Montag, 21. Januar 2013

Von der grenzenlosen Freiheit über den Wolken


Von der grenzenlosen Freiheit über den Wolken


 

Wieder einmal hatte ich Glück gehabt. Äußerlich ruhig, doch innerlich hochgradig angespannt wie ein Agent auf der Flucht, durchschritt ich den letzten Kontrollposten und begab mich in den Bus, der alle abfliegenden Passagiere zum Flugzeug brachte. Gleich fand ich den gebuchten Patz und nistete mich ein. Aufgeregt rutschte ich auf dem Sessel herum und sah gelegentlich verunsichert zur Fronttür hin, immer noch befürchtend, jemand könne mich in letzter Sekunde unter irgendeinem Vorwand aus dem Flugzeug holen.

Bange Minuten folgten - Ewigkeiten. Nach wie vor war die Angst übermächtig. Befürchtungen und Unsicherheit verdrängten die Zuversicht. Was konnte jetzt noch auf mich zukommen? Was konnte jetzt noch schief gehen?

Endlich wurden die Türen geschlossen. Es ging los. Das gut besetzte Flugzeug der staatlichen Fluggesellschaft rollte auf die Startbahn, verharrte wieder, drehte dann aber lärmvoll auf, beschleunigte mit Schub, schoss immer schneller werdend über den festen Asphalt und hob ab. Schon nach wenigen Sekunden durchstießen wir die graue Wolkendecke und erhoben uns in das Blau des Himmels. Erst in freieren Lüften beruhigte ich mich etwas. Bald darauf konnte ich erleichtert aufatmen. Geschafft? So vollzog sich der Ausbruch in die Freiheit?!

Die Begrüßungsworte des Piloten rauschten an mir vorbei wie die gestikulierenden Erläuterungen der tänzelnden Stewardessen. Unbestimmte Gefühle übermannten mich. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft schienen zusammenzufallen. Woran sollte ich denken? War ich überhaupt in der Lage, einen vernünftigen Gedanken zu fassen? Ich fühlte den Rausch der Euphorie und den Teekessel im Innenohr. Fühlte sich so aufkommendes Glück an? Erst als die freundlich sonore Stimme des Bordkapitäns verklungen war und angenehmere Töne an mein Ohr drangen, wachte ich aus der Selbstumkreisung auf. Der Bolero war fast verklungen - und der Puls ging etwas zurück. Im Rundumblick gewahrte ich die aufgehellten Gesichter anderer Passagiere, die wohl froh waren, auch in diesem Flugzeug zu sitzen. Einige reisten ins Glück.

Doch was ertönte da aus dem Lautsprecher? Genauer hinhörend vernahm ich die ersten Takte eines deutschen Chansons, dem ich schon mehrfach vergnügt gelauscht hatte. Und auch das Thema, das mich hier und jetzt in angenehmes Erstaunen versetzte, war mir mehr als vertraut. Wir alle hörten, harmonisch und unmissverständlich deutlich, jenen auch heute noch sehr populären, gerne vernommenen Song von Reinhard May über die unendliche Freiheitder höheren Sphären mit dem vielsagenden Refrain: Über den Wolken, Muss die Freiheit wohl grenzenlos sein, Alle Ängste, alles Sorgen, sagt man, Liegen darunter verborgen … War das ein Zufall oder gar die leise Dissidenz eines Piloten?

Wer des Deutschen kundig war, konnte verstehen, welche Idee hier in den Himmel gehoben wurde. Noch traute ich dem Gehörten nicht ganz und nahm trotzdem das eine heilige Wort auf wie ein Abhängiger die lange vermisste Droge. Und das Gefühl erlebter Freiheit schaffte mir Linderung. Allmählich sank der seelische Druck, der noch auf mir lastete, weiter ab und mit ihm die Aufregung. Versteckt tastete ich nach dem Puls. Das Rasen beruhigte sich; Adrenalinspiegel und Herzfrequenz gingen ebenfalls zurück - Ruhe kehrte ein, trotz gesteigerter Erwartungen und ein Hauch von Normalität kam auf. Ich war gerettet und konnte es noch nicht glauben.

Man hatte mir einen Fensterplatz zugewiesen. Von dort aus schweifte der Blick hinab in die Landschaft und hielt mühevoll nach einigen Orientierungspunkten Ausschau. Aus der Höhensicht sah alles anders aus. So sah der Adler die Welt. Was unten vorüberzog, musste gedanklich erschlossen werden. Menschen, die verstehend hinuntersahen, entdeckten noch mehr - riesige Rechtecke, die bunt erscheinenden Feldparzellen der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften und der Staatbetriebe, hohe Erdölbohrtürme, wuchtige Industrieanlagen, Flüsse mit Kraftwerken, Städte, Siedlungen, kleine Marktflecken, isolierte Höfe und manches, was nicht zugeordnet werden konnte, ferner viel Natur, unendliche Wälder und Gebirgszüge - ein schönes Land, auch von oben. James Joyce hätte viele unterschiedliche Begriffe eingesetzt, um das alles festzuhalten.

Wir überflogen die Gipfel der Karpaten, historische Gegenden, die Burgen Siebenbürgens, die Banater Tiefebene mit Temeschburg und Sackelhausen, dann das Grenzland zu Ungarn, die ungarische Puszta, schließlich die letzte Grenze des Eisernen Vorhangs, das Burgenland der Österreicher, den Donaustrand an der deutschen Grenze, um kaum zwei Stunden später in Frankfurt am Main zu landen - ohne Zwischenfälle und ohne besondere Vorkommnisse.

Auszug aus: Carl Gibson,


Symphonie der Freiheit

Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

Chronik und Testimonium einer Menschenrechtsbewegung

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe




Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:


"Symphonie der Freiheit"

bzw. in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen

Allein in der Revolte.
Eine Jugend im Banat


Zeitzeuge und Autor Carl Gibson


Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel






 

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