Sonntag, 20. Januar 2013

Initiation - Daheim in Europa


 

Initiation - Daheim in Europa



Was sollte ich nun mit dem Rest des Tages anfangen? Die Verlockung, bei Ionesco zu klingeln oder zu Cioran hochzusteigen und anzuklopfen, war groß. Doch in diesem Punkt war ich auch bescheiden und verzichtete wie schon am Place Pigalle. Nicht jede erreichbare Kirsche musste gepflückt und gierig vereinnahmt werden; auch nicht jede Rose oder weibliche Schönheit.

Die Malerei wartete mit Gemälden, die ich als Kind im Schuhkasten des Pictors bestaunt hatte. Der Mythos des Lächelns der holden GiocondaLeonardos hatte mich schon damals fasziniert, der Mythos der Schönen noch mehr als ihr Lächeln. Jetzt war die viel bewunderte und oft besungene Grazie in Reichweite, die Mona Lisa war greifbar nahe. Also steuerte ich den Louvre an, wo Sammler wie Napoleon viel Kunst der Welt auf engstem Raum konzentriert hatten. Doch die Schlange am Eingang schreckte mich ab. Wieder Schlange stehen- das ganze Leben in der Schlange warten? War mir nicht alles zuwider, was etwas mit Schlangen zu tun hatte? Beginnend mit der alten Schlange der Bibel, die das Unheil in die Welt gebracht hatte, über das Natterngezücht in Temeschburg bis zu dieser hier, in der man sich fühlte wie im Würgegriff eines Python? Sollte ich auch heute weiter kämpfen, für die Kunst und den Kunstgenuss? Die Zeit schien mir zu kostbar. Und doch harrte ich aus, um das eine Bild zu sehen, das Leonardo auf seinen Reisen immer mit sich führte und an dem er dann und wann einen Pinselstrich tat, um es der Vollendung zuzuführen.

Trotzdem blieb es unvollendet wie die eine Symphonie Schuberts und das Requiem Mozarts und wie meine bescheidenen Frühwerke, die allesamt in die Glut gewandert waren. Eine halbe Stunde später stand ich endlich vor dem Bild, hinter einer Traube von Kunstfreunden aus Fernost und bestaunte die Magie im braunen Rahmen. Viel hatte das Menschheitsgenie Leonardo nicht gemalt; doch schon das wenige, was er hinterließ, reichte, um auch seinen malerischen Genius über den anderer Meister der Renaissance zu stellen. Menschen strömten zu dem Bild. Genaueres Betrachten und tieferes Nachdenken über das Ausnahmekunstwerk war nicht möglich. Wie von Misanthropie erfasst, floh ich bald wieder aus dem Tempel und fuhr zum Montmartre hin, wo - wie am Ufer der Seine - Kunst etwas ungezwungener erlebt werden konnte. Die Basilika Sacré-Coeur vor Augen, sprang ich die lange Treppe hoch, den drei aufgetürmten Kreuzen entgegen.

Hatte nicht Eliade genau auf diesem Pfad, ohne ihn beschritten zu haben, über den tieferen Sinn von Exil nachgedacht? Über die Lamentationen des Ovid am Pontus und über das Exil des römischen Nachfahren Dante, um dann die Eingebung zu erhalten, dass der Sinn des Exils die Initiation ist, nach einer langen Folge von Prüfungen auf einer langen Wanderung? Dem stimmte ich gerne zu! Alles hing irgendwie zusammen und war sinnvoll miteinander vernetzt. Also war auch ich auf dem Weg zur Initiation nach Katharsis und Purgatorium und bald ein Eingeweihter? Das war mir vielleicht doch eine Spur zu tief, zu metaphysisch, zu esoterisch! Noch sah ich die Dinge weniger heilig und mehr profan, ja gar oberflächlicher und sorgloser als früher im Osten. Denn eine drückende Last des Exils, das nur bedingt eines war, fühlte ich kaum.

Als Deutscher in Deutschland war ich eigentlich schon daheim, angekommen im Dasein, in der Eigentlichkeit, im Schoß der deutschen Kultur wie der französischen, daheim in Europa, dessen vielfältige Kulturen mir allesamt sympathisch waren.

Oben vor der Kirche blickte ich mich um. Alles war leergefegt wie nach einem schweren Sturm. Wo waren die Künstler? Alle weg, auf und davon nach Süden wie die Zugvögel, in die Provence? Oder hockten sie in irgendeiner warmen Mansarde im Atelier, am Feuer des Eisenofens bei knisternden Kastanien und Anisschnaps? Wo waren die Nachfahren von Toulouse-Lautrec, von Vincent van Gogh, Gauguin, Renoir, Matisse?

Wo waren die Komponisten und Poeten? Wo waren die Genies und Narren? Die Bekannten und die Unbekannten? Wo war Maurice Mourlout? Malte er an einem Gorilla? Und wo waren alte Freunde wie Jean-Pierre Hammer? Der geigende Maler und malende Geiger? Der Freigeist und Literat? Fiedelte er gerade den Mephistowalzer oder schrieb er an seinem Lenau-Essay Poete rebelle et libertaire? Jean-Pierre, der Lebenskünstler, hatte mit viel Fortune eine KZ-Internierung als Kind überlebt und war, wie einst Celan, trotzdem ein Freund der deutschen Literatur und Kultur geblieben. Er hatte lange in Madagaskar gelebt, in einem Land, wo die Chamäleons noch in den Urwäldern hausten, nicht im Verein und war ein Mensch geblieben, obwohl er sah, wie die Menschen um ihn herum verfielen wie das Bildnis des Dorian Gray und mit schwindender Moral und zunehmender Heuchelei kontinuierlich zu Chamäleons mutierten! Jean-Pierre hatte den Franzosen nicht nur den liberalenLenau sondern auch den freiheitlichen Wolf Biermann vermittelt und als Linker seinem linken französischen Umfeld klargemacht, dass der Geist des Widerstands in der DDR doch noch nicht ganz erloschen war - immer ein engagierter Freund der Freiheit und der Dissidenz - ohne seine eigenen Leiden selbst zu inszenieren! Er war einer der exponiertesten Charaktere aus der Schar von vielen netten Linken, die mir begegnet waren, ein Mensch, der wie Biermann, Heine und Lenau das Ideal des Humanum über die Ideologie der Marxisten aller Couleur ansiedelte.

Doch heute fand ich weder Maler noch Kunst, nur leere Gassen, durch die ein kalter Zugwind wehte - und ein eisiger Hauch von Einsamkeit. Nach einem Blick auf das Kreuz, floh ich die Verzweiflung der kalten Leere und eilte die Stiegen hinab zurück in die Hektik der Weltmetropole, ohne das Gotteshaus betreten zu haben. Die Zeit raste und ich mit ihr, ohne zu bemerken, dass die Seele nicht mehr folgen konnte.

 Carl Gibson
 
Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit



Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe






Zeitzeuge und Autor Carl Gibson


Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat




Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel












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