Sonntag, 20. Januar 2013

Vom Kuschen und vom Ducken und vom stillen Triumph


Vom Kuschen und vom Ducken und vom stillen Triumph



Am nächsten Tag entschlossen wir beide uns zu einer legeren Schifffahrt auf dem Tegel-See, um Berlin aus der Wasserperspektive zu betrachten. Auf dem Schiff hielt Gerhard mir wieder einen seiner längeren Vorträge im Stil jener aus der Wohnküche und erklärte mir alle Details, die Berlin betrafen, so ausführlich, wie er mir früher die Struktur der Welt geschildert hatte.

Er war immer noch der geborene Referent. Nur war ich inzwischen der Hörerrolle entwachsen. Wenn ich ihm im vitalen Überschwang massiv widersprach und dabei meinem hitzigen Temperament freien Lauf ließ und, ohne Rücksicht auf mein zivilisiertes Umfeld im Großstadtberlin, meine Meinung offen kundtat, auch ohne groß auf Freiherr von Knigges Empfehlungen Rücksicht zu nehmen, pfiff mich mein früherer Mentor zurück wie einen Schulburschen. „Sei doch nicht so laut!“ flüsterte er dann beschwichtigend, als hätten wir Staatsgeheimnisse zu verbergen. Wir waren fürwahr nicht mehr in Sackelhausen auf dem Misthaufen, wo es noch lauter zuging und unmittelbarer, doch was war mit der Berliner Schnauze? Die vornehmsten waren diese Wilhelminer nicht!

Dabei wollte ich doch nur meine Freiheit auskosten und genießen, anstatt brav zu kuschen. Gerhards zur Räson rufender Appell kam mir diesmal etwas deplatziert, ja geradezu grotesk vor - und er amüsierte mich mehr, als dass er mich kränkte: Ironie des Schicksals - der einsame Wolf, der endlich seine Höhle hatte verlassen dürfen, sollte nun in freier Wildbahn den Schweif einziehen? Der unangepasste, immer noch ausgeprägte Nonkonformist, sollte sich wieder ducken, fügen, unterordnen, um nicht aufzufallen? Der Anarchist sollte zum Kastraten mutieren!? Und dazu noch ein klein wenig heucheln, wo doch alle irgendwie heuchelten, weltanschaulich wie gesellschaftlich!? Und das in der freien Stadt Westberlin. Galt das das nicht eher für die Zone und die Hauptstadt der DDR?

Was hatte ich zu verbergen? Was hatte ich der offenen Gesellschaft, wo mich offensichtlich, niemand mit Ohr und Blick verfolgte, vorzuenthalten? Nichts! Freisein heißt, frei reden - und recht laut, damit alle, die Ohren haben auch hören was die andere Seite zu sagen hat. Duckmäuserisch herumschleichen in einer freien Welt - und schweigen, wenn das Reden angesagt war? Fügsamkeit, Kuschen, Duckmäusertum -das waren die Schlüssel zur Diktatur und die Gefängnisse des Geistes. Jenseits der Mauer waren solche Tugenden gefragt! Doch selbst kuschen und hier? Nie wieder!

Dazu hatte ich überhaupt keine Lust. Nie wieder wollte ich mich ducken müssen, vor keiner Autorität und Instanz, vor keinem Staatsanwalt und keinem Richter! Zwar zuckte ich, als der Affront kam, zunächst zurück wie eine unsanft berührt Mimose; doch mehr überrascht und irritiert von der Mahnung, aber nicht getroffen. Und ich fügte mich nicht, auch nicht aus Rücksicht. Weshalb auch? Inzwischen war aus mir, dem alten Knastbruder, ein Raubein der Dissidenz geworden, ein Haudegen und ein verwegener Pirat des Geistes, dem einiges auf das Kerbholz eingeritzt worden war, der auf vier, fünf äußerst turbulente und intensivst erlebte Jahre zurück blickte, nicht selten angesiedelt zwischen Sein und Nichts, zwischen Aktion und Passion, zwischen Manie und Depression, zwischen Elegie und Euphorie. Jetzt aber war ich endlich frei!

Und frei wollte ich auch für alle Zeiten bleiben!

Wie hatte es Kurt Tucholsky, ein Berliner, ausgedrückt? Wer die Freiheit nicht im Blut hat, wer nicht fühlt, was das ist: Freiheit - der wird sie nie erringen. Und vor ihm Goethe ähnlich: Wer es nicht fühlt, der wird es nicht erjagen! Sie hatte ich inniglich gefühlt, als ich sie leidenschaftlich erstrebte - und jetzt, wo ich sie hatte, wollte ich sie nie wieder loslassen, hergeben, eintauschen, für nichts in der Welt, selbst für die größte Liebe nicht! Frei ist der Mensch, weil er frei sein will!

Ja, tief war es gefühlt. Gerhard war zwar immer noch sechs Jahre älter als ich. Doch der Entwicklungsvorsprung, den ihm die Natur als dem Frühergeborenen eingeräumt hatte, war inzwischen zusammengeschrumpft. Damit war auch seine Autorität geschwunden und dahin, jene als Dichter und die als souveräner Geist - alles war weg. Nur hatte er es noch nicht bemerkt.

Die Jahre der Opposition hatten Spuren hinterlassen. Selbstbewusster war ich geworden, reifer und noch kritischer im Bezug auf die Linken aller Couleur, die langsam moralisch ins Hintertreffen gerieten, während mit Reagan, Thatcher und Kohl der antikommunistische Konservativismus in der Welt eindeutig auf dem Vormarsch war. Darüber hinaus war ich inzwischen auch viel lässiger geworden; getragen von der Überzeugung, dass sich letztendlich meine konservative Weltauffassung durchgesetzt hatte, mein gesunder Patriotismus und mein Festhalten an der deutschen Identität, nicht aber die Vision der Marxisten, die ungeachtet des fest betonierten, ideologisch unflexiblen Ostblocks immer noch an den Sieg der kommunistischen Weltrevolution glaubten.

Die Mauer, wo einst Kennedy seine berühmten Worte gesprochen hatte und deren Niederreißen Reagan bald einfordern sollte, war immer noch das scharf anklagende Gegenargument: open this gate - tear down this wall - forderte es Reagan später im plain speach in seinem Appell an Michail Gorbatschow ein wie einer, der das moralische Recht auf seiner Seite weiß. Der russische Präsident sollte ihm entgegen kommen, ihm die Hand reichen und handeln. Doch das war noch fernste Zukunft.

Die persönlichen Umstände Gerhards in Kreuzberg waren asketisch. Das behagte mir, da ich selbst ein Asket war, dessen Prioritäten ungeachtet aller barocken Lebensfreude zum Geistigen hin strebten und zur Kunst. Aus Sackelhausen stammend, hausteer damals, nicht viel anders als ich seinerzeit in Rottweil, auf dem Sprung und aus dem Koffer zehrend, auf einem Trampolin ins Nichts, mitten im Türkenviertel, in Klein-Ankara, in einer Mietskaserne, mehr als provisorisch in einem leeren Zimmer, im dem es, neben einem chaotischen Haufen Bücher, nichts anderes gab als eine Schlafstelle und ein tragbares Fernsehgerät.

Zu meiner Überraschung schaltete er es ein und suchte gleich nach der Aktuellen Kamera, immer noch kapitalismuskritisch und skeptisch ausgerichtet. Nur das Ostfernsehen, meinte er, würde die tatsächlichen Hintergründe der Hausbesetzungen und der Studentenproteste in Kreuzberg offen legen. Er war sich also immer noch treu geblieben und lebte, leicht desillusioniert vielleicht, wie andere Mitglieder der einstigen Aktionsgruppe Banatjene Haltung weiter, die sie mir in Temeschburg vorgelebt hatten: Die Utopie eines linken Weltbilds, das mir nicht viel reeller erschien als die Phantastereien der Spartakisten vor der Freien Universität. Die Freiheit von Forschung und Lehre, deren Grenzen ich bald selbst ausloten durfte, und die Freiheit zur Destruktion lagen dicht beieinander.



Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit



Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe






Zeitzeuge und Autor Carl Gibson


Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat




Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel











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