Montag, 21. Januar 2013

Rastatt - Freiheit und Revolution

 

Rastatt - Freiheit und Revolution



Von Nürnberg aus reiste ich mit der Bahn quer durch den Süden Deutschlands nach Rastatt, an jenen Ort, wo der Kampf deutscher Patrioten für Freiheit und Menschenrechte im Jahr 1849 als Badische Revolution bereits in die Geschichte eingegangen war. Dort hat das Land Baden-Württemberg sein provisorisches Aufnahmelager für Heimkehrer, Vertriebene und Flüchtlinge eingerichtet, auch für mich. Die unerquickliche Nacht verbrachte ich in einer Massenunterkunft in einem Raum zusammen mit drei frei gekauften Personen aus der DDR. „Hast du Mal einen Zwanni für mich? Wir wollen ausgehen und haben noch kein Begrüßungsgeld erhalten?“ sprach mich einer der beiden stark tätowierten Burschen an, ein jovialer Rüpel, der nach langer Abstinenz gerade eine turbulente Nacht mit der Freundin verlebt hatte. Man gab sich emanzipiert. Der unfreiwillige Voyeur störte keinen. Die beiden ehemaligen Häftlinge schienen ganz gewöhnliche Kriminelle zu sein. Sie hatten einige Jahre im Gelben Elend zubringen müssen, bevor sie für einen stattlichen Betrag von der Bundesrepublik freigekauft worden waren. Hunderttausend Deutsche Mark und mehr konnte der Arbeiter- und Bauernstaat Honeckers für einen gewöhnlichen Strafgefangenen erlösen, der aus der Sicht der Bundesrepublik Deutscher und immerhin ein Mensch war. Der Betrag entsprach dem Zehnfachen dessen, was der geldgierige Ceauşescu für einen Banater Schwaben oder einen Siebenbürger Sachsen erlöste - modern times, auch hier. Kannte ich meine Pappenheimer? Der einzige wesentliche Unterschied zu den Straftätern aus dem Temeschburger Knast bestand darin, dass diese hier deutsch redeten - und ihnen die langen Mähnen und Schnurrbärte nicht wegrasiert worden waren. „Wie stellt ihr euch das neue Leben in der Bundesrepublik vor, eure Zukunft?“ wollte ich wissen, so von Knacki zu Knacki.

„Bundesrepublik?“höhnte der große Blonde mit dem buschigen Schnauzer. „Hier haben wir keine großen Pläne. Wir brauchen nur noch Papiere. Dann geht’s ab nach Djibuti!“

„Nach Djibuti?“ wunderte ich mich und fragte ungläubig nach:„Nach Djibuti in die Wüste, im Golf? Was wollt ihr denn in Djibuti?“

„Mäuse machen, richtig Mäuse machen … Kohle machen … Asche machen!“ ereiferte sich der kleine Stämmige künftige Freuden schon auskostend.

Asche? Kombinierte ich. War das nicht ein Symbol der Reinigung, des Verfalls, des Nullpunkts. Christen reinigten sich mit Asche an Aschermittwoch, als Erinnerung an Jesus! Asche, das war doch jene Essenz, die zurücklieb, wenn das Feuer verbrannt und die letzte Glut verglüht war; wenn die Liebe tot war und die Leidenschaft; ein Mittel, mit dem Agni sich einbalsamierte, der Feuergott der Hindus - und sie war das Element, aus dem Phönix, mein Lieblingsvogel, zu neuem Leben emporstieg! Konsterniert blieb ich zurück. Das war wieder einmal eine Lehrstunde über die Ambivalenz der Symbole - und über die Botschaft, die im Mythos liegt.

Geld, immer nur Geld - Mittel zur Freiheit oder Voraussetzung zur Versklavung? Die Werte rotierten wie die Wahrheiten. Geld. Auch das war eine Motivation, in die Bundesrepublik einzureisen - oder, dies schien mir wahrscheinlicher - nur aus der DDR auszureisen. Selbstverwirklichung über Geld?

Was gab es eigentlich in Djibuti, was so verlockend klang? Erdöl, andere Kohlenstoffe, Diamanten? Exotische Tiere, deren Schmuggel in den Westen so lukrativ war? Oder gar die französische Fremdenlegion, die dort eine Basis unterhält? Die, nach formaler Läuterung, alles Gesindel aufnimmt, das bereit ist, alle Brunnen zu vergiften und auf Befehl jeden zu töten? Ich fand es nie heraus. Schließlich war es unwichtig. Das Kohlemachen hatte für mich überhaupt keine Priorität.

Freiheit für Geld - wie tief konnte ein Mensch sinken oder eine Gesellschaft, die den Mammon verabsolutierte? Der Tanz um das goldene Kalb - war er nicht schon einmal schwer bestraft worden?

Die wenigen Tage in Rastatt waren schnell verrauscht. Neben der Besichtigung der Schlossanlagen mit rascher Rückbesinnung auf die Ideale derFreiheit und der Badischen Revolution erledigte ich noch jene Behördengänge, die aus mir in nur wenigen Tagen einen vollständigen Bürger der Bundesrepublik Deutschland machen sollten.

Eltern und Bruder lebten inzwischen im Remstal, genauer in Schorndorf, dem Geburtsort des genialen Konstrukteurs Gottlieb Daimler. Dort sahen wird uns wieder, ohne viel Pathos. Schorndorf blieb dann auch für einige Jahre parallel zu den Studienorten Erlangen, Tübingen und Freiburg ein zweitheimatlicher Fixpunkt mit zahlreichen freundschaftlichen Kontakten und kulturellen Aktivitäten. Kaum ein Jahr nach ihrer Umsiedlung aus Sackelhausenzogen meine Eltern für viele Jahre in das nahe, auch an der Rems gelegene Plüderhausen, das gleich neben Waldhausen liegt. Wie sich die Dinge fügten. Von Hausen nach Hausen. Formal hatte sich fast nichts verändert. So schien es.

In kurzer Zeit neigte sich der Verwaltungskram, der mehr und mehr meine neue Identität festigte und mir vermittelte, wer ich eigentlich sein sollte, seinem Ende zu. Schon nach Tagen wurde mir ein Personalausweisausgehändigt; dann bekam ich einen Reisepass gültig für alle Staaten der Welt, eineEinbürgerungsurkunde; einen lindgrünenFlüchtlingsausweis; dann folgte die Anerkennung als Heimkehrer, dank derer - in der Art einer ausgleichenden Gerechtigkeit für die Haft - mir der anstehende Dienst an der Waffe erspart blieb; schließlich die Anerkennung als ehemaliger politischer Häftling. Für meine Haftzeit wurde mir eine stattlich staatliche Entschädigung zugesprochen, eine Mark pro Tag - das ergab die stolze Summe von 182 Mark. Dieser Betrag reichte gerade aus, um ihn gleich in ein so genanntes Tramper-Ticket der Bundesbahn zu investieren, das mir die Möglichkeit bot, bald darauf ausgiebig und weit durch die Bundesrepublik zu reisen und auch Ecken zu erkunden, die ich sonst nie angesteuert hätte.

Einige Zeit später stockte die Stiftung für ehemalige politische Häftlinge den bescheidenen Betrag auf und bewilligte mir, dem Abiturienten und angehenden Studenten, eine Eingliederungsbeihilfe von 2200 Mark, Mittel, die ich dankbar annahm und auch gut zur Finanzierung weiterer Menschenrechtsaktivitäten gebrauchen konnte. Nachdem ich alle Formalitäten erledigt und alle Dokumente in einem Ordner verstaut hatte, war ich endlich ein vollwertiger Mensch und Bürger, der in die Gesellschaft eintreten konnte. Jetzt konnte ich endlich auch antreten, lange erstrebte Freiheiten zu genießen und das künftige Leben frei und sinnvoll zu gestalten, ganz so, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Eigentlich hatte ich mir viel vorgenommen. Doch vor den egoistischen Interessen erwartete mich die Pflicht. Einigen Leidensgefährten hatte ich gewisse Dinge versprochen - und diese Zusagen gedachte ich auch zu halten.

Die eigentliche Aufgabe war noch nicht abgeschlossen; sie ging weiter.

Ich war froh und dankbar, dass alles so eindeutig war; und dass ich in meinem bisherigen Widerstand, klar positioniert auf einer Seite stand, die mir die Richtige erschien - und nicht im Zweifel und Selbstzweifel wie viele deutsche Widerstandskämpfer, wie Graf Schenk von Stauffenberg, der sich vor seiner mutigen Tat zwischen Werten entscheiden musste, zwischen Gehorsam und absoluter Loyalität und der von einer Notwendigkeit diktierten Pflicht, handeln zu müssen. Welcher Patriotismus ging vor? Den Führer am Leben zu lassen, wozu der Eid verpflichtete oder die Pflicht, das Vaterland zu retten, indem er auch gegen eines der höchsten Gebote des Christentums verstieß? Stauffenberg handelte; und er handelte nach immensen Gewissenskonflikten - richtig! Mir war dieses Dilemma erspart geblieben. Dafür war ich sehr dankbar.

Während manche linke Idealisten aus meinem früheren Umfeld die offiziellen Linken bekämpfen mussten, die Staatskommunisten, die im Gegensatz zu den Weltverbesserern bereits zu strammen Rechten mutiert waren, war unser Widerstand einfacher einzuordnen, mit einem klaren externen Feindbild wie bei Partisanen oder der Résistance.

Die Pflichtethik hatte mein gesamtes bisheriges Handeln bestimmt. Das Erreichen des persönlichen Glücks war nur ein erster Antrieb gewesen, ein Stimulans zum Hinauf. Der Weg selbst hatte dann aber gezeigt, dass egomanisches oder egozentrisches Handeln nicht alles ist - und dass ein utilitaristisches Glück, das Individuum und Welt miteinander versöhnt, auch über die Pflicht erreicht werden kann. Manchmal wird aus Freiheit Pflicht. Manchmal aus Pflicht auch Unfreiheit! Dagegen erkannte ich in meiner Freiheit ab jetzt die Chance, noch höher zu steigen und im Überindividuellen, im Altruistischen der eigenen Existenz noch mehr Sinn zu geben. Doch nicht als Pflicht gegenüber dem Staat - dem kältesten aller Ungeheuer - sondern als Pflicht gegenüber dem Menschen. Das war meine Schlange, die sich in den Schwanz biss; meine Ewige Wiederkehr des Gleichen - und definitiv meine Versöhnung von Christentum und Philosophie.


 Carl Gibson
 
 
 
Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit



Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe






Zeitzeuge und Autor Carl Gibson


Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat




Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel












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