Sonntag, 20. Januar 2013

Der Feuervogel - kathartisches Intermezzo am schönen Ort


Der Feuervogel -

kathartisches Intermezzo am schönen Ort



Nach dem erschütternden Erlebnis, dessen Nachhall die Seele mehr aufwühlte als sie nach kathartischer Reinigung in ruhende Apathie, ja Ataraxie zu versetzen, fuhr ich zu meinem Aufenthaltsort nach Zehlendorf zurück, um in mich zu gehen und auszuruhen, ohne rechte Lust, die Großstadt zu erleben.

Nachmittags ging ich zu Fuß zur Krummen Lanke, an jenen kleinen Badesee, mit dessen Namen ich keine Gräuel oder Schandtaten assoziierte. Das Wasser war klar und tief. Und das Umfeld war still wie an einem entlegenen Hochgebirgssee. Für Augenblicke war ich in meinem Element. Doch dann kreisten sie wieder, die unseligen Gedanken: Plötzensee! … Wannsee! Idylle!?

Schöne Orte, die zu Synonymen für Terror geworden waren! Zu Entsprechungen für Weltengrauen, für Horror über die Zeiten hinweg!

Den Zusammenfall der Gegensätze - die coincidentia oppositorum - Hier wurde das Unverstellbare konkret, das Phänomen leibhaftig. Der Locus war ein Locus terribilis geworden, er hatte sich gewandelt und verwandelt in einer makabren Metamorphose der Dinge, zum Unort, der hinaus strahlte und immer ein grausiges Frösteln wachrief, wenn man ihn nannte.

Seen sind tief wie die Verborgenheit des abgrundtiefen Bösen in der Seele des Menschen.

Wozu das späte Morden, als alles schon verloren war? Wozu die alte Nibelungentreue der Vielen im verzweifelten Endkampf, wo doch der Endsieg weniger war als eine Illusion? Wozu das unendliche Leid der Unzähligen? Ihr aussichtsloses Opfer? Ihr sinnloser Tod? Wo war die Sinnstruktur der Welt? Gab es noch einen Sinn?

Zurück blieb das Leid. Nur Fragen kamen noch auf, keine Antworten. Ein Philosoph soll fragen wie ein Kind, denn jedes Erkenntnisstreben, jede Suche nach Wahrheit beginnt mit naivem Fragen Doch ein Historiker sollte auch antworten, sinnvoll antworten. Wie war das Unbegreifbare zu erklären?


Am Abend sollte ich ins Kongreßzentrum; in jenes neu errichtete Monstergebäude, über dessen Äußeres man verschiedene Meinungen haben kann, dass nebenbei auch ein Tummelplatz war, ein Ort der Massenbelustigung im Namen der Kultur. Der Komplex erinnerte mich in seiner aufgesetzten Modernität irgendwie an das Center Pompidou in Paris, welches ich ebenfalls mit verblüfftem Staunen erlebt hatte, ohne mich darin besonders wohl zufühlen. Fast lustlos ging ich die Treppen hoch in den Mammutsaal und ließ mich dort müde in einen dicken Polstersessel fallen.

Der Feuervogel stand auf dem Programm. Stravinski! Eine märchenhafte Gaukelei um einen alten Mythos, der irgendwo zum Tagesablauf zu passen schien - Phönix aus der Asche! Eine Fabel? Ein Motiv!? Ein Zufall wie die Koinzidenz?

Feuer und Asche! Mein Motiv - unser aller Motiv? Ein gutes Gleichnis auch für das neue Deutschland, von dem die meisten exekutierten Widerständler geträumt hatten?

Konnte ganz Deutschland wieder aus den Ruinen auferstehen und in einer eigenen Renaissance tradierter Werte ganzer Dichter- und Denkergenerationen erneut zu einem besseren Deutschland werden?

Was war aus den alten Nazirichtern geworden, die grobes Unrecht begingen, indem sie - in Berufung auf geltendes Recht das eigentliche Recht - beugten, obwohl ihnen die Naturrechtswidrigkeit ihres Tuns bewusst war?

Aufrechte Juristen hatten dem Karrieresprung widerstanden! Sie waren nicht in die NSDAP eingetreten! Und sie hatten ihr rechtliches Fachwissen eingesetzt, um Verfolgten zu helfen.

Dafür waren sie jetzt tot!

Und die anderen, die mit den Wölfen heulten, machten auch im neuen Deutschland Karriere, auch unter Hammer und Sichel! Und sie lebten immer noch, auch ohne Gewissen -als Wendehälse, als Chamäleons, als Farbenwechsler in allen Farben des Regenbogens!

Das Leben musste weitergehen, auch ohne Moral! Auch für die Schuldbeladenen, für Schreibtischtäter, auch ohne Sühne! - Im Osten Bert Brechts und Johannes Robert Bechers, wo die Ruinen zum Dauerdenkmal wurdenund wo ein Neues Deutschland bald nur noch am Kiosk gekauft werden konnte, ebenso wie im Goldenen Westen, wo zumindest einige Fakten aufgearbeitet wurden.

Grazile Tänzerinnen huschten über die ferne Bühne wie das entrückte Geschehen der verflossenen Geschichte. Russische und kubanische Tänzerinnen waren dabei, während andere Artisten in Afghanistan und Angola aufspielten - Kulturimperialismus und Entwicklungshilfe mit Kanonen!

Ballet war gerade nicht mein Fall. Die Müdigkeit übermannte mich. Kurz vor dem Einschlafen nutzte ich die Pause, um zu gehen, ohne den krönenden Pas des deux gesehen zu haben.


Auszug aus: Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit



Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe






Zeitzeuge und Autor Carl Gibson


Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:
"Symphonie der Freiheit"

bzw.
in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen zweiten Band

"Allein in der Revolte".
Eine Jugend im Banat




Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel











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