Sonntag, 20. Januar 2013

Existenzerfüllung und Glück - Von seltsamen Metamorphosen, vom Ungeist der Schwere und vom beschwingten Sein


 

Existenzerfüllung und Glück - Von seltsamen Metamorphosen, vom Ungeist der Schwere und vom beschwingten Sein


In Deutschland angekommen, kühlte mein Enthusiasmus deutlich ab, als ich zunehmend feststellen musste, dass die meisten Menschen um mich herum, selbst jene, die erst kürzlich die Freiheit erreicht hatten, kaum noch einen Sinn für idealistische Dinge entwickelten und weitgehend damit beschäftigt waren, ihren Lebensstandard zu steigern, eigennützige Interessen zu verfolgen und ausschließlich materielle Vorteile zu erlangen. „Ich muss meine Situation verbessern, bis sie so ist, wie ich sie haben will“, hörte ich manchen Materialisten sagen, der sehr genau zu wissen schien, was und wie viel davon er haben will, bevor er zur Asche zerfiel. Das Haben rückte in den Mittelpunkt der Existenz, noch bevor das Seinerreicht war. Die einst vehement erlebte Vergangenheit interessierte sie inzwischen genauso wenig wie die lange erstrebte bunte, weite Welt.

Manche Freunde gaben selbst Bildungsambitionen und Erkenntnisinteressen auf und begnügten sich damit, Bausparverträge abzuschließen, diese zur Reife zu führen, Grundstücke zu erwerben und, bei höchstem persönlichem Verzicht, die Schulden für den eigenen Freikauf und für das zu errichtende Haus zu tilgen. Andere freilich, in der Regel junge Mütter mit kleinen Kindern, mussten sich den Notwendigkeiten fügen, ohne ihren eigentlichen Weg gehen zu können. Dort, wo ich die Freiheit angesetzt hatte und die Selbstverwirklichung, stand für andere das Haus. Zunehmend traten mehr und mehr traditionelle Werte wie Besitz, Eigentum und Sicherheit an die Stelle der Freiheit.

Die Freiheit selbst war für viele kein Wert an sich, sondern nur noch ein Mittel, um Geld, Gut und Sicherheit zu ergattern. Alle anderen Werte, die nach meiner Auffassung durch die Freiheit erst ermöglicht werden, wie Kreativität, Literatur, Musik, Kunst und Kultur, traten für die meisten Menschen, denen ich später immer seltener begegnete, in den Hintergrund und wurden ganz und gar unwichtig. Von unterschiedlichen Zielsetzungen bestimmt, drifteten die Welten auseinander. Über das Verbindende der Vergangenheit hinweg, stellte sich bald auch eine zunehmende Entfremdung ein. Geist und Kunst oder nackter Materialismus? Unter hinter allem ein für mich stets unbegreifbarer Egozentrismus! Bücher schreiben? Wozu? „Kann man von Bücherschreiben überhaupt leben?“ fragte mich ein Daimlerarbeiter, der die Schichtarbeit am Fließband für die ultimative Errungenschaft humaner Arbeitswelten hielt.

Wozu braucht man heute noch Bücher, wo man doch das Fernsehen hat, ein Medium der Volksverblödung, das rund um die Uhr zur Passivität und zum Nichtstun einlädt; und außerdem auch noch ein paar geistreiche Zeitungen, die einem dabei helfen, den Ritus des Lesens für immer aufzugeben? Kann man denn von Philosophie leben- oder zumindest überleben? Wozu braucht der Mensch überhaupt Philosophie? Ist sie nicht unnützer Luxus, den sich nur die dekadenten Griechen und Römer leisteten? Das fragten andere!

Und ich selbst musste mich fragen: Was bringt das durchgehaltenes Ethos heute noch ein, außer massiven Enttäuschungen auf vielen Ebenen? Ist es nicht offensichtlich, dass der selbstherrliche Staat, das kälteste aller Ungeheuer, über seine realitätsfremden Politiker seine intellektuellen Eliten verrotten lässt, indem er sie der totalen Freiheitpreisgibt, der Freiheit der geflügelten Tauben in einer Welt der Geier? Viele aus unseren Reihen hatten erst kürzlich alles aufgegeben, nicht nur Haus und Hof, auch die Vertrautheit der Heimat und die Geborgenheit der Gemeinschaft, um in Freiheit zu leben! Und jetzt, wo wir, in alle Winde zerstreut, endlich freiwaren, gaben wir die Freiheit auf, um profane Steinhaufen zu errichten!

Bestand darin der Sinn menschlichen Tuns? Viele von uns waren auf dem Weg, perfekte Egoisten zu werden und noch perfektere Materialisten, Anbeter des Goldenen Kalbs in Stein!? Wenn der Haufen endlich stand und die letzte Rate getilgt war, waren die meisten, die daran geschuftet hatten, ausgebrannt und bald auch tot. Machte das Sinn? Aus der Sicht der lachenden Erben vielleicht! Für die Handelnden aber war es nur ein weiterer Opfergang, ein Weg, der sie traurig machte, wenn sie einmal Zeit fanden, um über ihr Tun nachzudenken. Du darfst nie die Sinnfrage stellen - hatte ein schlauer Kopf einmal gesagt. Wie wahr. Jeder Nomade hätte uns verlacht - und nicht nur der Nomade.

Es war schwer zu fassen. Mach einer war zum Ausgangspunkt zurückgekehrt, der sich eigentlich nur geologisch verschoben hatte? Die einst zu überwindende kleinbürgerliche Welt des Dorfes, die sich durch Kulturfeindlichkeit, Bildungslosigkeit und Trivialität in allen Lebensbereichen auszeichnete, war jetzt wieder da; die Existenzform des Gartenzwergs, der statisch in der Landschaft steht und vom eigenen Grund und Boden aus apathisch in die Welt blickt. Im Grunde war es die alte Welt der Spießer, nur dass ihre Pseudowerte diesmal staatlich anerkannt, gefördert und gestützt wurden und der Staat dabei auf eine ideologische Untermauerung und Durchsetzung des Gelebten verzichtete.

Die vielfachen Mechanismen der Manipulation in der geldorientierten, kapitalistischen Gesellschaft mit ihren Abhängigkeiten waren viel subtiler und undurchschaubarer. Die materialistische Gesellschaft würgte den Rest verbliebener Freiheit nicht endgültig ab, sondern beließ - im Unterschied zur totalitären Gesellschaft der Kommunisten - die Freiheit jenen, die noch etwas damit anzufangen wussten. Den meisten Menschen jedoch wurde eine elementare Tatsache nie bewusst: sie gaben die Freiheit, die sie eigentlich hatten, auf und tauschten sie gegen eine selbst auferlegte, freiwillige Unfreiheit ein, um materielle Zielsetzungen zu erreichen.

Geld statt Freiheit, lautete manche Devise, während ich selbst noch lange Jahre gleich zweifach darauf spekulierte, über finanzielle Unabhängigkeit endgültige Freiheit zu erlangen. Eine Schimäre, die ich aus heutiger Sicht als opferreiche Erfahrung und - mit Proust - fast sogar als verlorene Zeit verbuche.

Existenzerfüllung und Lebensglück wurden nunmehr utilitaristisch definiert als das größtmögliche Glück der größten Zahl, wie einst bei Bentham und Mill, wobei die größte Zahl dieser heutigen modernen Menschen ihr persönliches Glück in Wohlstand und Sicherheit sah, speziell in einem ewig vollen und trägen Magen, einer fetten Rente und einem möglichst langen, bequemen Warten auf den Todohne besondere Gehirnaktivitäten!

Und dabei lehrt doch gerade die moderne Hirnforschung in erstaunlicher Nähe zur Selbsterkenntnisforderung altgriechischer Philosophen, dass existentielles Glück nicht mit einem schweren Bankkonto verbunden sein muss, mit Wohlstand und vermeintlicher Sorgenfreiheit über Besitz und Eigentum, sondern das Lebensglück mit den vielen existentiellen Erfahrungenzusammenhängt, auf die der Mensch später einmal selbsttröstend zurückblicken kann.

Stimmte das, dann blieb ich mit meinen zahlreichen Erlebnissen ein reicher Mann, auch ohne Geld. Der zur Selbsterkenntnis gelangte Mensch findet seine Existenzerfüllung im Leben in der Eigentlichkeit im Sein und nicht im Haben. Erst dann findet er etwas von der Freiheit vor, die vielleicht John Stuart Mill in jenem Essay on Libertyvorschwebte.

Auch ich brauchte meine Zeit, um materielle Antriebe und Ziele hinter mir zu lassen. Obwohl ich die Pseudohaftigkeit der materiellen Werte einer Spießbürgergesellschaft damals, unmittelbar nach der Ankunft im Westen, noch nicht durchschaut hatte, denn dazu gehören einige Jahre selbst erfahrenerund freiwilliger Unfreiheit, aus der man sich in der Regel nie wieder lösen kann, ahnte ich intuitiv die Gefahr und hielt an der bisher beschrittenen, steinigen Bahn fest - in der Hoffnung, möglichst viel Freiheit leben und kreativ altruistisch umsetzen zu können. Das war meine egoistische Antwort auf die Herausforderungen eines allzumenschlichen, materialistischen Umfelds, das vom Ungeist der Schwere und seiner niederziehenden Wirkung bestimmt wird. Dabei wollte ich immer noch hinauf, in die beschwingte Leichtigkeit des Seins, frei nach der Idee Nietzsches, der gegenwärtige, unzulängliche Mensch sei etwas, das zugunsten eines höheren Menschen überwunden werden müsse. Künstlerisch kreative Tätigkeiten und idealistische Projekte dienten als Mittel dazu. Doch der steinige Weg ist ein Weg der Einsamkeit, den das Gegenüber nur eine Weile durchzuhalten vermag!

Also pflegte ich auch weiterhin die Nähe zu Geist und Kunst begann erneut, alles niederzuschreiben, was und wie ich es erlebt hatte, mit einigen spärlichen Kommentaren versehen - fürfreie Geister und, wie ein anderer Exot es im Rückgriff auf Shakespeare über ein Werk schrieb: For the Happy Few. Parallel dazu wirkte ich als kritischer Aufklärer und fuhr fort, als Zeitzeuge aufzutreten und über Fakten zu berichten.

Kaum aus Paris zurück, fand ich einen Brief von Erwin vor, den ein Bekannter nach Deutschland geschmuggelt hatte. Unter anderem berichtete der vertraute Kampfgefährte von einer neuen Vorladung zur Securitate, die nun offensichtlich die Damenschrauben anzogen: Seit einigen Wochen bin in wieder in der Electrobanat beschäftigt, am alten Platz - nur bin ich jetzt weitaus bekannter als früher. Einzelne Arbeiter suchen das Gespräch. Ich habe den Eindruck, dass die Menschen nun mutiger sind als vor unserer Aktion. Der Betriebsgeheimdienstler ist ganz auf mich fixiert. Immer wieder zitiert er mich in sein Büro und stellt mir allerlei Fragen. Edgar ist inzwischen mit den Wolfs ausgereist. Doch mir haben sie noch keine Zusagen gemacht. Ich habe mehrfach nachgehakt und war ganz oben beim Chef. Romanescu hat mich angehört, mehr nicht. Versprochen hat er gar nichts. Der General hält sich zurück: und wir, meine Eltern und ich, hängen in der Luft. Ich hoffe doch, sie werden uns bald ziehen lassen. Der Milizchef, General Taurescu, soll inzwischen auf dem Weg in die Klapsmühle sein, sagt man. Deine Interviews haben hier einigen Wirbel verursacht, besonders das über Dein Leben, das mehrfach gesendet wurde. Pele wollte wissen, ob ich auch bei der Kobra mitmache, wenn sie uns freigeben … Ich sagte ihm nur, dass Du Deine Entscheidungen selbst triffst - und dass ich Dich nicht beeinflussen kann, von hier schon gar nicht. Irgendwo setzte sich der Eindruck fest, er koste es aus, bekannt zu werden. Offensichtlich genießt er es, wenn man selbst im Ausland über ihn spricht! Mit Drohungen hielt sich Pele diesmal zurück.

Der Gruß Dein Freund, der Dich nie vergisst, beendete das Schreiben. Mutter, die den Brief in die Hände bekam, zitierte den Schlusssatz auf ihre pathetische Weise noch so oft, dass er mir für immer im Gedächtnis haften blieb. Die Neuigkeiten gaben mir zu denken. War es klüger, untätig abzuwarten? Alle bisherigen Entwicklungen sprachen dagegen. Handeln - das war der Weg! Je mehr Öffentlichkeit erzeugt wurde, desto sicherer waren die noch Gefangenen. Deshalb musste ich weiter nach London.

 
Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit



Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe






Zeitzeuge und Autor Carl Gibson


Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat




Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel











 

 











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