Sonntag, 20. Januar 2013

In London bei Amnesty International - Nationale Identität und Würde


In London bei Amnesty International - Nationale Identität und Würde



Nur wenige Wochen nach dem Auftakt in der französischen Hauptstadt schickte ich mich an, als Handlungsreisender in Sachen Freiheitnun die englische Kapitale anzusteuern; im Gepäck wieder einmal eine Liste- eine lange Liste mit Namen, hinter welchen jeweils ein Menschenschicksal stand, Menschen, die immer noch im Kerker schmachteten und auf Rettung hofften. Das klingt nach Pathos, war aber bitterer Ernst.

Diesmal brachte mich das Flugzeug zum Ziel. Nach der Ankunft am Airport Gatwick reiste ich von dort aus mit dem Zug nach Norden in den Großraum. Von der Victoria Station ging es dann weiter in die altehrwürdige City of London. Meine Anlaufstelle war die Zentrale der international tätigen Häftlingshilfeorganisation Amnesty International, deren Name jeder Häftling kennt, der nicht wirklich wegen einer Straftat einsitzt. Von Amnesty International anerkannt und adoptiert zu werden, ist gerade für Häftlinge in totalitären und repressiven Ländern überlebenswichtig. Ein solcher Status führt den Verfolgten oft in die Freiheit und garantiert die Aufnahme in einem westlichen Staat, verbunden mit der Gewährung von politischem Asyl.

Schon die Geschichte der nichtstaatlichen Organisation, die 1961 in London von dem engagierten Rechtsanwalt Peter Benenson ins Leben gerufen worden war, hatte viel mit Freiheit zu tun, aber auch mit Freiheitsentzug, mit Verfolgung und mit einer Begebenheit, die sich im damals noch totalitären Portugal ereignet hatte. Freiheit,das schöne Wort, von dem Milva so leidenschaftlich singt, war nicht nur hinter dem Eisernen Vorhang offiziell verpönt, sondern auch auf der Iberischen Halbinsel, wo um 1961 noch ein selbstherrlicher Diktator Franco herrschte. Als zwei Studenten aus dem benachbarten Portugal, das ebenfalls eine Diktatur war, in einem Restaurant bei einem Gläschen Portwein öffentlich und gut hörbar für alle auf die Freiheit anstießen, war dies Grund genug, um sie verhaften und aburteilen zu lassen. Der Akt von Zivilcourage mit Beispielcharakter, damals keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Wagnis, wurde am westlichsten Punkt Westeuropas mit einem Freiheitsentzug von sieben Jahren bestraft. Teure Freiheit!

Und ein Skandal! Benenson berichtete darüber mehrfach in der liberalen englischen Presse und rief zu einer öffentlichen Solidarisierung mit den Verfolgten und gegen ähnliche Fälle politischer Willkür auf. Eine konkrete Folgeerscheinung dieses Engagements für die Begnadigung und Freisetzung politisch Verfolgter war die Gründung von Amnesty International, der Häftlingshilfeorganisation, die auch heute noch tätig ist und die es auch nicht scheut, Menschenrechtsverletzungen selbst in demokratischen Staaten des Westens anzuprangern - Guantanamo ist das beste Beispiel dafür!

Als ich den Amnesty-Sitz endlich gefunden hatte und das Gebäude betrat, glaubte ich mich in das Geschehen eines orientalischen Marktes versetzt. Bunt und lässig gekleidete Menschen mit langen Haaren unterschiedlicher Hautfarbe schwirrten wie jüngst erst in den Straßen von San Francisco durch die großzügigen Räume. Ein Hauch von Flower Power wehte durch die Luft. Eigentlich hatte ich eine etablierte Organisation erwartet, eine funktionierende Behörde. Mit soviel geballter Freiheit in einem scheinbar chaotischen Durcheinander hatte ich jedenfalls nicht gerechnet. Verwundert blickte ich mich um. Es dauerte eine Weile, bis ich die für Osteuropa zuständigen Ansprechpartner fand. Da mein Besuch unangekündigt erfolgt war, sollte das eigentliche Gespräch über die repressive Lage in Rumänien und über Details aus dem dortigen Gefängnismilieu erst am Folgetag aufgenommen werden. Das bedeutete für mich zunächst abwarten - und viel Zeit für ein Sightseeing à la Paris.

Was interessierte mich nicht in der englischen Metropole? Die Paläste der Royals, die Hüte der Bobbies und die zeremonielle Wachablösung vor dem Buckingham Palace, die Krönungskirche in Westminster, die Kronjuwelen im Tower, die berühmte Brücke über den Themse-Fluss oder die täuschend echten Wachsfiguren im Kabinett von Madame Tussaud’s. Deshalb knüpfte ich an die Pariser Erfahrungen an, setzte mich ungezwungen in die Underground und fuhr hinaus ins Schwarze. Ohne Ziel.

Nach Brixton verschlug es mich dann, in jenen Stadtteil, wo fast nur Farbige wohnten und nicht jeder Weiße hochstieg. Dort erwartete mich ein anders pittoreskes London. In Brixton hatte es schon im Vorfeld immer wieder Krawalle gegeben. Bald sollten auch Flammen auflodern. Einiges von den Problemen der Gegend kannte ich aus dem Fernsehen. Bei den Armen in Brixton verblasste der Glanz der Großstadt. Doch es blieb bei dem Wagnis. In der Unruheecke angekommen, stieg ich die Treppen hoch und sah mich um. War das ein Ort der Revolte? Wann erhebt sich der Mensch? Camus hatte darüber geschrieben, vom Mythos ausgehend bis zur Jetztzeit. Auch die aufkommenden Riots hatten viel mit Rassen zu tun und mit Farben. Der mir sattsam bekannte Dualismus zwischen Schwarz und Weiß, der nicht nur in Nordamerika tobte und in Südafrika, der die Lichtmetaphysik auslöste und die Dialektik zwischen Gut und Böse, er wirkte auch hier. An einigen Häusern waren Brandspuren zu erkennen. Hier hatte Feuer gewütet, Feuer, das gleich an Nordirland erinnerte, an Londonderry und Belfast, und an ein historisch vertrautes England als Besatzungsmacht. Den Schotten hatten sie ihre Freiheit geraubt und den Iren - und vielen Völkern des Commonwealth, die ein Osteuropäer kaum auseinander halten konnte. Geschichte auch hier. Geschichte von Freiheitsstreben und Kolonisation - und profane Tagesgeschichte wie vor meinen Augen in Brixton, im Viertel der Unterprivilegierten. Vor mir lag die Trostlosigkeit britischer Wirklichkeit während der Ära Thatcher. Die Dame hasste die Kommunisten: doch das machte sie mir noch nicht sympathisch. Denn irgendwie hasste sie auch die Iren und hegte Ressentiments gegenüber Deutschen und Franzosen. Eisern wurde sie wohl genannt, weil sie eisig eisern war wie Stalin stählern; und weil sie eisern mit ihren Gegnern umging - bis hin zum verlustreichen Krieg um ein Nichts auf fernen Inseln im Ozean!

Eckte ich hier an, inmitten unter Farbigen? Weit brauchte ich nicht zu gehen und schon begegneten mir die skeptischen Blicke von Menschen, die sich fragten, was der Voyeur hier wohl wollte. Kinder blickten mich an, mild und doch anklagend. Das schlechte Gewissen regte sich, das des Ohnmächtigen, der etwas als falsch erkennt, und der nichts dagegen tun kann. Nicht einmal trösten konnte ich die Leidenden.

Also machte ich bald wieder kehrt wie ein Tourist, der unfreiwillig in einem Ghetto gelandet ist, ohne dem Anblick des Elends gewachsen zu sein, und fuhr zurück in das heile London, in die besseren Gegenden der Stadt, wo Nadelstreifen getragen und Rosenöle versprüht wurden. Die Diskrepanzen waren krasser in der kapitalistischen Welt als im arg nivellierten Osten Europas.

Auch in der vornehmeren City war nicht alles Gold, was glänzte. Viel Katzengold war noch mit dabei und mancher Katzenjammer, wenn die Ticker falsch tickten. Ohne nach Negativität zu suchen, stieß ich bald darauf, namentlich in jenen Straßenzügen im Herzen der Stadt, wo nur Inder oder Pakistani wohnten.

Das Empire war jetzt hier. Und in den Gesichtern der Menschen vom Subkontinent, die mehr zu vegetieren schienen als zu leben, vermisste ich die Heiterkeit des Daheimseins, die leuchtenden Augen und den Frohsinn der Zufriedenheit. Mit dem größten Glück der größtmöglichen Zahlwar es nicht weit her. Schlecht gelaunte Menschen zogen an mir vorüber, dem Unglück näher als der Geborgenheit. Der Wohlstand des Empire zog an ihnen vorbei und siedelte - im Herzland der Demokratie – ein paar Straßen weiter um die Sankt Pauls Kathedrale, wo der Grund etwas teurer war und die Melonen exquisiter.

Gerade die Hindus und Sikhs wirkten schwermütig und von der glühenden Sonne der Heimat abgeschnitten. Das ewig smogverhüllte London drohte ihre Laune mit einzutrüben. Obwohl dem determinierenden Kastensystem ihres Herkunftslandes entronnen und in totaler Freiheit angekommen, schien ihnen die westliche Welt fremd zu bleiben. Vielleicht weil eine Perspektive fehlte? War dies der Rest von der Glorie des Empires? Wo war die Liberty des John Stuart Mill, der Utilitarismus und das Glück der Vielen, das Jeremy Bentham einst verkündete. Hatten die Ethiker auch die vielen entwurzelten Inder und Pakistani und die vielen Afrikaner aus Brixton in seine Überlegungen mit einbezogen? Stolze Völker, aus denen hier Minderheiten geworden waren? Im Prinzip schon.



Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit



Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe






Zeitzeuge und Autor Carl Gibson


Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat




Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel










 

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