Montag, 21. Januar 2013

Kent


Kent



Meine Schmuggelware reiste mit, gut versteckt und kaschiert von aromatisierten Glimmstängeln in einer fast unscheinbaren Zigarettenschachtel, die ich in meiner linken Brusttasche verstaut hatte. Das Corpus delicti, Ursache einer immer noch vorhandenen Nervosität, das waren zwei wichtige Dokumente, die ich unbedingt aus dem Land zu schmuggeln gedachte; eine Abschrift jenes sonderbarenUrteils, welches nach dem obskuren Prozess ausgefertigt worden war als seltene Rarität rumänischer Rechtssprechung und der Haftentlassungsschein, ein Schriftstück, das mir am Tag der Entlassung ausgehändigt und mit auf den Weg gegeben worden war, um mich vor einer spontanen Verhaftung an der erstbesten Ecke zu schützen. Formal bestätigten die Papiere Dissidenz und Haft. Wurden sie entdeckt, konnte es mächtigen Ärger geben.

Jetzt waren wieder schauspielerische Qualitäten gefragt. Mehrfach hatte ich als Schüler Rollen einstudieren müssen. Nun konnte ich die erworbenen Fertigkeiten austesten. Kurz vor der letzten Kontrolle kramte ich suchend in den Taschen, würde fündig, klopfte aus dem nur an einer Ecke angerissenen Päckchen eine Zigarette hervor und zündete diese mit gespielter Seelenruhe an.

„Kent, Sie rauchen Kent?“ sprach mich ein jüngerer Zöllner an, der alles mit Argusaugen beobachtet hatte. „Gestatten Sie, dass ich zugreife … “ Sein Tonfall wirkte freundlich schüchtern, fast unterwürfig. Die Gier des Abhängigen war nicht zu verkennen. Offensichtlich erwartete er etwas für sein Wohlwollen bei der Abfertigung.

„Bitte, bitte“, erwiderte ich mit gespielter Souveränität und hielt ihm das Päckchen mit den drei herausragenden Zigaretten entgegen: „Bedienen Sie sich!“

Er griff auch sofort zu, entnahm zitternd eine Zigarette, zündete sie an und sog mit einem tiefen Zug befriedigt den giftig blauen Dunst in die Lunge.

„Nehmen Sie noch ein paar … “ schob ich gleich hinterher, um ihn gänzlich zu gewinnen, klopfte wieder auf das Päckchen und bot ihm großzügig noch einige der begehrten Stängel an.

Selbst ein Zöllner rauchte nicht täglich Kent: „Ich habe schon viele Zigaretten geraucht …Ich habe auch schon Kameeel geraucht … Aber diese Kent, die schmecken mir einfach am besten - naaa, bitte!“

Diese ulkigen Worte eines fernen Bekannten aus Siebenbürgen fielen mir sofort wieder ein, als das markante Wort fiel. Kent- das war keine Provinz in Südengland, nicht die Gegend, wo meine väterlichen Wurzeln vermutet wurden, nein: Kent - das war ein Mythos, mächtiger noch als jener von Freiheit und Abenteuer! Kent, das war ein Zauberwort, eine Magie, die selbst in Zigeunerliedern besungen wurde. Eine Mărăşesti im Zigeunermund, das war Identität und Heimat, während die Zigarette Kent - hergebracht aus dem Okzident - nicht weniger verkörperte als die Kultur des Abendlandes!

Die Wunderwaffe Kent, das beliebte Universalzahlungsmittel im Osten, verfehlte auch diesmal ihre Wirkung nicht. Der Bursche ließ mich passieren, ohne den Päckcheninhalt näher zu überprüfen und wünschte mir selbst noch eine gute Reise.


Auszug aus: Carl Gibson,


Symphonie der Freiheit

Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

Chronik und Testimonium einer Menschenrechtsbewegung

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe




Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:


"Symphonie der Freiheit"

bzw. in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen

Allein in der Revolte.
Eine Jugend im Banat


Zeitzeuge und Autor Carl Gibson


Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel


 


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