Sonntag, 20. Januar 2013

Brot und Wein

Brot und Wein


Während wir uns unterhielten, füllte sich nach und nach der Raum mit weiteren Gästen, die mir alle vorgestellt wurden und die bald darauf an einem rustikalen Holztisch Platz nahmen. Ganz unterschiedliche Charaktere waren anwesend; ein idealistisches Häufchen, vereint im Eintreten für die Respektierung der Menschenrechte in ganz Europa. Es wurde nur französisch gesprochen. Die Atmosphäre behagte mir. Und langsam entstand wieder der Eindruck, in einem Jakobinerklub gelandet zu sein, doch in einem wahrhaftigeren als seinerzeit in Bukarest und Temeschburg. Die allseits erstrebte Freiheitwar hier kein leerer Wahn, sondern schien, zumindest in diesen Hallen, mit den Händen greifbar - wie am Vorabend der der Französischen Revolution.

Nur ein paar Straßen weiter, im Musee du Droit de L’homme, auf das ich zufällig gestoßen war, hatte man einst jene Erklärung der Menschenrechte unterzeichnet, auf deren Prinzipien auch wir uns berufen hatten. Auch deshalb fühlte ich mich ganz nahe an der Quelle moderner Freiheit, am Ursprung des liberalen Geistes, umgeben von Menschen, die endlich etwas mit der großen Idee anzufangen wussten, für die auch ich jahrelang optiert hatte.

So frei hier alles war, so asketisch und so bescheiden war das Umfeld. Als zum Dinner aufgetischt wurde, registrierte ich nichts, was an die französische Gourmet-Küche erinnert hätte. Da war nichts für Bon vivants, eher mehr etwas für Diätkranke und Patienten mit Magenleiden oder für geistige Menschen, die überwiegend mit Lichtenergie auskamen. Es stand fest: Diesmal würde ich wohl hungrig vom Tisch gehen, wie schon so oft in letzter Zeit. Oder ich hielt mich an das aufgeschnittene Baguette, das für alle zu reichen schien. Da war noch eine Nuance Butter für Freunde der Opulenz, einige grünmatte Salatblätter in Essig und Öl und als Krönung für jeden je eine dünne Scheibe Lyoner, eine Wurst, die man in Temeschburg Pariser nennt. Die meisten von uns knabberten tatsächlich nur auf einem Bissen Weißbrot herum und nippten gelegentlich an dem staubtrockenen Rotwein von den Hängen der Dentelles in der Provence, den jemand mitgebracht hatte. Gicondas, Vacqueyras, Rasteau, Seguret und Beaumes de Venice - das klang gut in meinen Ohren und erinnerte an die Ursprünglichkeit einer blutgetränkten Landschaft, die auch einmal frei war. Der Wein weckte Erinnerungen, Urerinnerungen an dionysisches Sein, an Eigentlichkeit, an die Unmittelbarkeit des Gefühls, an Musik und Tanz.

Brot und Wein, archaisch, erd- und geistbezogen und nicht viel anders als in der langen Reihe von Jesus bis Hölderlin und Trakl vorzelebriert; abgelenkt nur von den aktuellen Berichten, die einzelne Teilnehmer mitgebracht hatten.

Nach einer gewissen Zeit der Akklimatisation, die mir wohlwollend eingeräumt worden war, um mein Heimischwerden in dem humanistischen Zirkel zu fördern, wurde ich aufgefordert, zurückzublenden und alles zu berichten, was ich über die Entstehung der freien Gewerkschaft SLOMR und über die späteren Abläufe bis zu meiner Haftentlassung wusste.

Also legte ich los … Es wurde eine lange Geschichte!

Gelegentlich kamen Querfragen. Während des Berichterstattens blickte ich weitgehend in empfängliche Gesichter, die mit natürlicher Begeisterung folgten. Sie freuten sich, wenn Intuitionen bestätigt wurden, wenn Vermutungen zutrafen. Während ich aus der Perspektive des Zeitzeugen sprach, dem es um authentische Dokumentation ging, der als unmittelbar Betroffener berichtete, gewann ich den Eindruck, dass sich die Zuhörer selbst als Teil des Geschehens empfanden, an dem sie seit Jahren betreuend mitwirkten.

Nachdem der nackte Augenzeugenbericht abgeschlossen war, der sich, fern von ideologischer Festlegung nur auf Fakten konzentrierte, bedankte ich mich noch einmal ausdrücklich für die seinerzeit erwiesene Solidaritätsaktion, die keine Selbstverständlichkeit war. Französische Staatsbürger hatten sich in Temeschburg selbst in Gefahr gebracht und eine Konfrontation mit der Securitate riskiert, um uns moralischen Auftrieb zu geben. Das war nicht alltäglich und für uns überlebenswichtig.

Zwei Pärchen waren damals nach Temeschburg gekommen - aus Lyon, wie sie sagten. Sie kamen in einer Ente, suchten nach uns und fanden schließlich Stefan Wolf, der ihnen die Ereignisse ausmalte. Als ich Berindei im Vorfeld von der Gruppe erzählte, bestätigte er mir knapp: „Ja, wir haben sie geschickt … “

Unabhängig von unserem Treffen hatte Mihnea Berindei einige publizistische Materialien vorbereitet, die neueste oppositionelle Bestrebungen in Osteuropa dokumentierten. Die Sondernummer der Zeitschrift L’Alternativewurde herumgereicht, in welcher die freieGewerkschaftsbewegung in ganz Osteuropa in unterschiedlichen Beiträgen aufgearbeitet worden war - bis hin zu den Anfängen von Solidarnosc, die sich mehr und mehr formierte und mit der moralischen Hilfe des Papstes, der während seines Polen-Besuches die Respektierung der Menschenrechte in Polen und im gesamten Ostblock eingefordert hatte, zur politischen Kraft aufstieg. Dann zog er aus einem Wandregal einen dicken Ordner hervor, in welchem in dutzenden Artikeln das dokumentiert vorlag, was in der französischen, belgischen und schweizerischen Presse über unsere Bewegung publiziert worden war. Erstaunt schlug ich die Materialsammlung auf und blätterte sie hastig durch, überrascht von der Fülle, die sich vor mir ausbreitete.

Seit der Entstehung der Freien Gewerkschaft im März 1979 waren vor allem in Frankreich zahlreiche Berichte rund um das Thema Menschenrechte und die freie Gewerkschaftsgründung SLOMR in Rumänien erschienen, quer durch die Presselandschaft; überwiegend in Le Monde und Libération, aber auch in France Soir, in Rouge, in La libre Belgiqueund selbst im konservativen Le Figaro, der merkwürdigerweise einige Jahre sogar die offizielle Politik Ceauşescus guthieß. Auffällig war, dass gerade die linken Medien, zu welchen der Kreis gute Kontakte unterhielt, sehr engagiert berichteten. Der linke Gewerkschaftsverband CGT unterstützte die Aktivitäten ebenso, indem in eigenen Aktionen auf die Entwicklungen in Osteuropa verwiesen wurde. Erstaunt dachte ich jetzt von Paris aus an Deutschland und an sein Engagement für die Sache der Menschenrechte in Osteuropa.

Was war in Deutschland über SLOMR veröffentlicht worden? Nichts! Ganz und gar nichts! Was hatte der DGB an Solidarität beigesteuert? Nichts! Überhaupt nichts!

Die deutschen Gewerkschaftler blickten einfach weg. Vielleicht hatten sie besseres zu tun, als politisches Aufwieglertum in Osteuropa anzustacheln und zu ermutigen. Ernst Breit und seine Genossen aus der linken SPD sahen keinen Handlungsbedarf. Aus Ignoranz, aus mangelndem Verantwortungsbewusstsein oder einfach nur deshalb, weil sie, mit einer Innenschau beschäftigt, abgelenkt oder nur schlecht informiert waren.

Frankreich und Deutschland - zwei Welten! DieFreiheit und die Leichtigkeit des Seins - und der Geist der Schwere, die politische Trägheit und Kurzsichtigkeit? Der Mut zum Experiment - und das Biedere als Weltprinzip!

Ungeachtet meiner Herkunft aus Rumänien und als Repräsentant einer rumänischen Freiheitsbewegung, saß ich immerhin als einziger Deutscheram Tisch. Das war den meisten Anwesenden bewusst - und ich fühlte mich nicht ganz wohl dabei … Wenn ich an Deutschlanddachte in dieser Frage und Haltung, war auch ich um den Schlaf gebracht! - Und ein ewig wacher Geist rumorte unruhig auf dem Totenacker von Montmartre!

Das Denken der Staatsräson überwog immer noch das freiheitliche Engagement, leider! Es folgten lange Diskussionen bis tief in die Nacht hinein. Meinen Teil dazu trug ich bei, indem ich noch einiges von dem berichtete, was wir schon im Vorfeld der Gewerkschaftsgründung im realsozialistischen Alltagsleben an massiven Menschenrechtsverletzungen erlebt hatten, teilweise in holprigem, ungeübtem Schulfranzösisch ohne subjonctiv, so wie ich es eben konnte. Doch ich wurde verstanden.

Als ich von dem indirekten Erlebnis erzählte, wie zwei junge Damen, die sich mit Franzosen zum abendlichen Rendezvous verabredet hatten, im Rahmen einer Razzia aufgegriffen und von einem stämmigen Bullen wie Kartoffelsäcke in einen Kastenwagen geworfen wurden, um anschließend als Ausländernutten beschimpft und auf der Polizeistation wüst durchgeprügelt zu werden, blieb den zarten Idealisten förmlich die Spucke weg. C`est vrai? Impossible? Inacceptable - waren ihre entrüsteten Kommentare. Ja, das war das Leben in der Diktatur! Und dabei waren wir Dissidenten noch Privilegierte, die oft nur mit Samthandschuhen angefasst wurden, zumindest in Temeschburg. Normale Bürger hingegen wurden von den niederen Schergen der Exekutive noch schlechter behandelt als das herumvagabundierende Getier auf der Straße oder das Vieh im Stall.


Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit


Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe


 Carl Gibson







Zeitzeuge und Autor Carl Gibson


Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat




Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel







 

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