Montag, 21. Januar 2013

Sonntag - oder: von der Freiheit eines Christenmenschen

Sonntag - oder: von der Freiheit eines Christenmenschen


Der nächste Tag war ein Sonntag. Ein trauriger Sonntag? Ein Sonntag mit zuviel Einsamkeit und Melancholie? Ein Sonntag, an dem man sich nach verrauchter Zigarette von der Brücke stürzte, weil das Leben keinen Sinn mehr machte? Nein! Die traurigen Töne der Geige waren weit. Ein neuer Tag des Glücks sollte es werden! Aber auch ein Tag der Einkehr und der Selbstfindung, so ähnlich wie ich ihn nach meiner Entlassung in der Michaelskirche erlebt hatte, den Blick dankbar zum Himmel gerichtet. Ich war davongekommen und entsprungen - gerettet. Bevor es am Montag weiterging hinein ins Ländle und hindurch bis in das badische Land nach Rastatt unweit des Rheins, gab es nichts mehr zu tun. Mit einem Zwanzig-Mark-Schein Begrüßungsgeld im Portemonnaie war ich kein armer Mann und frei. Ein kleines bisschen reicher wäre auch nicht schlecht gewesen. Doch ich stand ja erst am Anfang meiner kapitalistischen Lebensphase. Nutze den Tag, dachte ich wie Generationen von Mönchen vor mir und ging wieder los, vom Zufall gesteuert und ohne bestimmtes Ziel auf die menschenleere Altstadt zu.

Was war los in Deutschland? Wo war der Corso? Wo waren die Menschen? Ausgestorben? Wie nach einem Atomschlag oder nach dem Wüten einer neuzeitlichen Pandemie? Solch eine Leere hatte ich noch nie erlebt. Die Einsamkeit muss groß sein in diesem Land, dachte ich. Wurde es doch ein trauriger Sonntag? Wo war die nächste Brücke oder der höchste Turm? Die gesamte Gesellschaft schien mir auf Einsamkeit ausgelegt und auf Vereinzelung. Saß jeder in seiner Stube und brütete vor sich hin?

Mein Weg in die Mitte der Stadt führte mich zur Lorenzkirche, wo gerade ein evangelischer Gottesdienst abgehalten wurde. Orgelmusik drang an mein Ohr. Viele Gründe hätte ich gehabt, mit einzutreten und ein Dankgebet zu sprechen; in das Singen von Psalmen einzustimmen, zu frohlocken und zum Kreuz hochzublicken, das mein Symbol war und mein Weg im Hoffen und Erleiden; ein Zeichen, das bisher den Kampf definiert hatte und die Passion. Doch ich verzichtete darauf. Nicht aus Missachtung und oberflächlicher Ignoranz, die einen beschleicht, wenn man eine schwierige Situation überwunden hat und einen dabei die metaphysische Hilfestellung undankbar vergessen lässt, sondern als Freigeist, der sich unmittelbar zum Höheren hin definiert, das er in sich trägt.

Die Freiheit des Christenmenschen vor Gott, die den Nürnberger Protestanten seit Luthers Zeiten vertraut ist, die direkte Verantwortung vor dem Gewissen und der höchsten metaphysischen Instanz war mir, dem zum Katholiken erzogenen Menschen, näher als die Mediation der Institution Kirche. Das protestantische Gotteshaus vor meinen Augen erschien mir als ein Ort der Glaubensgemeinschaft, wo andere, die tiefer in der Religion verwurzelt waren, Trost suchten, während für mich, den Einsamen auf Wanderschaft, die Kirche nicht mehr war als ein Ort der stillen Einkehr, ein Refugium, das den Weg der Freiheit zu Gott und somit den Dialog mit Gott mit ermöglichte.

Wie oft hatte ich, den Blick zu den Sternen erhoben, jene Fidelio-Passage vor mich hin gesummt: wir wollen mit Vertrauen, auf Gottes Hilfe bauen Wir werden frei, wir finden Ruh! Rettung! Jetzt war es soweit: Ich stand mitten in einer großen Stadt, die fremd war und doch heimisch und genoss den dumpfen Klang der Glocken aus der Ferne, die anderswo das Ende eines Gottesdienstes einläuteten.

Doch Gott war überall. Und wenn er im Herzen war, das lehrte schon Meister Eckhart, bedurfte es der Kirche nicht. Also blieb ich draußen vor der Schwelle und lauschte der musischen Andacht der Anderen. Als sie verklungen war und die ersten Messebesucher aus dem Gotteshaus strömten, zog auch ich weiter und kehrte kurz danach in ein typisches Gasthaus ein, das mir ein entgegenkommender Kirchgänger, ein freundlicher Franke in Sonntagstracht, empfohlen hatte.

In der Gaststätte tätigte ich meinen ersten kapitalistischen Umsatz, indem ich die mich mild anblickende Tucherfrau, die mir als pekuniäres Begrüßungsgeschenk gereicht worden war, in einen Schweinebraten mit Kloß und in ein fränkisches Rauchbier umwandelte. Wie gewonnen, so zerronnen! Alles Schall und Rauch, auch hier? Andere Landsleute hätten mit dieser stolzen Summe gleich einen Bausparvertrag abgeschlossen oder ein Grundstück anbezahlt, während ich der Sinnlichkeit frönte und die Vergänglichkeit aller Dinge zelebrierte. Vielleicht war ich tatsächlich nur eine unstete Existenz, ein Libertin des Geistes, ein verkappter Künstler und Ästhet, der nie zum bürgerlichen Leben taugte?

Dann suchte ich aber doch nicht nach der ersten Brücke, sondern ich ließ mich, körperlich und seelisch gefestigt, von der Atmosphäre der Stadt berauschen, an deren Universität ich kaum zwei Jahre später meine Studien aufnehmen und in deren Historie ich mich noch mehrfach vertiefen sollte.

Reste der großen Zeit im Spätmittelalter waren noch zu erkennen; ein paar Hinweise auf Hans Sachs … Auch einige, noch nicht ganz vernarbte Wunden des letzten Krieges, die entsprechende Assoziationen wachriefen, von den traumatischen Aufmärschen auf dem monumentalen Parteitagsgelände bis zu den Nürnberger Prozessen, die den Endpunkt einer langen Politik- und Kriegstradition markierten. Hatte der Krieg als Mittel der Politik ausgedient? Waren die Eroberungskriege der Weltgeschichte, die ganze Völker in die Versklavung gestürzt hatten, endlich vorüber? Und brach nun endlich das Zeitalter der Menschrechte an, die Zeit des Völkerrechts und der friedlichen Konfliktlösung? Die Zeit des ewigen Friedens, an der schon Kant laborierte?


 Carl Gibson



Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit


Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe










Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat




Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel






 

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