Donnerstag, 17. Januar 2013

Felix Helvetia – Geld und Freiheit! Oder?

Felix Helvetia – Geld und Freiheit! Oder?


Es war ein gutes Gefühl, in die Schweiz einzureisen. Sie stand für heimatliche Geborgenheit, für eine märchenhafte Kulisse unverfälschter Natur, für ein letztes Stück vom Elysium, für die noch heile Welt des archaischen Menschen in Goldenen Zeitalter, als weiteres Wunschbild neben Frankreich, dessen Idealität sich in den Jahren meiner Kindheit bei der Heidi-Lektüre ausgebildet hatte. Ferner war die Schweiz in meiner von Schiller geprägten Vorstellung ein freiheitliches Land; ein Hort direkter Demokratie und ein Staat im Herzen Europas, der über Jahrhunderte die staatspolitische Kunstfertigkeit entwickelt hatte, sich aus übergreifenden Konflikten herauszuhalten, selbst aus den verheerenden letzten Weltkriegen, die das Gesicht des Alten Kontinents veränderten. Die Vereinten Nationen und viele andere internationale Organisationen residierten nicht zufällig in der Schweiz.

Voltaire, der große Freigeist seiner nicht immer aufgeklärten Zeit, hatte es einst von Genf aus der Welt vorgemacht, wie man als Freidenker und selbstbestimmtes Individuum zwischen zwei Staaten gut existieren kann, ohne den hohen Wert, die Freiheit, preisgeben zu müssen.

Und Rousseau, der Bürger von Genf, wurde nie müde, der Menschheit zu sagen, was Freiheit wirklich ist.

Unweit von mir flatterte ein weißes Kreuz auf rotem Hintergrund im Wind und weckte alte Erinnerungen und vielfältige Assoziationen. Erinnerungen, denen ich mich jetzt nicht hingeben wollte. Nicht zum ersten Mal bereiste ich dieses kleine Land. Doch was hatte ich bisher von der Alpenrepublik gesehen? Nicht viel. Die berühmte Stiftsbibliothek in Sankt Gallen, die man nur in Filzpantoffeln betreten darf, mit ihrem blitzblanken Intarsienparkett und ihren alten Folianten. Dann Zürich, die Stadt an der Limmat, wo es mehr Bankhäuser gibt als Gotteshäuser, Synagogen und Tempel - und wo auch die Verlagshäuser nicht mehr das sind, was sie einstmals waren.

„Habt ihr denn auch genügend Fränkli dabei?“ hatte der Kreuzlinger Zöllner vorsichtig gefragt, als ich als angehender Abiturient, eher abgebrannt als vornehm, kaum ein Jahr zuvor die Grenze überschritt, um mit Freunden in Zürich meinen einundzwanzigsten Geburtstag zu feiern.

War Geld immer noch das Maß aller Dinge? Oder war es der Mensch, in der Schweiz und über die Alpenrepublik hinaus? Hatte Protagoras, der Sophist, für den der Mensch den Mittelpunkt des Kosmos darstellte als das Paradigma und Maß aller Werte, aus früher Einsicht heraus gerade deshalb als erster einen angemessenen Obolus für seine geistreichen Sophismen gefordert?

Geld oder Freiheit!

Entweder - Oder? Das war hier die Frage. Schweizer Dialektik? Wie hätte Hegel sich dazugeäußert oder nach ihm Kierkegaard?

Ein altes Thema! Wer bedingt was? Literaten von Weltruf hatten darauf geantwortet. Dostojewski, der spielende Schriftsteller, sah im Geld ein Mittel zur Freiheit, zur schöpferischen Unabhängigkeit, während der nicht weniger freiheitliche, zugleich aber auch anarchische Tolstoj Geld und Besitz als neue Formen der Sklaverei wertete. Beiden Auffassungen konnte ich, der verurteilte Freiheitskämpfer und Anarchist, gerne zustimmen.

Ambivalenz lag immer in der Luft, auch hier und jetzt. Das Entweder vernahm ich kaum, dafür aber immer öfter ein deutliches: Oder? Das Wesen des Fragens und des Rückfragens wurzelte in diesem einen Wort – und das Prinzip des Anderen, der Alternative als Frage und Antwort – die andere Seite und die andere Individualität, die Freiheit bedeutete.

Während der Zug auf schweizerisches Territorium fuhr, richtete sich mein neugieriger Blick diesmal auf die wenig einladende, durchaus nicht romantische Güterbahnhofskulisse zwischen Weil am Rhein und Basel. Eine Art Niemandsland machte sich dort breit, ein postindustrielles waste land inmitten der teuren Kulturlandschaft, an deren Horizont die Betonburgen der Basler Großkonzerne in Erscheinung traten. Ein Firmenlogo drängte sich auf. Nahezu jeder kannte diese Marke aus dem Supermarkt. Senf wurde hier produziert und Mayonnaise in Mengen, die ganz Europa zuschütten konnten. Weltraumtechnik hatte ich hier erwartet! Laser- und Nanotechnologien, Feinmechanik, Siliziumscheiben, doch keine mittelalterlichen Mixturen, die an die Anfänge der Alchemie erinnerten. Mich verblüffte die Einfachheit des Geschäftsmodells, und wie geschickt es einzelnen Lebensmittelgiganten gelang, mit wenigen elementaren Grundsubstanzen, mit ein paar Senfkörnern, Sonnenblumenöl und Flüssigei, dank eigener Ingeniosität Produkte der Alltagsernährung herzustellen, die Milliardenumsätze einbrachten. Die moderne Müllverbrennungsanlage weiter oben arbeitete nach einem vergleichbaren Prinzip.

Die Schweiz- das war natürlich auch die Welt der Konditoren und der feinen Schokolade in allen denkbaren Formen und Geschmacksrichtungen. Schokolade war eine Leidenschaft - meine älteste Leidenschaft. Mit dieser Passion war ich aufgewachsen, fern vom tatsächlichen Leiden. Aus ihr bezog ich die Endorphine, die früh beglückten und linderten.

Schokolade! Die Kindheit hindurch hatte ich sie täglich getrunken, tiefbraun mit viel Kakao und Zucker. Und irgendwann, als mir die ewigen Versprechungen der Mutter zu dumm wurden, kochte ich sie mir selbst aus Milchpulver und Butter zum Baton; zunächst eklig, schwarz verbrannt mit Schweineschmalz; doch dann immer vollkommener zum wahren Lebenselixier. Sie war meine Droge, mein Element, mein irdischer Genuss. Ein Griff zum Koffer - und schon konnte ich ein hauchdünnes Täfelchen auf der Zunge zergehen lassen.

Die Augen ruhten nicht, während der Zug langsamer wurde. Es gab viel zu sehen und einige Hinweise auf die Ästhetik des Hässlichen, die aus der Bücherwelt in die Realität entflohen schien. In die Industrielandschaft hinein gewoben entdeckte ich die wenig geschmackvollen Zweckbauten der Pharmariesen, die nicht nur der Apotheker kennt. Jene anonymen Gesellschaften, die selbst das türkisfarben schimmernde Wasser des Rheins einfärben; modernistisch rosarot - wie die Farbe des Himmels in der Morgenröte oder beim Alpenglühen - und so lange, bis die Fische im Rhein die Orientierung verlieren, sich treiben lassen und mit dem Strom schwimmen.

Doch auch hier ging man mit der Zeit und passte sich ihren Bedürfnissen an. Auch wenn das etwas kostete. Wie bei jenem augenlosen Koloss aus Stahl. Ein Gestaltungskünstler hatte viel Lindgrün eingesetzt, um eine der Monsterhallen ohne Struktur und Fenster optisch zu entschärfen; eine unverkennbare Handschrift. Weiter südlich lagen die profanen Betriebsstätten der tatsächlichen Farbenhersteller und Spezialchemiker, die dafür sorgten, dass der Westen glänzend leuchtet; und dass die Welt des Kapitals sich hoffnungsvoll strahlend abhebt vom düsteren Grau sozialistischer Alltagswelt.

Weiter südlich, im Innenstadtbereich, nahe der berühmten Kunsthalle, ragten die Monumentalresidenzen der Großbanken empor; auf schweren Säulen und soliden Fundamenten, in deren tiefen Kellern andere Werte ruhen. Ihre Unerschütterlichkeit suggerierte Stabilität und Beständigkeit. Das waren Herzkammern des Kapitalismus, keine altmodische Banken aus der Welt von Gestern, sondern Dienstleister der Neuzeit, deshalb auch neudeutsch money center genannt. Dort wird viel vom Vermögen der Welt verwaltet, das nach wie vor ungleich verteilt ist. Das irritierte mich, doch nur für Augenblicke.

Jeder Diktator von Welt, der etwas auf sich hält, hat hier mittelbar oder unmittelbar einige Konten und lässt sein Kapital professionell verwalten - und manchmal, behaupten böse Zungen, solange waschen, bis es schneeweiß wird wie das weißeste Weiß der Inuit oder wie der in ewiges Eis gehüllte Gipfel des Mont Blanc. Schließlich gilt die Schweiz als sauberes Land; und als ein pragmatisches noch dazu, das äußerst gekonnt auch die paar braunen Flecken auf der historischen Weste weg zu retuschieren weiß.

Von der Professionalität schweizerischer Finanzexperten profitierten immer schon viele, jenseits von Ethos und Moral. Kommunistische Machthaber, die nach willkürlicher Despotenart ihre Staaten ausplündern, um Familienclans zu versorgen ebenso wie korrupte Minister aus Entwicklungsländern, die ihre kaum empfangene Entwicklungshilfe gleich auf die richtigen Nummernkonten umbuchen lassen oder steinreiche Wüstenbewohner aus der Golfregion, deren restriktive Geldverleihhürden im Koran geschickt umschifft werden. Auch sie wissen die Vorzüge des Finanzplatzes Schweiz und die sprichwörtliche Stabilität des Schweizer Frankens zu schätzen. Die meisten der traditionellen Kunden der Vermögensverwalter sind Jahre nach ihren Investments oftmals wesentlich reicher als vorher. Andere, die das Wegelagerertum und die Beutelschneiderei der Börsenwelt nicht recht durchschauten, fallen schnell auf das materielle Durchschnittsniveau ihres Entwicklungslandes zurück.

Wer fragte da nach Transparenz? Wirtschaftsethische Gedanken sausten durchs Gehirn, Zusammenhänge von Recht und Gerechtigkeit. Dostojewski oder Tolstoi? Pflichtethik oder Anarchie?

Durfte ich um Prinzipien besorgt sein? Was scherte mich im Augenblick das Geld anderer Leute - oder die Philosophie des Geldes, über die einst ein deutscher Professor ein ganzes Buch geschrieben hatte? Was hätte mir eine moralisch ausgerichtete Kapitalismuskritik mehr eingebracht als Aufregung und Ärger über materielle Strukturen, mit denen ich im gesamten Westen leben musste? Und was konnte ich gerade jetzt gegen die ausweglose Situation der meisten Menschen in der Dritten Welt tun, die mit einer Hand voll Reis über den Tag zu kommen versuchten?

Die Schweiz, irgendwo ein Spiegelbild der Welt, verwies in ihrer Ambivalenz auf einen inneren Zwiespalt, auf einen krassen Konflikt, der die gesamte Welt durchzieht.Arm und unfrei, reich und mächtig? Die Freiheitdes Kapitals ist oft der Quell chronischer Ungerechtigkeit - weltweit. Und die kapitalbestimmten Strukturen sind Hemmnisse der Freiheit. Doch das sah ich damals noch nicht so klar. Schließlich verfolgte ich zunächst andere Prioritäten. Zielsetzungen, an deren Erfolg ich durch eigenes Mitwirken teilhaben konnte. Für mich kam es vorerst primär darauf an, den bereits ausgemachten Feind zu bekämpfen, das totalitäre Machtsystem im fernen Bukarest; dieses vom Westen aus dort zu bekämpfen, wo es real existierte - jedoch nicht an sich oder aus einer ideologischen Motivation heraus, sondern im Interesse der Menschen, die noch im Kerker verharrten. Das war mein Gebot der Stunde.


Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit



Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe






Zeitzeuge und Autor Carl Gibson


Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat




Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel










 

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