Sonntag, 20. Januar 2013

Dinner für Zwei


Dinner für Zwei



Nyula hatte noch ein Rendezvous am Abend. Bevor sie sich zu ihrem Treffen aufmachte und in den Club ging oder auch nur in den Pub, ganz genau wollte ich es nicht wissen, stand unser Dinner an. Augenblicke zuvor war die Küche noch kalt. Jetzt aber, kaum zwei Minuten darauf, bimmelte die Mikrowelle begleitet von Nyulas Stimme, die mir einladend zurief:„Dinner is ready, Carl!“

Menu surprise! Nyula kredenzte mir tatsächlich einiges von den Köstlichkeiten, die der englische Küche zu jener sprichwörtlichen Berühmtheit verhalfen: ein Thunfischsandwich als Vorspeise und dann als Krönung insulanischer Kulinaristik- eine aufgewärmte Fleischpastete als Hauptgang, die vorher im Kiosk beim Inder um die Ecke gekauft worden war!

Die Fleischpastete dampfte, und ich verzog die Nase. Es war mir unmöglich, das unappetitlich duftende Ding zu verzehren. Popa-Şapca-Alpträume wurden wach. Der anwidernde Duft der Arpakaschsuppe kam wieder hoch und mit ihm ein altes Ekelgefühl. Nur war der Ekel diesmal anderen Ursprungs. Was tun, ohne unhöflich zu wirken? Das Gericht verschmähen konnte ich ebenso wenig wie es in heroischer Selbstüberwindung hinunterzuwürgen. Not macht erfinderisch! Während Nyula mir für Momente den Rücken zuwandte, um noch etwas aus der Küche zu holen, nahm ich das komische Fleischküchlein im Teigmantel, wickelte es in eine Serviette und verstaute es schleunigst in der Seitentasche des Jacketts voller Zuversicht, es so bald wie möglich in den nächsten Mülleimer werfen zu können. Als Nyula wiederkam und leicht konsterniert vermutete, die Delikatesse sei längst verschlungen, blieb mir nur noch die Flucht in die Heuchelei. Einem modernen Gentleman gleich, der eines sagt und ganz anders handelt, bedankte ich mich artig für das reichhaltige Abendmahl, inständig hoffend mein Minenspiel werde der Scheinheiligkeit folgen.

Doch gerade als ich erleichtert aufatmete, froh darüber, der feinschmeckerischen Heimsuchung und potentiellen Fleischvergiftung entronnen zu sein, sprang ihr kleiner Schoßhund, ein liebenswürdiger, drahtiger Yorkshire-Terrier, zu mir auf den Stuhl hoch und fing an, an meiner Jackentasche herumzuschnuppern. Das Hündchen mit dem merkwürdigen Namen Judge Tim drang ins Verborgene vor und war fast schon dabei, losbellend den Strolch zu entlarven. Nun war ich ertappt - und die Täuschung würde gleich auffliegen?! Peinlich!

Was blieb mir anders üblich, als plötzliches Unwohlsein vorzutäuschend auf die Straße zu stürzen, nach dem widerlichen Ding zu greifen und es mit aller Wucht, ohne mögliche Folgen zu bedenken, einfach über eine Mauer zu werfen, hinein in einen Strauch verblühter Heckenrosen im nachbarlichen Garten. Die edlen Pflanzen hatten das sicher nicht verdient. Doch ich handelte aus Notwehr!

Nur gut, dass ich nicht auch noch etwas von der Soße genommen hatte! Wie hatte schon mein geistiger Gewährsmann Voltaire die englische Küche einst charakterisiert? Die Insulaner hätten hundert Religionen, doch nur eine Sauce! Das war boshaft untertrieben! Inzwischen, nach zwei Jahrhunderten, hatte Nyula sogar zwei davon: eine weiße und eine braune - und dazu noch weißen Toast und braunen. Das alles hätte ich haben können! Nach der lukullischen Eskapade, die nicht sättigender wirkte als das opulente Diner in Paris, atmete ich auf, heilfroh darüber, dass mir weitere endemische Köstlichkeiten erspart blieben.

Nachdem die ahnungslose Nyula gegangen war, kehrte Ruhe ein. Meditative Stille. Zufrieden und mit der Welt versöhnt nippte ich gelegentlich an dem Gläschen Weinbrand, genoss das neu einsetzende Getrommel und starrte lange in die Glut. Endlich war ich allein und bei mir, allerdings in einer fremden Stadt. War ich auch einsam, gar vereinsamt? Oder war das nur ein Topos, ein Archetypus für das Sein als Verlassensein?

Leichte Melancholie kam auf und eine Ambivalenz der Gefühle. Sweet melancholy? Was war zarter als Melancholie - und was war schrecklicher? Was war süßer und was herber? Robert Burton, der Hypochonder, hatte hier an den Ufern der Themse verzweifelt darüber sinniert und mancher Dichter der Elisabethanischen Zeit ebenso - auch Shakespeare, der geniale Christopher Marlowe in seinem Faust und die luziferischen Dichter der Schwarzen Romantik. Was war die Zeit? Vergänglichkeit!

Irgendwann schlief ich halbversöhnt ein. Nur war die Couch recht kurz und hart. Letztendlich verbrachte ich dann doch eine recht unruhige Nacht, garniert mit neuen Alpträumen aus der Gefängniszeit, mit Schreckensbildern aus der Welt der Schlangen und Basilisken. Das Unterbewusstsein reinigte sich auf seine Weise. Als ich frühmorgens unausgeschlafen und gerädert aufwachte, hatte ich eine verzogene Wirbelsäule und ein steifes Genick. Also passte ich in die Landschaft der Griesgrämigen in der City, die allesamt die Werke Schopenhauers verinnerlicht zu haben schienen. Das Leben war Leiden, auch für die Nichtbuddhisten am Ufer der Themse.

Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit



Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe






Zeitzeuge und Autor Carl Gibson


Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat




Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel










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