Sonntag, 20. Januar 2013

Tanzender Korybant - oder: Blick vom Turm und Gang durch die Stadt


Tanzender Korybant - oder: Blick vom Turm und Gang durch die Stadt



Der Turm, nach dem ich suchte, war kein historisches Bauwerk, kein babylonischer Prestigebau rivalisierender Familien, kein Speckturm und kein Denkturm, sondern ein profanes Bürohochhaus aus Glas und Stahl mit Aussichtsplattform, der einzige Wolkenkratzer weit und breit. Der Empfehlung des Franzosen folgend, fuhr ich mit dem rasenden Fahrstuhl zum Restaurant in der fünfzigsten Etage hoch und blickte eine teure Tasse Espresso zu den Lippen führend von einsamer Höhe aus über die Weiten der Hauptstadt - bis hinaus in die tristen Vororte und nach Versailles, bemüht als leidenschaftlicher Gipfelstürmer mehr von den Himmelskonturen sehen zu wollen als andere Erkenntnisjäger. Dann ging es zum ehernen Turm zurück, der dem Zahn der Zeit und dem Rost trotzte, um von geringer Höhe aus das unmittelbare Zentrum zu erkunden.

Von oben sieht die Welt immer anders aus. Mit der Perspektive verschieben sich auch manche Wichtigkeiten und Wahrheiten bis auf wenige, die konstant bleiben. Einst hatte ich vom Misthaufen aus in die Welt geblickt; jetzt stand ich auf anderer Warte. Große Geschichte war hier in Paris abgerollt - freiheitliche und totalitäre Geschichte, gerade erst in jüngster Zeit. Ein Amerikaner, ein Befreier, konnte hier, Gershwin-Klänge im Ohr, unbeschwert die Leichtigkeit des Seins genießen, flanierend das Paris der Schönheit und der Liebe erleben. Als Deutscher hingegen - und ich kam auch als Deutscher - konnte man die jüngste Geschichte nicht ignorieren. Hier stand einst Hitler, dämonisch im Morgengrauen- ein Triumphator am Triumphbogen und die Große Nation im Staub, nach einem Blitzkrieg, der heute noch das nationale Bewusstsein erschüttert und einer viel zu schnellen Kapitulation!

Die Bilder eines tanzenden Diktators drängten sich mir auf, eines gutgelaunten Verbrechers, der einen großen Coup gelandet und der in seinem Krieg Revanche genommen hatte für Versailles, indem er die Grand Nation, den alten Erbfeind, erneut demütigte, wie schon der eiserne Bismarck 1871 vor ihm. Vor mir tanzte ein vergnügter Korybant im ekstatischen Triumph, im Rausch und in einer Verblendung, die 55 Millionen Menschenleben kostete, was der gesamten französischen Bevölkerung entsprach! Ein teuflischer Wahnsinn! Von Menschenungeist umgesetzt.

Hinter dem flüchtigen Triumph erkannte ich aber auch ein Gewissen, das aufrichtige Gewissen eines deutschen Soldaten der Wehrmacht, der sich dem Früher widersetzte. Klar sah ich den Stadtkommandanten von Paris, einen Menschen von Bildung und Kultur, der aus einem humanistischen Ethos heraus sich beharrlich weigerte, einem verbrecherischen Führerbefehl folgend dies alles, was ich jetzt sah, diese architektonische Pracht und diese von menschlicher Hand geschaffene Schönheit, im Augenblick eines sinnlosen Endkampfes in Schutt und Asche zu legen! Anstand und Niedertracht, Gut und Böse, liegen immer dicht beieinander. Das schlechte Gewissen regte sich, obwohl ich, der historisch von Anfang an Determinierte, eine weiße Weste hatte. Denn ich war als Deutscher hier, dem Volk der Dichter und Denker entstammend, nicht jenem der Richter und Henker! Was war mit Sühne? Mit Verständigung?

Enttäuscht vom Verlauf der Geschichte, die oft das Edle opfert, um das Böse zu belohnen, ging ich hinab zum Fluss, der ruhig dahin floss, und promenierte eine Weile am Seineufer entlang, die originellen Brücken im Blickfeld. Unmut und Groll verflogen erst wieder, als ich das Farbenmeer sah, das die Kunstmaler der grauer werdenden Natur entgegenstellten. Das künstlerische Subjekt kann der determinierenden Faktoren von Geschichte, Gesellschaft und Umwelt seine produktive Schaffenskraft entgegensetzen und Kunstwerke schaffen, die ein Eigenleben führen; in der Malerei, in der Musik und in der Poesie. Wie viele Dichter waren hier entlang gewandelt in stille Versenkungen vertieft? Gelegentlich hielt ich an und betrachtete einige jener Werke, die aufstrebende Künstler aus aller Welt den noch spärlich vertretenen Touristen zum Kauf anboten. Es folgte, die Schubert-Vertonung der Heineschen Grenadiere im Sinn, der fast schon obligatorische Gang zum Invalidendom, wo die Gebeine eines großen Kaisers ruhten.

Auch der große Kaiser hatte viel Blut vergossen; doch noch nach Clausewitzschem Muster in konventionellen Kriegen, Mann gegen Mann mit aufgepflanztem Bajonett und zumeist dem hehren Geist verpflichtet, geleitet von fortschrittlichen Ideen zum Wohl der Menschheit.

Viel Neues hatte er geschaffen und Besseres, nicht nur für Frankreich. Geeint hatte er und versöhnt - wie der große Tonsetzer vom Rhein, der ihn verehrte. Auch im Deutschen Reich. Bayern, heute ein Freistaat, und der liberale Südweststaat Baden-Württemberg verdanken ihm ihre gegenwärtige Struktur. Als Imperialist und gesunder Patriot zugleich hatte er Frankreich groß gemacht und wichtig. Und er hatte der Welt den Code Napoleongeschenkt, der ihm wertvoller war und wichtiger als alle seine siegreichen Schlachten.

Die Geschichte ließ mich nicht los. Zwar lief ich äußerlich wie ein Tourist durch die Stadt; innerlich jedoch dachte ich funktional und nahm vieles mit dem Kopf eines osteuropäischen Dissidenten deutscher Herkunft wahr, dessen Denken sich an der jüngsten Geschichte und an gesellschaftlichen Ereignissen neuester Zeit ausgerichtete, also aus einer sehr spezifischen Perspektive.

Große Geschichte pulsierte hier überall. Wo ich jetzt stand, fiel einst die Bastille. Von hier aus brachen Robespierre, Danton und St. Juste und unzählige andere Revolutionäre zu neuen Ufern auf, einem Rousseau, ja selbst einem Voltaire folgend, um die Menschheit zu befreien und Menschenrechte für alle zu implementieren. Hier sprudelte sie kräftiger und frischer als anderswo, die Quelle der Freiheit! Und wenn ich immer schon zurück wollte, als Fisch im Wasser gegen den Strom schwimmend, dann wollte ich nicht nur zu den physischen Wurzeln zurück, sondern zurück zum wahren Ursprung, zur geistigen Quelle, zur Liberté!

Doch hatte ich den jungen Häftlingen in der Zelle nicht einst etwas versprochen? Jetzt schritt ich in der Tat die Champs Ellysee entlang … Durch die Gärten von Paris. Und sie hockten immer noch in den engen Gefängniszellen einer Diktatur! Wenig stimulierende Reminiszenzen lenkten mich wieder ab vom Schönen Schein und riefen mich zurück in die Pflicht. Eigentlich hatte ich hier eine Aufgabe zu erfüllen.

Die verbliebene Zeit bis zum Abendessen verbrachte ich im Herzland von Paris, im Quartier Latin. Die Sorbonne war leergefegt wie das Pantheon und der Jardin du Luxembourg, in dessen Alleen die Melancholie des Herbstes bereits Einzug gehalten hatte. Dies war die falsche Jahreszeit, um Paris zu erleben. Es nieselte wieder. Im weiten Park war ich fast allein. Und in mir war die Unruhe des gehetzten Japaners auf Europareise. Das meiste, was ich noch gerne gesehen hätte, schien zunächst unerreichbar. Ein halber Tag war verstrichen - und ich hatte bereits alles erlebt - und zugleich nichts. Doch ein Eindruck musste vorerst genügen. Während ich durch den Lustgarten schritt, wo die anständigen Bürger von Paris bei schönerem Wetter ihren Sonntagsspaziergang absolvieren, die Reste der sterbenden Natur beobachtend, kamen mir jene Ziele in den Sinn, die ich gerne angegangen wäre, wenn ich länger hätte verweilen dürfen. Irgendwo auf dem Friedhof Montmartre lag Heine begraben, einer meiner Lieblingsdichter; eine Kämpfernatur und ein unermüdlicher Verfechter der Freiheit und hoher Ideale. Ein letzter Gruß auf für ihn? Eine Sentimentalität am Rande? Und Oscar Wilde ruhte in der Erde von Pére Lachaise neben vielen Berühmtheiten, neben Bizet und Berlioz, neben Chopin und Edith Piaf.

Unweit von hier waren Plastiken von Rodin ausgestellt, der hier modellierte, während sein Sekretär Rilke im Jardin des Plantes amPanther feilte. Die Franzosen hatten dort irgendwo auch eine Kopie der Freiheitsstatue aufgestellt, jenes Symbols, das ihre Vorväter den im Freiheitskampf liegenden Amerikanern geschenkt hatten. Symbole und markante Zeichen überall - von Schutt und Asche bedroht auch heute. Was wurde aus dem Vermächtnis der Menschheit, wenn es doch noch krachte, wenn der Atomschlag kam, einfach so - wie ein Blitz aus heiterem Himmel, nur weil Wildgänse wie Flugzeuge übern Nordpol flogen?

Tausend Kunstwerke aller Epochen der Malerei warteten hinter den Mauern des Louvre. Und im Jeu de Paume warteten die Impressionisten und Expressionisten, Renoir und Vincent van Gogh, jeder Maler ein Universum! Wohin sollte ich mich noch wenden in der kurzen Zeit? Paris war eine Welt für sich. Ein Leben reicht nicht aus, um alles zu erkunden. Gershwin war weit. Und auch Kultur und Kunstgenuss mussten warten.


Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit


Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe


 Allein in der Revolte, Buchrückseite







Zeitzeuge und Autor Carl Gibson


Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat




Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel








 


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen