Sonntag, 20. Januar 2013

Kreuzberger Krawalle - oder: Macht kaputt, was euch kaputt macht!


Kreuzberger Krawalle - oder: Macht kaputt, was euch kaputt macht!


 

In der Nacht schlief ich tief und fest wie nach einer überstandenen akademischen Prüfung. Am nächsten Morgen stand ich erfrischt auf und tat das, was die meisten Menschen sonst auch tun; ich wendete mein Haupt, verdrängte die jüngsten Impressionen des Schreckens und richtete meinen Blick auf angenehmere Dinge. Lebte nicht Gerhard in Berlin, mein alter Literaturkumpan? Um es herauszufinden, konsultierte ich das damals noch ausliegende Telefonbuch in einer Fernsprechzelle. In der Tat fand ich einen Eintrag, stellte den Kontakt her und machte mich auf die Suche nach einer vertrauten Person aus der Vergangenheit, die ich irgendwo im Großstadtdschungel vermutete. Mit etwas Mühe fand ich ihn in Kreuzberg, in dem multikulturellen Viertel, wo gerade ein kleinerer Bürgerkrieg tobte. Brixton war auch hier. Nur rebellierten nicht Türken gegen Deutsche, sondern Autonome gegen den Rest der Welt.

In Namen der uneingeschränkten Freiheit der Zerstörung und des Chaos wüteten Linksextremisten aller Couleur - nicht wie früher als der Schah kam - gegen totalitäre Verhältnisse und gegen den US-Imperialismus in Vietnam, sondern gegen Recht und Ordnung in einer parlamentarischen Demokratie. Der alte Slogan Macht kaputt, was euch kaputt macht, war wieder salonfähig geworden. Pflastersteine flogen durch die Luft. Kreuzberg, das war eine Welt für sich im westlichen Berlin, das auch ganz anders war als alle anderen Städte der Bundesrepublik Deutschland. Mein ehemaliger Nachbar, der zeitkritische Poet, weilte, wie mir schien, nicht zufällig am Ort des Geschehens, sondern - wie die rasenden Reporter von einst, weil dort am meisten los war, weil das Herz Berlins damals wohl in Kreuzberg schlug. In der höheren Etage eines sterilen Plattenbaus, der nicht freundlicher aussah als die vielen der gleichen Sorte in Ostberlin, hatte er einen Ausguck eingerichtet und beobachtete die Szenerie aus der Perspektive des geistig involvierten Voyeurs, der zusieht wie ein Kriegsberichterstatter, ohne selbst Steine in die Luft zu werfen, wohl aus der Einsicht heraus, dass diese durchaus auch auf dem Schädel eines Staatsbediensteten niedergehen konnten.

Es war die Zeit, als die Grünen sich bundesweit zur Partei zu formieren begannen; die Zeit, als künftige Pazifisten und Würdenträger der Bundesrepublik bestimmte Wertvorstellungen und Prinzipien noch auf den Barrikaden verteidigten!

„Was machst duhier in Westberlin?“ wollte Gerhard verblüfft wissen.

„Zufällig genieße ich hier etwas von der sprichwörtlichen Berliner Luft und den Himmel über dem freien Teil der Stadt!“ beantwortete ich die provozierende Frage sarkastisch mit dem Hintergedanken, eine womöglich noch bestehende Überheblichkeit von Anfang an abzuwürgen.

„Offiziell komme ich als Teilnehmer eines Bildungsprogramms nach Berlin, das wohl veranstaltet und finanziert wird, um das politische Bewusstsein der Bevölkerung zu stärken. Vielleicht wollen die Organisatoren im fernen Bonn so auf das Schicksal einer geschundenen Stadt aufmerksam machen; und auch uns Neubürger mit den Auswirkungen der Teilung des Vaterlandes konfrontieren.“

Damit gab sich der auch sonst recht joviale Poet vorerst zufrieden. Da ich nun einmal da war, bot sich ihm die Möglichkeit, in die Rolle eines Cicerone zu schlüpfen, um mir Dinge von Berlin zu zeigen, die auf keiner Agenda standen. Sightseeing war angesagt - wie in München, Paris und London. Nur war Berlin Berlin - und Gerhard wollte ja immer schon nach Berlin, weil er nicht in die Bundesrepublik wollte, aber auch nicht in das Arbeiter- und Bauernparadies des Bert Brecht.


Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit



Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe






Zeitzeuge und Autor Carl Gibson


Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat




Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel










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