Sonntag, 20. Januar 2013

Écrasez l’infâme - Ein Rendezvous mit dem zwangsexilierten Dissidenten Paul Goma


Écrasez l’infâme  

Ein Rendezvous mit dem zwangsexilierten Dissidenten Paul Goma



Jeder Emigrant ist ein Odysseus auf dem Weg nach Ithaka. Jede wirkliche Existenz zieht eine „Odyssee“ nach. Mircea Eliade, Im Mittelpunkt


Am nächsten Tag traf ich Paul Goma, den wichtigsten der rumänischen Dissidenten, zweifellos aber den bekanntesten. Er wirkte primär durch seine Haltung und als Träger einer Idee; erst in zweiter Linie wurde er als politischer Schriftsteller und Romancier registriert. Das machte ihm Kummer. Doch er lebte damit. Wir hatten uns in einem Straßencafé verabredet. Schon saß ich da, als er kam. Ein mittelgroßer, stämmiger Mann mit weißem Rundbart, einer wuchtigen Brille mit starken Gläsern und dunklem Rahmen, auf dem Haupt eine graue Lotsenmütze. Er steckte in einer hellbraunen Kaschmirjacke mit Kapuze, am Hals ein karierter Wollschal. Es war kalt und windig. Wir begrüßten uns und bestellten Tee. Er studierte mich - und ich ihn. Wir kannten uns schon lange, waren uns aber noch nie begegnet.

„Ich habe dir eines meiner Bücher mitgebracht - und dir eine Widmung hineingeschrieben, als kleine Wertschätzung deines Engagements!“ sagte er ruhig. Interessiert nahm ich es entgegen und bedankte mich.

Gherla?“ konstatierte ich anerkennend.

„Ja, Gherla, ein unseliger Ort in Siebenbürgen, ein Unort wie Aiud und Jilava“ sagte Goma und fügte hinzu: „Dieses Buch ist mir noch das liebste von allen, die ich geschrieben habe!“

Vor einiger Zeit hatte ich in Ostinatogeblättert, in der deutschen Fassung, ohne systematisch zu lesen und ohne in größere Begeisterung zu verfallen. Später auch in anderen Werken. Vieles davon war schwere Kost und Geschmacksache. Gemessen an den Literaten der Weltliteratur, die ich viel häufiger las als moderne Autoren, hatten Gegenwartsschriftsteller einen schweren Stand. Bei Goma hing darüber hinaus noch viel vom Talent seiner Übersetzer ab, die vieles von den Subtilitäten der rumänischen Sprache und der in ihr mitschwingenden Atmosphäre kaum ins Französische oder ins Deutsche herüberretten konnten. Auch befreundete Schriftsteller konnte man nicht immer gut finden. Wie bei anderen schreibenden Freunden auch, setzte ich mehr auf die ideelle Relevanz der Aussage als auf den Individualstil, gerade bei politischen Büchern. Solschenizyn, mit dem Goma gelegentlich verglichen wurde, schrieb systematischer, archaischer und sprachlich differenzierter. Jelena Bonner, die Gattin des Dissidenten Sacharow, schrieb später während ihres kurzen Aufenthalts im Westen, quasi zwischen Tür und Angel, die Dokumentation In Einsamkeit vereint über ihren Alltag an der Seite Sacharows am Verbannungsort Gorki auf eine nahezu unliterarische Art. Goma stand stilistisch irgendwo dazwischen. Sein naturalistischer Stil wirkte manchmal direkt, derb und provozierend, nicht immer fein, aber redlich.

Doch ich wollte hier nicht über Literatur reden, noch über Fragen der Wertung oder Ästhetik, sondern ausschließlich über menschenrechtliche Fragen. Schließlich war er primär ein politischer Schriftsteller, ein Zola unseres Jahrhunderts, einer der frei und unverblümt redete, der klagte, anklagte, der polemisierte und polarisierte - bis zum heutigen Tag!

„Wie lebt es sich so in Paris?“ fragte ich zunächst mehr rhetorisch mit leichter Ironie, nebenbei am heißen Tee nippend.

„Bis auf die Bomben, die selbst in Friedenszeiten über uns herunter krachen, ganz anständig. Hier in Frankreich darf ich mich artikulieren und mit jedermann reden - soviel ich will, ohne belauscht zu werden. Politische Meinungen hat hier jeder. Die gesellschaftliche Kultur ist einfach anders - und der Zivilisationsgrad der Bevölkerung. Keiner hindert mich daran zu schreiben, was ich will. Und ich kann alles drucken lassen, was ich verfasst habe. Selbst die Publikumsverlage machen mit, vielleicht auch aus Solidarität mit den Menschen in Rumänien und Osteuropa- oder weil es eine Sache des politischen Anstands ist, bestimmte Themen zu drucken, auch wenn sie sich nicht groß verkaufen. Der Homme des lettres steht hier in Frankreich immer noch hoch im Kurs- und auch der kritische Essay, bis hin zum provozierenden Pamphlet. Kurz, ich kann als Schriftsteller veröffentlichen, soviel ich will. Und hier kennt man auch keine Zensur! Der Franzose unserer Tage weiß kaum noch, was das Wort bedeutet. Deshalb erinnere ich in meinen Lesungen auch daran und verweise darauf, wie es hinter dem Eisernen Vorhang zugeht, speziell im autoritären Rumänien, an die Maulkörbe dort und das generelle Leben in Unfreiheit. Doch gerade deshalb lebe ich hochgradig exponiert, ohne am Morgen zu wissen, ob ich den Abend noch erlebe, ohne sicher sein zu können, dass es überhaupt ein Morgen geben wird! Sie wollen mich immer noch ausgrenzen und fertig machen. Auch hier an der Seine. Es gefällt ihnen einfach nicht, wenn ich über Radio Freies Europa mit den Menschen im Land kommuniziere und den Eingesperrten von Wahrheiten berichte und von Freiheiten, die es in Rumänien noch lange nicht geben wird, wenn die gegenwärtigen Verhältnisse anhalten!

So oder so! Der lange Arm der Revolution, du weißt ja, was damit gemeint ist, greift nach mir … Sie haben mich in New York bedroht und in Kanada, ganz so nebenbei in Montreal, in der U-Bahn … Und sie sind auch hier, mitten unter uns. Sie bewegen sich frei im freien Westen … wie die Fische im Wasser - und keiner kann ihr destruktives Vorgehen aufhalten. Ich glaube, sie werden auch in Zukunft nicht aufhören, uns zu diskreditieren, zu diffamieren! Mit allen Mitteln! Sie bestechen Journalisten, sie kaufen Verleger, sie lassen Bücher drucken … Geld spielt keine Rolle, wenn es darum geht, ihre Lügen aufrechtzuhalten. Dahinter stecken auch ökonomische Interessen. Und mit der blanken Fassade erhalten sie sich selbst. Der Schein des Scheins ist für Uneingeweihte noch schwerer zu durchschauen.“

Goma wirkte ernst, besorgt und schon leicht verbittert. Nicht jeder sah die Dinge so klar. Vieles war selbst erlebt und existentiell fundiert. Auch die Enttäuschung über die allgemeine Ohnmacht. Sein Zynismus konnte nicht alles auffangen. Irgendwo stand er allein und kämpfte gegen alle. Das Gefühl war mir nicht ganz fremd. Doch gemessen an seiner radikalen Kompromisslosigkeit, war ich eine konziliante Natur.

Als er vor zwei Jahren öffentlich aufmuckte, gab es weder Intellektuelle noch bekannte Schriftstellerkollegen, die ihm gefolgt wären. Persönliche Animositäten, Neid, aber auch Angst und Opportunismus hielten viele ab, sich etwas weiter aus dem Fenster zu lehnen, Position zu beziehen und eindeutig Flagge zu zeigen. Weshalb sollten sich erstrangige Namen mit einem zweit-, ja drittklassigen Schriftsteller einlassen, nur weil er moralisch im Recht war? Sie würdigten ihn vielmehr herab, sie stigmatisierten und schnitten ihn - zu Unrecht! Denn nur er erhob seine Stimme, als die selbst erkorene Elite versagte.

Der Schriftsteller in Rumänien zur Zeit der Ceauşescu-Diktatur: Das war fast immer der feige Schriftsteller - und das galt auch für Deutsche und Ungarn. Zivilcourage, geistiges Vorreitertum? Weit gefehlt! Duckmäuserisches Mitläufertum war ein Kennzeichen der Intellektuellen im Sozialismus - ostblockweit!

Goma hatte auch nach seiner Zwangsexilierung von Frankreich aus weitergemacht und aufgeklärt, unterstützt nur von Ionesco. Er hatte sich auch für die Sache der Freien Gewerkschaft SLOMR engagiert, nachdem diese unterdrückt worden war und, noch bevor ich im Westen eingetroffen war, als provisorischer Sprecher von Paris aus weiter öffentlich für die Bewegung geworben.

Wie es schien, hatte er noch nichts von seiner kommunismuskritischen Haltung eingebüßt. Doch ich merkte, dass er hart am Wind segelte - und dass er es nicht einfach hatte. Wer sich mit einem allmächtigen Gegner herumschlägt, wer sich mit einem totalitären Staat anlegt, mit einem repressiven System, das über einen effizienten Geheimdienst selbst im Ausland agiert, wird von vielen Seiten angefeindet. Das ertragen nur ganz wenige.

Neben den tatsächlichen Feinden gibt es noch Rivalen, Neider, die kreative Energie abziehen und den Aufklärer schwächen. Hinzu kommen noch die Herausforderungen des Alltags, die oft vergessen werden. Bücher schreibt man nicht über Nacht. Sondern sie entstehen oft unter extremem Verzicht in einer Schwerstarbeit von Jahren, wobei das Erlittene vielfach wieder und wieder erlitten werden muss. Ein Schriftsteller im Exil hat nicht selten Schwierigkeiten, im teuren Paris oder sonst wo seine Miete zu bezahlen, obwohl seine Bücher veröffentlicht werden. Was hat er von seiner Arbeit? Zehn Prozent? Ein Hungerlohn in teurer Zeit! Aber selbst die Botschaft wird nicht immer verstanden. Das Abgeschnittensein von den Wurzeln und vom vertrauten Umfeld daheim in Bukarest, wo man viel direkter reden konnte, so richtig gerade heraus auf Rumänisch, wo man einen, nahe am Knastjargon, schnell einmal irgendwohin schicken konnte, zurück zum Ursprung, das fehlte Goma in fremden Paris und in der kultivierten Umgebung der aktiven Exilanten. Paul Gomas Ton wurde zunehmend sarkastischer: „Ich bin ein Schriftsteller, der aus seinem Vaterland vertrieben wurde, nur weil die Mächtigen nicht hören wollten, was ich zum gesellschaftlichen Miteinander zu sagen hatte, zu den Spielregeln einer zivilisierten Demokratie. Nie habe ich allzu viel gefordert! Nur an einem Prinzip sollten sie festhalten: Wenn ihr Gesetze macht, dann haltet euch daran, respektiert sie auch und setzt sie um, vor allem das, was an internationalen Vereinbarungen ratifiziert wurde - soviel, mehr nicht! Und mit welchem Resultat? Noch bin ich am Leben und sitze hier in Paris - in der Einsamkeit des Exils - wie ein Fisch auf dem Trockenen!“

Goma wirkte verärgert. In meinem längeren Interview mit Max Bănuş hatte selbst ich die Respektierung der rumänischen Verfassung angemahnt und diese Constituţie sogar noch in ein positiveres Licht gerückt, als es ihr eigentlich als undemokratischer Verfassung zustand. Doch die Respektierung der schon bestehenden Gesetze, ein Aspekt, den die Charta 77-Anhäger um Kohout und Vaclav Havel für die Tschechoslowakei angestrebt hatten, war nur ein Anfang, ein erster Schritt. Das Ziel war die Umwandlung der autoritären, ja totalitären Gesellschaft in eine demokratische. Darauf hoffte Goma von Paris aus und machte, unterstützt nur von Eugen Ionesco, unverzagt weiter. Trotzdem war eine gewisse Resignation nicht zu verkennen. Skepsis kam auf, selbst bei mir: „Auf was können wir noch hoffen? Dürfen wir die Ideale aufgeben - und mit ihnen das Handeln?“ fragte ich leicht provokativ nach, ohne die Aussichtslosigkeit unseres Tuns verstärken zu wollen.

„Nun“, holte der Bärtige, denn das war sein Spitzname bei der Securitate, zögerlich aus „ich kann nur für mich sprechen. Aller Wahrscheinlichkeit nach werde ich weiter agieren, weiter schreiben und meiner Linie treu bleiben … Auch auf die Gefahr hin, das ich scheitern werde. Dass sie mich von einer Sekunde zur anderen auslöschen können, daran habe ich mich gewöhnt. Schon seit geraumer Zeit lebe ich mit Briefbomben und mit den profanen Schwierigkeiten, die jeder andere Schriftsteller in der Fremde auch hat. Er will etwas mitteilen; doch die meisten Zeitgenossen interessiert seine Botschaft überhaupt nicht … Manchmal komme ich mir vor wie einer, der überhaupt noch nichts publiziert hat … Von mir liegt mehr in der Schublade als im Bücherregal steht. Wie du vielleicht weißt, schreibe ich nach wie vor in Rumänisch. Das macht weitere Schwierigkeiten. Die Sachen müssen erst in mühsamer Arbeit adäquat übersetzt werden, bevor die Menschen hier in Frankreich oder im Westen etwas von den Wirklichkeiten sozialistischer Lebenswelten erfahren. Und was noch schlimmer ist: In Rumänien, dort, wo ich tatsächlich wirken will und wo ich eigentlich gehört werden sollte, gerade dort bleiben meine Werke vorerst tabu, vielleicht für alle Zeiten … Bis auf die wenigen Sachen, die Radio Freies Europa gesendet hat und noch sendet, kennt man nichts von mir in meiner Heimat! Doch war es je anders? Der große Ovid ließ, als er vor zweitausend Jahren nach Tomis in die Verbannung musste, immerhin ein Oeuvre zurück, die Metamorphosen, die Kunst des Liebens - und er schickte seine Briefe vom Pontus heim nach Rom und seine tristen Elegien! Doch was ließ ich zurück? Nichts! Belele! Ärger! Das ist Dichter-Los, Dissidenten-Los und namenlos: Mein Los! Hier lebe ich inmitten einer amorphen Masse, anonym und zurückgezogen, isoliert wie auf einer Klippe, die ins Meer ragt, nicht weniger einsam als Ovid unter den Geten am Schwarzen Meer! Aber, darf ich klagen? Selbst die Götter kannten das Exil!“

„Und was ist mit dem kulturellen Widerstand im Land, mit der literarischen Opposition?“hakte ich nach.

Goma blickte mich verdutzt, ja fast beleidigt an: „Widerstand? Welch ein Hohn! Selbst wenn Diogenes nach ihm suchte mit seiner Leuchte oder am hellsten Tag mit einer Lupe bewaffnet - er würde ihn nicht finden. Wir durchleben sonderbare Phänomene in Rumänien, Erscheinungen, die noch nicht genau definiert wurden. Wie soll ich die Dinge nennen? Defaitismus? Persönliche Feigheit? Politischer Autismus? Viele kluge Köpfe, die das offizielle Programm nicht mitmachen wollen, verkriechen sich in ihren Kammern und schweigen! Innere Emigration nennt man das auch heute! Fast alle Schriftsteller sind Feiglinge und schnöde Opportunisten! Ihre Tschorba reicht ihnen wie bei Stendal die Kartoffelsuppe … Und ihre fade Mămăliga, die nie explodieren wird! Sie wollen weiter mit der Feder hantieren, statt mit der Spitzhacke und Schaufel im Steinbruch! Steineklopfen behagt den feinen Leiten nicht! Also verkriechen sie sich - kuschen und schweigen! Geistige Autoritäten, dass ich nicht lache! Sie, die hehren Geister und Hüter der Moral, tolerieren jede Perfidie und segnen jede Schandtat ab wie Popen! Und damit folgen sie - gewollt oder ungewollt - dem Plan der Kommunisten und sanktionieren auch den Status quo in der Politik auf ihre Weise … Was soll ich tun? Gerade hier und jetzt - und allein?

Soll ich mich mit jedem anlegen, der nichts tut, der schweigt? Kann ich sie alle zur Raison rufen, die Leute aus dem Schriftstellerverband, an ihre Ehre appellieren- oder an ihr möglicherweise noch vorhandenes Gewissen? Wer hört mir zu? Du vielleicht, Ionesco, die Idealisten von der Liga und ein kleines Häufchen Unverbesserlicher vielleicht? Und ein paar stille Fans! Ja, wir haben Fans! Doch die stille Bewunderung unserer Verrücktheit nutzt keinem, an wenigsten der Gesellschaft, die es zu verändern gilt! Wahrscheinlich bleiben wir hier im Exil nur einsame Rufer in der Wüste! Propheten, denen keiner lauschen will … Das nemo propheta in patria gilt immer noch. Vielleicht werden wir hier am lauten Puls der Welt endgültig vereinsamen … Oder vom Lärm um nichts erschlagen werden. Ionesco ist schon auf dem besten Weg in die Selbstisolation, auch der scheue Cioran, der keine Lust mehr hat. Den Goncourt-Preis verschmähte er, um ein Signal zu setzen gegen die omnipotente Scheinheiligkeit! Nur wer rezipiert heute solche Gesten? Wen schert noch Philosophie, nach Sartre, nach Camus? Bestimmt werden auch wir einsam untergehen, ohne dass auch nur etwas von unserer Botschaft gehört wird … Was soll’s? C’est la vie, sagte der Franzose immer schon, fast genauso fatalistisch wie sein Bruder, der Rumäne, der wirklich alles erträgt … Maisfladen explodieren nicht, sagen einige mit Recht! So sind die Rumänen nun einmal - fatalistisch, duldsam, nicht viel rebellischer als die viel verachteten Nomaden aus Hinterindien. Die Geschichte hat sie leidensfähig gemacht! Du kennst den Knast und weißt, was er aus freien Menschen macht, Krüppel und Geisteskrüppel! Wer lange Turtoi essen musste und Arpakasch bis zum Überdruss wird nicht nur friedfertig, sondern auch fatalistisch passiv, ja nihilistisch und depressiv, bereit alles zu ertragen, auch ein Leben ohne Würde. Irgendwann bestimmen nur noch Ekel und Melancholie, Sisyphus und Don Quichotte! Wie soll ich darauf reagieren? Mit Erbrechen vielleicht?

Die Heuchelei stinkt zum Himmel, überall - und keiner rümpft die Nase! Meine Arbeit ist fast getan! Darf ich schon Bilanz ziehen? Je ne regret rien, pflichte ich Edith Piaf bei. Das war mein Weg, mein Tao und vielleicht auch meine Bestimmung - und ich bereue nichts, I did it my way.

Gomas Jammern wirkte müde und enttäuscht. Die Desillusion hatte ihn verbittert. Nur wenige Freunde wussten davon, dass er einst auch der Musik nahe stand, nicht nur dem Chanson, sondern der ernsthaften Musik, während andere, fern von Bach, nur die Kunst der Fuga beherrschten -ganz nach einem geflügelten Wort der Rumänen in Reimform: Fuga-i ruşinoasă, dar sănătosă! Die Fuga - also die Flucht - ist schändlich, doch heilsam! Also erst das Leben retten, überleben - und dann nach der Moral Ausschau halten.

In den Nachwirren der Ungarnrevolution, als andere davonliefen, um ihre Haut zu retten, Goma aber als Student opponierte und wie Freund Felix in Temeschburg in den Knast ging, übte er nach der Entlassung gleich mehrere Berufe aus - auch als Musiker. Vielleicht blies er damals die große Tuba und schlug die Pauke? Genau weiß ich es nicht mehr. Aber er hatte auch einen Sinn für Bolero, Tango und triste Walzer an traurigen Sonntagen - und er war ein Stehaufmännchen nach meinem Geschmack, das sich täglich neu motivieren und neu entwerfen konnte.

Aufgeben war Gomas Sache nicht: „Im Land muss sich bald etwas tun, sonst werden sie den Diktator nie los! Eure Gewerkschaft war schon ein großer Schritt in die richtige Richtung und eine Erhöhung dessen, was ich damals begonnen habe. Doch es muss noch mehr werden. Die Vielen müssen aufspringen! Und der Kopf der Hydra muss weg - der unsterbliche Kopf. Das klingt paradox - aber der Fisch stinkt vom Kopf her, besagt eine Volksweisheit, die man selbst in Afrika kennt. Bei uns im Land ignoriert man sie immer noch, obwohl jeder inzwischen merkt, wie kräftig es schon muffelt in der Baracke! In Polen rotieren inzwischen die Regierungschefs - bei uns in Bukarest hingegen rotieren nur die Vasallen unterhalbdes Diktators … Ach, hören wir auf damit, all das regt mich viel zu sehr auf!“

Gomas cholerischer Charakter trieb ihm das Blut in die Schläfen. Auch mir war diese Art des Ärgerns vertraut, ein innerer Aufruhr, der auch mich nachts ergriff, wenn ich über die allgemeine Heuchelei nachdachte, vor allem aber über Personen, die sie mit ihrem bigotten Handeln erst ermöglichten. Manches konnte ich gut nachvollziehen, denn ich entstammte Verhältnissen, in welchen die kleinbürgerliche Heuchelei bis zum Exzess kultiviert wurde, so sehr, dass sie selbst in meinem persönlichen Umfeld in nächster Nähe Opfer forderte. Und dabei war die Scheinheiligkeit die Wurzel aller Übel!

Eine ganze Reihe französischer Geister hatten ihr den Kampf angesagt und sie vehement bekriegt wie die vielköpfige Hydra, von Villon bis zu Voltaire und Cioran. Hatte nicht noch Nietzsche mit ausgerufen: Écrasez l’ infâme

Doch die Hydra der Heuchelei hatte wohl neun Köpfe - und der letzte, der Unsterbliche, von Herakles am Wegrand verscharrt, schien wieder munter zu sprießen.

In Rumänien, in einem europäischen Land, das auf seine zweitausendjährigen Wurzeln stolz ist und das sich von den Römern herleitet, trieben noch im Jahr 1980 und darüber hinaus die kulturellen Paladine des Diktators ihr Unwesen; Panegyriker der Superlative wie Adrian Păunescu, der einen Ceauşescu-Kult inszenierte, dass selbst die Koreaner vor Neid erblassten. Die anständigen Intellektuellen kuschten, schauten zu und applaudierten Beifall, während Goma als Vaterlandsverkäuferund Schurke diffamiert wurde. Nach einer guten Stunde verließen wir das Café und spazierten noch eine Weile durch einen nahen Park.

Die Rosen blühten nicht mehr. Dafür zeigten sie ihre Dornen. So nebenbei berichtete ich ihm von meinem Hineinschlittern in die Dissidenz, von meiner Verhaftung vor seiner Wohnung und von dem Versuch der Securitate, falsche Angaben aus mir herauszupressen, die ihn möglicherweise hätten belasten können. Das alles überraschte ihn nicht. Das hatte Methode und gehörte zu den Geschäftspraktiken der Securitate. Auch hier rechnete er jederzeit mit dem Schlimmsten. Dann sprach ich von den antisemitischen Tiraden gegen ihn. Für die Securitate war er ein Fremdling aus Bessarabien, der eine Jüdin zur Frau hatte, also ein Philosemit, während ich ein liberalkonservativer Deutscher war. Auch das wunderte ihn nicht. Vielfach hatte er die stalinistischen Verhörmethoden erlebt, die sich durch nichts von einem Gestapo-Verhör unterschieden. Und Goma kannte das Wasserpredigen und das Weintrinken der Kommunisten in- und auswendig. Wir ergingen uns dann auch noch in Klatsch und Tratsch und redeten nicht mehr ganz so ernst über Trivialitäten an Rande, über die Zerstrittenheit der Rumänen im Exil, über die Unart jedes kleinen Opponenten, den Marschallstab führen zu wollen, über antiquierte Strömungen, über die ewig Gestrigen, über individuelle Eitelkeiten einzelner Leader sowie über die Kunst, sich selbst im Wege zu stehen und gute Sachen zu verhindern, statt sie zu fördern.

Goma war ein feuriger Kopf, ein streitbarer Geist; ein Schriftsteller, der mehr geachtet als geliebt wurde - und er hatte manche Neider und Feinde, selbst im Exil. Wo Menschen sind, ist viel Allzumenschliches.

Kurz vor der Verabschiedung skizzierte ich ihm noch meine künftigen Pläne und den angestrebten Weg in die internationale Politik. Auch sprach ich über ein mögliches Projekt, die freie Gewerkschaftsbewegung historisch-literarisch dokumentieren zu wollen, ohne zu ahnen, dass dies noch fünfundzwanzig Jahre reifen sollte und verwies auf die Bestrebung, noch eine Weile auf dem engen Pfad, der früher mit Tugenden verknüpft wurde, weiterschreiten zu wollen. Dann schieden wir wie zwei alte Kombattanten in der Hoffnung, uns in besseren Tagen wiederzusehen. Was wurde aus Paul Goma?

Er lebt auch heute noch in Paris und fährt fort, auf seine Weise den Kommunismus in Rumänien zu bekämpfen, allerdings in einer wesentlich radikalisierten Form. Den Aufruf zur Rückkehr in seine Heimat, den der Altstalinist und Wendelhals der ersten Stunde Ion Iliescu nach langen Jahren der Bedenkzeit endlich formulierte, ignorierte Goma - aus vielen Gründen. Und selbst in jüngster Zeit, als er von Koordinator Vladimir Tismăneanu in die Kommission zur Analyse und Aufarbeitung des Kommunismus in Rumänien berufen werden sollte, verscherzte ihm seine lose Zunge Teilnahme und Mitwirkung.

Nur in meiner Geburtsstadt, wo man es seit der Proklamation von Temeschburg mit der Aufarbeitung des Kommunismus und dem Aufbau demokratischer Strukturen ernst nahm, wurde seinen Verdiensten eine Ehrung zuteil, indem im Bürgermeister Ciuhandu die Ehrenbürgerschaft der Stadt anbot -eine Geste, die Goma gerne annahm, die aber einen Sturm der Proteste hervorrief, weil Goma sich inzwischen aufs Glatteis begeben hatte. Goma, oft zum Juden gestempelt, war - bis zu einem hohen Grad selbstverschuldet - in eine Antisemitismusdiskussion hineingeraten, die bis zum heutigen Tag anhält und die viel von seinem Renommee als Dissident geschmälert hat.









 

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