Donnerstag, 17. Januar 2013

Idylle – oder: Wer manchmal eine Reise tut …


Idylle – oder: Wer manchmal eine Reise tut …



Nach diesen wechselvollen Erlebnissen eines modernen Simplicissimus in der Basiliskenstadt am Strom, wo ich später einmal ganz andere Ungeheuer erleben sollte, begab ich mich wieder zu den etwas altmodisch anmutenden, grün gestrichenen Zügen der Schweizer Bahn und reiste dann über Bern und das welsche Freiburg weiter nach Genf.

Es wurde eine schöne Reise. Allmählich kam die Schweizer Bergwelt in Sicht. Eine aufgeschlagene Karte verdeutlichte mir, was ich in der Ferne sah. Zunächst fielen mir die gewaltigen Felsen des Aargaus auf. Ein steinreiches Land, fürwahr! Nach zahllosen Tunnelpassagen und schwarzen Löchern kündigten sich endlich die schneebedeckten Viertausender des Aarmassivs an. Die Jungfrau in Stein! Der Mönch … Die todbringende Nordwand?

Dieser Teil der Schweiz war zumindest nicht weniger reizvoll als der gerade erst passierte Breisgau nebst dem Markgräfler Land, deren nachhallende Eindrücke die gegenwärtigen Empfindungen überlagerten. Wie viel Erhabenheit erträgt ein Mensch – und wie viel Schönheit erspähen seine Augen?

Nun ging es weiter in die Alpenrepublik hinein, über hohe Eisenbrücken, an tiefblauen Flüssen vorbei. Auf historische Ortschaften schaute ich hinab, mit altem Fachwerk, mit verwittert bleichen Häusern und Schuppen aus Eichenholz, vermerkte die zahlreichen protestantischen Kirchen mit einem Gockelhahn auf dem Turm, die mir sagten, dass ich wirklich im Land von Zwingli und Calvin angekommen war. Im schnellen Vorbeisausen erspähte ich selbst einen Tempel der Mormonen, dessen grauer Turm hoch in den Himmel ragte - als Werbung für diejenigen, die nach religiösen Alternativen suchten und als weiterer Hinweis darauf, dass in einem freien Staat auch Toleranz aller Religionsfreiheit keine Fremdwörter sein dürfen. Hundert Religionen und hundert Saucen! Voltaire und Rousseau hätten bestimmt nicht protestiert!

Die Freiheit hat viele Gesichter - auch eudämonistische und lukullische!

Während Wälder und Felder an mir vorüber zogen wie auf der Leinwand im Kino, gewahrte ich arbeitende Menschen und sorglos spielende Kinder und sah, wie aus dem Homo ludens ein Homo faber wird. Jeder betrieb fromm sein Spiel. Die Kugel rollte. Der Würfel fiel. Nur manche zinkten die Karten.

Anthropologierollte vor mir ab, nach der Welt der Anthroposophie, die ich bei Dornach gerade passiert hatte - Rudolf Steiner hatte viel über die menschliche Freiheit nachgedacht und eine Philosophie der Freiheit verfasst -menschheitsgeschichtliche Sprünge in verdichteter Form in Ären, Epochen und Äonen!

Frisch kam mir in den Sinn; und Dürrenmatt! Und dann der tiefsinnige Othmar Schoeck, ein Tonsetzer aus der großen Familie der Melancholiker, dessen Kompositionszyklen ich vor allem deshalb kannte, weil Lenau ihn durch sein gesamtes kompositorisches Leben begleitet hatte, mit Gottfried Keller und Robert Walser, vom frühen Opus bis zum letzten. Auch Schoeck stand irgendwo für die Eigenwilligkeit der Schweizer - im Denken, in der Literatur und in der Musik … Und Eigenwilligkeit war mir sympathisch, denn ohne eigenen Willen wurden keine Gesetze gebrochen, und ohne ihn gab es auch keine Andersdenkenden, keine Ketzer, keine Reformer und keine Dissidenten. Tell war der erste Rebell, zu dem ich aufblickte! Dann kamen: Rousseau, der Bürger, und Voltaire, der Wahlschweizer!

Landschaft und Natur wandelten sich. Das Heilige und das Profane lagen dicht beieinander. Was war was?

Mehr gelangweilt als interessiert, blickte ich auf gut ausgebaute Bunker, die manchem Betrachter verborgen blieben und auf olivgrün angemalte, ebenso gut kaschierte Militärfahrzeuge. Ferner sah ich romantische Bilder am Wegrand, äsende Rehe am fernen Waldsaum und weidende Milchkühe mit Rieseneutern, die mehr Milch produzierten als die Schweizer zu Käse verarbeiten konnten.

Frei herumlaufende Mastschweine entdeckte mein Auge, Borstenvieh, das ich zwar in den Niederungen der Walachei, jedoch nie in der so zivilisierten und sauberen Schweiz erwartet hätte.

Und ich sah- wie einst André Gide auf seiner Reise durch den Garten Eden - kaum Misthaufen oder Mist. Der Nasen und Augen verätzende und zum Himmel stinkende Gülledampf, der mich fast in Ohnmacht warf, war nur zu riechen, wenn ich gerade Mal aus Sehnsucht nach frischer Alpenluft die Nase aus dem Fenster steckte.

Weiße Punkte tauchten auf, mitten im satten Grün - es war Freilandgeflügel; Gänse, Enten, Truthähne, ja selbst Strauße aus Südafrika konnte ich erkennen, die in der kühlen Schweiz heimisch geworden waren. Sie steckten den Kopf in den Sand oder blickten einfach weg, wenn ihnen etwas nicht gefiel - und sie passten sich an wie Chamäleons und Basilisken, die es sicher hier auch irgendwo gab, nur gut getarnt hinter Decknamen und Deckfuntionen.

An den Berghängen weideten Ochsen und Kälber; selbst Jungstiere sah ich, Angus und Charolais - ferner viele, viele glückliche Schafe, die meditativ die Bergkräuter wiederkäuten und das Weideglück der Herde genossen, sicher weniger mit ihrem Schicksal hadernd als der Philosoph von Sils Maria und ihre biederen Besitzer. Waren die glücklichen Sklaven tatsächlich die ärgsten Feinde der Freiheit?

Auf dieser unfreiwilligen Erkundungsreise kamen auch die Gewässer nicht zu kurz: tobende, weiß aufschäumende Wildbäche, die über den Fels schwappten, um frei in die Tiefe zu stürzen; türkisfarbene, ruhig dahin fließende Flüsse wie die Aare, von kunstvoll gezimmerten Holzbrücken überspannt; friedliche, stille Seen, in deren sauerstoffreichem Eiswasser sich Fische wohl fühlten und an deren Ufer sich märchenhafte Siedlungen mit Bootshäfen dahinzogen. Das alles war die Schweiz: Ein Postkarten-Bergidyll, das an das Goldene Zeitalter der Menschheit erinnerte, an eine Welt ohne Kriege, ohne Nationalitätenkonflikte, in Sicherheit und Wohlstand - für alle.

Und - Überall Urlaub - so brachte es ein russischer Wissenschaftler auf den Punkt, als er mir das Deutschland südlich der Mainlinie beschreiben wollte. Das galt noch eindeutiger für die Schweiz, wo es überhaupt keine Probleme zu geben schien - aus dem fahrenden Zug betrachtet! Oder?

Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit



Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe






Zeitzeuge und Autor Carl Gibson


Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat




Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel











 

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