Montag, 21. Januar 2013

Die letzte Reise nach Bukarest


Die letzte Reise nach Bukarest



Nie wieder Bolero! Acht Tage nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis begab ich mich in Begleitung meines Neffen Günther auf die letzte Reise in die Hauptstadt. Während der Bolero im Ohr seinem Höhepunkt zustrebte, wurde es im ganzen Schädel so laut, als müsse er zerspringen. Das Tosen der Musik folgte der Anspannung der Sinne. Je näher ich dem Ziel kam, endlich für immer auszubrechen, desto höher wurde der Innendruck. In der Hauptstadt angekommen, war ich nur noch ein Nervenbündel. Ein letztes Mal besuchte ich die Deutsche Botschaft in der Rabat Straße und ließ mir jenes Einreisevisum in den Pass stempeln, das mir ein Von - Bord - Gehen in Frankfurt ermöglichte. Nachdem ich meine früheren Gesprächspartner in der Botschaft über den Verlauf der Gewerkschaftsgründung und die Folgen der Aktion informiert hatte, übernachtete ich noch einmal in einem der großen Hotels der City, um dann am nächsten Tag Bukarest und dem Land für immer den Rücken zu kehren. Mit Günther fuhr ich hinaus zum internationalen Flughafen Otopeni. Dort verabschiedete ich mich von ihm, vorausahnend, wir würden uns bald wiedersehen und machte mich daran, einzuchecken. Vor dem Abflug wurde ich zunehmend unruhiger.

Befürchtungen kamen auf. Was konnte noch passieren? Obwohl alles nach Plan verlief, fühlte ich mich wie eine Maus, deren unmittelbares Entweichen aus der Mausefalle bevorsteht, die aber befürchtet, dass draußen vor dem Türchen doch noch eine böse Katze warten könnte mit scharfen Zähnen und einer angeborenen Lust zu töten - eine traumatische Konstellation, die Spuren hinterließ. Noch viele Jahre später, nach einer abenteuerlich riskanten Geschäftsreise in die unsichere Ukraine, sollte ich bei der Ausreise die gleiche kafkaeske Situation und den gleichen Alpdruck noch einmal erleben.

In den intensiven Jahren meiner regimekritisch oppositionellen Tätigkeit in Rumänien hatte ich soviel Negatives erfahren, dass eine grundsätzliche, negativistische Skepsis ins Blut übergegangen war. Da ich als intuitiver Kartesianer sowieso an allem zweifelte, auch wenn die Dinge ihren normalen Verlauf zu nehmen schienen, zweifelte ich auch jetzt, getreu Murphys Gesetz - alles was schief gehen kann, gehe auch schief.

Nun stand ich da, mitten in der Abflughalle, zwanzig Jahre alt, im graugestreiften Anzug wie ein Versicherungsvertreter, glatt rasiert, nur schlecht genährt und ohne Frisur, in der Rechten einen dünnen, schwarzen Diplomatenkoffer mit Silberrand- und reiste wie Zenon: unbeschwert mit kleinem Gepäck. Ach, könnte ich doch das ganze Leben hindurch so leicht bepackt reisen!

Wertsachen durfte ich keine mitnehmen, weder Kulturgüter, Gemälde, alte Bücher, noch Schmuck, Geld oder sonstige Werte materieller Natur. Alles, was von Generationen erwirtschaftet worden war, das Geburtshaus, die konservativen Stilmöbel, die Fotoalben mit den Erinnerungen, all dies musste zurückbleiben im Tausch gegen die Freiheit.

Doch ich war immer bereit gewesen, diesen Kuhhandel einzugehen - bis zuletzt. Also reiste ich wie ein antiker Zyniker, dessen zeitliche Güter in den Fluten versunken waren und der nicht mehr besaß, als die Fetzen am Leib. Hatte Gandhi, dessen Widerstand mich stets inspirierte, eigentlich mehr besessen? Eine Brille vielleicht und einen Stock, um die tollwütigen Hunde abzuwehren und giftige Schlangen. Vermutlich wollte es das Schicksal, dass auch ich leichter bepackt auf Fahrt ging, nur mit etwas Konterbande befrachtet wie der Wahlfranzose Heine an der deutschen Grenze.


Auszug aus: Carl Gibson,


Symphonie der Freiheit

Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

Chronik und Testimonium einer Menschenrechtsbewegung

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe




Philosoph Carl Gibson
Mehr zum "Testimonium" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:


"Symphonie der Freiheit"

bzw. in dem jüngst (Februar 2013) erschienenen

Allein in der Revolte.
Eine Jugend im Banat


Zeitzeuge und Autor Carl Gibson


Copyright: Carl Gibson (Alle Rechte liegen beim Autor.)
Fotos: Monika Nickel


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen