Mittwoch, 11. Oktober 2017

Einsamkeit und Gesellschaftskritik im Werk der Französischen Moralisten[1] La Rochefoucauld, Vauvenargues und Chamfort - Leseprobe aus: Carl Gibson, Koryphäen der Einsamkeit und Melancholie in Philosophie und Dichtung aus Antike, Renaissance und Moderne, von Ovid und Seneca zu Schopenhauer, Lenau und Nietzsche.

Leseprobe aus: Carl Gibson, Koryphäen der Einsamkeit und Melancholie in Philosophie und Dichtung aus Antike, Renaissance und Moderne, von Ovid und Seneca zu Schopenhauer, Lenau und Nietzsche.




2. Einsamkeit und Gesellschaftskritik im Werk der Französischen Moralisten[1] La Rochefoucauld, Vauvenargues und Chamfort


„La Bruyére war ein großer Maler und vielleicht kein großer Philosoph, der Herzog von La Rochefoucauld war Philosoph, aber kein Maler.“[2]
Vauvenargues, Nachgelassene Maximen

Luc de Clapiers, Marquis de Vauvenargues, 1715 in Aix-en-Provence geboren, lebte viele Jahre einsam. Er starb im Alter von nur zweiunddreißig Jahren in Paris, endgültig vereinsamt, ungeachtet der späten Anerkennung durch Voltaire, von der Gesellschaft vergessen und stark unterschätzt in Armut. Ein tragisches Schicksal unter vielen? Wer nicht laut genug aufschreit, wer sich nicht vermarkten will oder kann, der geht unter, damals wie heute, egal ob Geist oder Künstler. Ihm bleibt nur der Nachruhm. Im Gegensatz zum Einsamkeit-Verständnis des hohen Aristokraten und veritablen Herzogs La Rochefoucauld, der dem Trubel und den Allüren des modischen Lebens nur gelegentlich entfloh, der sich aus der höfischen Gesellschaft zurückzog, wenn er sie satt hatte, wenn ihn Überdruss überkam, um sich dann auf einem bequemen Landsitz in Abgeschiedenheit von Strapazen des Repräsentieren-Müssens zu erholen, um psychisch-geistig zu regenerieren, damit er sich dann mit neuer Kraft den geistig-schriftstellerischen Tätigkeiten widmen konnte, war die Einsamkeit des bescheidenen Marquis von Vauvenargues gelebte Einsamkeit. Entbehrende Kommunikationslosigkeit in unfreiwilliger Isolation war bei ihm die Regel, nicht die Ausnahme. Einsamkeit – das war ein an sich unerquicklicher Dauerzustand im Leiden.

2.1. Rekreation im Refugium – die bücherlesende Einsamkeit des Herzogs La Rochefoucauld


« Mélancolie. – Signe de distinction du cœur et d’élévation de l’esprit. « 
Gustave Flaubert
Eher vergnügt als traurig, ja, fast so wie der Dichter der Medici Poliziano zur Zeit der Renaissance, schreibt La Rochefoucauld (1613 – 1680) von einem mondenen Landsitz aus an eine Freundin: „Hier bin ich ganz alleine, meine Gute...Ich habe gute Bücher, vor allem die Provinciales von Pascal und Montaigne: was brauche ich mehr, wenn ich Dich nicht habe?“[3] Der Herzog richtet sich behaglich ein in seiner Einsamkeit und fühlt sich wohl darin wie Montaigne in seinem Turm oder der Fisch im Wasser – in seinem Wesenselement. La Rochefoucauld folgt dem verehrten Vorbild, indem er sich freiwillig in ruhiges Fahrwasser, in die Stille der Abgeschiedenheit und somit in die Sphären von Muße und Kontemplation zurückzieht. Wie einst Marc Aurel leidet er nicht unter dem Alleinsein – nein, ganz im Gegenteil er genießt es sogar, weil es ihn zum Selbst führt, ihn in die Eigentlichkeit versetzt und auch schöpferisch wirkt. Wie lange vor ihm Cicero oder Petrarca steht auch La Rochefoucauld  im geistigen Dialog mit den literarisch-philosophischen Autoritäten der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart – mit einem anderen Einsamen, mit Pascal (1623–1663), dem Autor der „Les Pensées“ und eben mit dem freien Essayisten Michel de Montaigne (1533- 1592), in dessen anregendes, vielschichtiges Denker-Werk auch die Erfahrungen nach der fast zehnjährigen Zeit im Turm einfließen.

 

2.2. Einsamkeit – Katharsis, Chance und Gefahr


„Nur das dauert, was in der Einsamkeit konzipiert wurde, im Angesicht Gottes, ob man es glaubt oder nicht.“
E.M. Cioran, Vom Nachteil, geboren zu sein.

Luc de Clapiers, Marquis de Vauvenargueshingegen, der aus gesellschaftlichen Gründen, bedingt durch chronische Armut, in der Ausgrenzung leben muss, sieht das Leben in Einsamkeit weitaus extremer.
Deutlicher als dem wohlsituierten, weitestgehend sorglos existierenden La Rochefoucauld wird dem verarmten Aristokraten aus der Provence die Gefahr der permanent drohenden Vereinsamung bewusst. In einer seiner Maximen reflektiert er sein Erleben der Einsamkeit mit den drastischen Worten: „Einsamkeit ist für den Geist, was Fasten für den Körper, tödlich wenn sie zu lange dauert, und doch notwendig.“[4]
Einsamkeit bedeutet demnach Katharsis – Reinigung des Geistes von störenden Faktoren und falschen Gedanken. An anderer Stelle fügt er hinzu: „Einsamkeit ist eine große Gefahr für die Keuschheit.“[5]
Die Janusköpfigkeit der Situation ist ausgemacht. Ein Leben in Einsamkeit bedeutet selbst für den disziplinierten Charakter, der Affekte und Denken beherrscht, stets Gefahr. In einer exponierten Lage - und wahre Einsamkeit darf als Grenzsituation gelten- ist das Überhandnehmen der Gefühle genauso gut möglich wie die Verirrung der Gedanken, wobei labilere Charaktere wie Rousseau weitaus zerbrechlicher sind als in sich ruhende Geister wie Montaigne.

2.3. Chamfort - „Vom Geschmack am einsamen Leben und der Würde des Charakters“ - „Man ist in der Einsamkeit glücklicher als in der Welt.


« Il y a une mélancolie qui tient à la grandeur de l’esprit. »
Chamfort.
Nicolas Chamfort, 1741 geboren, 1794 in den Wirren der Französischen Revolution ums Leben gekommen, widmet dem gleichen Thema in seinen Maximen ein ganzes Kapitel unter der Überschrift: „Vom Geschmack am einsamen Leben und der Würde des Charakters“.
Eine intensive Beschäftigung mit dem teilweise anachoretischen Lebensmodell Jean-Jacques Rousseaus ist dabei unverkennbar. Klarsichtig empathisch notiert Chamfort: „Über J. J. Rousseaus Hang zur Einsamkeit darf man sich nicht wundern. Solche Seelen müssen sich allein finden und einsam leben wie der Adler; aber wie er finden sie in der Höhe ihres Flugs und der Weite des Blicks den Reiz der Einsamkeit.“[6]
Hier artikuliert sich ein Mitfühlender, der die Materie aus eigener Erfahrung kennt und alle ihre Implikationen auch denkerisch erfasst hat. Ihm ist bewusst, dass ein Leben in stiller Zurückgezogenheit, in Kontemplation und schöpferischer Kreation sehr verlockend sein kann und jene Glückseligkeit in sich birgt, die aus dem entstehenden Denk- oder Kunstwerk emaniert. Fast schon zynisch-misanthropisch fügt Chamfort seine Würdigung erhärtend an anderer Stelle hinzu: Man ist in der Einsamkeit glücklicher als in der Welt. Kommt es nicht daher, dass man in der Einsamkeit an die Dinge denkt, in der Gesellschaft aber an die Menschen denken muß?“[7]
Während die Einsamkeit als ein Medium zum wahren, zum vollständigen Philosophieren gesehen wird, erscheint ein konventionelles Leben nach den Spielregeln der Gesellschaft als eine Art Ablenkung von der Wahrheitsfindung, als eine Ausbremsung des strengen Denkprozesses. Einsamkeit bedeutet also Freiheit des Subjekts und Emanzipation von den Vereinnahmungen durch das soziale Umfeld.
Chamfort war einer der heftigsten Kritiker der gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit und, im krassen Gegensatz zu dem konservativen Rivarol, ein enthusiastischer und glühender Befürworter der Französischen Revolution. Aus seinem Bekenntnis zur Einsamkeit kann deshalb auch eine doppelte Enttäuschung herausgelesen werden – die durch den Menschen und die durch die Gesellschaft. Chamfort war jedoch kein Außenseiter, der aus dem Verborgenen heraus agierte wie etwa der - heute fast schon vergessene - „französische Moralist“ Vauvenargues, ganz im Gegenteil: Er war als Schriftsteller erfolgreich, ein einflussreiches Akademiemitglied und außerdem ein profunder Kenner der aristokratischen Schicht. Kurz – Chamfort war etabliert – und seine Worte und Einschätzungen hatten Gewicht.

2.4. Abkehr von der Gesellschaft, melancholische Heimsuchungen, Vereinsamung und Menschenhass


Nach einigen Rückschlägen im persönlichen Bereich durchlebte Chamfort längere Phasen der Schwermut, melancholische Heimsuchungen, die ihn mehr und mehr der Gesellschaft entzogen. Die traditionelle Welt der Aristokratie wurde ihm bald ebenso fremd wie die neuen politischen Verhältnisse nach den Umwälzungen der großen Revolution. Konsequenterweise zog sich Chamfort gezielt zurück, wie viele Melancholiker durch die Jahrhunderte auch, zunehmend zur Misanthropie neigend.
In einem seiner „Moralischen Gedanken“ greift er erneut das für ihn in der Spätzeit immer wichtiger werdende Thema Einsamkeit auf und stellt die anthropologische Grundhaltung in den eigenen biographischen Kontext: „Als ich jung war und mich von der Gewalt der Leidenschaften in die Welt ziehen ließ, um in der Gesellschaft und ihren Freuden Zerstreuung von grausamen Seelenqualen zu finden, predigte man mir Liebe zur Einsamkeit, zur Arbeit und quälte mich bis zur Ermüdung mit pedantischen Redensarten über dieses Thema. Vierzig Jahre alt, frei von den Leidenschaften, welche die Gesellschaft erträglich machen, nur noch deren Elend und Nichtigkeit betrachtend, bedarf ich auch nicht mehr der Welt, um Qualen zu übertäuben, die ich nicht mehr fühle. Mein Gefallen an der Einsamkeit und an der Arbeit ist sehr groß geworden und hat alles Übrige aufgesaugt. Ich gehe nicht mehr in die Gesellschaft. Und jetzt quält man mich unaufhörlich, zurückzukehren. Man beschuldigt mich des Menschenhasses usw. Was soll man aus diesem wunderlichen Widerspruch schließen? Dass die Menschen das Bedürfnis haben, alles zu tadeln.“[8]
Die Existenz in Einsamkeit ist kein Mittel, um natürliche Leidenschaften zu hemmen, Triebe abzutöten oder Gefühle einzuschränken, vor allem nicht bei jungen Menschen in der Entwicklung; Das dauerhafte Verharren in dem Extrem-Zustand ist eher ein Modus vivendi des reiferen Menschen, der seine Emotionen bereits im Griff hat und der auch Zustände von Trauer und bedrohlicher Schwermut zu bewältigen weiß. Die Lust an der Einsamkeit steigert sich umso mehr, je deutlicher dem Einzelnen seine Befreiung von den Zwängen der Gesellschaft - und somit die eigene Freiheit - bewusst wird. Mit seinen fast schon verbittert klingenden Ausführungen nähert sich Chamfort immer eindeutiger der existenziellen Haltung seines gesellschaftskritischen Zeitgenossen Rousseau an. Er fühlt, dass die Gesellschaft endgültig versagt hat, die alte Ordnung ebenso wie die neue: das lange erstrebte Humanum, idealisiert in den Werten „Liberté, Egalité, Fraternité“ wurde im „Grand terreur“ der Revolution erstickt.

2.5. „Ein Philosoph, ein Dichter, sind fast notwendig Menschenfeinde“Chamforts Rechtfertigung von Misanthropie und Melancholie.


An anderer Stelle wird die eigene Misanthropie auf einer höheren Ebene gerechtfertigt. Zynisch vermerkt Chamfort: „Ein Philosoph, ein Dichter, sind fast notwendig Menschenfeinde. Erstens, weil ihr Geschmack und ihr Talent sie zum Studium der menschlichen Gesellschaft veranlassen, eine Beschäftigung, die fast immer das Herz angreift. Zweitens, weil ihr Talent fast nie von der Gesellschaft belohnt und nur im besten Fall nicht bestraft wird, und das steigert noch ihre Melancholie.“[9]
Ist die Schwermut also auch ein Produkt vielfacher Enttäuschung durch die Gesellschaft? Manch einer aus der großen Familie der Melancholiker empfand dies so. Oft ist die Enttäuschung des nicht verstandenen, schöpferischen Individuums durch sein soziales Umfeld nur ein katalysierender Faktor, ein Auslöser, der sowohl den Rückzug in die Einsamkeit als auch das Aufkommen von Melancholie begünstigt. Die Frage nach der Bedeutung des Einsamkeit- und Melancholie-Erlebens für die Gruppe der französischen Moralisten lässt sich nicht eindeutig beantworten. Je mehr Texte man einbezieht, in welchen der Phänomen-Komplex unmittelbar erörtert wird, desto deutlicher wird: Die Lebensform Einsamkeit wird ihre positive Wertigkeit behalten, obwohl sie nicht mehr die überragende Stellung einnimmt, die sie einst bei den Vorbildern innehatte. Bei La Rochefoucauld, von Nietzsche zum Meister der psychologischen Sentenz apostrophiert, wird die Melancholie-Diskussion über existenzielle Begleitphänomene weitergeführt, speziell über die Thematisierung der „Langeweile“. Bei Vauvenargues kommt noch das Phänomen der „Verzweiflung“ dazu. Trotzdem bleibt die Einsamkeit für Vauvenargues ein ambivalenter Zustand, dessen Nachteile es zu ertragen gilt, eine Art Modus vivendi in Unfreiwilligkeit. Anders als Montaigne, der das zurückgezogene Leben uneingeschränkt bejaht, anders als der eremitenhaft existierende Rousseau, der die Weltflucht und das Leben in Abgeschiedenheit pathetisch verteidigt, ja verherrlicht, findet weder bei Vauvenargues noch bei Chamfort diese einseitige Glorifizierung der Einsamkeit statt. Chamfort nimmt sie schließlich fatalistisch an, weil er sie dem durch und durch uneigentlichen Sein in der Gesellschaft vorzieht. Aber auch er huldigt ihr nicht wirklich.



[1] Die französischen Moralisten, La Rochefoucauld, Vauvenargues, Montesquieu, Chamfort, Rivarol, Die Aphorismenbücher in vollständiger Gestalt, Verdeutscht und herausgegeben von Fritz Schalk, Wiesbaden o. J.
[2] Die französischen Moralisten, S. 142.
[3] Zitiert nach: Wolf Lepenies: Melancholie und Gesellschaft, Frankfurt 1969. (In einem der Briefe Lenaus an Sophie von Löwenthal wird sich der Gedankengang des Schreibenden aus der Einsamkeit heraus fast wörtlich wiederholen.)
[4] Die französischen Moralisten, S. 157.
[5] Ebenda.
[6] Ebenda, S. 264.
[7] Ebenda.
[8] Ebenda, S. 271.
[9] Ebenda, S. 290.




Leseprobe aus: Carl Gibson, Koryphäen der Einsamkeit und Melancholie in Philosophie und Dichtung aus Antike, Renaissance und Moderne, von Ovid und Seneca zu Schopenhauer, Lenau und Nietzsche.



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Inhalt des Buches: 


Carl Gibson


Koryphäen
der
Einsamkeit und Melancholie
in
Philosophie und Dichtung
aus Antike, Renaissance und Moderne,
von Ovid und Seneca


zu Schopenhauer, Lenau und Nietzsche


Carl Gibson

Koryphäen
der
Einsamkeit und Melancholie
in
Philosophie und Dichtung
aus Antike, Renaissance und Moderne,
von Ovid und Seneca
zu Schopenhauer, Lenau und Nietzsche





Das 521 Seiten umfassende Buch ist am 20 Juli 2015 erschienen. 

Carl Gibson

Koryphäen
der
Einsamkeit und Melancholie
in
Philosophie und Dichtung
aus Antike, Renaissance und Moderne,
von Ovid und Seneca
zu Schopenhauer, Lenau und Nietzsche


Motivik europäischer Geistesgeschichte und anthropologische Phänomenbeschreibung – Existenzmodell „Einsamkeit“ als „conditio sine qua non“ geistig-künstlerischen Schaffens


Mit Beiträgen zu:

Epikur, Cicero, Augustinus, Petrarca, Meister Eckhart, Heinrich Seuse, Ficino, Pico della Mirandola, Lorenzo de’ Medici, Michelangelo, Leonardo da Vinci, Savonarola, Robert Burton, Montaigne, Jean-Jacques Rousseau, Chamfort, J. G. Zimmermann, Kant, Jaspers und Heidegger,


dargestellt in Aufsätzen, Interpretationen und wissenschaftlichen Essays

1. Auflage, Juli 2015
Copyright © Carl Gibson 2015
Bad Mergentheim

Alle Rechte vorbehalten.


ISBN: 978-3-00-049939-5


Aus der Reihe:

Schriften zur Literatur, Philosophie, Geistesgeschichte
und Kritisches zum Zeitgeschehen. Bd. 2, 2015

Herausgegeben vom
Institut zur Aufklärung und Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Europa, Bad Mergentheim


Bestellungen direkt beim Autor Carl Gibson,

Email: carlgibsongermany@gmail.com

-         oder regulär über den Buchhandel.

„Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit!“ – Das verkündet Friedrich Nietzsche in seinem „Zarathustra“ als einer der Einsamsten überhaupt aus der langen Reihe illustrer Melancholiker seit der Antike. Einsamkeit – Segen oder Fluch?

Nach Aristoteles, Thomas von Aquin und Savonarola ist das „zoon politikon“ Mensch nicht für ein Leben in Einsamkeit bestimmt – nur Gott oder der Teufel könnten in Einsamkeit existieren. Andere Koryphäen und Apologeten des Lebens in Abgeschiedenheit und Zurückgezogenheit werden in der Einsamkeit die Schaffensbedingung des schöpferischen Menschen schlechthin erkennen, Dichter, Maler, Komponisten, selbst Staatsmänner und Monarchen wie Friedrich der Große oder Erz-Melancholiker Ludwig II. von Bayern – Sie alle werden das einsame Leben als Form der Selbstbestimmung und Freiheit in den Himmel heben, nicht anders als seinerzeit die Renaissance-Genies Michelangelo und Leonardo da Vinci.

Alle großen Leidenschaften entstehen in der Einsamkeit, postuliert der Vordenker der Französischen Revolution, Jean-Jacques Rousseau, das Massen-Dasein genauso ablehnend wie mancher solitäre Denker in zwei Jahrtausenden, beginnend mit Vorsokratikern wie Empedokles oder Demokrit bis hin zu Martin Heidegger, der das Sein in der Uneigentlichkeit als eine dem modernen Menschen nicht angemessene Lebensform geißelt. Ovid und Seneca verfassten große Werke der Weltliteratur isoliert in der Verbannung. Petrarca lebte viele Jahre seiner Schaffenszeit einsam bei Avignon in der Provence. Selbst Montaigne verschwand für zehn Jahre in seinem Turm, um, lange nach dem stoischen Weltenlenker Mark Aurel, zum Selbst zu gelangen und aus frei gewählter Einsamkeit heraus zu wirken.

Weshalb zog es geniale Menschen in die Einsamkeit? Waren alle Genies Melancholiker? Wer ist zur Melancholie gestimmt, disponiert? Was bedingt ein Leben in Einsamkeit überhauptWelche Typen bringt die Einsamkeit hervor? Was treibt uns in die neue Einsamkeit? Weshalb leben wir heute in einer anonymen Single-Gesellschaft? Wer entscheidet über ein leidvolles Los im unfreiwilligen Alleinsein, in Vereinsamung und Depression oder über ein erfülltes, glückliches Dasein in trauter Zweisamkeit? Das sind existenzbestimmende Fragen, die über unser alltägliches Wohl und Wehe entscheiden. Große Geister, Dichter, Philosophen von Rang, haben darauf geantwortet – richtungweisend für Gleichgesinnte in ähnlicher Existenzlage, aber auch gültig für den Normalsterblichen, der in verfahrener Situation nach Lösungen und Auswegen sucht. Dieses Buch zielt auf das Verstehen der anthropologischen Phänomene und Grunderfahrungen Einsamkeit, Vereinsamung, Melancholie und Acedia im hermeneutischen Prozess als Voraussetzung ihrer Bewältigung. Erkenntnisse einer langen Phänomen-Geschichte können so von unmittelbar Betroffenen existentiell umgesetzt werden und auch in die „Therapie“ einfließen.

Carl Gibson, Praktizierender Philosoph, Literaturwissenschaftler, Zeitkritiker, zwölf Buchveröffentlichungen. Hauptwerke: Lenau. Leben – Werk – Wirkung. Heidelberg 1989, Symphonie der Freiheit, 2008, Allein in der Revolte, 2013, Die Zeit der Chamäleons, 2014.






ISBN: 978-3-00-049939-5