Mittwoch, 16. Januar 2013

Expressionist Ion Caraion - ein Klassiker der rumänischen Literatur, essayistisch porträtiert von Carl Gibson


Vor Lausanne:

Gedanken an Ion Caraion -

Stimme der Freiheit und nationales Gewissen?

Eine Apologie!



Zum Glück brauchst du Freiheit, zur Freiheit brauchst du Mut. Perikles


Hier lebte seit einiger Zeit Ion Caraion, einer der großen Lyriker und Essayisten Rumäniens, der gerade erst zum Verlassen seiner Heimat gedrängt worden war. Nachdem wir uns vor einiger Zeit im literarisch-politischen Umfeld kennengelernt hatten, tauschten wir jetzt Briefe aus und Ideen.

Caraion war gerade damit beschäftigt, einen Essay für die von mir mitkonzipierte und kaum erst in die Welt gesetzte Kulturzeitschrift nomen zu verfassen. Mir schwebte ein Beitrag vor, in welchem die großen, schon etablierten Namen des rumänischen Exils im Mittelpunkt stehen sollten; von der Koryphäe Mircea Eliade, dem auch die Hauptlast der Kulturrepräsentanz der Rumänen im Westen aufgebürdet worden war, über den eigenwilligen Cioran, der nicht mehr rumänisch schrieb und sich auch von den Geschicken seines Herkunftslandes innerlich gelöst hatte, bis hin zu dem schwer greifbaren, doch sympathischen und politisch für die Sache des Ostens sehr engagierten Ionesco. Aus diesen Vorgaben schuf Caraion den Essay Der Konflikt zwischen dem Bleibenden und dem Vergehenden und somit den gemeinsamen Versuch, mit einem entsprechenden Auftakt den Kulturbeitrag der Rumänen zur europäischen Geistesgeschichte der Neuzeit in das Bewusstsein einer breiteren Allgemeinheit zu rücken - als Paukenschlag.

Wie andere Schriftsteller, Dichter und Kulturschaffende aus dem ehemaligen Ostblock verstanden auch wir uns als Brückenbauer und Mediatoren zwischen den Kulturen und konzentrierten uns dabei auf die Vermittlung von Themen, die im Westen nicht ganz präsent waren. Mein frühes Lenauporträt in nomen tendierte in die gleiche Richtung. Caraion, ein Meister des literarischen Essays, ging noch über meine Anregungen hinaus und plante die Ausweitung seines Beitrags zu einem größerem Projekt als Serie mit einem vertieften literaturhistorischen Einstieg, beginnend mit Tristan Tzara und anderen frühen Exilsschriftstellern bis hin zu Paul Celan, den er mit entdeckt und als Freund gefördert hatte. Über den Protagonisten des Absurden Eugène Ionesco, über den Mythenforscher Mircea Eliade und den Radikalskeptiker Emil Cioran, der aufgrund früherer reaktionärer Denkweisen bei vielen Intellektuellen in Ungnade gefallen war, also über weitgehend etablierte Namen, die als Persönlichkeiten der Geistesgeschichte, doch nicht als Rumänen bekannt waren, wollte er später noch vertieft eingehen.



Am Präsidentenpalast in Bukarest











Brückenbauer und Apostel der Freiheit - Tzara, Celan …



Seinerzeit hatte ich speziell diese wohlklingenden Namen gewählt, weil jeder von ihnen das teilweise äußerst bittere Leben im Exil dem geistig ohnmächtigen Leben unter totalitären Verhältnissen vorgezogen hatte. Statt sich der geistigen Knechtschaft zu unterwerfen, hatten sie alle den Weg der Freiheiteingeschlagen, um im Westen ein Werk zu schaffen, das ideell unterschiedlich, doch in seinem Wesen frei war. Ihre Werke wurden seit Jahrzehnten in unterschiedlichen Sprachen im Westen verlegt, vor allem in Deutschland und Frankreich- und jedermann konnte ihre Bücher im Buchhandel an der Straßenecke erwerben oder in der Bücherei ausleihen. Sie waren inzwischen Teil der freien Welt geworden. Wer war prädestinierter über diese Autoren und ihre Werke zu schreiben als Ion Caraion, ihr Zeitgenosse und Wegbegleiter, der selbst viele Jahre für das freie Wort eingetreten war und dafür bitter gebüßt hatte. Ein Grund, an Caraions Integrität zu zweifeln, hatte ich damals nicht.

Doch was verband mich mit den großen Namen? Was schätzte ich an ihrer Haltung, an ihrem Ethos, an der Botschaft ihres Werkes?

Tsara- das war der unbedingte Mut zum Experiment.

Celan- das war die Kraft, an der deutschen Sprache fest zu halten, nach dem Unfassbaren, an der Tradition der Dichter und Denker festzuhalten.

Cioran- der Nietzsche-Enthusiast und notorische Neinsager, über Schopenhauer hinaus, der gefährliche Denker und Provokateur - er widerstand den Verlockungen der bürgerlichen Gesellschaft und ihren Preisen und Ehrungen, ohne sich vereinnahmen zu lassen. Dafür lebte er konsequent über Jahrzehnte in bitterster Askese zwischen Einsamkeit und Melancholie wie nur noch Diogenes der Hund, um seine Freiheit zu wahren und die Freiheitseines Denkens, und somit eine Haltung, die vielen gegen den Strich geht, eben weil sie kompromisslos und gnadenlos ist.

Etwas von dieser Kompromisslosigkeit in geistigen Dingen hatte ich selbst durchlebt und dabei auch den Schmerz des Verzichts kennengelernt. Ihn zu ertragen, indem vielen Eitelkeiten widerstanden wurde, empfand ich als bewusstes Leben. Und Eliade?

Ein Bekannter aus Heidelberg, mit dem ich in kurzer Zeit einige hundert Briefe austauschte, über Literatur und über Gott und die Welt, übersetzte gerade eines seiner Bücher über einen Hasenmythos der Indianer; was faszinierte mich an ihm? Er war fast am gleichen Tag geboren wie ich; ein Fisch, der es mit allen konnte; er war ein Bücherwurm, wie auch ich einer war, ohne damals je seinen Namen gehört zu haben; er rezipierte Papini mit der gleichen Begeisterung, wie ich es tat - und er praktizierte die Alchemie des Wortes - die seltene Kunstfertigkeit, aus Stroh Gold zu spinnen, wie ich sie so oft im Leben auch anwenden musste, um nahe an der Literatur in Würde zu überleben.

Eliade war eine faustische Natur; einer, der alles wissen wollte, von den Untiefen des Alchemischen und dem Urgrund der Wesenheit bis in die höchsten Sphären der Metaphysik. Er war ein Erkenntnis suchender Geist und zugleich eine archaischer; er war ein äußerst produktiver Schriftsteller, der gerne und viel schrieb, der im Rausch schrieb, der in einer Woche einen Roman verfasste, während andere ein Exposé entwarfen, der zwanzig Werke plante, während andere über Jahre an einem herumdokterten; ein Dionysiker, ein Mann des Ekstatischen, der auch im Taumel Werke schuf - aber er war auch ein Forscher von Weltruf, ein Wissenschaftler par excellence und ein offener Freigeist, der ging, als er die Freiheit bedroht sah - wie ich auch ging und Caraion und andere.

Eliades Erinnerungen klingen mit den Worten aus: Und trotzdem spürte ich, dass wir uns der Periode näherten, die ich vorausgesehen und seit meiner Studienzeit gefürchtet hatte, die Periode, die ich in meinem Innern „die Zeit, in der wir nicht mehr frei sein werden zu tun, was wir wollen,“nannte. Es handelte sich dabei nicht um die Sehnsucht nach einer anarchischen und asozialen Freiheit, sondern um die Freiheit, gemäß unser eigenen Berufungen und Möglichkeiten schöpferisch tätig zu sein. Im Grunde genommen ging es um die Freiheit, „Kultur zu machen“, die einzige Freiheit, die ich vorläufig ausschlaggebend hielt für uns Rumänen. Zu dem Zeitpunkt, als sich der Himmel über Rumänien verfinsterte, um lange Jahre der Diktaturen einzuleiten, einer monarchischen, einer braunen und einer blutroten, im Jahr 1937, versiegte auch die Freiheit. Eliade ging - und ihm folgten viele.

Mich selbst sah ich als vorläufigen Endpunkt einer langen Tradition freiheitlicher Bestrebungen, die anhalten und unbedingt weiter geführt werden mussten. Die Freiheit sollte auch für alles Künftige das Leitmotiv werden, die Bedingung, ohne die nichts geht und aus der alles emaniert. Denn 1981 standen die Reihen der Kommunisten noch eng geschlossen; und von der nahen Freiheit war noch kein Windhauch zu spüren. Rumänien war fern, isoliert, für viele unbedeutend und wurde genauso ignoriert wie die dort erbrachten intellektuellen Leistungen der wenigen wahren, aufrechten Intellektuellen, die noch nicht resigniert hatten und unter den Bedingungen eines totalitären Systems weitermachten.



Kirche, Bukarest







Auszug aus: Carl Gibson,

Symphonie der Freiheit

Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

Chronik und Testimonium einer Menschenrechtsbewegung

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe,

Foto: Carl Gibson




Der Wahlverwandte



Caraion hatte sich kaum erst mit Frau und Kind in den Westen abgesetzt, verweilte kurz in Frankreich und fand dann rasch in der Schweiz politisches Asyl. Er kam, knappe zwei Jahre nach meiner Ausreise, der eine Verurteilung wegen anarchischer und asozialer - sprichnichtsozialistischer Umtriebe vorausgegangen war.

Zunächst sah ich in Caraion nur den homo litteratus, den Dichter, den virtuosen Literaturanalytiker und Vermittler, weniger den politischen Menschen, der zunehmend mehr in die Rolle des antikommunistischen Dissidenten schlüpfte. Als Poet und Literat litt Caraion darunter, dass die poetischen Leistungen, die in einer engen, schwach verbreiteten Sprache erbracht werden, nicht adäquat rezipiert und gewürdigt wurden. Als Mensch kränkte es ihn aber noch mehr, dass auch die Botschaft, die aus den Diktaturen des Ostens herüber schallte, genauso wenig gehört wurde wie das literarische Wort: Ich schreibe aus der Überzeugung heraus und für die Überzeugung, dass keine Kunst innerhalb der Grenzen des Kompromisses konzipiert werden kann - und außerhalb der Freiheit. Wenn wir nicht in der Lage sind, für unseren Glauben zu sterben, bedeutet dies, dass wir überhaupt keinen Glauben haben und dass wir innerhalb unserer Kunst nicht mehr zählen als geweißte Grabsteine, sagte er in einem Gespräch mit Vahé Godel, das im Februar 1982 in der Tribune de Genèveerschien. Die Temeschburger Linken um Herta Müller und Richard Wagner, die im Kompromiss verweilten und dort, wo sie kritische Akzente setzen wollten, den falschen Feind fokussierten, hätten diese Haltung beherzigen können. Und die meisten etablierten Schriftsteller im Land ebenso.

DieFreiheit der Kunst war Caraion ein hohes Anliegen, weil aus ihr die Freiheitund Selbstbestimmung des Individuums resultieren. Lenau hatte seinerzeit am französischen Vorbild orientiert genauso argumentiert. Und ich fühlte in den Jahren der politischen Opposition ebenso. Diese Haltung, die Caraion schon während der Zeit der rechten Diktatur aufrecht erhielt, damals als Pazifist mit klarer Poesie gegen den Krieg; dieses Ethos, das ihn bald darauf, nachdem der erste Enthusiasmus des Ausbruchs in eine neue Zeit, die ihn erfasst hatte, verflogen war, auch mit den Kommunisten in schwere Konflikte brachte, bestimmte unsere Wesensverwandtschaft. Wir verstanden uns, wie es den Anschein hatte, auf Anhieb, weil wir von den gleichen Ideen und Aspirationen getragen wurden. Ion Caraion, ein Männlein mit einem enigmatischen Blick, schwach und zerbrechlich, der eher dafür geschaffen schien, einen Federkiel zwischen den Fingern zu halten als auf den Barrikaden zu kämpfen, war ein Linker, der zum Teil von Repräsentanten der rechten Exillandschaft, die schon lange im Westen lebten, argwöhnisch beäugt wurde. „Was willst du eigentlich mit diesem Caraion?“ hielt mir eines Tages ein Konservativer vor und ergänzte verächtlich: „Das ist doch ein Kommunist, ein Ultralinker und dazu noch privilegiert … er war einer der wenigen Schriftsteller, die je in den Westen reisen durften, er, als Repräsentant der Sozialistischen Republik … “

Aus dem antifaschistischen Widerstand kommend hatte Caraion an der Begründung der Zeitung Scînteia - der Funke - mitgewirkt und war einige Zeit Redakteur dieses Sprachorgans der Kommunistischen Partei. Das machte ihn einigen konservativen Exilanten suspekt. Trotzdem war er gleichzeitig ein scharfer Kritiker jener selbst erklärten Kommunisten gewesen, die sich inzwischen sehr weit von dem einst erstrebten idealistischen Weg entfernt und das Land in totalitäre Verhältnisse gesteuert hatten.

Während andere ihn auch als potentiellen Informanten des rumänischen Geheimdienstes Securitate mieden, denn eine Absetzung mit Frau und Kind war alles andere als alltäglich, sah ich in ihm damals nur den Verfolgten, den stigmatisierten Literaten und Humanisten, der elf Jahre Gefängnishaft hinter sich hatte. Für welches Vergehen oder Verbrechen? Gesinnungshaft für das Verfassen von zwei Essays, Die Krise des Menschen und die Krise der Kultur, skurrilerweise auch für die Weigerung, überhaupt nicht mehr publizieren zu wollen und bald darauf für die Edition einer als kosmopolitisch verschrienen Edition sowie für die offen formulierte ideologische Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Kommunismus: sprich - für eine scharfe Zunge, für freie Gedanken und für ein freies Wort. Der Dichter hatte mir damals eine Selbstcharakterisierung zukommen lassen- in seiner unverwechselbaren und deshalb auch nur schwer fälschbaren Handschrift, deren Aussagen ich glaubte.

Als der ehemalige Illegalist Caraion, nach 1945 kaum über Zwanzig, von einer Stimmung des allgemeinen Neuanfangs getragen, als Kommunist agierte, war er, etwas naiv vielleicht wie manch andere Künstler auch, von Weltverbesserertum erfüllt. Die kommunistischen Machthaber dankten ihm sein Engagement für die gute Sache mit langen Jahren Freiheitsentzug, der ihn in nahezu alle berüchtigten Gefängnisse des Landes führte. Aus eigener Erfahrung wusste ich, was ein Tag im Gefängnis bedeutet, wie schwer eine Woche vergeht und gar ein Monat. Was waren da ganze Jahre in einem Vernichtungslager am Schwarzmeerkanal oder bei Schwerstarbeit unter Tage? Wer viele Jahre seines Lebens in stalinistischen Gefängnissen verbringen musste, konnte kein Freund des totalitären Regimes in Bukarest sein, kein Kollaborateur, als den man Caraion in den letzten Jahren präsentierte. Das Faktische wog schwerer als die von der Securitate in Umlauf gebrachten Verdächtigungen und Gerüchte, gegen deren verheerende Wirkung sich Caraion bereits 1982 öffentlich zur Wehr setzte.

Damals fand er noch Gehör. Heute ist er tot und kann sich gegen späte Anschuldigungen, die von bestimmten Kreisen am Leben gehalten werden, nicht mehr wehren. Er berichtete mir von einer groß angelegten Kampagne der Sicherheitsleute um Eugen Barbu in der Zeitung Săptămăna gegen ihn mit dem Ziel, ihn im Westen zu diskreditieren und zu isolieren. Săptămăna, deutsch Die Woche, war das inoffizielle Sprachorgan der Securitate, das Insidern wie Barbu und Tudor zur Verfügung stand, um vor allem Repräsentanten des Exils zu kompromittieren, wobei die Securitate zu diesem Zweck großzügig ihre Archive öffnete und bereitwillig kompromittierendes Material zur Verfügung stellte.

Caraion verwies darauf - und ich glaubte ihm. Elf Jahre ärgsten Stalinismus überlebt zu haben - das genügte mir, um das Vertrauen zu Caraion aufrecht zu erhalten. Andere bürgerliche Demokraten aus der Bundesrepublik, Frankreich bis hin nach Israel sahen die Dinge ebenso. Caraion war ein eindeutiges Systemopfer, dem man unbedingt vertrauen musste. Er war das redende Gewissen seiner Nation, ein Gewissen überhaupt. Keiner aus dem weiten Kreis jener, die ihn schätzten, hätte ihm einen Januskopf zugetraut, ein zweites Gesicht.

Ion Caraions erster großer Wurf als Publizist war das Agora-Projekt; eine internationale Lyrik-Anthologie mit sehr bekannten Namen, die er bereits 1947, in den finsteren Jahren des Stalinismus, zusammen mit Virgil Ierunca in Bukarest ins Leben gerufen hatte. Nobelpreisträger Eugenio Montale wirkte mit und steuerte unveröffentlichte Manuskripte bei. Und neben ihm seine nicht minder bekannten Landsleute Umberto Saba und Salvatore Quasimodo. Drei Gedichte von Paul Celan wurden hier erstmals einem internationalen Publikum vorgestellt.

Caraion war als Dichter ein erstrangiger rumänischer Lyriker von europäischem Format. Manche hielten ihn für den bedeutendsten rumänischen Lyriker der Gegenwart und nannten seinen Namen gleich nach Tudor Arghezi und auf einer Ebene mit Lucian Blaga. Hingegen ignorierten ihn sein Vaterland und die Literaturwissenschaft der DDR ganz. In dem Sammelband Literatur Rumäniens 1944 bis 1980 in Einzeldarstellungen, der 1983 in Berlin erschien, fehlt das Portrait Caraions. Dagegen sind alle systemkonformen Dichter und Schriftsteller aufgeführt bis hin zu Caraions Intimfeind, dem Securitatemann Eugen Barbu und dem Ceauşescu-Lobhudler Adrian Păunescu, der später Caraion als Verräter denunzieren sollte. Eugen Barbu und sein Ziehsohn Vadim Tudor gründeten nach der Revolution die Großrumänienpartei, ein Hort für Hass und Hetze, und betreiben auch heute noch von jener Plattform aus das Spaltungswerk, das die Securitate nicht mehr vollenden konnte. Caraion hingegen, eines ihrer ersten Opfer, galt im sozialistischen Rumänien des Jahres 1981, nachdem sein fluchtartiges Absetzen bekannt geworden war, nur noch als Unperson. Nur wenigen Beobachtern ist überhaupt bekannt, dass Barbus Diskreditierungskampagne in dem Wochenblatt die Ausreise des Dichters erst erzwungen hatte.

Ab jenem Zeitpunkt war er als Literat genauso abgeschrieben wie Goma und alle anderen im Exil lebenden Dissidenten und Geistesgrößen der Rumänen. Seine Bücher wurden aus den Regalen genommen und sein Name durfte nicht mehr erwähnt werden. Seitdem er sich dann im Radiosender Freies Europa öffentlich gegen die Machthaber im Land gestellt und das selbstherrliche Diktatorenpaar in scharfer Polemik gegeißelt hatte, galt er als Staatsfeind, der unbedingt ausgeschaltet werden musste. Das Risiko, welches er dabei einging, indem er sich und seine Familie gefährdete, sahen seine späteren Kritiker nicht mehr.






George Enescu Museum, Bukarest







Januskopf und Chamäleon oder Opfer des langen Arms der Revolution?



Als der Fall Artur publik wurde, jene Akte, die Caraion als angeblichen Kollaborateur der Securitate seit 1964 entlarvte, waren fast alle gegen ihn - das Pro wurde nicht mehr gesehen. In seinem Fall, der wirklich ein Fall ist, ein sehr interessanter sogar, weil aus ihm die gesamte sozialistische Wirklichkeit hervorscheint, gibt es vorerst nur ein Kontra. Während dieses Buch geschrieben wurde, musste ich, um der Tendenz Rechnung zu tragen, zumindest ein Fragezeichen über mein Kapitel setzen - ohne Überzeugung! Unsicher geworden fragte ich bei Kollegen herum, die Caraion schon vor Jahrzehnten näher gekannt hatten und an deren Wort ich nicht zweifelte. Genaues wusste keiner. Doch einiges erschien plötzlich plausibel und belastend für den Dichter. „Ja, Caraion!“ schrieb mir Dieter Schlesak, der an der Seite des Repräsentanten des Rumänischen Schriftstellerverbandes Caraion etwa im Jahr 1968 zum ersten Mal in den Westen gereist war: „Wahnsinn, dass ich mich erinnern muss. Artur? Kannte den Namen erst seit 2001. Damals, ich hatte meine erste Westreise mit ihm nach Mondorf gemacht, war er ein Held für mich. Dann irgendwie in den Trinknächten, gab er was preis, ja, schien beichten zu wollen. Jedenfalls war es seltsam, dass er alle rumänischen Exilintellektuellen treffen wollte. Aber seltsam auch, dass er aushorchte. Und vorher und später mich mehrfach zu sich einlud, den Edlen spielte, den Verfolgten, mein „Freund“ wurde, schon in Bukarest, o Gott, o Gott, welch ein Monstrum. Jetzt erst kommt alles raus. Und 1945 war er mit Ceauşescu befreundet, sie wollten eine Zeitschrift herausgeben. Er war ja auch Illegalist gewesen. Vielleicht muss ich mal was darüber schreiben! War auch angesetzt auf mich.“Soweit die Stimme eines möglichen Opfers aus der Rückschau.

Was kannte ich von Caraions Kunst, bevor wir uns im Exil begegneten? Nicht viel. Einige seiner expressionistischen Gedichte hatte ich überflogen, die ihn fern mit Baudelaire und den französischen Symbolisten verbanden, über die er vertieft gearbeitet hatte. Und einen langen Essay über Tudor Arghezi als Einleitung in dessen Werk, in welchem er auch über sich sprach und über das Agora-Projekt. Dann einen weiteren Essay Bacovia. Das sich fortsetzende Ende, ein Beitrag über den großen Einzelgänger im rumänischen Expressionismus, zu dem ich - als sechzehnjähriger Schüler mit seinen depressiven Blei-Versen konfrontiert, noch keinen angemessenen Zugang hatte.

Caraion war zudem ein Meister des komplexen Essays, wie ich ihn liebe. Als Essayist verkörperte er den inzwischen zur raren, ja aussterbenden Spezies gewordenen poeta doctus par excellence, der seinen Übersetzer mehr forderte als viele andere Geistesgrößen der Zeit. Davon konnte ich als Übersetzer seines nomen-Beitrags, den ich nur mit viel Mühe ins Deutsche übertrug, ein Lied singen. Als Poet war er ein auch an Bacovia geschulter Expressionist, der die Tiefe des Poetischen, die der rumänischen Sprache und Kultur innewohnt, zu höchster Kunstfertigkeit steigern konnte - leider, wie so oft, unübersetzbar, schon gar nicht in eine germanische Sprache. Von allen Lyrikern der Gegenwart hat er die Möglichkeiten des Rumänischen vielleicht am weitesten ausgelotet.

Und heute wird der tote Dichter mit dem Vorwurf konfrontiert, angesichts seines ethischen Versagens verblasse die ästhetische Leistung! Welch ein Hohn? Doch die textimmanente Interpretation wird anders urteilen. Als politisch Denkender und als Mensch erschien er mir als ein aufgeklärter Idealist, ein unerschütterlicher Himmelsstürmer, der für seine antitotalitäre Haltung auch zu leiden bereit war:„Meine Feststellung, Faschismus und Kommunismus seien im Prinzip die gleiche Sache, hat mir eine Verurteilung zum Tode eingebracht“, sagte er mir eines Tages in einem Gespräch, als wir am Ufer des Genfer Sees promenierten und etwas von der Freiheit genossen, die uns das Leben doch noch geschenkt hatte: „Für sie war ich schon damals ein obskurer Vaterlandsverräter, ein Freund des Westens, der mit bürgerlichen Decadents Umgang pflegte, der im Reich des Kapitals seine Gedichte zu veröffentlichen trachtete, ein Klassenfeind und Kosmopolit, der das eigene Schicksal und das Schicksal der Welt über das Vaterland stellt … und sie haben es mich büßen lassen, in ihrem Vernichtungslager am Donau - Schwarzmeerkanal und dann in den Bleiminen von Cavnic und Baia Sprie, wo wir, tausend Meter unter der Erde, bei nackten Leibe und heißen Dämpfen schuften mussten wie Galeerensklaven und auch wie jene krepierten … Als dann im Jahr 1964 die große Amnestie kam und nahezu alle politischen Häftlinge entlassen wurden, war ich nur noch Haut und Knochen. Wenn es noch eine Weile so weitergegangen wäre, hätte ich nicht überlebt.“ Ion Caraion wurde kurz vor der Amnestie aus der Haft entlassen, nachdem er fünf von fünfundzwanzig Jahren verbüßt hatte.

Seine Story erschien mir authentisch und über jeden Zweifel erhaben, während andere in späterer Rückschau zur Auffassung neigten, Caraion hätte damals, unmittelbar vor der Entlassung am Ende seiner Kräfte angelangt, psychisch in die Enge getrieben und unmittelbar vor der Verzweiflung stehend, einen Pakt mit dem Teufel unterschrieben, um überhaupt frei zu kommen. Der Preis der eigenen Freiheit sei nicht die überantwortete Seele gewesen, sondern die eindeutige Kollaboration mit der Geheimpolizei und die spätere Denunziation von regimekritischen Schriftstellerkollegen.

War Caraion eine tragische Gestalt, ein Opfer, das aus existentieller Not handelt und dabei sein Gewissen in die Waagschale wirft, wegwirft - ein Heros, aus dem ein Antiheld wird? Solchen Überlegungen hätte ich damals nicht folgen können. Sie wären mir abstrus und literarisch forciert erschienen. Und auch heute kann ich die nicht voll substanziierten Thesen kaum ernst nehmen. Unveröffentlichte Manuskripte aus den Archiven der Securitate, die um 1995 von der Nachfolgeorganisation SRI der Familie zurückgegeben wurden, entlasten Caraion. Denn daraus spricht kein verhätschelter Zögling und Informant des Systems, sondern ein fast mittelloser, in die Enge getriebener Autor, der sich mit der Zensur herumschlägt, weil diese ihm die Interpretation seines Preda-Essays vorgeben will und ein verzweifelter Familienvater im Zwist mit seiner Frau, weil er nicht weiß, woher er die 100 Lei nehmen soll, um das fiebernde Kind ärztlich behandeln zu lassen. Es wurmt ihn mit ansehen zu müssen, wie servile Diener der Partei, Stalinisten von gestern, ihr Süppchen kochen, ihn verlachen und die Straßenseite wechseln, wenn er kommt; und dass diese Leute, deren Poesie sich verbreitet wie die Fliegen, Worte wie Ethik und Moral im Munde führen, dabei ihre kaum erst begangenen Verbrechen vergessen. Das war im Jahr 1971, also zu einer Zeit relativer Liberalität und Aufwärtsentwicklung im Land.

Darüber hinaus spricht alles, was Caraion im Westen unternahm, was er an antikommunistischer Dissidenz und Agitation entfaltete, gegen eine Vereinahmung durch die Staatskommunisten. Konnte ein potentieller Agent der Securitate, der in den Westen geschickt wurde, um das geistig-literarische Exil zu destabilisieren, über Radio Freies Europa vehement und zynisch gegen Bukarest wettern und den Menschen ins Gewissen reden, nur um eine perfekte Tarnung aufrecht zu erhalten? Caraion hat das Diktatorenehepaar wüst beschimpft, für meinen Geschmack sogar zu wüst! War das etwa die Tarnung des Chamäleons, eine Maske unter vielen?

Auch daran weigerte ich mich zu glauben. So etwas war theoretisch denkbar, in der Praxis aber höchst abwegig. Caraions Gesundheit war nach langjähriger Schwerstarbeit unter Tage bei hoher Strahlenbelastung und permanenter Vergiftung stark angeschlagen, ja zerstört. Nach der Entlassung wies er physische Verletzungen auf und war mit Tuberkulose infiziert - nur sein Geist war noch immer rege und der Wille, die verlorene Zeit wettzumachen und poetische Werke zu schaffen. Trotzdem war er ein Gezeichneter.

Die schwere Haft, die unzähligen Verhöre über dreißig Jahre, teils innerhalb, teils außerhalb der Gefängnismauern und das immer unerträglicher werdende Dasein eines Verfolgten, eines Exponierten und Angefeindeten außerhalb der Zelle, doch innerhalb weiterer Schranken und Grenze, überlebt man nicht ohne Schäden an Leib und Seele. Wusste ich doch selbst, was politische Häftlinge alles erdulden müssen und was es bedeutet, den sozialistischen Alltag zu Tag für Tag zu meistern. Wie oft hatten wir die RFE-Sendung Die Geschichte der Rede - Vergessene Seiten, Zensierte Seiten, Exilierte Seiten, verfolgt, die Caraions literarischer Kompagnon von einst Virgil Ierunca aus dem Pariser Exil moderierte? Hundertfach waren die stalinistischen Haftbedingungen dort geschildert worden, plastisch und realitätsnah aus der Sicht von Augenzeugen. Politische Freunde, die ähnliches durchgemacht hatten, erhärteten die Fakten zusätzlich. Bis 1964 hatte Caraion diese von Alexander Solschenizyn in die Weltliteratur eingebrachte Schreckenszeit stalinistischer Haft voll miterlebt. Doch er ließ sich nicht unterkriegen und fand, wieder in relative Freiheit gelangt, zu ungeheuer Produktivität, so als wollte er in kurzer Zeit all die Jahre des Stumpfsinns und des Nichtstuns wieder aufholen. Nahezu jährlich legte er einen Gedichtband vor.

Ienei-Kirche, Bukarest

Wie kam es aber, dass er, der lange Zeit Stigmatisierte, nun doch so großzügig veröffentlichen durfte? Das fragte auch ich mich später einmal, als ich die bibliographischen Auflistungen überflog, die er mir geschickt hatte. Was führte dazu, dass er zum Chefredakteur einer literarischen Zeitschrift aufstieg? Und dass er im Rumänischen Schriftstellerverband seine Position ausbaute, immer einflussreicher wurde und den Verband auch im Westen als Aushängeschild repräsentieren durfte? Waren es nur die talentierten Gedichte, die zu enigmatisch waren, um vom Zensor gestoppt zu werden, die seinen Ruhm als Dichter begründeten? War es allein die Fachkompetenz, die seinen Aufstieg förderte? Oder waren es ganz andere Faktoren, die seinen Stern kometenhaft aufsteigen ließen?

Protegierte und begünstigte ihn jetzt gar der Geheimdienst - oder hatte er einen noch mächtigeren Mentor, ganz oben vielleicht?

Spätere Gerüchte, die der Literaturkritiker Nicolae Manolescu im Jahr 2006 anlässlich der Buchpräsentation zum Fall Artur, Caraions Pseudo-Pseudonym, verbreitete, unterstellen ihm, er hätte den oft geschmähten, späteren Staatschef Nicolae Ceauşescu persönlich sehr gut gekannt. Angeblich wollten die drei Linken Caraion, Ierunca und Ceauşescu in frühstalinistischer Zeit eine gemeinsame Zeitschrift herausgeben, ein kommunistisches Propagandablatt! Eine Legende? Nicolae Manolescu, als kulturelle Autorität zum Mitglied der späteren Präsidialkommission zur Analyse der kommunistischen Diktatur in Rumänien berufen, dürfte kein Interesse haben, abenteuerliche Thesen und Gerüchte in die Welt zu setzen. Wenn seine Informationen, die allerdings nirgendwo belegt sind, tatsächlich stimmten, würden sie manches erklären.

War Caraion doch ein Chamäleon? Ein Proteus der Literatur, der einen eigenen Modus vivendi gefunden hatte, um im sozialistischen Alltag doch noch zu überleben? Darauf konnte ich damals nicht kommen, weil seine Vita dagegen sprach. Also vertraute ich ihm weiter und schob leise Bedenken anderer arglos beiseite. Über die konsequent kommunismuskritische Haltung hinaus hatte das Geschaffene in meinen Augen absolute Priorität, das vorliegende Werk, zahlreiche Gedichtbände und die Essays. Teilweise wurde ihr Erscheinen sicher auch durch die Liberalisierungstendenzen der späten Sechziger und frühen Siebziger Jahre, die noch mit einem Anstieg des allgemeinen Lebensniveaus im Land einhergingen, begünstigt, bevor die einsetzende Minikulturrevolution in Bukarest das Rad der Geschichte noch einmal massiv zurückzudrehen suchte.


In Bukarest















Existenz und Ethos - Haltung und Botschaft




Ion war ein leiser, desillusionierter Skeptiker, dem der freie Gebrauch des Wortes in den Jahren des Stalinismus viel Leid beschert hatte. Als Persönlichkeit entsprach er genau dem Typus, nach dem ich während meiner Dissidenz immer wieder Ausschau gehalten hatte, ohne ihn in der Provinz zu finden. Hier in Lausanne, wo ich ihn in seinem Appartement besuchen und auch seine Frau Valentina und Tochter Marta kennen lernen sollte, hatte er nach vielfachen Auseinandersetzungen mit den Zöglingen des Systems und manchen Schikanen im Land, nach Anfeindungen und Diffamierungen, Zuflucht gefunden und verlebte, ganz dem literarisch-publizistischen Schaffen gewidmet, in höchst bescheidenen Verhältnissen - doch in Freiheitund Würde - die letzten Tage seines Schweizer Exils.

„Ich kämpfe mit der Armut“, schrieb er mir damals in einem Brief, in welchem er mich gleichzeitig vehement aufforderte, ungeachtet der Enttäuschungen, die ein geistiger Mensch in einer geistfeindlichen Welt erleben muss, unbeirrt weiter zu machen. Traduttore, tradittore? Diesen Ezra Pound gemachten Vorwurf konnte ich nicht auf Caraion beziehen. Zu viel sprach dagegen. Er hatte viel erlitten, ohne zu resignieren - und er wusste, wovon er sprach.

Eines seiner letzten Projekte war die Zeitschrift Correspondances, die nominell an Baudelaire erinnerte und sich wiederum der Veröffentlichung lyrischer Texte widmete. Es war der späte Versuch einer Wiederbelebung des Agora-Paradigmas, das die Dichter der Welt, darunter viele Exilierte, in ihrer heimatlichen Sprache vereint - in der Art eines symphonischen Zusammenklangs in Versen und Rhythmen. Im ersten Heft gab es noch Texte von Ernst Jünger und Michel Butor. In den beiden weiteren Nummern fehlten aber die ganz großen, international bekannten Namen, jene big names, die in der modernen Welt den kommerziellen Erfolg garantieren. Unter dem Titel Don Qichotte gab er eine Anthologie heraus; und eine weitere Zeitschrift war, wie er mir schrieb, noch geplant - 2 Plus 2, eine Art Fortsetzung von Correspondances.

Viele gute Aussprüche und treffliche Zitate erinnerten mich an Ion und manch deftige, tiefgründige Anekdote, die er, sub rosa, bei gelegentlichen Treffen nur mündlich zum Besten gab. Allein schon der Name, der, was ich zunächst nicht wusste, ein Pseudonym war, amüsierte mich - denn er klang wie eine pointiert ironische Selbstparodie, und er war gleichzeitig Programm. Früher waren mir in Temeschburg Schriftsteller begegnet, die die Decknamen wechselten wie die Chamäleons die Farben, Dichter, die unter den Faschisten unter einem Namen schrieben, später unter den Stalinisten und Kommunisten unter neuen Namen; die die Farben wechselten und ihre Überzeugungen wie andere die Unterhosen - mich zu einer Satire inspirierend, die ich mit Club der Chamäleons überschrieb. Hatte sich auch Ion in der Auseinandersetzung mit Braunen und Roten einen Bazillus eingefangen und als Mittel gegen die Infektion eine zeitspezifische Überlebensstrategie entwickelt? Darüber dachte ich vor fünfundzwanzig Jahren nicht nach! Ion war in unseren Begegnungen nett, recht witzig - und immer mild human mit einem leichten Zug von desillusionierter Misanthropie: „Was kann ich dafür“, meinte er eines Tages, als wir über das Walten des Bösen in der Welt sprachen, recht verbittert darüber, dass die von den Kommunisten zementierten Machtstrukturen noch lange anhalten werden, „wenn die Läuse den Platz der Menschen eingenommen haben!“

Er hatte das Gefühl, niedere, gehirnlose Geschöpfe würden die Geschicke der Zeit bestimmen. Im Jahr 1982 erschien in München eine seiner letzten Buchpublikationen in rumänischer Sprache. In dem Band Die Insekten des Genossen Hitler sind kleinere Aufsätze und Interviews enthalten, in welchen der Literat zurückblickt, Bilanz zieht und auch abrechnet. Viele Rechnungen, die in einer Diktatur nicht beglichen werden konnten, waren noch offen. Und jetzt war der Maulkorb weg. Einiges an Hass hatte sich wohl angestaut in all den Jahren des nicht immer würdigen Überlebenskampfes. In dem Begriff Genosse Hitler, ein Synonym ehemaliger Häftlinge für den Partei und Securitate-Apparat ihrer Zeit, laufen die beiden großen totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts zusammen, rote Genossen und braune Genossen.

Auch in mir sah Caraion ein Opfer der Insekten, das früh angeknabbert worden sei. Eine Widmung von damals, die er mir in eines seiner Bücher schrieb, erinnert mich daran. Es wäre Zeitvergeudung, die Insekten des Sozialismus bekämpfen zu wollen, meinte er voller Resignation. Nicht ist es unser Los, ein Fliegenwedel zu sein, argumentierte einst Nietzsche ganz allgemein in Zarathustra. Caraion, der übrigens als junger Dichter mit der Zeitschrift Zarathustra debütierte, steigerte den verachtenden Sarkasmus noch indem er die besonders niederträchtigen unter den intellektuellen Handlangern der Partei mit den Worten geißelte: „Schmeißt nicht mit Steinen auf sie - ihr beschmutzt die Steine!“







Gigantomanie?
Zu groß für eine gewöhnliche Kamera.
Stalinistische Baukunst.












Auszug aus: Carl Gibson,

Symphonie der Freiheit

Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur



Chronik und Testimonium einer Menschenrechtsbewegung

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten -

Leseprobe,

Foto: Carl Gibson




Libertate - Freiheit in meiner Sprache …



Sein wohl letzter Band ist das Bekenntnis eines Zeitzeugen, der scharf ins Gericht geht, und der erstmals vor einem großen Auditorium frei sprechen darf. Der vom US amerikanischen State Department finanzierte Sender Radio Freies Europa mit dem Sitz im Englischen Garten von München bot ihm diese Plattform. Er konnte nun vor einer ganzen Nation sprechen. Eine Verlockung. Zwei Jahre vor Caraion saß ich an der gleichen Stelle und sprach vor dem gleichen Publikum - mit einer gewissen Genugtuung, dochnicht im Triumph und so sachlich wie möglich. Caraion, dem dort auch ein Mitarbeiter-Vertrag angeboten worden sein soll, ging weit darüber hinaus und sprach sich nicht nur frank und frei den angestauten Ärger und Stress von der schon schwerkranken Leber weg; er steigerte die Abrechnung mit der kommunistischen Welt, die er verlassen hatte, zu einer Orgie von polemischen Beschimpfungen, wie ich sie kaum für möglich gehalten hätte.

Alles, was sich in den elf Jahren Haft und in den unfreiwilligen, unwürdigen Jahren danach an Hass und Ressentiments festgesetzt hatte, schien sich in jenen Interviews zu entladen, eruptiv und unkontrolliert, wie beim plötzlichen Ausbruch eines Vulkans. Dabei wurde der stammelnde Diktator genauso aufs Korn genommen wie seine stets übergelaunte Gattin, der Caraion die Boshaftigkeit und den Verstand eines Affen attestierte. Nicht verschont blieben natürlich die Helfer und Helfershelfer des Systems, die Speichellecker und Hofdichter, die Schergen des Geheimdienstes, für die Caraion die übelsten Epitheta fand, die seine Sprache hervorzubringen im Stande war.

Handelte so ein Agent der Securitate, der in den Westen reiste, um die geistige Struktur des Exils zu unterwandern? Jegliche Logik sprach dagegen. Oder handelte die Securitate nach der Chaostheorie, den Gesetzen des Irrationalismus und des Absurden folgend? Caraions hochgradig von Bitterkeit bestimmter Abrechnungsfeldzug, der vielleicht auch darauf abzielte, sein neues Image als antikommunistischer Dissident zu schärfen, war eine direkte Antwort auf die Diskreditierungskampagne, die das totalitäre Regime gegen ihn gestartet hatte. Das bloßgestellte Imperium schlug nunmehr zurück - bereit, ihn zu treffen und zu vernichten. Doch Caraion kämpfte seit je her einen ungleichen Kampf. Der Staat hatte ihm und seiner mitgeflohenen Familie alles genommen, bis auf den Inhalt von zwei Koffern und sie dem harten Los des Exils überantwortet. Seine Bitterkeit überraschte mich nicht. Denn es gab Gründe dafür, viele Gründe.

„Weshalb haben Sie sich doch noch zum Absprung in den Westen entschlossen?“ fragte ich ihn einmal fast beiläufig; ich siezte ihn, während er mich duzte, auch in den vertrauten Briefen. Die Antwort des verjagten Dichters war vielsagend: „Meine Frau, die seinerzeit verurteilt und für Jahre ins Gefängnis gesteckt worden war, weil sie mir geholfen und meine Manuskripte abgetippt hatte und ich haben lange gerungen, bevor wir uns zu diesem schweren Gang entschlossen haben. In Verbannung leben war nie einfach. Aristoteles, Cicero, Seneca, sie alle waren zeitweise verbannt worden und schließlich der große Ovid, der bei uns in Tomis an Schwarzen Meer elend zugrunde gehen musste. Keiner von ihnen lebte gerne in der Fremde. Keiner gab je seine Heimat freiwillig auf. Wenn wir uns trotzdem entschlossen, alles zurückzulassen, was wir hatten, immaterielle Werte, Freunde, Bücher, Erinnerungen, Gefühle, dann taten wie dies aus Rücksicht auf unser Kind Marta. Für sie haben wir hier in der Schweiz, im christlich-katholischen Umfeld, eine Bleibe gefunden, die ihr Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Sie soll eine bessere Zukunft haben, als wir sie hatten.“

Wie oft hatte ich ähnliche Ausreiseargumente vernommen, auch bei Deutschstämmigen. Eine Generation, die gelitten hatte, war bereit das eigene Martyrium für das Wohl der künftigen Generation fortzusetzen.

Mitte 1982 übersandte mir Caraion den Essay. Nachdem ich ihn mit Mühe übertragen hatte, wurde er auch noch gesetzt. Doch dann war es aus mit unserer Zeitschrift nomen. Mein Nachruf auf das idealistische Projekt unter dem Titel Wo liegt der Kulturverlag begraben, erschien bald darauf in einer Literaturzeitschrift aus Berlin mit dem signifikanten Namen Tabula Rasa. Das Geld war uns ausgegangen. Mein Studienortwechsel nach Wien stand damals gerade an - und ich redete mit Caraion darüber: „Wien?“, wunderte er sich, „da bist du ja mitten im Ostblock! Unterschätze nicht die Gefahr. Alle östlichen Geheimdienste treiben sich dort herum. Sie können dich jederzeit um die Ecke bringen, ohne dass ein Hahn nach dir kräht!“

So glaubte er warnen zu müssen. Aber ich ignorierte die Mahnung und ging trotzdem. Während dieser Zeit in Wien verlor ich im Spätjahr 1983 Caraions Spur. Dann wurde es ruhiger um den Dichter. Einiges von ihm las ich noch in der ExilzeitschriftDialog, die Ion Solacolu mit viel Mühe aus eigenen Mitteln herausgab. Solacolu war fast bis zu seinem Sterbetag um ihn und half ihm dabei, etwas Ordnung in seine Manuskripte zu bringen. Schwerkrank konnte Caraion kaum noch zehn an Stück Minuten arbeiten.

Als Caraion im Sommer 1986 recht vereinsamt und selbst im Exil exiliert starb, verlor sein Land eine komplexe Kulturpersönlichkeit, die einige Rätsel mit ins Grab nahm. Ob er ein Gewissen war, wie lange angenommen wurde? Oder ob er doch als eines jener vielen prominenten Opfer der Diktatur angesehen werden konnte, die auf dem Weg in die Freiheit scheitern mussten, bevor sie noch etwas von dem helleren Licht eines bald freier werdenden Alten Kontinents hatten sehen können? Ich weiß es immer noch nicht!

Doch ich bleibe bei meiner Apologie!

Ion Caraion war lange Jahre seines aktiven Lebens eine Stimme der Verfolgten; in der Zeit der Illegalität vor 1945 ebenso wie in den späten Tagen seines Exils. Er liebte sein Volk, seine Sprache und er vergaß sein Volk, an dessen Befreiung vom Kommunismus er glaubte, nie.

Einer seiner letzten Appelle, die über den Äther gingen, ist der Freiheit gewidmet. In einem Aufruf zur Selbstfindung appelliert Caraion in Rückbesinnung auf die Leiden und das Vorbild Christi an das rumänische Volk, den Glauben an die politische Emanzipation niemals aufzugeben. Mit dem ihm eigenen romanischen Pathos setzt er auf die inneren Werte jedes Menschen, wenn er verkündet: Eingesperrt könnt ihr noch freier sein als die, die euch einsperrten; die jetzt vor Angst zittern, obwohl ihr unbewaffnet seid und sie in voller Rüstung dastehen. Die Peitsche vermodert wie die Mauern verfallen. Das Licht der Freiheit leuchtet aus eurer Wesenheit hervor, eine Freiheit, die sie nicht sehen, die sie aber fürchten. Sie wird bald die Sprache des Sieges finden, weil der Samen der Freiheit, wie ihr wisst, ewig ist und ewig unüberwindbar sein wird. Er sprießt nach zehn Jahren, nach hunderten von Jahren, ja nach tausenden von Jahren unter tausend labyrinthischen Wirrungen wieder hervor.“

Es ist eine Eloge auf die Freiheit, ein Hymnus! Es sind Worte der Selbstbesinnung auf die eigene innere Freiheit, auf die Selbstbestimmung des Subjekts, die auch von Mark Aurel oder anderen stoischen Philosophen hätten stammen können. Sicher wurden sie im kommunistischen Rumänien gehört und fielen vielleicht auf fruchtbaren Boden. Wer nur diese evozierenden Worte hörte, der interpretiert sie, fern von jeden biographischen Implikationen, textimmanent wie ein Gedicht. Er hört, ohne den Autor zu kennen, auf die unmittelbare Botschaft, versucht diese zu verstehen und zu deuten - und viele Botschaften Caraions, der heute am moralischen Pranger steht, waren keine Botschaften der Niedertracht, sondern Botschaften der Freiheit.




Atheneul Roman - Rumänisches Athenum





Die Jagd auf den toten Dichter - und moralische Entrüstung



Heute, mehr als zwanzig Jahre nach Ion Caraions Tod im Exil, scheint sein Ruhm als Geist und Dichter weiter zu verblassen. Neue alte Dokumente sind in den Securitate-Dossiers aufgetaucht, die seine Informantentätigkeit angeblich bestätigen. Es sollen schwerwiegende Dinge sein, die ihn belasten und seine moralische Integrität in Frage stellen.

Caraion soll den schreibenden Kollegen Nicolae Steinhardt verraten haben. Und er soll einen Agentenlohn erhalten haben und sonstige Privilegien, um andere regimekritische Dichter und Schriftsteller aus seinem Umfeld auszuspionieren. Es fällt mir auch heute noch schwer, all dies zu glauben, nicht zuletzt deshalb, weil die rumänische Gauck-Behörde, die CNSAS, unglaubwürdig arbeitet, mehr hemmt und verschleiert als sie zu Tage fördert und enttarnt. Nach neuesten einschlägigen Veröffentlichungen schützt diese Einrichtung - ein fiktives Interesse der Staatsicherheit vorgaukelnd - sogar die Aktivitäten der inzwischen in SRI umbenannten Securitate.

Die Dokumente, die heute vorliegen, könnten aus vielen beschlagnahmten Manuskripten zusammenkompiliert worden sein wie eine Collage. Nichts von dem, was ich bisher zitiert fand, belastet Caraion eindeutig. Vieles ist zweideutig und, da es aus dem Kontext gerissen ist, sehr fragwürdig. Deshalb wundere ich mich, mit wie viel Lust und Überzeugung er von offensichtlich zu jungen Moralisten belastet wird, die selbst weder je etwas von ihm gelesen haben, noch über seine Gefängniserfahrungen angemessen urteilen können.

Caraion war als Dichter in einem totalitären Staat abhängig, erpressbar. Doch ein Verräter im eigentlichen Sinne war er kaum. Jedenfalls nicht aus freien Stücken! Natürlich hat er mit der Securitate kommuniziert. Doch ging es anders?

Auch ich hatte immer wieder mit ihren Mitarbeitern zu reden, selbst auf der Straße, ohne kontrollieren zu können, was nachher sie über mich in ihren Berichten festhielten oder was sie als Gerücht streuten. Der Mensch Caraion, den ich kannte, spricht gegen die Verdächtigungen und Unterstellungen sowie gegen eine gezielte Kooperation aus eigenem Antrieb. Was ist Dichtung? Was ist Wahrheit? Und was ist schlechthin gezielte Manipulation des Geheimdienstes?

Ist am Ende alles nur ein geschickter Schachzug der Gegner von einst, der Verantwortlichen aus den höheren Etagen der Securitate, die mit einem solchen Nebenkriegsschauplatz von den eigenen Untaten ablenken wollen?

Während die Berufsverbrecher der Securitate in Ruhe ihre Pension verleben, wird zur Hetzjagd auf ein leichtes Opfer geblasen. Der Angriff wird auf einen toten Dichter gelenkt - und kaum einer merkt etwas davon. Fast alle folgen der moralischen Fährte und gehen dabei den Gerissenen auf den Leim.

Es ist unbegreifbar, wie viel politische Naivität immer noch möglich ist. Nicht ein verzweifelter Dichter ist das Problem der neuen, nach Europa ausgerichteten Gesellschaft, ein hochsensibler Künstler, der nach Jahren psychischer Folter und Grausamkeiten aller Art nicht mehr konnte und zusammenbrach - nicht über sein moralisches Versagen gilt es zu richten.

Das Problem sind die immer schon verbrecherischen Verbrecher, die immer schon unmoralischen Speichelecker, Lobhudler und Hofdichter, Leute wie Vadim Tudor, der heute die Großrumänien Partei anführt und mit Leidenschaft gegen Juden, Zigeuner, Intellektuelle und andere Minderheiten hetzt und dabei von Millionen Rumänen gewählt und von Europas Politikern akzeptiert wird. Es ist der gleiche Vadim Tudor, der in einer nie gekannten Unterwürfigkeit Ceauşescu über den grünen Klee lobte, in der Hoffnung, so zum einzigen Hofdichter aufzusteigen, der, um Karriere zu machen, durch das eigene Tun nicht nur die Dichtung pervertierte, sondern als Denunziant auch noch die wahren Dichter in Misskredit brachte. Dieser Tudor, der selbst ein Ultrarechter Antisemit ist, ein Produkt des kommunistischen Regimes, wie man heute weiß, denunzierte Ion Caraion wie den Dissidenten Dorin Tudoran bei der Securitate als rechtsextreme Elemente, und verwies die Securitate auf den feindlichen Gehaltvon Caraions Poesie.

Ist das der neue Mann für Europa? Das sind die Fragen, die nicht nur die Rumänen beantworten sollten, sondern auch die Verantwortlichen in der EU. Manch einer aus der Reihe der plötzlich moralisch wertenden Zeitgenossen, die nie eine Gefängniszelle von innen gesehen haben, sieht heute in Caraion vorschnell den Verräter, den Ängstlichen und Feigen, der andere ans Messer lieferte, um selbst zu überleben. Und nur wenige Stimmen, darunter kaum Exilautoritäten, verteidigen Caraion als das tragische Opfer eines möglichen Komplotts, einer revanchistischen Verschwörung alter Kräfte, die sich gegen alle antikommunistischen Widerständler richtet, doch mit schwacher Stimme. Ganze Materialsammlungen wie die Sipos-Dokumentation, in denen dargelegt wird, mit welchen Maßnahmen die Securitate den Dichter im Exil unter Druck setzte, ihn kompromittierte, diskreditierte und Fakten, die für Caraion sprechen, fallen dabei unter den Tisch. Das Resultat davon ist, dass die Gesamtsituation, die eigentlich klar offen legt, wie ein exponiertes Individuum aufgrund makropolitischer Konstellationen instrumentalisiert und zum tragischen Opfer reduziert werden kann, vorerst ambivalent bleibt wie auch ihre endgültige Bewertung.




Regierungssitz in Bukarest














Das Stockholm-Syndrom und ein Pakt mit dem Teufel?



Caraion, der einen beachtlichen Teil seines Lebens im Gefängnis für eine ideelle Haltung gelitten hat, ist, auch wenn er zerbrach, immer noch mehr Opfer als Täter. Neuerdings, wo die Phantasien der Schreiber immer neue Blüten hervorbringen, sieht man in ihm einen Kranken, der am Stockholm-Syndromlitt. An jener Wesensveränderung, die beim Opfer zur Solidarisierung mit dem Täter führt und es veranlasst seine Denkperspektive zu übernehmen. Auf diese Weise hätte sich Caraion in die Sicht der Securitate versetzt, sie gestützt, beraten und anderen unschuldige Kollegen und Freunden im Land und im Exil großen Schaden zugefügt. Das klingt plausibel, doch ist die Problematik vielschichtiger und komplexer. Caraions konspiratives Tun und Handeln, insofern es wirklich so gewesen sein sollte, steht trotzdem in keinem Vergleich zu den Taten der eigentlichen Täter, die seine seelische Not ausbeuteten.

Caraion erzählte mir einmal, Marin Preda hätte biographische Details aus seinem Gefängnisdasein im Roman verarbeitet. Jetzt bietet sich der ganze Caraion an - als Sujet eines psychologischen Romans, aus welchem die Fratze der kommunistischen Diktatur hervorschaut. Wer den Fall Caraion begriffen hat, versteht auch die Machterhaltungsmechanismen einer Diktatur. Die Steinewerfer unter den selbsterklärten Moralisten dieser Tage sollten sich zurückhalten.

Auch darf eines auf keinen Fall verkannt werden - jenseits von Schuld und Unschuld: wer in der Hölle sitzt, und Caraion saß nicht nur in der Vorhölle, sondern am tiefsten Punkt im letzten Kreis der Hölle unter ärgsten Teufen, der paktiert auch mit Luzifer und Satan! Und dies nicht nur aus Angst, nicht nur aus Schwäche und nicht aus freiem Willen, sondern aus einen Selbsterhaltungstriebheraus, der zutiefst existentiellist, und der aus sich selbst heraus agiert, ohne nach moralischen Kategorien zu fragen!

Selbst wenn Caraion schuldig geworden sein sollte, dann habe ich viel Verständnis für ihn, mitfühlendes Verständnis, hatte ich doch eine ähnliche Situation unter Folter selbst erlebt.

Selbst wenn Caraion als angeblich schwacher Charakter versagt haben sollte, wenn er sich verstellte, wenn er schauspielerte, wenn er viele, die fest an ihn und seine Botschaft glaubten, bitter enttäuschte, dann bleibt immer noch der Künstler in ihm bestehen - und mit diesem sein erstrangiges poetisches Werk, das nicht nach moralischen Kriterien beurteilt werden darf. Die moralische Entrüstung, die so lange tot zu Eis erstarrt dalag, schlägt im erwachenden Rumänien hohe Wellen - als Mode? Die Kunst aber ist beständiger als der Zeitgeist. Warten wir es ab …


Das Nachdenken über den Dichter, der sich mir gegenüber immer geistig solidarisch, menschlich, ja freundschaftlich verhalten hatte, der, genau betrachtet, ein später, väterlicher Freund war, ließ mich die Schönheiten der Seenwelt vergessen. Gerne hätte ich seine Sache noch tiefergehend ausgelotet und verteidigt, doch nicht profan wie im Gerichtssaal, sondern existentiell philosophisch. Ein weites Feld, ein Schicksal, in welchem sich ein politisches System spiegelt und aus dem etwas deutlich hervor scheint: Das Wesen der Diktatur!

Im Vorausblick auf die noch anstehenden Herausforderungen drängten sich wieder andere Reflexionen auf, mit vielen selbstkritischen Fragen, die ich mir stellte und die berechtigterweise auch andere stellen durften.






Hotel Intercontinental in Bukarest- zur Zeit Ceausescus gebaut
 


Carl Gibson,

Symphonie der Freiheit


Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur



Chronik und Testimonium einer Menschenrechtsbewegung in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten, Foto: Carl Gibson








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