Sonntag, 20. Januar 2013

CIEL - Ein Europa der Freiheiten und ein Academicien als Mentor


CIEL - Ein Europa der Freiheiten und ein Academicien als Mentor



Dann kamen wir noch auf Ionesco zu sprechen, der als geistiger Übervater der Liga angesehen wurde. Eugène Ionesco hatte den von mir erhaltenen Brief an diese Gruppe weitergeleitet. Auch daran erinnerte sich Berindei. Das prominente Akademiemitglied kam gelegentlich vorbei. Ionesco half mit, wo er helfen konnte; vor allem dann, wenn es galt, seinen Einfluss für die Sache anderer geltend zu machen - wenn es darauf ankam, für Verfolgte eines totalitären Terrorregimes einzutreten, die in psychiatrischen Kliniken mit Giftspritzen gequält und öffentlich kriminalisiert worden waren.

Ionesco, der kleine ängstliche Intellektuelle, der sich scheute über die Straßen zu gehen aus Angst vor tausend unbekannten Ungeheuern, die ihn aus dem Nichts anfallen konnten, hatte sehr viel Einfluss im politischen Leben Frankreichs. Er war nicht nur Academicien sondern auch der Präsident des 1978 gegründeten C.I.E.L. - eines Komitees der Intellektuellen für ein Europa der Freiheiten - dem neben bekannten Namen wie Raymond Aron weit über hundert Persönlichkeiten der Pariser Intelligenz angehörten.

Ionesco griff auf der Seite der Konservativen zugunsten von Valery Giscard D’Estaing und Chirac in den Wahlkampf ein, gegen die rote Rose der Sozialisten, eine Ablösung Mitterands im Auge, und, unterstützt von Goma, vor allem gegen Kommunistenführer Georges Marchais, dem, seit Solschenizyns aufklärenden Schriften langsam die Genossen davonliefen. Damals fand ich es einfach großartig, dass der greise Dramatiker noch so aktiv war und seine Überzeugungen für eine gute Sache einsetzte. Dank der scharf markierten Konturen bekam der weltanschauliche Dualismus ein klares Gesicht. Graduelle Unterschiede wurden deutlich. Wenn Marchais als makabres Schreckgespenst galt, war der immer aberwitziger agierende Ceauşescu der Draco selbst. Abschließend vereinbarten wir, die von mir neu dargestellten Fakten zu systematisieren und an die Öffentlichkeit zu bringen. Viel davon ist in die Materialsammlung eingeflossen, die über die CMT der ILO der UNO vorgelegt wurden.

Als ich spätnachts ging, um in der letzten Metro den sündhaften Platz anzusteuern, wo die letzten blaublütigen Engländer bei blauen Engelsgestalten ihr irdisches Vergnügen suchten und mir wieder einiges von den grausam perfiden Erinnerungen mit den Sadisten hoch kam, fragte ich mich, wovon ich in den verbleibenden Stunden der Nacht wohl träumen würde: Von den sinnlichen Damen im Schaufenster oder von den Horrorszenarien einer Diktatur?

Als ich dann wieder auf dem ausgeleierten lit francaislag und auf die verstaubte Deckenlampe starrte, die wohl seit Ewigkeiten nicht mehr gereinigt worden war, kamen mir die gerade erlebten Altruisten wieder in den Sinn - alle waren Humanisten aus einem Gefühl heraus und aus Überzeugung. Nie wäre ich damals darauf gekommen, Mihnea Berindei könne ein Mann der Securitate sein, ein gut getarnter Agent an der Quelle, der fern von jeder Moral, einer Diktatur dient!

Dieser Vorwurf ereilte ihn im Jahr 2006, als er zu einem prominenten Mitglied der Präsidentenkommission zur Analyse der kommunistischen Diktatur in Rumänien aufrückte. Bei den Überprüfungen durch die CNSAS, der dortigen Gauck-Behörde, die nach Auffassung einiger Kritiker mehr verdeckt als sie offen legt, sei unter seinem Namen eine Akte aufgetaucht, die ihn scheinbar als Mann der Securitate auswies. Die höchst fragwürdige These wurde von rechten Kreisen, die sich in Wirklichkeit aus alten Securitate-Mitgliedern rekrutierten, in Umlauf gebracht - als gezielte Verleumdungskampagne wie sie auch gegen Vladimir Tismăneanu und andere exponierte Mitglieder der Kommission betrieben wurde. Ein Machwerk? Eine Fälschung?

Ist das die neueste Finte der CNSAS, einer nicht unbedingt glaubwürdigen Einrichtung, die offensichtlich im Dienst der alten Securitate agiert und bewusst Sachen verdreht und verschleiert? Sehr viel spricht dafür. Mihnea Berindei hat prompt und konsequent jede Mitwirkung bei der Securitate zurückgewiesen - doch ein Schatten blieb zurück, der auch Demokraten verunsichern kann. Die Schlammschlacht einer wiederbelebten Securitate als SRI geht weiter - mit demokratischen und pseudodemokratischen Spielregeln. In der Auseinandersetzung eines Individuums mit einem obskuren Verschwörungsapparat hat selbst der integerste Charakter kaum eine Chance. Was kann man überhaupt noch glauben in einer Welt, wo obskure Interessen Wahrheiten vorgeben? Caraion war durch ähnliche Dokumente belastet worden. Die Ungewissheit hält auch heute noch an.




Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit


Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe








Zeitzeuge und Autor Carl Gibson



Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat




Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel







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