Montag, 21. Januar 2013

Münchner Freiheit


 

Münchner Freiheit


 

Daraufhin verließ ich das Sendergebäude und schlenderte dem Innenstadtbereich zu. Die späten Nachmittagsstunden verbrachte ich dann wieder in der milden Herbstatmosphäre des Englischen Gartens und genoss die Einsamkeit und Freiheit der vergehenden Natur inmitten der Großstadtgesellschaft. Gegen Abend nahm ich jene Adresse ins Visier, die ich im Sender erhalten hatte und wanderte vorbei an der Münchner Freiheit zu einem kleinen Gasthof in Schwabing, wo der Sender seine Gäste einzuquartieren pflegte. Dort aß ich eine Kleinigkeit und streckte mich dann zufrieden auf einer bequemen Matratze aus, bereit in einen geruhsamen Schlaf zu sinken.

Jetzt war ich in der Stadt an der Isar, in der Stadt der Olympiade, wo unlängst erst Schüsse gefallen und Blut geflossen war. Unterschiedlichste Assoziationen drängten sich auf; historische Bilder, die weit zurückreichten, makabre Sequenzen mit revoltierenden Bauern- und Soldatenräten mit einem dagegen putschierenden Obergefreiten und einem bombenlegenden Attentäter Elser im Löwenbräukeller, der- als aufrichtiges Gewissen seiner Zeit- das falsch laufende Rad der Geschichte zurückdrehen wollte! Nicht nur hohe Offiziere revoltierten gegen den Tyrannen, sondern auch kleine Leute wie Elser: Brandauer verewigte ihn im Kino!

Und hier, im Herzen der Weltstadt München, hatten in unbarmherziger Zeit die Geschwister Scholl ihren Widerstand gelebt. Und die Stimme der Göttin Libertaserschallte hier auf diesen Straßen und in den Räumen an der nahen Universität. Wie schwer es doch war, einige Augenblicke im Leben aufrecht zu gehen und dem Gewissen folgend zu handeln? Was war von diesem Geist noch übrig?

Gab es Bekannte in dieser Stadt? Menschen aus meiner Vergangenheit, sonstige Namen, Geistesgrößen, Personen, die ich damals unmittelbar kontaktiert hätte? Ein alter Kumpel fiel mir ein, mit dem ich einst in Temeschburg über die Münchner Freiheit philosophiert hatte. Es war der alte Casanova, der unersättliche Libertin, der wohl immer noch nach dem Ewig Weiblichen suchte, ohne es je zu finden? Sollte ich jetzt nach seiner Nummer suchen und ihn anrufen? Er, der Bon vivant, kannte die Stadt bestimmt schon gut, ihr Nachtleben, ihre Diskotheken? Wäre das keine gute Gelegenheit, zusammen in Freiheit einmal richtig die Sau heraus zu lassen, wie wir es doch immer vorhatten? So nach der barocken Art Mozarts und seines ewig balzenden Don Giovanni, aus tiefster Seele und Kehle die Worte herausschreiend:Viva, viva, la liberta! Welche auch immer! Eine köstliche Verlockung!

Doch ich widerstand. Schließlich sollte ich mit kühlem Kopf zum Interview antreten, nicht mit umnebelten Sinnen. Über mich selbst amüsiert und über geheime Wünsche, versuchte ich einzuschlafen. Als der Schlaf nach längerem Herumwälzen trotzdem nicht einsetzen wollte, blickte ich mich um und erspähte ein kleines Radio, das unauffällig in einer Ecke stand. Es war ein altes Modell, nicht viel größer als der legendäre Volksempfänger, der in den letzten Tagen des Krieges - an den Durchhalteparolen eines Goebbels vorbei - oft nur noch zum Hören von Feindsendungen eingesetzt worden war, obwohl dies mit der Todesstrafe geahndet werden konnte.

Dann schaltete ich das Radio ein und drehte vorsichtig am Drehknopf herum, so lange bis endlich einige klare Klaviertöne an mein Ohr drangen. Es klang nach Chopin oder Debussy, was ich da aufschnappte. Nach dem Verklingen der unbekannten Komposition wurde eine Echtübertragung aus dem Münchner Gasteig angekündigt. Bruckners Achte stand auf dem Programm - die Apokalyptische. Eine symphonische Rarität, die ich noch nie gehört hatte. Und am Pult, welch ein Zufall - ein Meister aus Rumänien: Sergiu Celibidache, der Philosoph unter den Dirigenten der Neuzeit.

Er war der Geist, der in der Nachfolge seines Lehrers Furtwängler und in der Tradition Husserls, das innerste Wesen der Musik ergründen und die Substanz selbst aus der wahren Musik herausholen wollte. Bruckners Achte bot ihm das Medium dazu. Kaum wagte ich es noch zu atmen. Die mir bekannte Fünfte, die Romantische, ließ mich Großes erwarten. Neugierig gespannt, dann immer gelöster, doch von innerer Erregung erfüllt, ergab ich mich dem symphonischen Fluss, der immer mächtiger, tiefer und dunkler wurde und ewig anzuhalten schien, über eine Stunde hinaus. Entrückt vernahm ich eine Symphonie, wie ich sie noch nie gehört hatte. Mahler hatte mich stark beeindruckt. Doch dies ging darüber hinaus. Irgendwann, als sie verklungen und nur noch ein stiller Nachhall im Ohr fortwirkte, schlief ich besänftigt ein.


Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit



Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe






Zeitzeuge und Autor Carl Gibson


Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat




Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel















 


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