Donnerstag, 17. Januar 2013

Grenzland am Rhein - Le Linge


Grenzland am Rhein - Le Linge



Das Gespräch versiegte, noch bevor ich den Diktator beim Namen genannt oder über Widerstand und Dissidenz gesprochen hatte. Zwischen Orient und Okzident klaffte die Leere, eine Kluft, die nach einem Diwanverlangte, nach einer Brücke und nach einer Versöhnung der Spaltung.

Meine Gedanken schweiften ab, hinauf in die Gipfelhöhen der Vogesen. Dort oben, am Hartmannswilerkopf und bei Le Linge lagen mehrere Zehntausend Tote aus dem Ersten Weltkrieg; aus jenem Krieg, den die Franzosen den Großen nennen. Sinnlos geopferte Menschen, in blühenden Jahren vom Wahnsinn patriotischer Pflichterfüllung hinweg gerafft. Die Senfgasbomben rosteten Leben bedrohend im Boden vor sich hin. Vernichtungswaffen! Eine Pest der Neuzeit! Daran wollte ich jetzt nicht weiter denken.

Aufkommende Müdigkeit vortäuschend, lehnte ich mich diskret zurück und genoss von meinem bequemen Fensterplatz aus die wechselvollen Farben des Rheintals, die flüchtig an den Pupillen vorüber huschten. Die Dame antwortete nicht mehr. Sie saß da, lächelte in sich gekehrt und schwieg.

Mein Blick erstarrte ebenfalls. Die Landschaft bewegte sich vor den Augen als Bilderfolge. Manches, was anders war in diesem Dreiländereck, wo drei alte Kulturen ineinander übergehen, ohne dass die Grenze noch etwas Trennendes hätte, drängte sich auf.

Ein extrem kultiviertes Land: Spargellandschaften mit schuftenden Menschen und lindgrünen Tabakkulturen, üppig gedüngte Maisfelder und strohbedeckte Erdbeerplantagen bis zum Horizont hin, wo sich gut erkennbar die Gipfel des Hochschwarzwalds auftürmten, der Belchen, dahinter der Feldberg und etwas abgelegen in einsamer Höhe Todtnauberg - einst ein Denkort!

Vermutlich herrschte gerade eine Art Föhn. Der mich kurz durchzuckende, migräneartige Kopfschmerz deutete darauf hin. Jetzt kamen Ausläufer des Kaiserstuhls in Sicht; ein frühzeitliches Vulkansteingebilde mit flurbereinigter Terassenarchitektur und rebenüberwachsenen Hängen. Der Spätburgunder soll hier gut gedeihen. Ganz oben auf dem Dach des Hügels türmte sich ein Kirchlein auf, das an die himmelan stürmende Kapelle oben auf der Alb bei Wurmlingen erinnerte, die schon von Uhland und Lenau besungen worden war.

Eine Kopfwendung nach links - dort lag an einem Rebhügel mit historischer Ruine Staufen; jene liebliche Kleinstadt an der Einfahrt zum Münstertal, wo man aus heimischen Kirschen ein Lebenswasser destilliert und wo der leibhaftige Teufel einst den weltbeschreyten Zauberkünstler Faustus so an die Wand schlug, dass sein von Hybris durchdrungenes Gehirn auf dem Misthaufen landete.

Vis-à-vis von Staufen, am Flughafen Eschbach stiegen gerade mit einem ohrenbetäubendem Lärm, der selbst das Rauschen des Intercitys übertönte, gerade drei moderne Kampfjets in den Himmel, den Kalten Kriegern in Moskau die angemessene Wehrfähigkeit der Republik andeutend - para bellum!

Auf politischer Bühne hatte der Bundestag mit sozialliberaler Mehrheit unter Kanzler Schmidt den Nato-Doppelbeschluss fast schon umgesetzt und dafür gesorgt, dass die Pershing-Raketen der Amerikaner unweit meines Heimatdomizils bei Mutlangen im Remstal in ihren Silos blieben. Strategie der flexible response nannte man das damals. Die NATO igelte sich ein, setzte auf Stärke und Wettrüsten, Tag und Nacht bereit, im Aggressionsfall aus dem Osten die Welt in Schutt und Asche zu legen.

The Day After, ein apokalyptischer Streifen aus Hollywood, machte uns allen bewusst, in welcher Gefahr wir lebten. Ein paar Wildgänse konnten uns zum Verhängnis werden! Doch in der NATO-Zentrale im belgischen Casteau, wohin unser dozierender General Jürgen Bennecke eingeladen hatte, wurde weiterhin Süßholz geraspelt. Der Status war unverändert wie die klirrend starre Kälte auf den Gipfeln links und rechts. Eiszeit.

Symbole überall - die Welt war voller Sinnbilder und, wie Nietzsche meinte, immer noch ohne Sinn. Mich faszinierte die Harmonie dieses warmen Landstrichs, in dem alles üppiger gedieh als sonstwo in Deutschland, auf eine Kulturlandschaft blickend, die mir später, als liebe Freunde hier eine zweite Heimat fanden, noch familiärer werden sollte.

Erwin nahm hier seinen Wohnsitz, mein langjähriger Freund und Streitkumpan aus der Zeit der Dissidenz; und Dietlinde, das Nachbarsmädel, mit dem ich als Kleinkind auf dem Misthaufen gespielt und den ersten Hühnerdreck verkostet hatte; ferner andere nette Menschen aus dem Banat, die bereits Teil meiner Biographie geworden waren. Irgendwann wollte ich selbst einmal hier im Freiburger Land länger die Zelte aufschlagen, ganz unten vielleicht, an der unmittelbaren Grenze zur Schweiz und zu Frankreich - als Grenzgänger in der Dauer-Grenzsituation, in der ich mich sowieso immer befunden hatte.

Der Zug rauschte nun schneller werdend auf eben diese Grenzen zu. Ein Blick nach rechts an das andere Rheinufer - dort lag als Klotz in der Landschaft die Idylle von Fessenheim, ein Kraftwerk der Sonderklasse aus grauem Beton, das beeindruckte, weil es makaber wirkte; eine Meisterleistung französischer Ingenieurskunst im Hochtechnologiesektor.

Vom Rhein war nichts zu sehen. In seinem Bett dahinsausend kam das Grenzland näher. Noch ein letzter Blick in die Lörracher Gegend. Die Konturen einer Burgruine, die es hier im badischen Rheintal häufig gibt, deuteten sich an. Vielleicht war es ein altes Raubritternest, strategisch postiert über der hohlen Gasse, aus der Zeit eines Götz von Berlichingen, wo das Wegelagerertum, das heute von Institutionen und Staaten betrieben wird, noch ein redlicher Beruf war? Und das Wort von Geld oder Leben noch konkret nachvollzogen werden konnte. Inzwischen war das Geleitrecht abgeschafft bis auf die Mautgebühr; und die Beutelschneider waren tiefer nach Süden abgewandert, über den nahen Hotzenwald hinaus in verborgene Klüfte und Täler oder auf lichte Burgen, wo sie sich immer noch jenseits von Ethos un Recht den modernen Zeiten anzupassen wussten. Die alten Tage räuberischer Ritter waren verrauscht, währen die Sitten blieben. Die Welt von Vor -Gestern wirkte nur verschwommen im Bewusststein nach wie die Geschichten vom Räuber Hotzenplotz und die Landschaft am Schienenrand, die nie richtig erfasst werden konnte.


Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit



Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe






Zeitzeuge und Autor Carl Gibson


Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat




Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel











 

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