Sonntag, 20. Januar 2013

In Gedanken … an Beckett, an das Rumänische Dreigestirn … und an ein Heidegger-Wort


In Gedanken … an Beckett, an das Rumänische Dreigestirn … und an ein Heidegger-Wort



Die Pflicht trieb mich wieder an und der Gedanke, von hier aus noch einiges bewegen zu können. Zunächst galt es, mit jenen Charakteren Kontakt aufnehmen, die sich um uns gekümmert hatten, als wir, fast vergessen, exponiert und ausgeliefert in der engen Zelle saßen; die, unbeeindruckt durch die rüde Securitate, sich in Temeschburg nach uns erkundigt hatten; und die all das, was sie im Gespräch mit unseren Freunden vor Ort erfuhren, in unzähligen Artikeln in der französischen Tagespresse veröffentlichten.

Spätnachmittags gegen sechs Uhr stieg ich wieder hinab in die modernen Katakomben von Paris, boxte mich durch die Menschenmengen und bestieg eine Metro zum Place D’Italie, in dessen Nähe der Historiker wohnte. Die Untergrundbahn ratterte los. Ein merkwürdiger Gestank stieg mir in die Nase. Es roch nach verbranntem Gummi. In den Ohren zischten die Bremsen. An eine Stange geklammert, inmitten von Menschen aus allen Ländern der Erde, bunt durcheinandergemischt wie im Sitzungssaal der Vereinten Nationen, studierte ich mein Umfeld. Es erinnerte daran, dass Frankreich einst eine bedeutende Kolonialmacht war. Das Erbe kolonialer Ambitionen stand um mich herum: Menschen aller Rassen und Hauptfarbe mitten im Existenzkampf auf der Suche nach einem Dach und einem Baguette; Maghrebinier aus Marokko, aus Algerien und Tunesien, Menschen aus dem Herzen Afrikas, Vietnamesen und bestimmt auch Rumänen, die weder durch ihre Hautfarbe, noch durch ihr Aussehen im zivilisierten Westen auffielen. Securitate-Schergen sollen in der Fremdenlegion untergekommen sein, sagte man. Wer erkannte schon Legionäre, wenn sie kein weißes Käppi, kein Nackentuch und keine sandbraune Uniform trugen?!

Die Menschheit wuchs zusammen, in einem Staat, in einer Nation. Doch meine Gedanken entschwirrten, umkreisten vertraute Namen und richteten sich auf Personen, die ich bald kennen lernen sollte. Irgendwo weit über mir in einem Appartement verschanzte sich Ionesco hinter dem Schreibtisch, ein ängstlicher alter Mann, der humoreske Literatur fabrizierte. Vielleicht brütete er, inzwischen zur Melancholie neigend, gerade über seinem Alterswerk, dem Roman Le solitaire, das Werk eines Vereinsamten, das mir erst später in die Hände fallen sollte. Auch die Tagebücher aus dieser Zeit bezeugen sein einsames Ringen um Geist und Kunst als Kampf des oft Unverstanden - tragisch auch dies.

Und der andere Protagonist des Absurden, Samuel Beckett, der Ire, der vergessen hatte, seinen Nobelpreis abzuholen, lebte auch noch, ebenfalls irgendwo hier in Paris, nur noch zurückgezogener als der Rumäne!?

Gab es nur noch Misanthropen? So erweckte es den Anschein! Denn in einer anderen Spelunke in der Rue de l’ Odeon meditierte Cioran über die missratene Schöpfung, über die Gipfel der Verzweiflung und über den Nachteil, geboren zu sein.Existentieller Ekel und Weltskepsis an einem Ort der Hoffnung? Der Nihilismus machte sich breit, auch nach Nietzsche und Heidegger und zog manchen Denker in seinen Bann - auch Cioran! Einiges von ihm hatte ich angelesen. Sein an Montaigne geschulter aphoristischer Stil lag mir. Und ich las ihn in der Verlängerung Schopenhauers und eben Nietzsches, in Auseinandersetzung mit den beiden und mit dem europäischen und fernöstlichen Nihilismus, fasziniert von der Aussage des Augenblicks und der unsystematischen Haltung, die ihn mit Nietzsche verbindet.

Inzwischen pilgerten einige Freunde des Geistes zu ihm hoch, auch aus Deutschland, wie einst, lange vor dem letzten Krieg, andere in die Bukarester Mansarde des jungen Eliade gepilgert waren. Der Dichter und philosophische Schriftsteller Dieter Schlesak hat einiges aus seinen Dialogen mit Cioran festgehalten und aufgezeichnet, darunter vieles, was mich selbst bewegte.

Hätte nun auch ich die Treppen zu ihm hinaufsteigen sollen? Aus Eitelkeit vielleicht, um mich an dem bekannten Namen hinauf zu ranken wie der Efeu an dem Wirt, um mich selbst aufzuwerten über fremdes Licht und fremden Schein als angehender Philosoph aus Rumänien? Worüber hätten wir überhaupt geredet? Der uneinholbare Meister der Skepsis im ungleichen Dialog mit einem ungelehrigen Schüler, der nicht an allem zu zweifeln bereit war, weil er nicht an allem zweifeln durfte?

Und was war mit Mircea Eliade? Weilte er noch in Paris oder hatte es ihn inzwischen ganz nach Chicago verschlagen, wo eine Professur auf ihn wartete? Worüber forschte er im Augenblick? Über Archetypisches? Über Mythen? Symbole? Schamanen? Oder Scharlatane? Über den Fisch im Wasser oder die Alchemie der Rosenkreuzer, über mein und unser aller Kreuz und über meine Rose? Über Feuer und Asche?

Oder gar über das Ei des Basilisken, das noch nie gelegt worden war. Oder doch? War das Böse nicht doch in der Welt angekommen? Unter der Tarnkappe wie Siegfried, der Nibelungenheld aus Xanten? Verkappt als Legion der Guten?

Eliade beschäftigte mich vielfach wie auch Cioran. Beide waren sie Originale und philosophieorientierte Schriftsteller, wie ich selbst einer sein wollte. Für linke Kritiker waren die einstigen Mansardenfreunde nur reaktionäre Denker wie ihr Vorbild Joseph de Maistre, geistig getarnte, verkappte Legionäre, alte Anhänger faschistischer Denkweisen, die keine Kraft gefunden hatten, um sich von den Irrungen und Wirrungen ihrer Jugend zu distanzieren.

In der Rückschau Eliades erwartete auch ich einige Antworten auf unausgeräumte Vorwürfe - und eine Art geistig-moralische Reinwaschung. Schließlich war Eliade als das mit Abstand bekannteste Gesicht des rumänischen Exils im Westen für viele geistesgeschichtlich interessierte Menschen eine Ikone und ein Vorbild. EliadesErinnerungen waren gerade bei Gallimard erschienen, Rückblenden aus der Zeit 1907 - 1937 unter dem Titel Les promesses de l’exinoxe. Die deutsche Übersetzung folgte bald darauf. Bereits hatte ich darin geblättert, den Werdegang verfolgt, seinen Weg nach Indien und zurück, die Lehr- und Wanderjahre und dabei viel Neues und viel Verwandtes entdeckt: Viel über die geistige Welt der Vorkriegszeit im monarchischen Rumänien, über die Anfänge der Anthroposophie in jenem Raum, über ausgeprägte Rezeption deutscher Literatur und Geistesgeschichte, vor allem aber über sehr verwandte Entwicklungsschritte im pubertären Alter auf dem Weg vom Mythos zum Logos. Der stets wissensdurstige Eliade stand mir als faustische Natur näher als Cioran, der als überkonsequenter Skeptiker an allem zweifelte, der selbst den Sinn der Schöpfung in Frage stellte. Während Cioran, der sich noch deutlicher als Nietzsche jeder Systematisierung entzog, nur einen momentanen Geistesblitz anbot, der mit dem nächsten Gedanken schon verrauschte, konnte ich von Eliade noch viel lernen. Cioran wirkte oft destruktiv, ja nihilistisch während Eliade stets zum Weiterdenken einlud. Sein faustischer Impetus war mir wesensgemäß vertraut - und ich war damals auch geistig bereit dazu, einzelnen Ideen zu folgen. Doch Antworten auf den Faschismusvorwurf fand ich keine in den Erinnerungen. Eliade vermied es beharrlich, sich zu rechtfertigen, wie auch Heidegger einer direkten Rechtfertigung seiner Haltung als Rektor nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten stets aus dem Weg gegangen war.

Wer groß denkt, kann groß irren!

Und wer unter die Götter aufsteigt, erhebt sich über die Moral. Aber die Wahrheit kann uns auch frei machen! Eliade ignorierte, scheinbar über den Dingen stehend, die berechtigten Aufklärungserwartungen und zog es vor, sich nicht zu Vorwürfen zu äußern. Weshalb? Hatte er vielleicht doch ein schlechtes Gewissen? Befürchtete er einen braunen Fleck auf der untadeligen Weste des Wissenschaftlers?

Doch welchen Wert haben die schönsten Elogen der Freiheit, wenn Individuen wie Heidegger und Eliade totalitäre Systeme duldend befürworteten, indem sie nicht vehement widersprechen? Den Vorwurf, den ich den Dichtern vor meiner Haustür machte, die keine Dissidenten sein wollten und es vorzogen, mit der Macht zu paktieren, duldsam und untätig, in innerer Emigration und Passion, den müssen sich auch die Philosophen anhören. Für sie gilt er noch mehr, weil sie anders der Wahrheit verpflichtet sind als die Dichter, die nach Nietzsche, seit Platon, der auch ein Dichter war, bekanntlich lügen! Das Wesen der Wahrheit ist die Freiheit, lehrt Heidegger - und der Rest, sagt Hamlet, ist Schweigen!

Cioran stellte sich der Diskussion und redete, Eliade hingegen schwieg beharrlich. Und so wie schon manche Philosophen vor, neben und nach ihm, wohl nach dem alten Satz der Rumänen: Dacă tăceai, filosof rămăneai! Hättest du geschwiegen, wärest du ein Philosoph geblieben. Eben weil er weiterhin als Denker gelten wollte.

Nur Ionesco, weitaus weniger in nationalistische Zeitströmungen verstrickt, handelte konkret, während ich im stinkenden Lärm der Metro philosophierte, diesmal mit einer schwarzen Wand vor den Augen, die ich sah, wenn ich an den Insassen vorbei durch das Fenster blickte.


 Carl Gibson


Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit


Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe









Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat




Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel












 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen