Montag, 21. Januar 2013

Weinland Würzburg

 

Weinland Würzburg



In einem Bilderbuch war ich auf einige Ansichten der alten Stadt gestoßen. Jetzt lag sie unter mir und breitete sich aus. Während der Bus die riesige Autobahnbrücke überquerte schaute ich zunächst nach vorn und hinauf. Dabei fiel mein Blick auf eine abstoßende Anhäufung von Plattenbauten, die in den Himmel zu ragen schienen. Das gab es auch überall im Ostblock. Sozialistische Einheitsarchitektur im vielgeliebten Grau. War das Würzburg? Das fragte ich mich für einige Augenblicke lang. Nein, es war das andere Mainhattan!

Noch bevor Enttäuschung aufkommen konnte, schaute ich hinab ins Tal und nahm die Konturen der Altstadt wahr. Vor mir lag eine weite Landschaft mit unzähligen Kirchtürmen, aus welchen die Zinnen des Domes und der Turm der Alten Universität herausragten. Das Meer von roten Ziegeln an das Feuer des Südens erinnernd, erwärmten mir das Herz und logen mir vor, in einer mediterranen Stadt angekommen zu sein, irgendwo in den Hügeln der Toskana oder in der Provence. Dann schweifte mein Blick nach links auf ein sakrales Kleinod der Architektur. Am Hügel klebte das Käppele; ich blickte auf ein Heiligtum, ohne zu wissen, was ich sah. Und dahinter über allem thronte die gewaltige Marienfestung, die Stadt über der Stadt, deren Ausstrahlung das gesamte romantische Deutschland früherer Jahrhunderte einzufangen schien. Jetzt fuhr ich durch ein anderes Märchen und ahnte natürlich noch nichts davon, dass ich nur ein paar Jahre später in den prachtvollen Räumen des schönsten Pfaffenhofs Europas meinen Studien nachgehen, viele Jahre unter den Fresken Tiepolos philosophieren und - wie einst die Fürstbischöfe und Napoleon - vergnügt im Residenzgarten lustwandeln und promenieren würde.

Gerne hätte ich verweilt, um den schönen Augenblick zu genießen; doch der Busfahrer hatte einen anderen Auftrag. Während er beschleunigte, um die Steigung zu schaffen, kamen die flurbereinigten Weinberge von Randersacker in Sicht, die Lagen Ewig Leben und der Marsberg, wo der Silvaner wuchs, jene alte Rebsorte aus Siebenbürgen, die schon Jahrhunderte vor mir angereist war; ich blickte nach rechts - ein paar Kilometer weiter deuteten sich weitere Winzerorte an, die dem Frankenwein zum Weltruf verhalfen, zunächst Eibelstadt, dann das reiche, sonnenverwöhnte Sommerhausen und, gleich gegenüber, das arme, kalte Winterhausen. War da um die Ecke nicht auch Sackelhausen?

Erneut blickte ich hinab ins tiefe Tal. Dort floss ruhig der träge Main und reflektierte das Licht und die Wärme seiner zarten Wellen nach oben an die Hänge, wo die Trauben ihrer Vollendung entgegen strebten. Der Fisch, dessen Ahnen hier aus Würzburg, aus dem nahen Bamberg und aus Mainz nahe der Mündung in das Banat gepilgert waren, um Freiheit und Wohlstand zu finden, war wieder am alten Fluss angekommen, der schon lange gemächlich dahinströmte. Sein Bett lag unter mir mit der Kulturlandschaft, die es beheimatete. Alles schien miteinander verwoben zu sein, mein Ich, meine Identität mit der Landschaft und mit dem Fluss, der auf die Ewigkeit hindeutete.

Es herbstete sehr … Befiehl den letzten Früchten voll zu sein, gib ihnen noch zwei südlichere Tage ….Die letzte Süße des schweren Weins war auf meiner rechten Blickseite zu vermuten, wo sich gerade die gipsernen Hänge des Steigerwalds andeuteten mit den Spitzenlagen von Iphofen, Rödelsee, Castell und anderen Bocksbeutelzentren der urwüchsigen Art. In meinen Taschen kramend, zog ich den Abriss des Flugtickets hervor und las das Datum: 13. Oktober!

Ankunft. Zeit der Reife. Die Zeit der Weinlese. Und die Zeit der Ernte! Eine gute Zeit, die den Menschen mit Freude und Dankbarkeit erfüllt; die er freudig feiert, wenn die Früchte der mühevollen Arbeit Scheuer und Keller erreicht haben.

In der alten Heimat, im Banat, wo man lange Zeit im Schweiße des Angesichts sein Brot verdiente und es manchmal auch mit Tränen aß, feierten die Menschen jetzt Kirchweih, Kerwei, ihr zentrales Fest im ganzen Jahr, das für viele Jugendliche existentielle Bedeutung hatte und ihnen wichtiger war als Weihnachten und Ostern zusammen; eine Feier, die von anderen aber als faschistisches Fest denunziert worden war!

Der Bus fuhr jetzt schneller. Aus den Lautsprechern über den Köpfen rieselten Schlagermelodien herab mit dummen Texten, die mich zwangen, wegzuhören. Doch plötzlich war da eine tiefe, kräftige Frauenstimme, die etwas anderes sang. Ihr Singen, aus dem ich die geschulte Stimme mit einen leichten russischen Akzent herauszuhören glaubte und etwas von den wehmütigen Harmonien in Moll, hob sich vom bisher Vernommenen deutlich ab; und auch das, was sie sang:


Freiheit in meiner Sprache heißt Liberta!

Gibt es ein schönres Wort als Liberta!

Überall wo Menschen leben

stehst DU an erster Stelle Liberta!


Es war Milva- eine feurige Italienerin, eine Grande Dame des Genres. Das fand ich erst später heraus. Jetzt war ich nur überwältigt. Zunächst Reinhard Mays Eloge auf die Freiheit in höheren Sphären - und jetzt Milva! Und das alles am Tag meiner Heimkehr!

Der Dichter, der die freiheitlichen Worte erdacht und auf Papier gebracht hatte, schrieb Millionen Freiheitssuchenden aus der Seele, überall auf der Welt. Ich war nur einer von ihnen.





Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit


Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe

Zeitzeuge und Autor Carl Gibson



Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat




Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel




 



 


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