Montag, 7. Januar 2013

Deutsche Dichter im Fadenkreuz der Securitate. Dissidenz oder Mythos – ethnische oder ideologische Diskriminierung?

Leseprobe, aus Carl Gibson, Symphonie der Freiheit


Deutsche Dichter im Fadenkreuz der Securitate. Dissidenz oder Mythos – ethnische oder ideologische Diskriminierung?

 


Als im Sommer 1979 einer meiner schwäbischen Mithäftlinge aus der Ortschaft Marienfeld seine Haftzeit verbüßt hatte und wieder nach Hause durfte, bat ich ihn, meine Eltern in Sackelhausen aufzusuchen. Das auf dem Dachboden versteckte Romanfragment Die Flucht in die Heimat, ein Manuskript über das Los zwangsdeportierter Deutscher in Russland, machte mir Sorgen. Es müsste so schnell wie möglich verbrannt werden, dachte ich, da ich bei einer möglichen Auffindung der Schriften durch die Securitate massive Schwierigkeiten im Zusammenhang mit antisozialistischer Propaganda befürchtete; sprich: neue Untersuchungen, ein weiteres Urteil und ein paar Jahre mehr Haft!

Der Landsmann hielt sein Wort nicht - und schrieb nur eine Postkarte. Zufälligerweise blieb diese nicht in den Filtern der Securitate hängen. Sie wurde zugestellt - mit der Klartextbotschaft, das schon heiße Manuskript ins Feuer zu werfen. Das war eine törichte Angelegenheit, die mich Kopf und Kragen hätte kosten können. Doch ich hatte Glück. Mein eingeweihter Cousin Günther hatte das halbfertige Opus bereits unmittelbar nach meiner Verhaftung vernichtet.

Andere Dichter und Schriftsteller deutscher Zunge hingegen waren mit weniger Fortune gesegnet. In ihren Schubladen fand die Securitate umfassende Schriftstücke vor, intime Tagebücher, Entwürfe, Notizen, Ideen, unvollendete Manuskripte, verbotene Literatur und anderes an geistiger Konterbande, alles Materialien, aus welchen den Betroffenen schnell ein Strick gedreht werden konnte. William Totok, einer der am eindeutigsten Verfolgten, hat in seinen beiden Buchveröffentlichungen zahlreiche Quellen zusammengestellt.

Opfer von Hausdurchsuchungen und Verdächtigungen durch die Securitate sowie von anschließenden Verhören wurden - neben Kunstschaffenden, die heute kaum noch einer kennt wie den Poeten Botlung - selbst Personen aus dem akademischen Umfeld. Hauptsächlich aber standen die Dichter aus dem Freundeskreis der Aktionsgruppe im Fadenkreuz; unter ihnen mein Nachbar Gerhard Ortinau, William Totok, Rolf Bossert und später auch Horst Samson, der langjährige Sekretär des Adam-Müller-Guttenbrunn-Kreisessowie Helmuth Frauendorfer. Jeder von ihnen galt als verdächtig, ungeachtet der Tatsache, dass sie alle mit Fug und Recht dem linkssozialistischen Spektrum zugeordnet werden konnten - der Aspekt, der deutschen Minderheit im Land anzugehören und ausschließlich in deutscher Sprache zu veröffentlichen, wog wohl schwerer.

Einerseits bemühte sich das offizielle Rumänien um eine vorbildliche Minderheitenpolitikund gönnte diesem kleinen Kreis Literaturschaffender eine an sich privilegierte Nischenexistenz mit Bevorzugungen, von denen angehende rumänische Künstler nur träumen konnten. Andererseits setzte das System ideologisch-nationalistisch ausgerichtet in einer nichtdeklarierten ethnischen Diskriminierung auf die vollständige Assimilation der Minderheitenund verdächtigte deshalb selbst Angehörige linksorientierter Gruppierungen, weil sie in ihrer Art, Kunst zu produzieren, vielleicht weniger konform auftraten, als erwünscht. Zumindest unterblieb bis zu meiner Ausreise im Jahr 1979 die öffentlich erwartete primitive Form der Lobhudelei á la Mihai Beniuc, Păunescu und Tudor. War doch schon der vorhandene Konformismus der meisten Intellektuellen im Land überdominant. Rumänische Schriftsteller, die sich mit dem Regime arrangiert hatten, und das waren fast alle, konnten dafür gut leben.

Nur wenige Idealisten im Land - unter ihnen eine Handvoll Deutsche aus dem Banat und aus Siebenbürgen - wollten die Dinge weiterhin anders sehen und ungeachtet der Zuckerbrot und Peitsche-Taktik der Partei weitermachen. Sie hatten allesamt noch ein weitgehend gutes Gewissen und arbeiteten geistig an einem eigenen Überlebensmodell; an dem aus meiner Sicht nicht ganz konsequenten Zwischending, im Land bleiben und vor Ort wirken zu wollen, während die meisten ihrer deutschen Landsleute nach den Erfahrungen vor allem in der Zeit des Stalinismus sowie nach dem erneuten Rückfall in diese schon überwunden geglaubte Zeit der Verdächtigungen, der Angst und des Terrors ihre tatsächliche Existenz retteten und aus dem gleichen Land flohen.

Ab 1981 ging es in Rumänien nicht mehr um persönliche Selbstverwirklichung, sondern nur noch um nacktes Überleben. Der normale Werktätige musste sechs bis sechseinhalb Tage in der Woche arbeiten und hatte trotzdem Mühe, an das tägliche Brot heranzukommen oder seine Wohnung zu beheizen. In solchen Zeiten schwand auch der Sinn für Literatur. Nur Herta Müller, die damals an der Zensur vorbei oder mit dem Plazet der Zensur irgendwie ihr nestbeschmutzerisches Skandalbändchen herausbringen konnte, sah die Gründe der Niederungen ihres Umfelds nicht in der versagenden sozialistischen Gesellschaft, sondern bei ihren engstirnigen Landsleuten. Also beleidigte sie diejenigen unter ihnen, die noch lasen. Also beleidigte sie auch mich.

Ab 1983 häuften sich trotzdem die Schikanen, Belästigungen und Übergriffe gegen die wenigen deutschen Dichter im Land, so als ob man sie in den sich schon abzeichnenden finalen Exodus der Deutschen aus dem Banat und aus Siebenbürgen einreihen wollte, um auch sie, die selbst deklarierte geistige Vorhut, die nicht gehen wollte, aus dem Land zu treiben!

Bis zu jenem Zeitpunkt genossen die wenigen Schriftsteller deutscher Zunge aus dem Banat und Siebenbürgen ihr weitgehend privilegiertes Dasein, was das Veröffentlichen ihrer Werke betraf. Da es nur wenige waren, die Literatur fabrizierten, konnten sie in der Regel all das veröffentlichen, was sie schrieben, wenn es nicht gerade offensichtlich politisch provozierte.

„Wenn ich ein Angehöriger einer Minderheit gewesen wäre, hätte auch ich recht früh mein Bändchen Gedichte haben können“, sagte mir ein rumänischer Lyriker und Dramatiker aus Temeschburg später einmal, nicht ohne Neid auf die bevorzugten deutschen Dichter im Banat.

Manch einer ließ sich gerne fördern und von Leuten wie Berwanger vereinnahmen, auch für die Sache der Partei. Doch war das nicht kurzsichtig und illoyal im Verhältnis zu rumänischen Literaten? War die Gesellschaft zu verändern, wenn jede system- und ideologiekritische Haltung vermieden wurde? Wohl kaum!

Die Securitate lauerte zwar überall mit Argwohn, lies die Kunstschaffenden aber trotzdem gewähren, bis zu jenem Tag, als nicht nur apathischer Konformismus, sondern auch deutliche Unterwürfigkeit eingefordert wurde.

Personen, die jahrelang unter den Bedingungen des Systems agiert, geschickt die Klippen umschifft und bewusst kulturell tätig gewesen waren, sollten nunmehr demonstrativ das Kriechen und das Katzbuckeln einüben und an ehrrührigen, schäbigen Vorgängen wie Infiltration, Ausspionieren und Denunziation von Kollegen mitwirken.

Ab diesem Zeitpunkt des Rückfalls in stalinistische Praktiken übelster Art, etwa um 1985, gingen selbst die bis dahin systemloyalen Künstler vorsichtig auf Konfrontationskurs und in die Gegenoffensive, passiv zunächst, nicht aktionistisch, indem sie sich weigerten, die literarisch-moralische Prostitution aktiv zu unterstützen, immer noch überzeugt, die führende politische Kraft im Land, die eine Partei, die immer recht hat, werde doch noch eine gütige Lösungherbeiführen.

Als Folge der Renitenz und leisen Protesthaltung kam es zu Hausdurchsuchungen. Zunächst bei Horst Samson, einem Dichter und Journalisten, der seit Jahren seiner Arbeit als Kulturredakteur bei der Neuen Banater Zeitung nachkam und gleichzeitig die Aktivitäten des Adam-Müller-Guttenbrunn-Kreises als Sekretär koordinierte.

Was war in der Privatwohnung eines Dichters aufzufinden? Manuskripte, Entwürfe, Skizzen, Ideen, Korrespondenz mit befreundeten Geistesschaffenden aus der DDR und der Bundesrepublik, Fotos und natürlich Bücher. Beschlagnahmt wurde dann, etwa bei Samson, vor allem Dissidentenliteratur; ferner Subversives, Antisozialistisches, Werke von Solschenyzin, von Goma und selbst Weltbestseller wie Doktor Schiwagovon Nobelpreisträger Boris Pasternak. Die halbe Welt hatte bereits die grandiose Hollywood-Verfilmung des Stoffes gesehen. In Temeschburg aber konfiszierte die Securitate den Roman eines Russen, der zufällig ein sehr humaner Literat von Weltformat war. Und dies dreißig Jahre nach Stalins Tod. Ein zehnstündiges Verhör in den Räumen der Securitate sollte Klarheit bringen. Es verlief glimpflich und führte zu keiner Rechtsverfolgung.

Nicht besser erging es Samsons Kollegen Rolf Bossert, einem Dichter aus der Reschitzer Gegend, der sich schon 1972 dem Freundeskreis der so genannten Aktionsgruppe angeschlossen hatte. Auch bei ihm wurden die Zimmer durchwühlt. Als in seiner philatelischen Sammlung auch Briefmarken aus der Zeit des Tausendjährigen Reichs gefunden wurden, Postwertzeichen, die den Kopf des Führers und das Hakenkreuz abbildeten, musste er befürchten - wie einst Totok - zum faschistischenDeutschen gestempelt und möglicherweise sogar verurteilt zu werden. Ein Alptraum, ausgerechnet für Linke.




Carl Gibson, Lesung



ZK der RKP, Ceausescus Machtsitz in Bukarest


 

ZK


Ceausescus Palast
 
Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit



Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe






Zeitzeuge und Autor Carl Gibson


Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat




Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel









 

 
 
 

Zum Tod eines Dichters - Leseprobe, aus: Carl Gibson, Symphonie der Freiheit


Leseprobe, aus Carl Gibson, Symphonie der Freiheit

Zum Tod eines Dichters



Es ist nicht schwer auszumalen, dass ein sensibler Dichter, der eigentlich nur Verse zimmern wollte, dem rohen Terror der Verfolgungsorgane nicht gewachsen war. Unfähig, sich den permanenten Nachstellungen, die teilweise Jagdcharakter annahmen, zu entziehen, entschloss sich auch Bossert zur Ausreise in die Bundesrepublik. Die Folge davon war in seinem Fall eine Intensivierung der vielfachen Belästigungen und Schikanen durch die Securitate, die allesamt die Psyche des zarten Poeten weiter angriffen und zerrütteten.

Von Horst Bossert, der kaum zwei Monate nach seiner Ankunft in der Bundesrepublik unter rätselhaften Umständen zu Tode kam, zitiert man auch heute noch gerne sein symptomatisches Inserat: suche hund mit 2 mäulern/ der nicht schweigen muß / während er beißt.Sein tragischer Tod schockte Teile der informierten westlichen Öffentlichkeit und richtete fortan den Blick auf die Praktiken der Securitate, die auch andere Künstler verfolgte. Herta Müller konstruierte später daraus eine Fiktion.

Rolf Bossert, ein Dichter mit leichtem Hang zur Melancholie, wie es Freunde bezeugen, gab nach seiner Ankunft in der Bundesrepublik ein vielsagendes Interview, welches am 20. Februar 1986 in der Frankfurter Rundschau erschien. Es steht unter dem Titel Der Exitus der deutschsprachigen Literatur Rumäniens, und ist, da es viel über die Situation der Schriftsteller in einer Diktatur aussagt, auch heute noch recht lesenswert.

Im Jahr 1983 erhielt Rolf Bossert, der wohl begabteste unter den damals im Banater Raum Dichtenden, den Preis des Müller-Guttenbrunn-Kreises. In seiner Dankesrede nach der von Richard Wagner gehaltenen Laudatio sagte Bossert einige komprimierte Worte, die auf die innere und äußere Exponiertheit eines Dichters in einem totalitären System verweisen. Es sind etwas verklausulierte Aussagen eines gehemmten Dichters, der noch nicht ganz resigniert hat und der den schwierigen Bedingungen trotzend, doch noch agierend eingreifen und die Gesellschaft, in der er leben muss, gestalterisch verändern will.

Bossert spricht von der Poesie als Gegenentwurf zur Tagespolitik und von der Rolle des Dichters im Umgang mit der Macht: Ich suche mir nicht Bausteine für einen Elfenbeinturm zusammen. Der Schriftsteller, so wie ich ihn sehe, steht nicht über den Dingen, sondern darunter. Im Doppelsinn des Wortes. Ich baue keinen negativen, keinen umgestülpten Elfenbeinturm. Ich plädiere für eine Macht. Nicht für jene des Schriftstellerpolitikers, sondern für die des Politikerschriftstellers. Ich plädiere für die poetische Macht. Ich glaube an ihre Brisanz. Auch diese Macht steht jenseits des Moralischen. Ich plädiere für einen Gegenentwurf, für eine Utopie. Ich bin mir der Gefahr, in die ich mich begebe, bewusst. Ich weiß, gegen Vereinnahmung kann man sich nur bedingt schützen. Ich weiß, dass die anarchisch-ordnungsliebende poetische Macht gefürchtet wird, und deshalb kontrolliert, diskreditiert und pervertiert. Ich vermute, dass der konsequenteste Schriftsteller jener ist, der aufhört zu schreiben oder zu leben. Ich bin aber, wie alle Schriftsteller, zu sehr Egoist, zu wenig Egoist. Ich will im Bewusstsein meiner Inkonsequenz weitermachen. Wenn die Wellen über meinem Kopf zusammenschlagen, greife ich nicht nach dem Strohhalm, sondern nach dem Federkiel.“

Bossert muss in die teilweise paradoxe Aussage flüchten, um die Ausweglosigkeit des Künstlers zu beschreiben, die in letzter Konsequenz das Scheitern impliziert. Wenn ein Schreiben in Freiheit nicht möglich ist, dann ist das Nichtschreiben, eigentlich das Nichtveröffentlichen, ein Rezept des geistigen Überlebens, eines, das ich seinerzeit praktizierte, um anderswo konkret oppositionell zu agieren. Ethisches und verantwortungsvolles Handeln hatte nach meiner damaligen Auffassung Priorität vor der Kunst, auch weil es existentieller war als die Welt des Schönen Scheins in einer Welt des getrübten Scheins und der Täuschung.

Wenn Bosserts tragisches Ableben ein Freitod war, Menschen, die ihn gut kannten, schließen auch diese Möglichkeit nicht aus, dann ist die Tat in den zitierten Worten bereits geistig antizipiert.

Die Haltung, ich will nicht mehr, weil das Gegengewicht der Welt mich erdrückt, das von Heine verdichtete und von mir selbst erlebte Atlas-Syndrom, ist typisch für sensible Poeten, für Mimosen, die von Panzern überrollt werden. Wenn der Druck der Welt zu groß wird, dann bricht das Herz im Leibe und die Dichterseele, die darin wohnt, verfliegt im Äther.

Trägt der gleichgültige Westen eine Mitschuld an der tragischen Entwicklung? Möglicherweise hat das Nicht-adäquat-Gehörtwerden in der westlichen Gesellschaft einen Prozess, den die Securitate auf den Weg gebracht hat, noch beschleunigt!

Nemo propheta in patria? Freund Felix, die musische Mimose, war an der Ignoranz einer apathischen Gesellschaft gescheitert - und selbst ich, mehr zäh als zerbrechlich, hatte den Schmerz des einsamen Rufers in der Wüste vielfach erfahren müssen. Hinter der massiven Enttäuschung lauert das individuelle Scheitern - wie hinter dem tiefen Leiden die Verzweiflung lauert. Künstlerseelen, angesiedelt am Rande der Melancholie, sind exponiert und immer gefährdet. Die Dissidenz im Feinen wie im Groben fordert ihre Opfer, selbst noch lange danach. Womöglich ist Rolf Bossert ein warnendes Beispiel.

Doch seine verkündete Vision war richtig. Die poetische Brisanz, die schon bei Dichtern wie Sorescu und Blandiana, präsent war, brach später bei Mircea Dinescu am eindeutigsten durch und erreichte selbst die Menschen auf der Straße. Ab dem Jahr 1983 wurden auch Richard Wagner und Herta Müller schikaniert, sagt man. Nur wurden sie auch konkret verfolgt, verhaftet, verurteilt?

Wann, wo und wie? Ihre spärlichen Biographien geben keine genaue Auskunft über konkrete Verfolgungen durch die Securitate. Und Herta Müller schweigt auf meine Fragen! Warum wohl?

Manchmal konnte der Eindruck entstehen, die Securitate suche sich die potentiellen Opfer geradezu aus - vielleicht nur, um die eigene Ineffizienz zu überdecken. Der Kreis der Verfolgten wurde ausgeweitet. Während sich Rolf Bossert wehrte, zur Feder griff und Petitionen an die Parteiführung verfasste, in der Hoffnung auf diese Weise vor dem Zugriff der Securitate Schutz zu finden - eine Prozedur, die ich selbst oft und gerne praktiziert hatte, ganz nach dem Motto: divide et impera - gerieten andere in deutscher Sprache publizierende Journalisten und Schriftsteller in den Fokus der Sicherheit, unter ihnen Helmuth Frauendorfer, ein Poet meines Jahrgangs.

Als im Jahr 1984 Nikolaus Berwanger, der kontroversierte Mäzen des größten Literaturkreises in Temeschburg, nach einer Erholungsreise in der kapitalistischen Hölle nicht mehr in das Arbeiterparadies zurückkehren wollte und es überraschend vorzog, in der von Revisionisten und alten Faschisten durchsetzten Bundesrepublik zu verbleiben, fehlte plötzlich der übermächtige Protektor der linken Literaten - und mit ihm die schützende Ägide.

Die weitgehend kritischen Journalisten William Totok, Samson, Frauendorfer standen nunmehr isoliert da - und mit ihnen auch Richard Wagner und bis zu einem gewissen Grad wohl auch Herta Müller, die bis auf die zwiespältig aufgenommenen Niederungenkaum etwas veröffentlicht hatte.

 Rumänische Trikolore
 
 
Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit



Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe






Zeitzeuge und Autor Carl Gibson


Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat




Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel









Pour le Mérite! Appell an den Großen Bruder! Von der Freiheit, die sie meinten …

Leseprobe, aus Carl Gibson, Symphonie der Freiheit

Pour le Mérite! Appell an den Großen Bruder! Von der Freiheit, die sie meinten …



Als dann Helmuth Frauendorfer 1985 spontan verhaftet, verhört und von der Securitate verprügelt wurde, protestierten die fünf oben genannten Dichter, denen sich Johann Lippet, Dramaturg am Deutschen Staatstheater in Temeschburg und Balthasar Waitz, der in der gleichen Stadt einen weiteren Literaturverein leitete, anschlossen, in einem umfassenden Protestbrief an die Kommunistische Partei am Ort.

Der Protestbrief, den ich als wichtiges und vor allem decouvrierendes Beweisstück werte, ist nicht an Staatsführer Ceauşescu gerichtet, wie gelegentlich suggeriert wird, sondern namentlich an den Ersten Parteisekretär der Kommunisten Cornel Pacoste adressiert; nomen est omen auch hier: Das rumänische WortPacoste bedeutet nichts anderes als Heimsuchungoder Unheil!

William Totok hat das aussagekräftige Dokument zusammen mit anderen Zeugnissen aus jener Zeit in seinen Zwängen der Erinnerungveröffentlicht. Es ist gleichzeitig das erste Dokument, aus welchem hervorgeht, dass sich auch Herta Müller, aus deren Feder ich bis dahin nichts Regimekritisches kannte, in Opposition begab, allerdings eingebettet in eine Gruppe von sieben Personen.

Das ambivalente Verhältnis Kunstschaffender zur Partei und Securitate, von Rolf Bossert noch in abstrakten, ja verschlüsselten Worten umschrieben, erscheint in dem Schreiben der Literaten an den örtlichen Parteisekretär, das allerdings noch vor Berwangers Flucht abgeschickt worden war, als Klartext exponiert. Dort heißt es unmissverständlich: Am 19., 20. ,21.und 24. Juli und am 20. August dieses Jahres ist unser Kollege Helmuth Frauendorfer, Absolvent der Philologischen Fakultät in Temeswar (1984), der ein beachtliches literarisches Debüt sowie eine vielseitige künstlerische Betätigung ( er hat die Theatergruppe des Studentenkulturhauses betreut) und eine publizistische Tätigkeit (…) aufzuweisen hat, vom Sicherheitsdienst und zwar von Oberstleutnant Nicolae Păduraru und von Major Ioan Adamescu verhört worden. Während des Verhörs ist unser Kollege beschimpft und beleidigt worden. Er wurde aufgefordert, vorformulierte Erklärungen zu unterschreiben, in denen er bestätigt, dass er„staatsfeindliche Gedichte“ schreibe und ähnliche Aktivitäten betreibe. Ebenso hat man von ihm gefordert, Erklärungen zu unterschreiben, die besagen, dass wir, die wir diese Beschwerde unterzeichnen, ihn im Sinn dieser „staatsfeindlichen Aktivitäten“ beeinflusst hätten. Dies, so der Sicherheitsdienst, sei auch durch den Literaturkreis „Adam-Müller-Guttenbrunn“ geschehen, der von Oberstleutnant Păduraru als „Räuberhöhle“ bezeichnet worden ist. Die „Räuberhöhle“ wird vom Schriftsteller Nikolaus Berwanger, Sekretär des Schriftstellerverbandes geleitet. Einige der Unterzeichner dieser Beschwerde sind Mitglieder des Literaturkreises.

Während die Securitate ganz nach den Gepflogenheiten in der breiteren Gesellschaft nun auch Literaten mit Kriminalisierungsabsicht ins Visier nahm, suchten diese den altbewährten Schutzschild zu aktivieren, ohne zu ahnen, dass Mentor Berwanger de facto resigniert, ja sein Heil bereits in Flucht und Absetzung gefunden hatte.

Die Kunst der Fuga - auch hier!

Der stramme Antifaschist von gestern war sich plötzlich selbst der Nächste, vor allem, als er merkte, dass seine Landsleute in großen Scharen und hellster Panik davonliefen, Haus und Hof verschleuderten, nur um den scheinbar ewig zementierten Kommunismus für immer zu hinter sich zu lassen.

Der kleine Lotse, der gleichzeitig der große Kapitän war, ging vom sinkenden Schiff und lies die sich selbst überlassene Mannschaft zurück, ohne Steuermann und Kompass, mitten im aufziehenden Sturm - und ohne Beiboot! Das war Solidarität und Moral in der Form sozialistischer Nächstenliebe. Zuerst komme ich! Und nach mir – die Sintflut!

Wir haben uns entschlossen,heißt es in der Solidaritätsbekundung der jungen Literaten weiter, diesen Brief zu schreiben, da der Zwischenfall mit unserem Kollegen, der - nebenbei gesagt - mit einem schriftlichen Verweis endete, nicht der erste dieser Art ist. Seit Jahren werden wir von den Vertretern des Innenministeriums aus Temeswar belästigt. Was wir schreiben, wird tendenziös umgedeutet, um zu beweisen, dass unsere Tätigkeit subversiv ist. Man verweigert uns Auslandsreisen, es fanden Hausdurchsuchungen und Festnahmen statt. Einigen Kollegen wird die Aufnahme in den Schriftstellerverband verweigert, obwohl sie die nötigen Bedingungen dafür erfüllen. Junge Schriftstellerkollegen, die am Anfang ihrer literarischen Laufbahn stehen, werden eingeschüchtert oder durch Erpressungen gezwungen, mit dem Sicherheitsdienst zusammenzuarbeiten u.a.m.

Dieses etwas aufmüpfig gehaltene Briefdokument verweist zwar auf gängige Praktiken der Securitate, ist aber noch längst kein Beweis gezielter Dissidenz, da ihm, von der erwähnten Verprügelung eines Dichters abgesehen, die eigentliche Substanz fehlt.

Im Grunde fordern die Literaten nur Marginales, das eigentlich selbstverständlich sein müsste: Der sozialistische Staat möge ihnen- den bisher weitgehend Privilegierten und Gehätschelten, die großzügig ihre Büchlein drucken durften, weiterhin die Möglichkeit einräumen, nach eigenem Geschmack und nach ihrer Fasson Literatur zu produzieren. Als Lohn sollte auch ihnen die Aufnahme in den Olymp der Dichter, in den Parnass von Bukarest, gestattet sein!

Freiheit in der Kunst? Gleichberechtigung der Kunstschaffenden aller Nationalitäten! Dagegen ist nichts einzuwenden. Überall auf der Welt sollten diese Prinzipien eine Selbstverständlichkeit sein!

 Collage von Carl Gibson
 
 
Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit



Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe






Zeitzeuge und Autor Carl Gibson


Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat




Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel









 

J’accuse! - Leseprobe, aus: Carl Gibson, Symphonie der Freiheit


Leseprobe, aus Carl Gibson, Symphonie der Freiheit

 

J’accuse!





Viel schwerwiegender allerdings ist die Tatsache, dass die Unterzeichner des Beschwerdeschreibens allesamt den Status quo im bereits geistig wie ökonomisch dahinsiechenden Rumänien nicht in Frage stellen - und dass sie sogar, und da rebelliert es in mir, die Führungsrolle der Kommunistischen Partei Rumäniens nichtanzweifeln, sondern diese merkwürdige Rolle der totalitären Monopolpartei sogar explizit anerkennen.


In dem Brief an Pacoste (Heimsuchung! Sic!) heißt es unmissverständlich weiter: Wir haben uns an Sie gewandt, weil wir der Meinung sind, dass die rumänische Kommunistische Partei die führende Kraft unseres Landes ist.


Ein Skandal! Und überaus erhellend! Doch es geht noch weiter:


Es wird immer behauptet, dass der Sicherheitsdienst eine der Partei untergeordnete Behörde ist, und nicht umgekehrt.


Wedelt der Hund mit dem Schwanz - oder der Schwanz mit dem Hund? Und ist nur der Schwanz verwerflich, nicht die gesamte Bestie? Dann stellen die Dichter fest: Wir meinen, dass die Einschätzung eines literarischen Textes und die Äußerung eines Werturteils nicht den Offizieren des Sicherheitsdienstes zugestanden werden darf, sondern nach literarisch-ästhetischen Kriterien vorgenommen werden muß und der kompetenten Literaturkritik überlassen bleiben muß. So weit, so gut! Im Klartext bedeutet dies aber aus der Sicht eines Dissidenten aus der Zelle weit mehr als die de facto Akzeptanz des Machthabers vor Ort! Es bedeutet leicht pointiert ausgedrückt nicht weniger als: Liebe Partei!


Beschütze uns vor deinen Bluthunden und pfeife, bitte, deine Rottweiler zurück, damit wir staatsloyalen Schriftsteller unsere Literatur nach unseren Vorstellungen produzieren können - als konstruktive Kritik bei uneingeschränkterAnerkennung der Führungsrolle der Rumänischen Kommunistischen Partei unter der weisen Führung von Diktator Nicolae Ceauşescu und seiner ebenso genialen Gattin Elena Ceauşescu. Wir sozialistischen Schriftsteller der neuen Generation werden dich dann weiter so lieben wie bisher und deine Führungsrolle nie anzweifeln, obwohl wir deine verbrecherische Geschichte kennen und deine Art, Geschichte einfach umzuschreiben


Ist das Dissidenz?


Ist das etwa jenes Regimekritische, das - nach Wagners Auskunft- Gottvater Berwanger bis zum Tag seiner Fuga in den verschmähten Westen ermöglicht haben soll? Und entsprach das jener Vorstellung loyaler Kritik, jener Fiktion, von der Richard Wagner später ebenso sprach?


Verkannte diese Haltung nicht die tatsächlichen politischen Bedingungen in einem gescheiterten sozialistischen Staat, der inzwischen zur zynischen Diktatur verkommen war?


Eine totalitäre Partei, die im späteren Bericht zur Analyse der kommunistischen Diktatur in Rumänien, als ungesetzlich und verbrecherisch eingestuft wurde, als integren Dialogpartner anzuerkennen und nur die böse Securitate als Schurken auszumachen, zeugt von einer fundamentalen Verkennung der tatsächlichen Machtverhältnisse im Land!


Die Securitate war nur der Handlanger, das exekutive Repressionsinstrument der Kommunistischen Partei, die den politischen Willen verkörperte und die tatsächliche politische Macht.


Wie konnte soviel gesellschaftspolitische Naivität möglich sein - in sieben Köpfen, die allesamt in der sozialistischen Wirklichkeit lebten? Ein Unding!


Wie konnte loyaleKritik im Umgang mit einer verbrecherischen Organisation möglich sein?


Während den eigenen Landsleuten „latenter Faschismus“ vorgehalten wurde, vor allen den vielen, die sich nicht wehren konnten, weil ihnen das Instrumentarium fehlte, und den gleichen deutschen Landsleuten eine Mitverantwortung am NS-Staat, an dessen Außenpolitik und Kriegsführung angelastet wurde, vergaßen die gleichen Akteure des rechten Lichtes und Apostel der Moral die Verbrechen des Stalinismus und Kommunismus vor ihrer Haustür!


Das ist aus meiner Sicht tiefste Heuchelei! Ecrasez l’infame, kann ich da nur mit Voltaire ausrufen!


Es fällt mir schwer zu glauben, dass kritische Köpfe wie William Totok diesen Text damals so mittrugen. Und ich frage mich, wer ihn aufsetzte!?


Als Kind Stalin bewundern und im Loblied der Partei für alles danken! Das war etwas! Doch als reife Erwachsene zum Teil mit Hafterfahrung, als Hochschüler und elitäre Avantgardisten den Totalitarismus von Rechts bekämpfen zu wollen, um gleichzeitig den Totalitarismus von Links billigend zu dulden, das war etwas fundamental anderes! Eine Haltung, die ich nie verstehen konnte und werde: das war schlechthin Inkonsequenz und schlechter geistiger wie politischer Stil!


Oder neigten Intellektuelle und solche, die dieses Monopol nur für sich reklamierten, a priori zur linken Seite - wie mir es mein aufgeklärter Nachbar frühzeitig einschärfen wollte - und aus dieser Einseitigkeit heraus auch zu mangelnder Ausgewogenheit und Kurzsichtigkeit?


Aus meiner ankämpfenden wie kompromisslosen Sicht war diese damals schon identische unkritische Haltung Gift und moralisches Versagen zugleich, weil eigentliche Vorbilder die falsche Ikone anbeteten: das Götzenbild von Hammer und Sichel auf rotem Hintergrund! Gleichzeitig wertete ich die geistige Existenz in Kompromiss, Duldung und Mitläufertum als einen mehr oder weniger gezielten Dolchstoß, der meine Absetzung von dem menschenverachtenden System des Kommunismus hintertrieb und die eigene Rebellion schwächte.




ZK der RKP, Ceausescus Machtsitz in Bukarest


Carl Gibson vor dem ehem. ZK der Kommunisten in Bukarest , 2010

ZK



 


Polemica in nuce!? Kritik und Selbstkritik - Leseprobe, aus: Carl Gibson, Symphonie der Freiheit, 2008




Leseprobe, aus: Carl Gibson, Symphonie der Freiheit, 2008

Polemica in nuce!? Kritik und Selbstkritik

 

Die linken Idealisten und Utopisten waren im Gegensatz zu mir offensichtlich immer noch bereit, den längst degenerierten Staatskommunisten noch etwas Aufbruchseuphorie zuzugestehen, statt ihnen nach eklatantem Versagen auf allen Ebenen die Führungskompetenzabzusprechen. Das Rütteln an der politischen Macht war selbst im Jahr 1985, als Rumänien bereits vor dem totalen Kollaps stand, für sie noch nicht angesagt!
Auch stand für Herta Müller, Richard Wagner und andere aus dem Umfeld keine direkte Kritik an der Kommunistischen Partei Rumäniens zur Debatte, obwohl diese Kraft auf ihrem 9. Parteitag alle Intellektuellen im Land zum Üben von Kritik aufgerufen hatte - und indirekt zur Selbstkritik.
Offene Dissidenz war selbst in dieser größeren Gruppe nicht gewollt, obwohl das Land kurz vor dem Abgrund stand. Ceauşescu, der weitsichtige Führer, hatte damals bereits sämtliche Nahrungsmittelvorräte gegen Devisen ins Ausland verschachert, um die Fremdschulden forciert zu tilgen. Im einst wohlhabenden Rumänien, wo, zumindest im Banat, Weizen, Mais und Gerste, von den überfüllten Dachböden rieselten, war schon vor Jahren das Brot knapp geworden. Menschen mussten hundert Kilometer anreisen, um in Temeschburg ein Baguette zu kaufen. Die Kommunistische Partei unter Ceauşescu hatte inzwischen total versagt. Ihren Führungsanspruch trotzdem anzuerkennen bedeutete eine eklatante Verkennung der Gesamtsituation.
Wo blieben der Stolz der Kunstschaffenden und die geistige Revolte des Menschen gegen Unrecht, von der Camus spricht? Indirekte Dissidenz und kulturelle Opposition entstanden bestenfalls dadurch, dass sich die einzelnen Dichter weigerten, an Schandtaten wie Lobhudelei, konformistische Berichterstattung und Infiltration mitzumachen, als Individuen, während die Gruppe den Individualwillen aufhob und löschte. Das Agieren innerhalb einer Gruppe - auch wenn es keine Aktionsgruppe war - schützte zwar den Einzelnen vor Repressalien, weil niemand wusste, wer was gesagt und formuliert hatte, aber die Einbettung exponierte das Individuum auch, indem es einem Gruppenzwang unterworfen wurde, der jede geistige Eigenständigkeit aufhob. Dahinter stand zusätzlich eine mögliche Sippenhaftung, die – wie einst bei der Aktionsgruppe – im Ernstfall den Untergang aller auslösen konnte. Aus diesen Gründen zog ich es vor, über Jahre allein gegen den Strom zu schwimmen, meine Protestschreiben allein zu verfassen, allein zu unterzeichnen und allein mit den Folgen zu leben.. Auch in unserem offenen OTB-Kreis kamen und gingen wir als freie Individuen - fern von jedem Zwang!
Als der oben zitierte Brief im Jahr 1985 an die Lokalpartei abgeschickt wurde, nagten ein Großteil der zwanzig Millionen Menschen im Land bereits an Knochen - an was wohl die Häftlinge nagten, die zu meinen Zeiten noch Schlemmereien wie Schweinehufe vorgesetzt bekamen?
Es fehlte überall an allem; an Energie, um zu kochen und zu heizen, an Wasser, um sich zu waschen. Der Schritt zum Verzehren von Gras - wie bald darauf in Nordkorea - war schon absehbar. Die Hälfte des Bruttosozialprodukts, Milliarden, wurde nicht für die sträflich vernachlässigte Daseinvorsorge investiert, sondern für einen Monsterbau verschleudert, der nur einem Größenwahnsinnigen, ja offensichtlich gänzlich verrückt gewordenen Despoten diente.
Doch der neue Turm von Babel mit dreitausend Räumen, dem Zehntausende Bukarester weichen mussten, um Platz zu machen für das Achte Weltwunder, stand nicht im fernen Banat, in der heilen Welt meiner Kindheit, wo Leute wie C.F. Delius nach der Niederungen-Lektüre Herta Müllers Sodom und Gomorra vermuteten, auch nicht im fernen Babylon zwischen Euphrat und Tigris bei Saddam Hussein, sondern im Herzen der Walachei, in Bukarest, in Rumänien! In einer solchen gesellschaftspolitischen Konstellation erteilten naive Linke der für all das verantwortlichen Kommunistenpartei Absolution! Ein Hohn!
In den Schriftstellerverband wollten einige aus ihren Reihen aufgenommen werden, nachdem die Partei ihnen wohlwollend ein Büchlein genehmigt hatte - als Krönung ihres Künstlerdaseins!
Das war ihre größte Sorge, während andere hungerten und ihre Landsleute von panischer Untergangsstimmung ergriffen alles dem Freikauf opferten und ohne Rücksicht auf Verluste nur das nackte Leben rettend aus dem Land flohen – wie bei drohendem Krieg!
Der die Meriten der Partei unkritisch anerkennende Appell endet mit der unverhohlenen Drohung, den Großen Bruder in Bukarest informieren zu wollen, falls eine lokale Lösung ausbleibe: Also, kleiner Pinscher Unheil, wenn du nicht spurst, dann holen wir den großen Wauwau!
Darüber vergaß Herta Müller später in der Bundesrepublik zu berichten!
Den Pour le Mérite auf dafür, noch vor dem Nobelpreis!!!
Polemica in nuce? Vielleicht. Mein Ärger, der mir den Schlaf raubte, floss in einige Essays - und Satiren. Doch das Lachen bleibt weg, wenn man an die Opfer denkt, die das - wenn auch ungewollte - Stützen einer Diktatur gekostet hat. Ein Endkampf auch hier - ohne Endsieg. Nur mehr Opfer. Verbitterung kommt manchmal auf - und auch Verständnis dafür, dass aus langjährigen demokratischen Dissidenten, Menschenrechtlern und freien Geistern irgendwann nach langem Sisyphus- und Don Quichotte-Dasein der Umschwung in den radikalisierten Zynismus erfolgt! Cioran, Goma … sind Beispiele dafür!
Es bedarf keiner besonderen Erwähnung, dass nicht jeder aus der Gruppe den Text, so wie ihn vielleicht einer von ihnen aufgesetzt hatte, voll stützte und mittrug - und dass einiges davon als plakativer Appell verstanden wurde, der notwendig erschien, um überhaupt angehört zu werden. Trotzdem ist die Aktion einstiger Mitglieder der ehemals anders gestarteten Aktionsgruppeeine Geste des Kompromisses, des Arrangements mit der Macht, die 1985, als die Zivilisation in Rumänien unterging, schwer deplatziert war - das war aus meiner Sicht unfreiwillige Kollaboration!
Und worin bestand die Alternative dazu?
Eben in dem von uns durchexerzierten Modell des konkreten politischen Widerstands, das Folter und Haft implizierte, aber auch andere Signale an die Gesellschaft sendete.Vielfacher Widerstand über Jahre machte die spätere Revolution möglich - und nicht die stille Duldung einer Weltanschauung, die sich selbst schon überlebt hatte!
Manche Erfahrungen, die ich in unendlichen Variationen während der dreijährigen oppositionellen Tätigkeit hatte auch machen müssen, tauchen in dem gelinden Protestschreiben wieder auf, nur transponiert in den Bereich des Literarischen -und mit anderen Akteuren. Das System dahinter blieb gleich wie die Methoden, Menschen einzuschüchtern, sie psychisch und selbst physisch zu vernichten. Unter diesen Umständen bot sich für die Deutschen aus dem Banat und Siebenbürgen nur eine Alternative an - die Ausreise, für mich und für andere - der Exodus!
Während ich schon früh dafür optierte und so schnell wie möglich die elysischen Gefilde verlassen wollte, entschlossen sich loyale Kritiker sträubend erst später, nachdem sich selbst der stramme Antifaschist Berwanger abgesetzt und das Banat so gut wie frei von Deutschen war.
Den Schriftstellern deutscher Zunge liefen die Leser davon! Bereits 1979 war ich gegangen, weil ich die Führungsrolle der Kommunistischen Partei, die sich mit vorgehaltener Pistole und einen legitimen Monarchen nötigend an die Macht geputscht hatte, nie anerkannt hätte. Weder in Rumänien, noch sonst in einem anderen totalitären Staat.
Statt kleine Büchlein zu machen mit subjektiven Ergüssen und antiimperialistischen Parolen von der Stange, Jugendsünden, die mancher aus der Gruppe aus heutiger Sicht gerne ungeschehen machen und vergessen würde, habe ich mit anderen ähnlich denkenden Opponenten das totalitäre Regime bekämpft; und zwar selbst noch zwischen 1981 und 1984 über das Mittel der völkerrechtlichen Klage, obwohl ich meine Haut in den freien Westen gerettet und nichts mehr zu gewinnen hatte, aber alles verlieren konnte, nämlich das Leben!
Als ich damals zum Zeitpunkt der Klageerhebung - für die Sache anderer eintretend - nächtliche Drohanrufe erhielt und die zuständigen Behörden darüber informierte, vergaß ich das öffentliche Aufschreien, das Tamm-Tamm, das Trommeln, Schellen und Klappern. Das alles ertönte erst 1987, als die richtigen Dissidenten kamen!
Steht es mir damit zu, anderen den Spiegel vorzuhalten, anderen, die die Deutsche Minderheit in der Schuld sahen, sich von ihr absetzten und sie bekämpften, statt gegen die Kommunisten anzutreten? Ist es nicht schon zu spät für die Wahrheit?
Darauf mögen andere antworten!
Wer - wie Herta Müller und ihre nicht immer konsequent-kritischen Zeit-Genossen - eine kommunistische oder pseudokommunistische Einheitspartei so undifferenziert bestätigt, sollte nie Preise, die für Dissidenz vergeben werden, anfassen oder gar annehmen.
Und wenn sie solche Preise, die für Widerstand, Zivilcourage und bürgerliche Opposition in einer Diktatur vergeben werden, versehentlich von Leuten zugesprochen bekommt, die von den inneren Verhältnissen in einem totalitären System, von Dissidenz und von politischem Andersdenkertum keine Ahnung haben, dann sollte die Dame jene Ehrungen schleunigst zurückgeben, damit sie jenen Menschen zukommen, die für ihre weltanschaulichen Überzeugungen wirklich im Gefängnis saßen - über eine Woche hinaus.





Pestsäule und Dom, Temeschburg,


OTB-Organisator Georg Weber, 1982 in Dortmund



Bürgerrechtler Carl Gibson zur Zeit der UNO-Beschwerde gegen Ceausescu (1981)
in Rottweil




Kathedrale, Temeschburg

ZK


Ceausescus Palast


Carl Gibson, Lesung




Ein Pressebericht, Tauber-Zeitung, FN (2008)



Carl Gibson, Symphonie der Freiheit,

Dettelbach, 2008, 418 Seiten.