Sonntag, 20. Januar 2013

Ein Deutscher in Paris - Impressionen und Expressionen



Ein Deutscher in Paris - Impressionen und Expressionen




Als es mich erstmals mit Macht nach Frankreich hinüber zog, in das Land, wo mir Freiheit und Menschenwürde fester verankert schienen als sonst wo in Europa, in das Land, wo die intellektuelle Streitkultur noch blühte, wo Dichter, Schriftsteller, Philosophen, ja selbst Köche immer noch mehr gelten als Manager, fielen kaum noch Blätter von den Bäumen. Paris, der Nabel der Welt, lag in dichtem Bodennebel versunken, als ich an einem Abend im November im Ostbahnhof einlief.

Es war nass und kalt. Drei Tage standen mir zur Verfügung, um das Mekka der Rumänen zu erkunden und nebenbei einige Dinge zu erledigen, die wichtiger waren als das touristische Programm. Mein Hotel, Teil des mitgebuchten Städtetourenprogramms und deshalb auch ohne mein Zutun ausgesucht, lag gerade richtig, am berüchtigten Place Pigalle; also in einer Gegend, wo sich nicht nur gelangweilte, prüde Lords, sondern auch kreative Geister wie Toulouse-Lautrec wohlgefühlt hatten. Als ich das einfache Zimmer betrat, dessen übel riechender Teppichboden seit Jahrzehnten nicht mehr erneuert worden war, fiel mir eine Sanitäreinrichtung auf, die ich noch nie gesehen hatte. Ein Bidet! Sekundenlang rätselte ich über den Sinn dieser sonderbaren Einrichtung mitten im Zimmer. Schließlich dämmerte es. Flüchtig sah ich mich um, inspizierte das richtige Bad und ließ mich mehr vergnügt als müde in das breite Franzosenbett fallen. Allein. Erst in der kleinen Dachkammer in München und jetzt dieser Spelunke in Paris. Da war ich also, am Born der Lust, allein auf einer ausgeleierten Matratze - und draußen vor der Tür pulsierte das blühende Leben. Langsam versank ich in einer Mulde. Die Wirbelsäule überdehnte sich, während die Stahlfedern schmerzhaft ins Kreuz drangen und den Ischiasnerv aus dem Schlummer kitzelten. Erinnerungen an den Komfort im Knast wurden wach, an die stinkenden Strohmatratzen dort und an das ewige Kreuz mit dem Kreuz. Auch das modrige Heim hier war kein Hilton.

Ohne weiter zu grübeln, verließ ich das Touristenhotel der Zwei-Sterne-Kategorie und trat hinaus auf die Straße. Inzwischen war es dunkel geworden. Doch die hellen Lichter mit den schrillen Werbebotschaften erleuchteten den Weg taghell. Während ich mich ein paar Meter durch die urbane Landschaft bewegte, ohne es zu wissen auf das Moulin Rouge zu, wurde ich immer wieder von Türstehern angesprochen; in Wortfetzen aus Deutsch und Englisch, die um einige wenige Begriffe kreisten. Die schon sprichwörtlichen Freuden des kleinen Mannes schienen auch hier hoch im Kurs zustehen - doch weniger die kulinarischen, vielmehr die Fleischeslust des Mannes. Einige Werber zerrten an mir herum und versuchten, nachdem ihre Überredungskünste nicht fruchteten, mich mit sanfter Gewalt in einen der Freudentempel zu ziehen, um mir dort die besonderen Reize und die Annehmlichkeiten von Paris vorzuführen. Aus den Türen dröhnte Cancan-Musik … Schöne Nacht, du Liebesnacht …Was war aus Jacques Offenbach geworden? Was aus der Quadrille? Und was aus mir, dem ehemaligen Widerständler, dem moralisierenden Wolf aus der Fabel? Ein Amerikaner aus dem Banat in Paris? Zumindest die Stimmung stimmte. Kaum da - und schon mittendrin! Das Ewig Weibliche als trivialer Widerschein? Wieder widerstand ich heroisch wie ein Tamino auf dem Pfad der Prüfungen. Nachdem schon der Lockruf des Goldes verhallt war, trotzte ich auch der zweiten Versuchung. Die freie Welt hatte wohl ihre Tücken und feine Verführungen, die Trieb und Willen in einen schweren Konflikt brachten. Die Zeit des Neuen war übermächtig. Aber noch dominanter war die Abneigung, Liebesdienste zu erkaufen. Offensichtlich wurde hier alles feilgeboten, was Geld einbrachte, auch menschliche Köper wie auf einem antiken Sklavenmarkt. Nach diesem ersten kleinen Kulturschock, der mir schnell verdeutlichte, dass es zumindest in dieser Gegend von Paris nichts zu erobern, nichts zu verführen und auch nichts zu lieben gab, suchte ich ein paar Straßen weiter eine ruhigere Gegend auf, wo ich wenigstens die Gaumenfreuden ausleben und einen genüsslichen Abendimbiss einnehmen konnte. Schließlich war ich im Land der Spitzengastronomie angekommen.

Was wusste ich überhaupt von Paris? Nicht viel mehr als das, was im Französisch-Lehrbuch zu erfahren war. Nicht viel mehr, als ich vom Mond und den Planeten unseres Sonnensystems wusste. Da war die Ile de la Cité, das Herz von Paris, mit der ehrwürdigen Notre Dame, der Louvre, die Sorbonne … Einiges davon wollte ich am nächsten Tag in Angriff nehmen. Das schien möglich. Denn Paris ist eine systematische Stadt, in der man sich kaum verirren kann. Die Untergrundbahn bringt einen schnell und zuverlässig überall hin.

Gleich nach dem spartanischen Frühstück im Hotel, das eher den Appetit stimulierte als zu sättigen, machte ich mich ans Telefonieren, das in dieser Metropole nicht viel einfacher war als in Bukarest. Die meisten öffentlichen Telefonkabinen waren beschädigt und verschlangen nur Münzen ohne Gegenleistung. Irgendwann klappte es dann doch noch, und ich erreichte die Gattin des Historikers und Menschenrechtsaktivisten Berindei. Spontan lud sie mich zum Abendessen ein. Am gleichen Abend gegen sechs Uhr sollte ich mich in ihrer Wohnung einfinden und berichten. Der Zeitpunkt kam mir sehr entgegen, denn Paris wartete.

An irgendeiner Ecke mit dem Metro-Symbol stieg ich hinab in die modernen Katakomben der Großstadt und ließ mich in das mondäne Zentrum fahren. Alles, was ich dort zu sehen bekommen sollte, war mir willkommen. Neugierig kletterte ich die vielen Treppen hoch und sah mich um wie ein Erdmännchen, das aus dem Bau schaut und nicht viel anders als jeder Tourist auch, der zum ersten Mal die französische Hauptstadt erkundet. Paris! Das klang wie Elysium! Und was entdeckten meine Augen? Markante Punkte überall, alles dicht geballt aufeinander wie in einem amerikanischen Vergnügungspark! Da war der Triumphbogen, ein Koloss aus Stein, der an die Siege eines großen Kaisers erinnerte, fast so beeindruckend wie der echte in Orange, doch immer noch imposanter als die etwas forcierte Kopie in Bukarest! Der Platz war nach Charles de Gaulle benannt, nach dem General, der aus dem Widerstand des englischen Exils heraus sein Land befreit und es als großer Präsident in eine lichte Zukunft geführt hatte. Unweit dann ein anderer Koloss, ein Gigant aus Stahl, das Wahrzeichen von Paris, der Eiffel-Turm. Ja, das hier war Mekka vorzuziehen, wenigstens für ein paar Tage. Mittendrin, am Nabel der Welt, verharrte ich im stillen Staunen, beeindruckt von der gewaltigen, lange so unerreichbar fernen Kulisse, deren unscheinbarer Teil ich jetzt war. Plötzlich schien das Unerfüllbare mit den Händen greifbar. Nur die Sehnsucht war dahin, wo sie sich gerade erfüllte.

Paris war ein Universum, das noch erschlossen werden musste. Wohin zuerst? Unschlüssig, ohne genaues Ziel und Zeitvorstellung, spontanen Impressionen, Gefühlen und Gedanken überlasen, folgte ich der Avenue des Champs Ellysee in Richtung Concorde und Tuilerien. Alles war sowieso nicht zu erfassen. Ein erster Eindruck musste genügen. Dort ragte der Obelisk in die Symmetrie, den die einst Franzosen aus Ägypten mitgebracht hatten, einfach so, als Andenken an eine vieltausend Jahre alte Kultur und als unangenehme Erinnerung an ein militärisches Debakel, das noch als Erfolg verkauft worden war. Napoleon, dessen Überreste im Invalidendom warteten, war nicht nur ein geschulter Psychologe, sondern auch ein schlauer Stratege nach innen, wohl wissend dass Kriege und Eroberungszüge nicht nur auf dem Schlachtfeld gewonnen werden.

Aus allem leuchtete die Historie hervor, die große Geschichte einer wahrhaftig Großen Nation verknüpft mit dem Los der Welt. En passant fiel mir das pulsierende Leben der Stadt auf, das Treiben … Die selbst im Herbst noch gut besuchten Kaffeehäuser, die faszinierende Symmetrie der Ordnung, die Größe und Weite der einzigartigen Prachtstraße, in der kaum Normalsterbliche wohnten. Neben dem einzigen Wolkenkratzer in der sonst recht flach gehaltenen Hauptstadt hielt ich inne und suchte im Stadtplan kramend verkrampft nach dem Tour Montparnasse, der hier irgendwo sein musste und den ich nirgendwo erspähen konnte. Nirgends war ein alter Geschlechterturm zu sehn, wie man ihn aus Bologna oder aus dem toskanischen San Gimignano kennt.

„Wo finde ich den Tour Montparnasse?“ fragte ich leicht entnervt einen Passanten.

„Hier, hier gleich neben Ihnen Monsieur“, gab der Herr leicht irritiert zurück. Penibel! Peinlich! Bei soviel Wald sah ich den Mammutbaum nicht mehr, den die schiere Größe verhüllte.

Drohte nicht auch das Individuum in der Menge unterzugehen wie die Einzigartigkeit des Einzelnen in der Anonymität der amorphen Masse der Allgemeinheit? Assoziatives Denken - assoziatives Schreiben! Hier konnte ich beides einüben. Und alles zur Methode erheben, zum Stil des neuen Homme des lettres lange nach Diderot und Voltaire!





Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit


Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe






Zeitzeuge und Autor Carl Gibson


Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat




Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel













 

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