Sonntag, 20. Januar 2013

Wer bin ich? Back to the roots!


Wer bin ich? Back to the roots!



Mit den Worten: Ich bin Prometheus, hatte ich unlängst eine junge Französin schockiert, die rätselte, weshalb ich auf der Grillparty so begeistert in der Glut herum stocherte. Und was hat Prometheus mit dem Feuer zu tun - fragte sie konternd zurück. Mit ihrer Replik erschlug sie mich fast. Ich kenn unter der Sonn nichts Erbärmlicheres als euch … Menschen, hätte ich gerne ausgerufen, den antienzyklopädischen Zeitgenossen im Visier, der den alten Mythos verkannte, die neue Mythologie und die neueste Mythopoesie als Arbeit am Mythos! Die offensichtliche Bildungsfeindlichkeit irritierte - und meine Prometheus-Anekdote war nur ein verdichteter Hinweis auf ein gravierendes Zeitproblem. Der Kultur-Schock währte Jahre und wurde später zum geflügelten Wort. Gleichzeitig verdichtete sich der Ausspruch zu einem Bild, in dem ich einmal den Untergang des Abendlandes einzufangen gedachte. Noch oft zitierte ich die Sentenz als Symptom unserer Welt, die den Humanismus zugunsten der Computerisierung geopfert hat. Gesellschaftskritik und Kulturkritik liegen oft dicht beieinander. Nyula lachte. Und das Feuer loderte.

In London rauchte nunmehr ein Schlot mehr als Hinweis auf Menschen an einer Feuerstelle. Die Neandertaler hatten so begonnen. Und in weiten Teilen der Welt saßen die Menschen immer noch um das Feuer, dessen Rauch zu höheren Himmeln aufstieg. Wie drückte es jener Zigeuner aus, als er sich am dampfenden Misthaufen einen Glimmstängel anzünden wollte: Wo Rauch ist, dort muss auch Feuer sein! Zigeuner, die in England Gipsy heißen, liebten das Feuer; nicht nur die Kesselflicker, alle Zigeuner - Deshalb liebte ich die Zigeuner und das Zigeunerwesen. Inzwischen war aus dem Feuerchen ein Feuer geworden. Je mehr es anschwoll, desto heimischer fühlte ich mich in dem gastfreundlichen Castle in der großen, fremden Stadt.

Ob sie etwas Musik auflegen solle, erkundigte sich Nyula, und was? Klassik oder eher etwas meditativ Entspannendes? Ein paar Dutzend Platten waren da, Grieg, Sibelius, Ravel, Berlioz, Tschaikowsky, Dvorak und einiges von den ganz Großen der Komposition, ferner irische Musik, französische Chansons, Brel, Moustaki, Aznavour. Wofür sollte ich mich entscheiden? Für französische Lebensart in englischer Wüste? Für irisches Kneipengefidel mit Getrampel? Ravels vertrauter Bolero war ein Mittelding - zugleich, was meine Gastgeberin aber nicht wissen konnte, individuelle Musik der Verfolgung und der Befreiung zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Der alte Plattenspieler knatterte, dann trommelte es und eine unendliche Melodie kam auf. Nyula hatte mir bereits einen französischen Weinbrand in den Schwenker gegossen, nachdem sie schnell herausgefunden hatte, wie wenig ich mir selbst aus altem irischen Whiskey machte. Sie selbst nahm gleich einen Scotch. Nur einen Tropfen! Den musste sie haben, doch nur einen; und diesen zur Feier des Tages, als einsame Ausnahme, weil ich da war. Sonst, betonte sie mit ernster Mine, trank sie nie daheim … zumindest nicht allein! Never!

Dann steckte sie sich einen Glimmstängel an, nur so, weil das so gut zum Scotch passte; und dann noch einen und noch einen - die Nerven, sagte sie, die unendlichen Leiden, Kummer und Sorgen, Melancholie … und der Stress der Großstadt verlangten danach!

Süchtig war sie nicht. Sie genoss alles nur so, ganz freiwillig, sagte sie. Sie entschied sich zwischen den Zwängen. Auch das war gelebte Freiheit. Nyula war keine dionysische Natur, die einsam feiern konnte. Sie brauchte die Gesellschaft. Das alles und manches über ihr Leben erzählte sie mir so nebenbei, nachdem das Eis gebrochen und sie Vertrauen gefasst hatte.

Das Getrommel wurde zunehmend lauter und die Melodie intensiver. Der oft gehörte Rhythmus beruhigte und lullte mich ein. Während ich ins Feuer starrte, machte sich Nyula in ihrer kleinen Küche daran, einen Dinner für Zwei vorzubereiten. Was es wohl geben würde? Ich war gespannt! Denn der englischen Küche eilte ein Renommee voraus, das durchaus noch gesteigert werden konnte.

Die Scheite knisterten und die Glut des Cognacs glitt mir über die Zunge in die Kehle, auch dort Feuer verbreitend. Und die Gedanken nahmen ihr Kreisen auf, rotierten und entschwirrten über die enge Welt der Cockneys hinaus aufs Land, nach Kent, in die Welt der geschätzten Glimmstängel, dann nach Essex und Sussex, wo nicht nur Hühnerrassen herstammten, sondern auch Rosen, vielblättrige Englische Rosen und ein Teil meiner Ahnen. Ja, ich weiß, woher ich stamme, hatte ich mir oft in den Bart gemurmelt, wenn ich nach Ursprüngen und Wurzeln suchte und, dem aufsteigenden Rauch nachsehend, noch hinzugefügt: ungesättigt gleich der Flamme, glühe und verzehr ich mich. Dissidenten verzehrten sich ebenso wie andere Idealisten und sensible Dichter, vor allem dann, wenn sie selbst dichteten.

Eigentlich war ich nur unweit von jenem Ort in Südengland entfernt, wo einst mein Vorfahr in eine freiere und bessere Welt gestartet sein soll. Back to the roots? Ein sonderbares Gefühl! Oberschwaben und der Schwarzwald bezeichneten die Herkunft der einen Linie - hier auf der Insel war der Ausgangspunkt der anderen. Leichte Nostalgie kam auf, ausgehend von einer Rückbesinnung auf die eigene Identität, die für Menschen genauso wichtig ist wie für Staaten. Back to the roots?

Nyula ahnte nichts von meinen Ahnen, noch von meinem tieferen Sehnen nach Gewissheit. Einen Eisenbahningenieur namens Gibson soll es irgendwann in das Banat verschlagen haben, berichtete man mir schon in der Schulzeit. Ob es stimmte? Andere dieses Namens strandeten im fernen Australien, in Ostdeutschland und in Nordamerika, wo ein halbes Dutzend Ortschaften diese Bezeichnung tragen.

Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit



Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe






Zeitzeuge und Autor Carl Gibson


Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat




Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel










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