Sonntag, 20. Januar 2013

On Liberty am Speakers’ Corner


On Liberty am Speakers’ Corner



Nachmittags zog es mich dann zum Hyde Park hin, genauer an jene Ecke unmittelbarer Demokratie, die man schon aus dem Schulbuch als Speakers’ Corner kennt; und auf jenes Fleckchen Rasen, wo das freie Wort kultiviert wird wie an keinem anderen Ort auf der Insel oder auf dem Kontinent.

Einmal frei reden zu dürfen, hatte ich mir immer gewünscht; vor allem dann, wenn es hieß: Sei vorsichtig, was du sagst, es könnte jemand mithören. Wer immer schon belauscht wurde mit Ohr und Blick, wer nie das aussprechen konnte, was er dachte, weiß die Kultur des freien Wortes zu schätzen. Felix wäre hier aufgeblüht wie eine Rose im Morgentau und der Alte, der die Freie Rede des Cicero über alles stellte. Die andere Seite hören- das veränderte die Perspektive - und nach St. Exupery und Nietzsche - auch die Wahrnehmung und das Denken.

Nick hatte mir von dieser Ecke vorgeschwärmt, als wir durch den Cişmigiu-Park gingen und nur sub rosa reden konnten. Hier war jenes Prinzip aufgehoben und ad absurdum geführt, weil jeder frei reden konnte, ohne dafür in einen finsteren Kerker geworfen und gequält zu werden wie zu Zeiten der Inquisition.

Karl Marx, der Theoretiker des Kommunismus und Urvater des Unheils in der pseudokommunistischen Welt des 20. Jahrhunderts, hatte einst hier gesprochen, selbst Lenin, der russische Revolutionär im westlichen Exil; und lange nach den beiden Ahnvätern des Weltkommunismus, im völlig entgegengesetzten Geist und von anderen Idealen durchdrungen: George Orwell, der Mahner, der den menschenverachtenden Großen Bruder-Staat wie wenig andere okzidentale Schriftsteller durchschaut und literarisch weit reichend auch angeprangert hatte. Diesmal fehlten prominente Redner; doch auch die weniger bekannten Oratoren hatten manches zu vermelden.

Ein buddhistischer Mönch aus Tibet stand auf einem selbst errichteten Podest aus einer stabileren Obstkiste und sprach vor Passanten, in deren Minen lebhaftes Interesse und tödliches Gelangweiltsein sich die Waage hielten. Manch ein Cockney hielt es mit Oblomow. Viel Lärm um nichts? Der Meister redete über göttliche Dinge, über die Freiheit des Denkens und der Religion, die es in seiner besetzten Heimat seit dem chinesischen Einmarsch nicht mehr gab und über das vielfältige Leiden seines Volkes, dem ideologisch verblendete Maoisten seine tausendjährige Identität rauben wollten. Von menschlicher Nächstenliebe sprach er wie ein Christ; auch von der Solidarität demokratischer Völker untereinander, nicht anders als der Dalai Lama auf seiner Aufklärungsmission durch die Welt und einst Gandhi vor dem Gewissen der zivilisierten Menschheit.

Doch fast keiner aus dem Haufen hörte ihm zu. Wen störte der chinesische Imperialismus? Die freie Welt blickte weg! Und der Westen schien Tibet genauso aufgegeben zu haben wie die Gaffer den Referenten! Nicht viel anders als einst das rebellierende Ungarn und die aufmüpfige Tschechoslowakei dem himmlischen Trugfrieden geopfert worden waren? Endgültig, um Interessensphären zu wahren und, am Völkerrecht vorbei, aus Gründen der Staatsraison, nur weil sich keiner mit dem totalitären China anlegen wollte?

War das Völkerrecht nur für die Starken da? Und wog man die Schwachen im Völkerbund mit anderem Maß? Der Mönch mahnte und klagte, indem er mild von der Friedfertigkeit sprach, die das Wesen seines Volkes verkörperte: historisch gewachsene tibetanische Identität. Sie zu wahren, war nicht einfach. Schließlich hielten es die Chinesen wie die Russen. Was einmal im Handstreich erobert worden war, was sie einmal hatte, das gaben sie als gute Imperialisten nie wieder her, selbst wenn die Schande zurückblieb. Doch was bedeuten schon Schande und Moral, wo heute nur Macht und Gewalt zählten?

Mitgefühl erfasste mich. Auch ich, ein Lamm, war in eine Wolfsburg hineingeboren! Was anderes war im Banat nach Trianon abgelaufen? Unsere deutsche Identität unter Rumänen, die Identität der indischen Hindus, jene der moslemischen Pakistani, der Sikhs, die von einigen als Moslems angesehen wurden, die Identitäten der Schwarzen aus Kenia und Rhodesien und aus den Homelands, jene verblichene der Schotten und die ewig frische der Iren aus dem Norden - all diese gefährdeten Wesenheiten verwiesen auf das gleiche Phänomen: auf die notwendige Aufrechterhaltung der Identität als der Bedingung einer menschenwürdigen Existenz überhaupt. Das altgriechische Philosophem Erkenne dich selbst des Individuums findet seine Entsprechung in der Identität der Völker - als nationale Identität.

Das fühlte ich jetzt noch deutlicher. Ein paar Schritte weiter trat ein karibischer Körperkünstler auf, ein Tänzer, der die Tragik der leidenschaftlichen Rede etwas auflockerte. Der Pantomime gestikulierte frei rhythmisierend hin und her - und er mimte mehr mit den Augen, als er mit Lippen und Zunge kundtat, so als ob nur der Tanz die Botschaft der Gefühle angemessen ausdrücken könne. Der Tanz? Ausdruck der gesamten Lebensfülle! Er war bei mir verkümmert. Der Valse triste und die Abneigung vor dem Reigen hatten ihn in den Hintergrund gedrängt, obwohl er im Symphonischen stets mitschwang - in der Siebten sogar als Apotheose des Tanzes. Vielfältige Assoziationen auch hier.

Beim dritten Redekünstler wurde ich noch hellhöriger. Es war wohl ein junger Student aus Südafrika, der da sprach. Klarer als der Metaphysiker vom Dach der Welt und Karibikakrobat, dessen Pidginsprache irgendwo an Harry Belafontes Musik erinnerte, aber auch an die Botschaften jener Musik, äußerte sich der Afrikaner in einem gewählten Englisch, das sich wohltuend von dem unüberhörbar penetranten Cockney-Akzent der Londoner abhob. Offensichtlich war er ein später Freund der Weisheit, der hier irgendwo in der Nähe, in Oxford oder in Cambridge, eine gute Erziehung genossen hatte.

Wie einst die Sophisten im Alten Griechenland stand er da in seiner bunt geblümten Galabea und erörterte ethische Fragen. Er sprach über die eigentlichen Werte des Menschen im historischen Kontext, über die Grundlagen der Magna Charta und typisch für Engländer - über Prinzipien und somit über Grundhaltungen, die ich selbst - bei aller Verliebtheit in die Freiheit- nie über Bord werfen konnte. Einige Zöpfe blieben auch mir. Der Redner holte aus, erwähnte Hume, ein Vorbild unseres Philosophen aus Königsberg, den weisen Locke, schließlich Smith und Mill; er warnte vor Hobbes’ Leviathan und verknüpfte den Wohlstand der Nationen mit dem Werteverfall der Jetztzeit, die ohne Anstand und Würde in der Politik gut auszukommen schien. Und dann sprach er - über die britische Aktualität und über die eiserne Kralle der Downing Street hinausgehend - von Diamanten und Goldminen, von der Macht und Ohnmacht des Geldes und - für viele taube Ohren - auch vom System des Apartheid im Burenstaat.

Abschließend würdigte er Nelsons Kampf. Nur sprach er nicht von jener Schlacht bei Trafalgar und von den Taten des großen Admirals; auch er redete nicht von jenem Nelson auf der Kolumne im Herzen der City, sondern er meinte einen anderen - den dunkelhäutigen Nelson in der Einzelzelle auf Robben Island! Er würdigte den Kampf und die Ideale Nelson Mandelas, des Schwarzenführers, dem die Diamantenhändler schon vor vielen Jahren seine Freiheit genommen hatten und ihn gefangen hielten wie eine wilde Bestie aus dem Busch.

Nelson Mandelas Freilassung und Anerkennung ließ noch viele Jahre auf sich warten. Doch sie kam, weil sich der Gang der Freiheitnicht aufhalten lässt, nirgendwo auf der Welt! Und heute steht sein Abbild in lebensgroße Bronze gegossen selbst im konservativen England auf dem Podest!

Der Orator faszinierte. Menschenrechte, Würdeund Freiheit waren Schlüsselbegriffe seiner Ausführungen, Werte, die zur Emanzipation der Menschheit hinführen sollten. Aus der Anonymität des Zuhörerhäufchens heraus, genoss ich die flammende Rede - und war begeistert.

Ja, Nick hatte doch Recht! Was sich hier vor mir ereignete, das war gelebte und erlebte Freiheit! Der Mann durfte weiter reden -und keiner stürzte sich aus den nahen Büschen auf ihn, um ihn am freien Reden zu hindern oder um ihn abzuführen und ihn für unbestimmte Zeit und ohne Urteil in ein dunkles Verlies zu werfen.

Jetzt verstand ich die nachhaltige England-Begeisterung Nicks wieder besser, der den demokratischen Gepflogenheiten meiner väterlichen Ahnen mehr abzugewinnen wusste als ich selbst. In der Tat - das war politische Kultur oder wie die Griechen und Römer es definieren würden: Zivilisation!




Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit



Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe






Zeitzeuge und Autor Carl Gibson


Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat




Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel










Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen