Sonntag, 20. Januar 2013

Am Born der Freiheit, bei der Liga für Menschenrechte



Am Born der Freiheit, bei der Liga für Menschenrechte




Am Place d’Italie quetschte ich mich durch die Metrotür, rannte die Treppen hoch, hinauf ans Licht, an die Luft, sah mich um, fand die Adresse, den Eingang ohne Klingel und ohne Sicherheitscodierung, stieg weiter noch ein paar abgetretene Holztreppen hoch bis in das zweite oder dritte Stockwerk des Altbaus, klapperte die Türschilder der Wohnungen ab und pochte schließlich an eine arg verschlissene Holztür. Nach einigen Augenblicken des Abwartens wurde mir geöffnet. Vor mir stand eine Dame nicht viel älter als ich, eine angenehme Erscheinung. Sie reichte mir die Hand und forderte mich mit charmantem Lächeln auf, ihr zu folgen. Etwas schüchtern kam ihrer Bitte nach und betrat die Etagenwohnung, wo mich der Historiker ebenso freundlich begrüßte. Zurückhaltend sah ich mich um. Es war ein zweckdienliches Ambiente, in dem gelebt und zugleich gearbeitet wurde. Und es war die Anlaufstelle, ein Ort der Zusammenkünfte und der Begegnung. Zwei, drei Freunde waren schon da, weitere sollten gleich eintreffen. Gleich wurde ich bekannt gemacht. Dialoge entwickelten sich. Wir redeten … Hier fand ich Menschen, deren Alltag tatsächlich noch von Ideen und Idealen ausgefüllt wurde; und dies im materialistischen Westen. Also gab es sie doch noch jene selten gewordene Spezies, Ausnahmeexistenzen, die nicht nur dem Geld hinterher rannten! In dieser ganz normalen Mietwohnung trafen sich die Mitglieder der französischen Liga für Menschenrechte in Rumänien zu regelmäßigen Konsultationen. Der Spiritus rector der losen Vereinigung war Hausherr Mihnea Berindei, ein ausgewiesener Türkeiexperte, dessen Vater Dan Berindei sich bereits in der etablierten Historikerzunft als nationaler Kommunist einen Namen gemacht hatte. Er war ein unbestrittener Mann des Systems in Bukarest, einer der die offizielle Geschichtsschreibung nicht nur mittrug, sondern diese sogar mit viel Geschick förderte und zementierte, indem er Phänomene tendenziös interpretierte und manches sogar nach Art der Kommunisten willkürlich umschrieb. Ein paar deutsche Landsleute aus Siebenbürgen und dem Banat, servile Opportunisten, die gerne die Welle ritten und bewusst mit dem Strom schwammen, scheuten sich nicht, es ihm gleichzutun. Doch was wusste ich bis dahin vom Gastgeber, der sich vor einigen Jahren nach einer Türkei-Forschungsreise in den Westen abgesetzt hatte und nunmehr in Paris lebte? Nicht viel! Gerüchte? Legenden bestenfalls? Angeblich entstammte er einer gutbürgerlichen Familie aus Bukarest, die schlimme Erfahrungen mit dem Stalinismus machen musste. Die Mutter soll als Angehörige einer Bevölkerungsschicht mit ungesunder sozialer Herkunft, wie es im Stalinismus hieß, viele Jahre an dem Schreckensort Jilava unter extremen Haftbedingungen verbracht haben. Darüber schrieb sie später ein Buch. Mihnea Berindei, angeblich im Gefängnis geboren, hatte den Forschungsaufenthalt genutzt, um dem Kommunismus und der offiziellen Historiographie den Rücken zu kehren. Doch wer hatte ihm die Ausreise in die kapitalistische Türkei ermöglicht? Das fragen zum Teil verleumderische Zungen auch heute noch vehement, die in ihm, dem Wissenschafter ohne Curriculum und vollständige Biographie, einen genial platzierten Perspektivagenten der Securitate erkennen wollen.

Seit den Siebzigern wirkte der Historiker in Paris und beteiligte sich in der Stadt an der Seine an dem Wiederaufbau der Liga für die Verteidigung der Menschenrechte in Rumänien. Von Frankreich aus soll er sich dann auch öffentlich vom linientreuen Vater distanziert haben, indem er ihm eine bewusste Kollaboration mit dem kommunistischen System vorwarf. Scheinbar kam es zum Bruch zwischen beiden, was die Glaubwürdigkeit von Mihnea Berindei unter Beweis stellte. An seiner Integrität zu zweifeln, hatte ich jedenfalls keinen Grund. Also vertraute ich ihm damals uneingeschränkt, vor allem beeindruckt von seiner Soldarisierungsgeste während unserer Haft, als er vier junge Franzosen aus Lyon auf Erkundungstour nach Temeschburg entsandte.

Es war sicher kein Zufall, dass sich auch dieses frühe Opfer des Stalinismus für die Einhaltung der Menschenrechte in Osteuropa engagierte, wie sie nach der KSZE-Konferenz in Helsinki kodifiziert worden war. Zusammen mit Maria Brătianu, Anne Planche und anderen ehrenamtlich engagierten Mitarbeiten, die ihre Kraft und Freizeit für Verfolgte einsetzten wie höhere Wesen, die geschickt werden, um irdische Leiden zu lindern, koordinierte Berindei den Fluss der Informationen vor allem aus Rumänien und versorgte damit die französischen Presseagenturen. Das waren konkrete, überprüfbare Fakten.

Die Zeitschrift L’Alternative, die er zusammen mit dem liberalen Editor Francois Maspero herausgab, bot ihm eine weitere Plattform, seine oppositionelle Arbeit fortzusetzen. In einer der gerade vorbereiteten Sondernummern Roumanie. Crise et repression wurden die jüngsten Menschenrechtverletzungen für die westliche Öffentlichkeit erstmals umfassend dokumentiert. Als ich nunmehr für kurze Zeit in den Kreis trat, fühlte ich mich interessiert aufgenommen, doch nicht als Person, sondern als oppositioneller Akteur, als Widerständler, der eine Bewegung mit entfacht und koordiniert hatte, als frisch exilierter Repräsentant der antikommunistischen Opposition in Rumänien.


Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit


Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe









Zeitzeuge und Autor Carl Gibson


Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat




Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel







 

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