Montag, 21. Januar 2013

Frei! Die Heimkehr

 

Frei! Die Heimkehr


 

Immer noch berauscht von einer eigenartigen Glückseligkeit ging ich von Bord und betrat erstmals deutschen Boden!

Ein mythisches Erlebnis - der Sohn der Gaia, der die heimatliche Erde berührt, um aus ihr neuen Kampfesmut und neue Lebenskraft zu ziehen! Schiller hatte dies so plastisch geschildert. Dies war meine Heimkehr! Jetzt war ich in gleicher Situation, wenn auch nicht mehr im Überlebenskampf. Der kaum erst gewählte Papst wäre hier niedergekniet und hätte die deutsche Erde symbolisch geküsst. Mir, dem gesunden Patrioten von Anfang an, reichte das Bewusstsein, im Land der Väter angekommen zu sein. Urplötzlich fühlte ich mich gelöst; zugleich aber auch zutiefst gerührt. Ein Gefühl von Vertrautheit kam auf, ganz so, als wäre ich schon oft hier gelandet. Gedanken suchten sich ihre Bahn … Einiges hatte das Gehirn bereits vorweg genommen. Erst mit der Erfüllung des Glücksmoments verrauschte allmählich auch die Freude. Ich fühlte mich emanzipiert und erstmals unendlich frei, mit großen Erwartungen, aber ohne Diskrepanz und Frust wie andere, die später kamen, obwohl sie eigentlich nicht wirklich kommen wollten. Endlich war ich dort, wohin ich immer schon wollte! Nicht im Land, wo Milch und Honig flossen, aber in einem Raum, wo die persönliche Bedrohung wegfiel, wo die Angst aufhörte und der staatliche Terror. Lenau hatte nicht anders gefühlt, als er erstmals Metternichs Wirkungsbereich entfloh und den liberalen Boden Badens betrat - und Heine jenseits der preußischen Grenze! Und ich war gerne da, hatte deutschen Boden unter den Füßen und war glücklich! Ja, ich war angekommen. Ein Teil der Wanderschaft war zu Ende. Fürs erste war ich am Ziel.


Der Flughafen in Bukarest war verglichen mit den menschenüberströmten Terminals der Mainmetropole ein beschaulicher Ort. In Frankfurt pulsierte das Leben. Wohin ich auch blickte, sah ich Menschen, die sich frei bewegten und die ungehindert und unbeobachtet ihre Ziele verfolgten. Mitten in der Menge hielt ich inne und betrachtete den wuselnden Ameisenhaufen um mich herum. Dabei entdeckte ich keinen Einheitsmenschen, nur hundert Typen und Charaktere; Krumme und Gerade, Alte und Junge, Fette und Magere, Menschen in Rollstühlen und Schwestern aus Madagaskar, die Kranke vor sich her schoben. In dieser Gesellschaft wurden die Behinderten anscheinend nicht versteckt wie in der Welt, aus der ich kam. Offensichtlich war Kranksein keine Schande. Das alles ließ ich an mir vorüberziehen, ohne Details aufnehmen zu können, gleich Bildern auf der Kinoleinwand. Haften blieben Empfindungen und Impressionen.

War ich nicht gerade aus einer Höhle hervorgetreten und sah nun erstmals Menschen, nachdem ich bisher nur Schatten gesehen hatte? Meine Blicke schweiften neugierig beeindruckt durch die Hallen. Die meisten Beschriftungen, Symbole, Werbebotschaften, Läden, Kioske, Restaurants, Bars, kurz alles, was sich dem Auge darbot, erschien mir farbenfroh, hell erleuchtet, voller Lebensfreude. Selbst der Kitsch kam mir nicht kitschig vor, sondern dazugehörig, als Teil der Buntheit. Vieles wirkte vertraut, ganz so, wie ich es aus den Zeitschriften kannte und auch erwartet hatte. Nach dem vielen Grau konnte es mir nicht bunt genug sein. Darüber hinaus konnte ich alles lesen und verstehen. Selbst das Neudeutsche, die paar Brocken Englisch dann und wann. Obwohl alles neu war, kam keine Fremdheit auf, kein Widerspruch. Dementsprechend fühlte ich mich auch gleich wohl; so wie man sich fühlt, wenn man von einer langen Reise wieder glücklich zu Hause ankommt oder von guten Freunden willkommengeheißen wird.

Die kurze Zeit, die mir zur Verfügung stand, nutzte ich, um mich im Vorhallenbereich umzusehen. Da war eine Buchhandlung mit tausend Titeln von Autoren, deren Namen ich noch nirgendwo gehört hatte; mit Büchern, deren Überschriften in Goldlettern darauf hindeuteten, dass mit dieser Art Literatur gutes Geld zu verdienen sei. Eine Flut von Zeitungen aus allen Winkeln der Erde in den großen Sprachen der Welt fiel mir auf, darunter auch einige exotische. Hier rätselte ich - das war vermutlich Türkisch! Ganze Heerscharen von Zensoren hätte man engagieren müssen, um ihre Inhalte zu beschneiden.

Der reiche Pluralismus selbst im Zeitschriftenregal. Welch eine Vielfalt auch hier! Welch eine Auswahl! Welch ein Angebot! Da war manches über Geld und Immobilien, über Yachten und Boote! Ja selbst über Uhren, über alte und neue. Gerade hatte ich ein halbes Jahr ohne Zeitmessung verbracht. Und hier? Hier wurde sogar die Chronologie der Zeit erforscht! Da lagen die großen Magazine, nach deren Inhalten ich so lange gegiert hatte; und nur einen Handgriff daneben andere Magazine, in denen die physiognomische Erscheinung des weiblichen Körpers bis in die letzten Details studiert werden konnte, naturalistisch und in Hochglanz. Das war die Freiheit der Vielfalt. Marx hatte nicht zufällig gern eine alte Mönchsweisheit zitiert - suum cuique, jedem das Seine. Wie wahr! Hier herrschten die Gesetze des Marktes, der Geschmack und die Kaufkraft der Vielen.

Auf dem Weg in den Außenbereich, wo es im Bus weitergehen sollte, kam ich an einem Blumenladen vorbei. Unbewusst hielt ich an. Frühlingszauber mitten im Oktober? Galten die alt gewohnten Regeln der Jahreszeiten nicht mehr? Zählten nur noch Nachfrage, Angebot und Preis? War inzwischen alles mit allem vernetzt in einer grausamen Welt der Globalisierung? Traten ihre Selektionsprinzipien jetzt an die Stelle sozialer Strukturen? Bestimmten ihre Auslesekriterien jetzt auch den wirtschaftlichen Überlebenskampf zwischen den Nationen?

Wirre Gedanken … Die Rosen um mich herum waren irgendwie anders; herrlicher, praller und kraftvoller als jene zart morbiden in unserem Hof, mit fester Blüte, so als sei der Tau kaum erst verflogen! Glühend rote Rosen aus dem Kühlschrank? Mit festem Stil, fast ohne Dornen. Rituell bückte ich mich zu ihnen hinab, um mein Riechorgan, das in den letzten Monaten nicht gerade verwöhnt worden war, in das Meer der Düfte einzutauchen, um etwas von dem teuren Rosenöl einzuatmen, das in den Blüten verborgen lag. Um mit feinen Sinnen, diskret und unauffällig ein neues Aroma einzufangen; ganz so wie wenn man zum ersten Mal den Wein probiert, der aus einer neuen Rebzüchtung stammt. Nur konnte ich nichts empfinden, gleich dem Prächtigen in Florenz. Hatte mein Geruchsinn gelitten? Die roten Rosen dufteten nicht. Lag es an mir? Verunsichert wandte ich mich zu den anderen hin in Rosarot, zu den scheußlich Gelben, dann zu den keuschen Weißen und schnupperte frivol daran, prüfend wie ein Hund ein Exkrement beschnuppert. Selbst diese Rosen hatten keinen Duft. Nur Schönheit, stille, keusche, kalte Schönheit - wie eine vollendete Jungfrau im Operationssaal. Schön, doch abweisend steril. Die Wesenheit fehlte, die das Leben ausmacht. Diese Feinheiten waren im Grunde nur etwas für ganz sensible Poeten. Sie dämpften meinen Enthusiasmus zwar etwas, konnten aber die zahlreichen positiven Impulse, die ich noch eindeutiger fühlte, nicht abwürgen. Immer noch glühte und sprühte ich vor Optimismus und ganz großen Erwartungen.


Auszug aus: Carl Gibson,

Symphonie der Freiheit

Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur
 

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe

 Zeitzeuge und Autor Carl Gibson

 

Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat

 
  


Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel



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