Montag, 21. Januar 2013

Kleine Welt


Kleine Welt


 

Als ich am Spätnachmittag in die Baracke zurückkehrte, traute ich meinen Augen nicht. Bekannte Gesichter! Und dazu noch aus Sackelhausen! Vor mir standen zwei Brüder aus der Hauptgasse unseres Heimatdorfs, ehemalige Sympathisanten unserer Freien Gewerkschaft in Temeschburg. Sie hatten die Gründungsurkunde zwar nicht unterzeichnet; doch hatten sie sich in einer mündlichen Solidarisierungsbekundung der Bewegung angeschlossen, vermutlich erst dann, als ich schon verhaftet war.

Viele waren damals noch mit aufgesprungen auf den fahrenden Zug in die Freiheit, mit dem sicheren Gespür, so die Ausreise erzwingen zu können. Ganz andere Trittbrettfahrer der Bewegung meldeten sich erst nach vielen Jahren, nach dem Umsturz, als jede Gefahr gewichen war.

Das beherzte und solidarische Mitwirken hatte den beiden Brüdern eine bakschischfreie Ausreise ermöglicht. Welch ein Zufall, Helmut und - wie sollte er anders heißen- Hans hier und jetzt anzutreffen! Ich war verblüfft und zugleich erfreut. Sie hatten einiges gewagt; und sie hatten auch einige Ohrfeigen im Securitate-Verhör erdulden müssen, auch Psychoterror, Drohungen und Ängste aller Art. Doch dafür waren sie nunmehr frei - und frei von Schulden! Eine schöne Begegnung - ein erfreuliches Wiedersehen mit Menschen aus der Heimat, die ich eigentlich nie richtig kennengelernt hatte. Nun gab es Gelegenheit, ein paar Stunden miteinander zu verbringen und noch einmal die Stunden in der Folterkammer der Securitate Revue passieren zu lassen.

Den jüngeren der Brüder hatte ich das letzte Mal gesehen, als man ihn während meines Verhörs kurz in den Raum schob, um mich zu identifizieren. Damals hatte er feuerrote Ohren und zerzauste Haare, wirkte eingeschüchtert und ängstlich wie ein zierliches Kaninchen beim Anblick der Schlange. Jetzt stand er als freier Mann vor mir. Er wirkte glücklich. Das Durchstehen der Maulschellen hatte sich gelohnt! Alle Wege standen ihm nun offen.

Also hatte sich die Widerstandsaktion, unser gesamter Einsatz, auch praktisch gerechnet! Auch für andere. Das war späte Genugtuung für die erduldete Haft. War doch alles gut eingerichtet in der besten aller Welten?

Gegen Abend besuchte ich mit den Brüdern einen ihrer Bekannten in Nürnberg, der ebenfalls aus einem Banater Dorf stammte und in einem Hochhaus lebte. Es wurde ein gemütliches Beisammensein. So vollzog sich während eines rustikalen Abendessens bei ungarischer Salami, eingelegter Paprika und pappig süßem Rotwein, umgeben von Menschen aus der alten Heimat, in kaum erst verflossene Reminiszenzen vertieft, der Eintritt in die neue Gesellschaft. Allzu viele Details konnten wir nicht vertiefen. Doch ließ mich der Umstand dieser schnellen Ausreise beider Sympathisanten auch für alle anderen Zurückgebliebenen hoffen, speziell für Erwin, der noch als eine Art Geisel festgehalten wurde, vielleicht auch als eine Versicherung der rumänischen Machthaber, die mich dadurch von aufklärerischen Aktivitäten abhalten wollten.


 Carl Gibson
 
Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit


Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe






Zeitzeuge und Autor Carl Gibson


Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat




 

Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel








 
 

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