Montag, 21. Januar 2013

Ein Lockruf des Goldes


Ein Lockruf des Goldes



Nach einer ruhigen, traumlosen Nacht und einem mageren Frühstück in der Schwabinger Pension machte ich mich wieder auf den Weg quer durch den Englischen Garten, zum Sender. Dort traf ich den Redakteur und Moderator wieder, den Noel Bernard mir vorgestellt hatte. Er hieß ganz zufällig und vielleicht symptomatisch für sein bayrisches Umland Max.

Wir begaben uns in das Aufnahmestudio, in einen kleinen sterilen Raum, in dem es nichts weiter gab als ein Tischchen, zwei Stühle und ein Mikrophon. Die Technik war jenseits des Fensters untergebracht. In dieser unerquicklichen Atmosphäre, von der ein ferner Hörer nichts ahnt, sollte ich nun enthemmt über mein Leben reden, über die Erfahrungen, die ich gemacht hatte, unmittelbar und frei. Gleich stiegen wir in die Diskussion ein, nachdem Max Bănuş mich in einer Vorrede seinem Publikum vorgestellt und darauf verwiesen hatte, dass ich als noch relativ junger Angehöriger der deutschen Minderheit in Rumänien kaum Rumänisch-Unterricht gehabt hätte und aus diesen Gründen das Rumänische nicht umfassend beherrsche. Dann ging er zügig und professionell zur Sache über. Max fragte geschickt und lenkte das Gespräch so, dass alle Essenzen gut verständlich einer breiten Öffentlichkeit zugänglich wurden. Die Interviews, die noch vor dem Senden bearbeitet wurden, zogen sich einige Stunden hin. Schließlich waren wirklich alle Entwicklungsstationen ausgeleuchtet und alles Wichtige gesagt. Erleichtert atmete ich auf.

Nach der erledigten Arbeit setzten wir uns in der Kantine des Hauses noch einmal zusammen, aßen etwas und sprachen über verschiedene Themen, auch über künftige Dinge. In diesem Kontext machte mir Max ein Angebot: „Das war eine schöne Story“, summierte er jovial. „Wenn du das willst, können wir noch viel mehr daraus machen!“

Etwas verblüfft horchte ich auf. Noch bevor ich seine unbestimmten Perspektiven ergründen konnte, fuhr er fort: „Es wäre denkbar, aus deiner nicht alltäglichen Vita eine Serie zu machen, die wir dann über Wochen verteilt ausstrahlen wie die Sendung Thesen und Antithesen aus Paris, gestaltet und betreut von dem, dir sicher bekannten Kritikerpaar Monica Lovinescu und Virgil Ierunca. Wir könnten aus jedem Kapitel deiner Biographie eigene Folgen machen, die junge Menschen im Land ansprechen. Wir könnten dann den Sachen tiefer, differenzierter auf den Grund gehen, so dass auch einfachere Menschen die regimekritischen Aktivitäten im Land verstehen“, spekulierte er mit unverkennbarer Begeisterung. Als ihm aber auffiel, dass ich weder mit spontaner Zustimmung reagierte und auch sonst nicht besonders enthusiastisch dreinblickte, sondern mich eher nachdenklich reserviert verhielt, ohne rechte Lust, das Angebot aufzugreifen, warf er noch einen Köder aus, indem er fast überschwänglich ausrief: „Bedenke, du sitzt hier auf einem Sack voller Geld. Du brauchst nur zuzugreifen! Wenn wir das Projekt gemeinsam durchziehen, kannst du dabei eine Menge Geld verdienen, richtiges Geld, das du bei deinen kommenden Studien sicher gut gebrauchen kannst!“

Geld!? Viel Geld!? Das klang nicht schlecht. Eine sanfte Versuchung kroch hoch mit dem unbestimmten Klang des Goldes. Doch hinter diesem Lockruf erkannte ich intuitiv, von menschlicher Sympathie und humanistischer Absicht kaschiert, die nicht ganz reine Stimme eines Kalten Kriegers. Die Ost-West Konfrontation tobte immer noch. Wir lebten in der Breshnew-Ära, noch Jahre vor Reagans Machtübernahme. Der Einmarsch der Sowjets in Afghanistan stand noch bevor. Das State Departement der Vereinigten Staaten arbeitete an der moralischen Destabilisierung des Ostens. Und Radio Freies Europawar ein ausgewähltes Mittel dazu.

Nur wollte ich kein zusätzliches Mittel sein - und lehnte deshalb ab. Ein Hauch von Käuflichkeit lag in der Luft - nicht viel anders als bei den Kommunisten, die konzessionsfreudigeren Mitmenschen auch die Möglichkeit zur Karriereerfüllung boten. Mir reichten vorerst die beiden Interviews, in denen ich ganz neutral dargelegt hatte, was sich ereignet hatte; in denen ich unmissverständlich, fern von jeder ideologisch motivierten Hetze, jenes gesagt hatte, was gesagt werden musste. Instrumentalisiert werden wollte ich nicht. Und billig hetzen wollte ich schon gar nicht. Denn Hetze, das lehrte die Geschichte, schuf immer und überall auf der Welt nur Hass, Destruktivität, Zwist und Krieg.

Auch war nicht die Person Ceauşescus mein deklarierter Gegner, gegen den andere polemisierten. Mein Gegner war das kommunistische System selbst, das doktrinär, dogmatisch und menschenverachtend war. Falschen Werten hatte ich den Kampf angesagt, der Pseudomoral und der Heuchelei, jener unausrottbaren Pest, die von vielen Bürgern mitgetragen wurde, in Ost und West. Dort sah ich die Wurzel des Übels, nicht in einer lächerlichen Führerfigur, die nicht anders funktionierte als die Marionette des Puppenspielers. Der Puppenspieler aber - das war eine Mehrzahl: Der Apparat, die Nomenklatur und die vielen Profiteure des Regimes.

Meine Interviews wurden in den kommenden Jahren mehrfach ausgestrahlt und erreichten Millionen Menschen hinter dem Eisernen Vorhang, auch die Securitate. Anscheinend wurde meine Geste verstanden. Die Securitate schickte kein Mordkommando. Als ich nach den Gesprächen im Studio wieder durch den Englischen Garten streifte und noch einmal über alles nachdachte, war ich heilfroh dem Lockruf des Goldes widerstanden zu haben. Damit hatte ich mich einer Instrumentalisierung entzogen und meine Freiheit, die mir über alles ging, gewahrt. Jetzt hatte ich immerhin ein paar hundert Mark in der Tasche, mein Honorar für die Mitwirkung: das erste, selbst verdiente Geld im Westen. Also beschloss ich, es gleich gut anzulegen, fuhr zum Münchner Hauptbahnhof und kaufte mir dafür eine Fahrkarte nach Paris.




Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit


Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe






Zeitzeuge und Autor Carl Gibson



Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat


 

Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel














 

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