Sonntag, 20. Januar 2013

An der Freien Universität


An der Freien Universität



Nachmittags reisten wir mit der Untergrundbahn in Richtung Zehlendorf. In Dahlem stiegen wir aus und besuchten ein germanistisches Seminar an der Freien Universität, in welchem gerade Kreatives Schreiben erörtert wurde. Bevor ich den Lehrraum betrat, prallte ich im Vorfeld noch verbal mit einigen Marxisten zusammen, die an der Pforte der Universität, die Freiheiten der Demokratie ausschöpfend, ein paar Stände aufgebaut hatten, wo linke Blätter, Literatur und sonstige Propagandamaterialien, zum Teil aus dem Osten der Stadt stammend, teils von den Brüdern und Schwestern aus dem Osten finanziert, mehr schleppend gestreut als verkauft wurden. Es waren die gleichen Leute vom Spartakusbund und anderen linken Vereinigungen, die mir Wochen vorher auf dem Areal der Bremer Universität begegnet waren. Und es waren die gleichen Parolen, die ich jetzt in Berlin zu hören bekam. Man warb um Solidarität mit den Verurteilten der RAF, die in Stammheim einsaßen und um die Unterstützung anderer so genannten Antifaschisten, die dem kapitalistischen System, der freiheitlich-demokratischen Grundordnung der eigenen Republik und vor allem dem amerikanischen Imperialismus den Kampf angesagt hatten. Macht kaputt, was euch kaputt macht, war immer noch ein gängiger Kampfruf!

Als einer der jüngeren Missionare des Weltkommunismus an mich herantrat, um mir ein Bündel rot bedrucktes Papier in die Hand zu drücken, nahm ich mir die Freiheit, ihn anzusprechen: „Warst Du schon einmal drüben, im Osten, Unter den Linden? Am Alexanderplatz? Dort ist das Papier kostbarer und knapper. Dort kannst du bestimmt dankbare Abnehmer finden. Und aufmerksame Zuhörer, wenn du weiter so flammend über diefreie Meinungsäußerung redest, über Menschenrechte für Gesinnungshäftlinge und über das politische Selbstbestimmungsrecht der Völker. Ahnst du, wie viele Menschen und Völker jenseits der Mauer diese Prinzipien einfordern würden, wenn ihnen die Freiheit dazu nicht versagt wäre?“

Der junge Mann ungefähr in meinem Alter, sah mich verächtlich an, dann sagte er recht barsch:„Wir wollen nicht den Kommunismus der DDR oder jenen der Sowjetunion, wir wollen einen anderen! Wir haben eigene Vorstellungen, wie der wahre Kommunismus gestaltet werden soll!“ Ähnliches hatte ich vor Jahren auch in Temeschburg vernommen, wenn wahrhaftige Linke in ihrem stillen Kämmerlein gegen die Pseudolinken des Staatsapparats wetterten. „Studiert zunächst den real Existierenden!“ entgegnete ich abgehakt. Den Kommunismus eines Mao, eines Breschnew, eines Tito oder Castro! Oder noch besser die Modelle von Kim oder Ceauşescu!“

Nachdem jede Reaktion ausblieb, wandte ich mich ab und suchte nach dem Raum, in welchem angehende Schriftsteller die Kunst des Schreibens erlernen wollten - über die knappe Form der Kurzgeschichte hinaus. An der ideologisch zementierten Front, die undurchlässiger wirkte als eine Klagemauer, war jede Aufklärung vergebens. Das war mir längst bewusst. Bereits im roten Bremen hatte ich versucht, faktisch argumentativ und differenziert zu diskutieren und im Dialog mit linken Studenten auf eigene Erlebniswelten zu verweisen, auf Dissidenz, Opposition, Systemkritik und auf Erfahrungen während der Haft in einer Diktatur - empirisch also und ganz im Geist der Frankfurter Schule, die gerade en vogue war. Nur wollten die blind fanatisierten Utopisten nichts von alledem hören und sich auch von keinem ehemaligen politisch Verfolgten, der andere Realitäten erlebt hatte, belehren lassen. Die Botschaft, alle totalitären Systeme seien gleich verwerflich, stieß auf taube Ohren.


Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit



Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe






Zeitzeuge und Autor Carl Gibson


Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat




Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel









 

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