl Gibson. Alle Rechte vorbehalten.