Montag, 21. Januar 2013

In freiheitlicher Mission - beim Sender Freies Europa in München

 

In freiheitlicher Mission -

beim Sender Freies Europa in München



Innerhalb einer Woche war das Gröbste an Formalitäten erledigt. Jetzt begann der Alltag in einer neuen Welt, der Alltag desehemaligen Dissidenten. Während andere, einmal im Westen angelangt, unter ihren Aufruhr von gestern, der nur ein Mittel zum Zweck war, einen Schlussstrich zogen, um sich künftig eigenen Interessen zuzuwenden, machte ich noch eine Weile weiter, ein Weile, aus der dann noch zehn Jahre wurden.

Über Stuttgart reiste ich zunächst nach München, um beim Sender Radio Freies Europa anzuklopfen. Für den Fall, dass ich dort Interviews zu geben beabsichtigte, hatte mir die Securitate mit Vergeltung gedroht. Der lange Arm der Revolution werde mich auch in der Bundesrepublik zu erreichen wissen, wie er bereits einige Mitarbeiter des Senders und einzelne Exilintellektuelle erreicht hatte. Das Land werde es nicht hinnehmen, öffentlich diffamiert zu werden. Man werde hart durchgreifen und die zurückgelassenen Freunde zur Rechenschaft ziehen. Was sollte ich jetzt tun?

Ein Gewissenskonflikt bahnte sich an. Sollte ich nun aus Furcht vor einem potentiellen Mordkommando wie der feige Wolf im Märchen den Schwanz einziehen und mich memmenhaft verkriechen? Sollte ich aus Rücksicht auf Freund Erwin und andere gute Bekannte aus meiner Jugend schweigen und abwarten? Das entsprach nicht unserem bisherigen Handeln. Bisher hatten wir uns nicht einschüchtern lassen und waren gut damit gefahren. Jetzt kam es darauf an, diese Linie beizubehalten und konsequent weiterzumachen. Dabei war mir bewusst, dass eine solche Haltung auch im Sinne des Streitgefährten war. Auch Erwin, der noch in einer Art Geiselhaft für die Zeit eines weiteren Jahres im Land gehalten wurde, musste daran interessiert sein, die Erinnerung an die gerade erst unterdrückte freie Bürgerbewegung wach zu halten, um dabei nicht wieder in lähmende Anonymität zurück gedrängt zu werden.

Nachdem ich mich an der Pforte des Senders, wo bald darauf eine Bombe hochgehen sollte, angemeldet und in einem der Sessel im Empfangsbereich Platz genommen hatte, dauerte es nicht lange, bis der Direktor der rumänischen Abteilung auf mich zukam und mir noch etwas unsicher die Hand reichte: „Noel Bernard“, stellte er sich vor. Den wohlklingenden Namen kannte ich seit Jahren. Ein Pseudonym? Vielleicht! Jetzt stand ein kleines, schwaches Männchen vor mir mit brauner Gesichtsfarbe und schwarzen Haaren. Er trug einen tiefblauen Anzug und zeigte eine nervöse Grundhaltung, meinem Temperament nicht unähnlich. Vom Typus her erinnerte er fern an den Barden Charles Aznavour und war vermutlich armenischer oder kaukasischer Herkunft. Prometheus war dort an den Berg geschmiedet worden, lange vor der Sowjetdiktatur. Doch dieser Titan des freien Wortes vor mir war seit Jahren entfesselt und leistete der Freiheitgute Dienste. Tabakgeruch drängte sich auf und vermittelte mir den Eindruck, mit einen notorischen Kettenraucher konfrontiert zu sein, mit einem hypernervösen Charakter, dessen Wesen die Hektik war.

„Wie ist die Versorgungslage im Land?“ erkundigte sich der Programmchef spontan, hoffend, ich werde ihn mit allerneuesten Nachrichten aus Temeschburg oder der Kapitale versorgen. Die Frage überraschte mich etwas und ließ mich verlegen ausweichend reagieren. Was hätte ich antworten sollen? Eine Katastrophe? Wartete er darauf?

„Ich weiß es nicht genau!“ gab ich knapp zurück, ohne Lust zu heucheln: „In den letzten sechs Monaten saß ich in einer Zelle und habe keine genaue Vorstellung davon, wohin die Gesellschaft in dieser Zeit steuerte und wie sie sich entwickelt hat. Allerdings war vielfach zu vernehmen, es würde täglich weiter bergab gehen. Selbst genuine Rumänen hätten kaum noch Lust, bis zum Sanktnimmerleinstag in der Diktatur auszuharren und auf positive Veränderungen zu hoffen. Ceauşescu, von dem die Menschen sagen, er würde langsam verrückt werden, soll damit begonnen haben, die immensen Auslandsschulden forciert zu tilgen, um sich auf diese Weise dem Würgegriff und der Abhängigkeit westlicher Geldgeber zu entziehen. Autarkiestreben nenne man das neuerdings, Emanzipation von Moskau und Abkehr vom Westen. Man spricht aber auch von autistischer Selbstisolation und von progressivem Wahnsinn!“

Damit bestätigte ich lediglich Gewissheiten. Bernard saß an der Mündung der Informationsflut aus dem Land und wusste genau, wohin die Reise ging. Ceauşescu wollte wirklich frei sein. Frei wie Enver Hoxha, frei wie Kim, frei zum Gang auf dem Holzweg in die Sackgasse.

Während wir uns weiter über die jüngsten oppositionellen Bestrebungen in Rumänien unterhielten und intern überprüft wurde, wer ich überhaupt sei und ob ich glaubwürdig sei, kam ein leitender Mitarbeiter des Senders hinzu, ein Redakteur, der mir namentlich als Moderator eines Jugendmagazins bekannt war. Er stieg mit in eine Diskussion ein, die zunehmend lebhafter und emotionaler wurde. Das Eis war inzwischen gebrochen - und das gegenseitige Vertrauen da. Hier hatte ich es mit Vollblutjournalisten zu tun, die ihren Beruf mit Leidenschaft und aus weltanschaulichen Überzeugungen heraus ausübten. In ihrem Engagement war viel innere Wahrhaftigkeit. Und weil dies so war, kam ihre Botschaft nicht nur bei mir an - sie erreichte auch die nach objektiven Informationen dürstenden Menschen an den Radiogeräten im Ostblock.

Nach einer guten Viertelstunde beendeten wir das Vorgespräch indem wir uns darauf einigten, am folgenden Tag zwei längere Interviews aufzunehmen. Das erste zum Thema Freie Gewerkschaften in Rumänien, speziell über die Abläufe der SLOMR-Gründung in Temeschburg; das zweite über mein noch junges, aber schon wechselreiches Leben im real existierenden Sozialismus rumänischer Prägung; speziell über das langsame Hineinschlittern in oppositionelle Tätigkeiten und über das genuine Hineinwachsen in eine Menschenrechtsbewegung, die inzwischen europäische Dimensionen anzunehmen schien. Die Charta 77 tschechoslowakischer Intellektueller bestand immer noch -und in Polen regte sich eine breit fundierte Gewerkschaftsbewegung, die, moralisch vom polnischen Papst unterstützt, bald Millionen Menschen unter einem Ideal vereinen und unter dem Namen Solidarnoscin die Geschichte eingehen sollte. Vor diesem Hintergrund sollte ich in einer Retrospektive zurückblenden.




Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit


Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe






Zeitzeuge und Autor Carl Gibson


Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat



 
 

Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel











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