Sonntag, 20. November 2022

Ernst Otto Remer, Hitlers „General“ als guter Deutscher oder nationaler Antiheld – über Gehorsam und Pflichterfüllung

 

 

     Ernst Otto Remer, Hitlers „General“ als guter Deutscher oder nationaler Antiheld – über Gehorsam und Pflichterfüllung

Er hat seine Pflicht getan, indem er – im Einklang mit den gültigen Gesetzen im Führerstaat - einen Umsturz verhinderte, um über die vollendete Tat den Führer, der selbst ein ausgewiesener „Putschist“ war, fast noch ein ganzes Jahr an der Macht zu halten und das Dritte Reich im Krieg gegen die Welt.

Weitere Millionen Tote waren die Folge dieser einen Tat eines deutschen Offiziers, der, ganz egal ob überzeugter Nationalsozialist und Hitler-Anhänger oder auch nicht, nur das tat, was im Falle eines Falles vorgesehen war: er führte eine Bestimmung aus, die andere im Vorfeld festgelegt hatten, ohne selbst über Legitimität oder Illegitimität, Sinn und Unsinn, Gut und Böse zu entscheiden.

Ein Soldat gehorcht und führt aus, was die Politik ihm vorgegeben, überall auf der Welt, in allen Krieger der Menschheit, und nicht anders, als ein Claus von Stauffenberg Hitlers Angriffskrieg zunächst mitmachte, beginnend mit dem Überfall auf Polen, und den – auch weltanschaulich motivierten - Vernichtungskrieg gegen Stalins Sowjetunion weitere lange Jahre aktiv mittrug, bevor – angesichts der immer größeren Kriegs- und Menschheitsverbrechen - das Gewissen rebellierte.

Hätte Remer seinerzeit, in jener berühmten Szene, als der vor ihm stehende Reichsminister Goebbels ihn mit der Stimme des Führers aus der Wolfschanze konfrontierte, so, beweisend, dass der Führer den Anschlag vom 20. Juli 1944 überlebt hat und das Dritte Reich fortbesteht, mehr Zeit gehabt, Zeit zum Nachdenken, zum Abwägen, dann hätte er vielleicht auch anders gehandelt – doch die Vorgaben waren gnadenlos: Remer musste funktionieren – wie jeder treue Offizier in jeder Armee der Welt.

Deutsche sind Legalisten. Deutsche gehorchen gerne. Deutsche verkneifen sich das Nachdenken und das Sinnen über die Folgen einer ganz bestimmten Handlung oder Nichthandlung, obwohl sie als „Volk der Dichter und Denker“ manchen scharfsinnigen wie weitsichtigen Geist hervorgebrachten, Gestalten der Weltgeschichte wie Goethe und Kant.

Gehorchen, sich fügen, das Denken anderen überlassen, auch wenn Verbrecher die Hirnarbeit übernommen haben, das zeichnet den Deutschen aus, in den großen Kriegen, aber auch nach den Kriegen.

Ergo handelte Remer als „guter Deutscher“ und „guter deutsche Offizier“, als er, ohne nach dem Sinn und den Folgen des Umsturzes zu fragen, den Status quo ante wieder herstellen, Claus von Stauffenberg[1] an die Wand stellen und standesrechtlich exekutieren ließ

  

 

 

 Entwurf:

 

      (M)eine – zufällige - Begegnung mit NS-General Ernst Otto Remer, mit dem Mann, der den Lauf der Geschichte aufhielt, ohne das Blatt zu wenden

Irgendwie angeschlagen wirkend, torkelte er mir entgegen, damals, um 1983/84, unweit des Rheinufers, in Sasbachwalden, wo die Franzosen ihrem großen Feldherrn Turenne ein Denkmal errichtet haben. Es verfiel mit der Zeit und wurde immer neu aufgerichtet, zuletzt von de Gaulle, auch als Zeichen des Sieges über Nazideutschland. Eine Provokation auch heute noch?

So sahen es die Rechten, Altnazis, Neonazis – und ich, der seinerzeit die Stockkonservativen und Neo-Nazis aus der NPD genauso studierte wie die gerade in Deutschland aufkommenden Grünen, war mittendrin.

Und nun vor mir: ein Mythos!?

Ernst Otto Remer[1], der Mann, der den Lauf der Geschichte etwas aufgehalten, ohne das Blatt zu wenden, der Mann, der die „Operation Walküre“, die Umsturz-Aktion der Widerständler um Claus von Stauffenberg[2] aufhielt – und mit seiner Tat für Millionen Kriegstote sorgte, gefallen in den letzten Monaten des Krieges, weil Hitlers Reich, auf Tausend Jahre ausgelegt, noch ein paar lange, blutige Monate fortbestand.

Neben zahlreichen Mitverschörern aus dem Widerstand, wurde Claus von Stauffenberg standesrechtlich erschossen. Der inzwischen sinnlos gewordene Krieg ging weiter – bis zum Zusammenbruch, zum bitteren Ende und der Kapitulation.

„Remer“, stellte er sich mir vor, unter dem Arm sein frisch gedrucktes Buch[3], das er mit sich führte wie einen Ausweis. Wohl wissend, wer vor mir stand, schüttelte ich ihm die Hand und warf bald darauf einige Blicke in das Werk, das er mir gereicht hatte.

Remer, der Mann, der für den Tod meines Helden gesorgt hatte, stand nun vor mir – er lebte und agierte, während der Aufrechte, Claus von Stauffenberg, der Aristokrat des Geistes und der große Deutsche zugleich, längst tot war und von vielen vergessen, von vielen, die sich später die Geschichte zurechtlogen und die dort Verrat am Werk sahen, wo echter Widerstand die deutsche Ehre zu wahren suchte.

Remer, selbst schon ein Mythos, erwartete Anerkennung, Worte der Bewunderung vielleicht, weil er als Kämpfer sein Vaterland vor Verrat und Umsturz bewahrt, also gerettet hatte, in treuer Pflichterfüllung.

War das so? War das echter Patriotismus – oder hielt der brave Soldat, der nur seine Pflicht zu erfüllen suchte, mit seinem Gehorsam und seiner nicht zu erschütternden Nibelungentreue zum Führer etwas aufrecht, was schon längst tot war? Und das auch noch guten Gewissens, wo sich bei anderen in ähnlicher Situation ein Konflikt anbahnte zwischen Gehorsam und einen humanen Gewissen, das, an höheren Werten ausgerichtet, nach Auflehnung rief und Rebellion, nach individuellem und kollektivem Widerstand – aus ethisch-moralischen Instinkten, Empfindungen und Antrieben heraus. Als überzeugter Nationalsozialist, der seinem Führer diente und dem Vaterland, hatte Remer diesen Konflikt nicht auszutragen. Den Verrat bekämpfen, verhindern, die Verräter hinrichten lassen – das forderte die Pflicht im Einklang mit dem gewissen und der Überzeugung des guten Nazis und Staatsbürgers des Dritten Reiches, der als deutscher Offizier seine Pflicht tut, nicht anders als die Anhänger Hitlers aus der Leibstandarte der SS Ernst Röhm und andere – an die achtzig Führer der SA – in einer beispiellosen Mordaktion umbrachten.

Mein spätes Lob blieb aus, denn mein Held war Claus von Stauffenberg, der elitäre Geist aus dem George-Kreis, der den Mut gefunden und aufgebracht hatte, um Nein zu sagen, als es verbrecherisch wurde an der Front, im Staat, in der deutschen Diktatur, die alle missbraucht hat, auch die edelsten und vornehmsten.

Ein, zwei Jahre bevor der Zufall diese sonderbare Begegnung eingefädelt hatte, mich mit der Frage konfrontierend, wer ist der Held und wer der Antiheld, hatte ich, selbst aus dem Widerstand kommend, aus dem Widerstand gegen die kommunistische Diktatur, die Gedenkstätte Plötzensee besucht, 1981, in Berlin, am Ort vieler Geschehnisse und verhängnisvoller Entscheidungen – und danach eigentlich nie mehr aufgehört, über das Thema Claus von Stauffenberg nachzudenken, über die Persönlichkeit des Akteurs und potenziellen Tyrannenmörders, über den Tyrannenmord an sich und die Notwendigkeiten einer amoralischen Tat, wenn es gilt, einen noch höheren Wert zu retten, das Humanum, noch vor dem „Heiligen Deutschland“.

Also konnte ich diesen Remer, der, mehr berüchtigt als berühmt, nun wie ein Fossil in die neue Zeit der Demokratie ragte, nicht wirklich bewundern. Er war ein überzeugter Nationalist in Hitlers Reich – und er blieb ein überzeugter Nationalist auch in den Tagen der Bundesrepublik Deutschland, in dem Staat, der ihn, den Holocaust-Leugner, verfolgte, anklagte, verurteilte und sich auch ins Gefängnis geworfen hätte, wenn er sich nicht dem Haftantritt durch Flucht ins Ausland entzogen hätte.

Was ich trotzdem an dem Mann, an der Person achtete, ja, schätzte, war das Kämpfertum, das er ein Leben lang aufrechterhalten hatte und auch nach der Begegnung noch Jahre aufrechterhalten sollte, so, wie ich es mir selbst zum Ziel gesetzt hatte, und dahinter die Konsequenz.

Remer, der Krieger, angeblich neunmal in Schlachten verwundet, blieb sich und seiner Weltanschauung treu, bis zuletzt, als er irgendwann, fern der deutschen Heimat, doch unter der hellen, warmen Sonne Spaniens einsam verstarb – in dem nicht ganz frei gewählten Exil, auch als Märtyrer für eine Ideenwelt, die historisch längst überholt war – irgendwie tragisch, gleich jenem Hagen von Tronje, der, wie im Nibelungenlied verbürgt, den deutschen Urhelden Siegfried erschlagen hatte - als pflichtbewusster Recke.

Für die im Raum herumspringenden jungen Leute aus der Bismarck-Jugend und anderen rechtsnationalen Vereinigungen, die sich dem Protestzug gegen den steinernen Feldherrn auf dem Sockel angeschlossen hatten, war Remer aber der Held schlechthin, der deutsche Held, zu dem es aufzuschauen galt, auch wenn er, von Alter gezeichnet, etwas instabil durch den Raum wankte wie im Nebel in Gedanken an ferne Zeiten und heiße Schlachten.

Hatte Remer, der seinerzeit wohl jüngste General in der Wehrmacht, von dem ihm dankbare Hitler fast aus dem Nichts in dem Olymp katapultiert, die Zeichen der Zeit verkannt, indem er an der Ideenwelt eines untergangenen Reiches festhielt vergleichbar mit jenen japanischen Soldaten auf einer einsamen Insel im Südpazifik, die nach vielen Jahren immer noch nicht erfahren hatten, dass der Zweite Weltkrieg längst war?

Vom Sein ins Nichts? Mit Hitler fielen viele, die einst oben waren, stolze Generäle, große Verbrecher. Einige windige Gestalten wie Minister Speer, der Hitler-Vertraute in vielen Dingen, rettete den Hals aus der Schlinge, kroch nach Canossa, zeigte sich reumütig und wirkte mit, wo es galt, mit der Vergangenheit, mit den alten Zeiten und Mythen abzurechnen und einen Schlussstrich zu ziehen, damit ein neuer Anfang für alle möglich wird. Generäle gingen in Kriegsgefangenschaft, büßten, aber sie wirkten auch mit, als es galt, die Bundeswehr der Bundesrepublik Deutschland aufzubauen, speziell jene hohen Offiziere der Wehrmacht, die sich nicht schuldig gemacht hatten – und die, fern ideologischer Motivation und Verblendung, nur ihren Soldatenberuf ausgeübt hatten, ehrenhaft, auch im Krieg.

Zwischen Claus von Stauffenberg und Otto Ernst Remer war da Jürgen Bennecke[4], mein akademischer Lehrer an der Universität Freiburg, der Oberkommandierende der NATO- Streitkräfte Mitte, der – aus der Wehrmacht kommend – seinem Land noch viele gute Dienste erweisen konnte, während Remer als Außenseiter ideologisch festgelegt im Abseits blieb diesen Staat sogar bekämpfend.



[1] Eine Begegnung der zufälligen Art:

https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Ernst_Remer

Die KAS, die selbst Mythen konstruiert und „falsche Vorbilder“ in Umlauft bringt, die Antideutsche und Stützen der kommunistischen Diktatur reinwäscht, sieht Remer so:

https://www.kas.de/de/web/extremismus/rechtsextremismus/falsche-vorbilder-otto-ernst-remer

Dam man wohl zu faul ist, um Bücher über die Thematik und Person zu wälzen, profund zu recherchieren, begnügt sich der KAS-Autor mit dem Sigel als Quelle! Sehr wissenschaftlich!!!

[3]

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Bennecke

 

 


    Stauffenberg in Hollywood – das Bild Remers im Film und der

 „Tyrannenmord“

heute

Der Streifen - mit dem Scientology-Apologeten Tom Cruise[1] in der Hauptrolle - hat die Szene gut eingefangen: Goebbels überreicht Remer den Hörer – und Remer erkennt die Stimme seines Führers am Ende der Leitung in der Wolfsschanze, wo Hitler das Stauffenberg-Attentat[2] – mit viel Glück und satanischem Beistand – überlebt hat.

Remer, zackig und entschlossen, ein deutscher Offizier eben, der intuitiv weiß, worauf es ankommt. Eine Schlüsselsituation, die den Verlauf der deutschen Geschichte nachhaltig verändern kann, zum Guten hin oder auch zum fortgesetzten Walten des Bösen.

Der Handelnde von damals, der das tat, was die Anweisungen vorsahen, der Held oder der Anti-Held, stand nun vor mir, als alternder, doch noch nicht gebrochener Mann, sein jüngstes Werk[3] in der Hand, die Beschreibung der Tat von damals und der Zeit – aus seiner Sicht.

Was hat Hollywood aus dem großen Stoff gemacht?

Mehrfach sah ich mir den Streifen an, im Kino, gleich nach dem Erscheinen in Deutschland, später dann, im Fernsehen, immer wieder über die Schlüsselsituation nachdenkend, über den – unpolitischen - Offizier, der nur und ausschließlich seine Pflicht tut und über das Individuum, das, obwohl auch Offizier und Patriot, ab einem bestimmten Punkt zum Widerstandskämpfer wird.

Claus von Stauffenberg hat, was oft vergessen wird, das eigene Leben der Sache der Nation, untergeordnet; ja, er hat selbst das Vaterland, das „Heilige Deutschland“, das Los der Gattin und der vier Kinder dem Fortleben der deutschen Nation in Würde, Ehre und Freiheit untergeordnet und seinen Opfergang angetreten!

Was trieb ihn letztendlich an: Idealismus, der Glaube an den neuen Menschen im neuen Reich, Fanatismus, persönlicher Ehrgeiz, was ihm, dem „Heißsporn“ von Feiglingen, die untätig blieben später unterstellt wurde? Oder die Einsicht in die Notwendigkeit?

Was Claus von Stauffenberg, der in Generalstab an der Quelle saß und bei dem alle Nachrichten von der Front mit den nackten Fakten zusammenliefen, wusste, was er, der vom Gewissen bestimmte Willensmensch ahnte und fühlte, wurde von einem Remer und anderen, die sich noch an den auf den Führer geleisteten Eid gebunden fühlten, verdrängt, in missverstandener Loyalität und einem fehlinterpretierten, fanatischen und kritisch-sturen Patriotismus.

War Remer, so handelnd, wie er damals handeln musste, deshalb ein Schuft, ein Verräter an der höheren Sache Deutschlands? Seinerzeit agierte der überzeugte Nationalsozialist als Offizier der Wehrmacht; in der Bundesrepublik, blieb Remer bei seinen Überzeugungen und machte politisch-missionarisch weiter – als Alt-Nazi und Holocaust-Leugner, während die Aufrechten aus dem militärischen Widerstand gegen Hitler – bis auf wenige Ausnahmen[4] – tot waren.

Immer, wenn Diktatoren ungerechte, verbrecherische Krieg führen, stellt sich die Frage des „Tyrannenmords“, auch heute. Ein Spielfilm, der, an Realitäten angelehnt, auch Fiktion ist, kann anregen, das Gewissen wachrufen, inspirieren. Handeln jedoch müssen Einzelne, Individuen für ihr Volk, wenn diese moralisch weiterbestehen und ein e Zukunft haben soll. Darüber sollten vielleicht auch die Russen einmal nachdenken.

 

 Vgl. auch:

Vgl. auch: 

 

 

 

 

    „Der böse Deutsche“ und die Massenerschießung von 150 000 Gefangenen im KZ Buchenwald, die es nie gegeben hat

Was würde ein französischer Patriot sagen, wenn man sein geliebtes Frankreich und die Grand Nation für einen Massenmord verantwortlich machen würde, den es nie gegeben hat?

Würde er aufschreien, sich zur Wehr setzen, die Sache zurechtrücken, dann die frechen Lügen und Unterstellungen schleunigst aus der Welt schaffen?

Vielleicht!

Und der Deutsche, was würde er in gleicher Situation tun?

Was muss er tun, gerade wenn er sich Historiker nennt und auch sonst für Wahrheit und Gerechtigkeit antritt, auf die Barrikaden geht?

Das fragte ich mich, als ich mit der – für mich neuen – Information in dem französischen Spielfilm mit historischem Hintergrund „Der Schmerz[1], 2017, konfrontiert wurde.

Darüber nachdenkend, sagte ich mir:

Wahrscheinlich wird der Deutsche nichts tun!

Er wird zu der Angelegenheit schweigen, er wird sie hinnehmen, so, nicht überprüft, dann wird er sich verkriechen und die Dinge ruhen lassen, anderen überlassen, die möglicherweise auf für ihn handeln werden, wenn ein Handeln überhaupt angesagt ist.

Ganze Völker beugen ihr Haupt und bleiben vom Schwert verschont!

Ist das nicht klug, lebensklug, statt Idealen nachzuhängen, Prinzipien, Wertvorstellungen?

Etwa frei nach dem Motto: was kümmern mich die Lügen, die andere in die Welt setzen!?

So etwas wie Ehre, habe ich nicht!

So etwas wie Ehre, kann ich mir nicht leisten!

 


 
 
 Vgl. auch:

      „Geschichtsklitterung“ – mit und ohne Absicht - in der Belletristik und im Film. Zahlen, Fakten, Daten, die nicht stimmen, aber trotzdem unverantwortlich und zur Unzeit verbreitet werden - Wasser auf die Mühlen der Revisionisten und Holocaust-Leugner!?

„Geschichtsklitterung“[1] findet de facto immer wieder statt, wenn auch – oft nur aus der Unwissenheit heraus - ohne Täuschungsabsicht, ohne Intention, historische Abläufe zu einem bestimmten Zweck verfälschen zu wollen – und das in der wissenschaftlich weniger genauen, oft unprätentiösen „Belletristik“, wo, an historische Ereignisse angelehnt, bestimmte Behauptungen und Mythen in die Welt gesetzt werden, die fast nichts mit der Wirklichkeit, den tatsächlichen Ereignissen und der „exakten Historiografie“ zu tun haben.

Herta Müllers „Werk“ ist voll davon – und ich habe in mehreren Studien mit Argumenten und Bewiesen dagegengehalten.[2] Aber es gibt immer wieder auch andere belege dafür, auf die man unfreiwillig stößt und mit deren Falschaussagen man konfrontiert wird, wenn man nur zur Entspannung einmal einen Spielfilm sehen will, der – vom Thema her – etwas verspricht, der nicht nur fiktive Welten vorgaukelt, sondern Phänomene problematisiert, die den Rezipierenden – neben dem Filmgenuss – auch im Erkenntnisbereich weiterbringen. Gelegentlich aber wird der Kinofreund enttäuscht, nämlich dann, wenn Drehbuchautor und Regisseur das darzustellende Sujet verzerren, gelegentlich aufbauend auf einer „literarischen“ Vorlage, die Fakten ignoriert und Phänomene, Dinge, Daten, Zahlen, die es nicht gibt, einfach „erfindet“. Danach kursieren Mythen, die böses Blut schaffen, die Hass und Hetze schüren, die durch und durch destruktiv wirken, alte Dämonen wachrufen. Hier und dort, und die das gefährden, zurückwerfen, was andere mit Einsicht und Empathie bereist erreicht hatten.[3]

Wer heute – ohne große Ahnung von Geschichte, von Propaganda und gezielter Deviation als Instrument der Machpolitik in Friedens- und Kriegszeiten – sich den kaum erst gedrehten Streifen „Der Schmerz[4] ansieht, wird geschockt sein, wenn er die dort genannte drastische Erschießungszahl vernimmt.

Aber er wird, gutgläubig und im Vertrauen auf die Medien, heute, lange nach 1944, die Aussage über den angeblichen Massenmord als bare Münze nehmen, als gültige, überprüfte Sachinformation, die man doch so nicht verbreiten würde, wenn sie nicht der Wahrheit entspräche.

Was bedenklich stimmt: kaum ein Wissenschaftler wird sich ad hoc finden, der bereit wäre, in diesem Punkt zu widersprechen oder gar das Thema „wissenschaftlich“ aufzugreifen aus der Befürchtung heraus, von ideologisch korrekten Gutmenschen in die rechte Ecke gerückt, ja, als vorschnell Revisionist der Geschichte eingestuft und somit öffentlich wie wissenschaftlich erledigt zu werden.

Zahlenwerke, die heute viel Verwirrung stiften, überprüfen – das klingt nach Aufrechnen von Verbrechen gegen die Menschlichkeit!

Ich sage: ein Opfer ist ein Opfer zu viel!

Und doch poche ich – als Philosoph. Mensch und Geist – auf die volle Wahrheit! Einfach so, gedeckt nur durch die künstlerische Freiheit und in Berufung aus diese, mit Opferzahlen um sich werfen: das geht nicht! Das darf keiner!

Auch ich, der langjährige Zeitkritiker, zufällig auch „Historiker“, war verblüfft, als ich von den 150 000 Erschossenen in Buchenwald hörte.

Da ich aber – nicht ganz zufällig – das unmittelbar vor den Toren Weimars gelegene Konzentrationslager besichtigt, darüber nachgedacht und geschrieben hatte, ohne je auf diese schreckliche Aussage gestoßen zu sein, fragte ich mich:

„Stimmt das, kann das sein, habe ich da etwas übersehen?“

Fragen dieser Art hatte ich mir seinerzeit auch gestellt, in kritischer Nachfrage, als ich bei der Ausarbeitung meines Dissidenten-Testimoniums „Symphonie der Freiheit, 2008, in dem Lügenwerk Herta Müllers auf die gesammelten und gebündelten Erfindungen der mit absurder Fantasie ausgestatteten Autorin aus einem kleinen Dorf im Banat stieß, dargeboten in „literarischer“ Form, über deren Qualität man genau so unterschiedlicher Meinung sein kann, wie das bei der nicht ganz unumstrittenen Marguerite Duras der Fall ist.

Was hat Herta Müller, die Ewig Verfolgte, im Securitate-Staat des Diktators Ceausescu, wo sie angeblich gequält, ja, gefoltert wurde, nicht alles erlebt?

Ein Artikel in dem Zeit-Magazin aus dem Jahr 2009, als sie noch keine Nobelpreisträgerin war, aber in Stockholm auf obskure Weise nominiert, reicht aus, um in diese abstruse Welt der Münchhausiaden einzutauchen!

Und in mehreren Büchern aus meiner Feder findet man die Erläuterungen dazu, nachdem die märchenhaften Aussagen mit den Fakten und dem tatsächlichen Geschehen konfrontiert worden waren.

Dürfen Dichter lügen?

Danach fragt schon die Antike nach Homer und Platon bis hin zu Nietzsche! Dürfen moderne Schriftsteller nach Dada willkürlich Mythen in die Welt setzen, die dann von anderen, von unkritischen Lesern und Blauäugigen aller Art als Fakten angesehen und als solche weiterverbreitet werden?

Wohin führt diese Kultur der Lüge?

Zahlen, die nicht stimmen – das ist Wasser auf die Mühlen der Revisionisten und der Holocaust-Leugner, denn dieser Personenkreis, der Verschwörungstheorien aller Art nährt und kultiviert, wird nach der Verbreitung solcher Zahlen sagen: nichts stimmt, alles ist Propaganda, alles ist gelogen!

Und diese Leute werden weiter und mir ihren wirren Zersetzungstheorien weiter großen Schaden anrichten, Menschen verunsichern, über hetze Feindschaft säen, die Gesellschaft und die Völker spalten – und mit einer Aura der Verunsicherung und der Angst Unfrieden stiften, ja, den heißen, echten Krieg vorbereiten.



[2] Hauptsächlich in „Herta Müller im Labyrinth der Lügen“, 2018. Mein Herta Müller gemachten Vorwürfe einer „Geschichtsklitterung“, erreichte über den umfassend angelegten Pressebericht in den „Fränkischen Nachrichten“ aus der Feder von Inge Braune „Carl Gibson gegen Herta Müller“ bereits im Jahr 2013 die breite Öffentlichkeit. Herta Müller, die durch und durch ahistorisch schreibt, lehnt sich nur indirekt an die Geschichte an, „erfindet“ Fakten, um sich dann über die selbst geschaffene Wirklichkeit, also über eine „verzerrte Welt“, selbst zu inszenieren – und zwar, erneut an der Realität vorbei als Opfer.

Da Literaturwissenschaftler nur selten mit den tatsächlichen Verhältnissen in einer kommunistischen Diktatur vertraut sind und die Geschichte Osteuropas nahezu unbekannt ist, gingen diese - nicht durchschauten oder korrekt bewerteten - belletristischen Täuschungsmanöver der Herta Müller bisher unter.

 

[3] Etwa die deutsch-französische Aussöhnung und die deutsch-französische Freundschaft.



 Vgl. auch:

 

 

Sie starben, damit Deutschland leben kann und eine Zukunft hat - 


Zum 20. Juli 1944, 


Erinnerung: Allein in der Gedenkstätte Plötzensee, 


Hommage, Dem deutschen Widerstand gegen die Hitler-Diktatur - 









   In Stuttgart


 In Stuttgart


http://de.wikipedia.org/wiki/Gedenkst%C3%A4tte_Pl%C3%B6tzensee



Foto: Carl Gibson

Krematorium im ehemaligen KZ Buchenwald bei Weimar -
zuerst wurden im "Land der Dichter und Denker" Bücher" verbrannt ...
und dann ...
verbrannten "Richter und Henker"
Menschen.

Memento!




(Auszug aus dem Werk: Carl Gibson, Symphonie der Freiheit. Widerstand gegen die Ceausescu-Diktatur. 2008.)



Allein in der Gedenkstätte Plötzensee


                                                                       Es lebe die Freiheit! Hans Scholl

Der sittliche Wert eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist für seine Überzeugung sein Leben hin zu geben.
Henning von Tresckow am 21. Juli 1944.


Es ist Zeit, dass jetzt etwas getan wird. Derjenige allerdings, der etwas zu tun wagt, muss sich bewusst sein, dass er wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird. Unterlässt er jedoch die Tat, dann wäre er ein Verräter vor seinem eigenen Gewissen.
Claus Schenk Graf von Stauffenberg

http://de.wikipedia.org/wiki/Attentat_vom_20._Juli_1944



Es gibt Orte, wohin man nicht gerne geht, weil einem das eigene schlechte Gewissen im Wege steht; Orte des Grauens, vor denen man zurückschreckt, wenn man sich den Terror vergegenwärtigt, der von ihnen ausging.
Vergessen wird dabei, dass es auch Orte sind, wo die Würde des Menschen, der Anstand und die sittliche Haltung am greifbarsten werden, trotz des Schreckens. Ein solcher Ort ist die Gedenkstätte Plötzensee; ein ehemaliges Gestapo-Gefängnis, in welchem in ganz kurzer Zeit nahezu dreitausend Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus und die Hitlerdiktatur in menschenverachtender Weise hingerichtet wurden, darunter illustre Charaktere, die heute das Gewissen der Nation verkörpern und das bessere Deutschland repräsentieren.
Dorthin wollte ich allein gehen. Es wurde ein individueller, ein aufwühlender Gang, denn das eigene Gehirn hatte vieles noch nicht bewältigt. Als ich nach Deutschland kam, kam ich aus einer langen Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte. Sie hatte meinen Werdegang deutlich mitgeprägt. Und ich kam aus einer Widerstandsbewegung gegen ein totalitäres System. Nur bewältigt war noch gar nichts. Dafür waren die historischen Abläufe zu vielschichtig und zu komplex. Mir fehlte die geistige Durchdringung der Gesamtmaterie und noch mancher historische Baustein, um die Abläufe im deutschen Widerstand gegen Hitler bis hin zum Attentat am 20. Juli ganz zu verstehen. Einiges hatte ich mir bereits erarbeitet.
Mit unbestimmtem Grauen betrat ich die Anlage - als ein Eingeweihter in Sachen Menschenvernichtung. Sie hatte etwas von einer Schlachtbank, die an den Großen Terror während der Endtage der Französischen Revolution erinnerte. Die Guillotine, deren Anschaffung Hitler persönlich angeregt hatte, um das systematische Abschlachten von Menschen in industrieller Weise zu ermöglichen, war nicht mehr zu sehen. Sie war entfernt worden, um die Empfindungen der Nachwelt zu schonen. Nur die Haken waren noch da an einem Stahlträger – wie in einer Metzgerei – an denen die edelsten Köpfe der Nation aufgehängt worden waren, beim Kerzenschein und selbst in der Nacht, während draußen Bomben fielen.
Nun stand ich stand da, nach Jahrzehnten, und schaute in einen Raum, in dem es nichts zu sehen gab bis auf wenige Symbole des Schreckens, die zum Nachdenken anregen sollten, erfüllt von Bitterkeit und Grausen. Biographien einiger der Opfer rollten vor mir ab, individuelle Leidensgeschichten, Einzeltragödien mit Namen, deren Wohlklang ich schon im fernen Temeschburg vernommen hatte, ohne Details zu kennen; Namen aus dem Umfeld des Kreisauer Kreises und aus dem militärischen Widerstand gegen Hitler. Während ich starr da stand und stumm ins Leere blickte, drängten sich mir spärliche Bilder auf, verschwommene, vom Gehirn künstlich zusammengefügte Szenen aus dem Leben jener Charaktere, die hier hingemordet worden waren, nachdem sie ein perverses Polittribunal unter Rechtsbeugung im Schnellverfahren zum Tode verurteilt hatte.
Berthold Graf von Stauffenberg war in diesem Hinrichtungsschuppen würdelos erhängt worden; und mit ihm Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg und Korvettenkapitän Alfred Kranzfelder, nachdem der so genannte Volksgerichtshof ihnen einen schnellen Prozess gemacht und sie abgeurteilt hatte.
Ein kurzer Prozess? Leider wusste ich, was das war – den ich hatte selbst einen erleben müssen, mit glücklicherem Ausgang! Kein echter Vergleich – aber eine Ahnung davon.
Claus Schenk von Stauffenberg war bereits am 20. Juli – nach dem Scheitern des Attentats auf den Diktator Hitler – von einem Erschießungskommando in Berlin erschossen wurden. Mit ihm starben auf die gleiche Weise seine Mitverschwörer Albrecht Mertz von Quirnheim, Friedrich Olbricht und Hans-Bernd Haeften. Viele weitere Widerstandskämpfer folgten. Bevor Claus von Stauffenberg erschossen worden war, hatte er noch ausrufen können: Es lebe das geheiligte Deutschland!
Jetzt stand ich an der Stelle, wo Ströme Blut geflossen waren – so lange, bis die Guillotine versagte.
Dann wurde gehängt, makaber im Schein der Fackel.
Im Licht der Bombenfeuer und im Kampfgetöse des Zusammenbruchs waren die aufrichtigsten und wahrhaftigsten eines Volkes einfach aufgeknüpft worden wie Strolche und Tagediebe im rechtsfreien Raum!
Viele Unbeteiligte ahnten nichts davon. Viele Informierte blickten weg. Manche sahen zu. Und manche agierten, blind, fanatisiert oder aus reiner Bosheit heraus. Dass sich immer Menschen fanden, die bereit waren, andere Menschen umzubringen, einfach hinzumorden … Der Mensch – die Krone der Schöpfung? Und das im Volk der Dichter und Denker?
Wie dünn war das kulturelle Substrat wirklich? Wann wurde der Mensch zur Bestie? Auch darüber hatte ich bis zum Exzess, bis zur Grenze der Verzweiflung räsoniert, ohne eine Antwort zu finden.
In meiner Rückschau sah ich Helmuth James Graf von Moltke, den aufgeklärten Urgroßneffen des preußischen Feldherrn, der auf seinem Gut in Schlesien den Kreisauer Kreis begründet und am Leben gehalten hatte. Sein Tun war auf ein demokratisches Deutschland nach Hitler gerichtet. Und er handelte, vom Gewissen getrieben. An einem dieser Haken vor mir musste er unwürdig sterben.
Dann  sah ich Adam von Trott zu Solz, den Spross einer alten Diplomatenfamilie, der bereits 1939 im Widerstand agierte und als Diplomat in London und New York um Kontakte zu den dortigen Regierungen bemüht war, aber überhört wurde. Weder in England, das, wie man heute weiß, damals vor der Münchner Konferenz den Krieg noch hätte verhindern können, wenn es Hitler mit einer Kriegsandrohung Einhalt geboten hätte, noch in Amerika war er ernst genommen worden. Vielleicht, weil er sehr früh opponierte. Aber verhöhnt wurde er und zynisch abgewiesen, als die Logik des Krieges ihrer Autodynamik verfiel. Also flog er auf und musste hängen, weil das Unrechtssystem der Braunen Diktatur es so befahl.
Und ich sah Peter Graf Yorck von Wartenburg und Hans von Dohnanyi, zwei andere konservative Intellektuelle, Widerstandskämpfer frühester Stunde, die sterben mussten, damit ein kranker Diktator weiter leben und im Endkampf nochmals Millionen Menschen in den Tod schicken konnte.
Weiter sah ich vor meinem geistige Auge Carl Friedrich Goerdeler, den aufrechten konservativen Politiker und Widerständler, gedemütigt vor dem Volksgericht stehen, einem schreienden Richter Freisler ausgeliefert, der mit der gleichen Dämonie schrie wie Hitler geiferte.
Goerdeler sollte nach Hitlers Sturz der künftige Reichskanzler sein. Da, wo ich jetzt stand, wurde er enthauptet, nachdem seine schon angefertigten Minister-Listen den Schlächtern weitere Opfer ans Messer geliefert hatten. Wie gut, dass unsere Liste nicht gefunden worden war. Listen, das sind oft Todeslisten ….
Die Reihe der aufrechten Charaktere, die nur an dieser Stelle von Verbrechern hingemordet wurden, fern von Recht und Gesetz, fern von Gnade, wollte kein Ende nehmen. Es gab doch aufrechte Deutsche, die, ihrem Gewissen folgend, in schwerer Zeit das Richtige taten. Manche von Anfang an; andere wie die Hitlerattentäter Henning von Tresckow und Claus von Stauffenberg später, nachdem die Menschheitsverbrechen, die aus der Logik des Krieges resultieren, die verbrecherischen Führerbefehle aus dem Bunker und der befohlene Mord an Frauen und Kindern nicht mehr zu rechtfertigen waren. Aber sie handelten aus höherer Einsicht und von wahrer Verantwortung für Volk und Vaterland getrieben!
Die Tat Stauffenbergs hatte mich immer schon beschäftigt; schon damals, als unser kleiner Widerstandskreis sich formierte, in den Tagen der Untersuchungshaft und in den langen Nächten des Gefängnisaufenthalts.
Jetzt war ich hier am Ufer der Spree in Plötzensee, am Ort des Geschehens. Hier war, Stunden nach dem Attentat, die Operation Walküre angelaufen, der Auftakt zu einem Staatsstreich, der ein demokratisches und freies Deutschland begründen sollte. Eine Reihe ungünstiger Zufälle und befehlsblinde Offiziere - wie der von Hitler zum Generalmajor beförderte Ernst Otto Remer, dem ich bald darauf unter anderen Umständen begegnete - führten zum Scheitern des letzten großen Aufbegehrens für Freiheit und Gerechtigkeit. Während Revisionisten wie Remer, der die Widerstandskämpfer um Graf von Stauffenberg öffentlich als Vaterlandsverräter bezeichnet hatte, Hetze und Hass verbreitend weiterlebten und bis ins hohe Alter hin der weltanschaulichen Haltung ihrer persönlichen Glanzzeit treu blieben, mussten die eigentlichen Widerstandskämpfer und mit ihnen ungezählte andere aufrichtige Deutsche, die an dem politischen Umsturz mitgewirkt hatten, ihr Leben lassen, während ihre Familien in Sippenhaft genommen und lange diskriminiert wurden. War das gerecht? Nach Remers Putschvereitelung forderten die kommenden Monate des fortgesetzten Krieges an allen Fronten mehr deutsche Opfer als die Kriegsjahre seit dem Ausbruch.
Etwas von dieser schier unbegreiflichen Tragik rollte in meinem Gedächtnis ab, nach Szenen, die ich aus Büchern kannte, aus Dokumentationen und vom Bildschirm. Viel Mut war bewiesen worden in einem Aufstand des Gewissens gegen massives Unrecht: Ich sah Trott zu Solz’ entschlossene Selbstbehauptung gegenüber dem Scheusal Freisler, und sah, wie Erwin von Witzleben von derselben Bestie in Robe niedergeschrien wurde.
Das Bildnis Dietrich Bonhoeffers einsam in der Zelle sitzend, drängte sich mir auf, ein Christ vor Gott, in Gebete, in Verse vertieft, Zeilen eines geistigen Vermächtnisses aufsetzend, den Blick voller Zuversicht zum Himmel erhoben.
Miserere domine!
Und dann hörte ich erneut, klar wie die Posaunen von Jericho, die leitmotivische Mahnung des Claus von Stauffenberg:
Es lebe das geheiligte Deutschland!
An diesem Ort verblutete das andere Deutschland; seine Edelsten und Besten ließen hier ihr Leben im bewussten Opfergang für das gesamte deutsche Volk, um ihm, dem geopferten Phönix, nach dem Zusammenbruch eine Reinwaschung zu ermöglichen von den Menschheitsverbrechen, in die es der dämonische Diktator Hitler gestürzt hatte und ein österliches Wiederauferstehen.
Doch war Stauffenbergs Tat repräsentativ für den deutschen Widerstand gegen Hitler kein letztes müdes Aufbäumen kurz vor dem Untergang, als das Gewissen gegen das maßlose Unrecht und Leid aufbegehrte, sondern eine bewusste Gegnerschaft, ein luzider Widerstand gegen ein totalitäres System, der von frühester Stunde an da war und konsequent durch gehalten wurde – bis in den Tod.


Foto: Carl Gibson

Die Dichter und Denker blicken oft weg, wenn Urecht geschieht - damals ...
 und heute?


Es entspricht nicht der historischen Wahrheit, wie vor allem im Osten Europas immer wieder behauptet worden war, das gesamte deutsche Volk hätte geschlossen hinter Hitler gestanden, es hätte seine Aggressionspolitik mitgetragen, sein Hegemoniestreben, seinen Imperialismus; und es hätte seine Verbrechen gedeckt.
Richtig ist, dass es aus dem deutschen Volk heraus einen höchst beachtlichen Widerstand gegen Hitler gab – und dies von Anfang an aus Prinzip, lange noch bevor die schlimmen Wahrheiten bekannt wurden.
Wie vom Teufel persönlich beschützt, überlebte der Führer vierzig Anschläge! Eine makabre Groteske des Zufalls, eine Undenkbarkeit! Und Ceauşescu, dem wir kleine Dissidenten nichts entgegen zu setzen hatten, was mit der Operation Walküre vergleichbar gewesen wäre? Keinen!
Doch vom systematischen Kampf gegen Hitler wusste selbst ich, der historisch interessierte Europäer, der westliche Medien auswertete, wenn sie erreichbar waren, im fernen Banat fast nichts.
Erst späte westliche Quellen und die intensive Beschäftigung mit der Materie über Jahre erschlossen mir die volle Dimension des deutschen Widerstands gegen den Nationalsozialismus, der von allen Teilen der Bevölkerung getragen wurde, vom einfachen Mann aus den Volk wie Georg Elser im Münchner Bierkeller bis in die Spitzen der Wehrmacht zu Persönlichkeiten wie General Ludwig Beck, dem Gehirn des versuchten Staatsstreichs vom 20. Juli.
General Beck durchschaute die kriminellen Machenschaften Hitlers schon sehr früh und setzte seit 1938, also noch vor dem Einmarsch in die Tschechoslowakei, alles daran, den Widerstand gegen Hitler zu fördern, um den Diktator von der Macht zu entfernen. Die Generalität unterstützte ihn – nur England zögerte, als um Mitwirkung angesucht wurde. Wenn wir euch gegenüber so aufrichtig gewesen wären wir ihr im Gespräch mit uns, dann hätten Hitlers imperialistische Expansion, der Zweite Weltkrieg und mit ihm 55 Millionen Opfer vermieden werden können, bekennen die Briten heute offenherzig. Sie haben ihre moralischen Hausaufgaben inzwischen fast erledigt und einiges zur Vergangenheitsbewältigung beigetragen.
Auf andere kommt dieser Komplex noch zu – auch auf die Rumänen!
An dieser matten Stelle in der ehemaligen Reichshauptstadt Berlin starben für ihr Vaterland – aus einer ethischen Überzeugung und tiefer protestantischer Gesinnung heraus – innerhalb von Monaten fast dreitausend Menschen. Unter den Opfern waren auch herausragende Repräsentanten der militärischen Elite: Erwin von Witzleben und Karl Heinrich von Stülpnagel. Sie opferten ihr Leben für höhere Werte, für Gerechtigkeit, politische Freiheit und Vaterlandsliebe.
Erwin von Witzleben war als Generalfeldmarschall der ranghöchste Soldat, der von den Nationalsozialisten ermordet wurde, nachdem sie auch ihn, den General der noch vor Jahren als erster jene verhängnisvolle Vereidigung der Wehrmacht auf den Führer durchgeführt hatte, öffentlich degradiert, vor den Volksgerichtshof gezerrt und in einem schäbigen Schauprozess, ohne Hosenriemen der Lächerlichkeit preisgegeben, entwürdigt, beleidigt und gedemütigt hatten.

Foto: Carl Gibson

Das KZ-Gelände von Buchenwald - Locus terribilis, 
Ort des Grauens,
Ort des Schreckens,
Ort des Verbrechens,
die Diktaturen mahnen. 

Erwin von Witzleben, dessen Stammbaum bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgt werden kann, ging bereits 1934 auf Distanz zu Hitler. Die Ermordung Ernst Röhms auf Befehl Hitlers, wobei Teile der Wehrmacht mit involviert und somit instrumentalisiert wurden, sowie die ebenfalls von Hitler angeordneten und öffentlich im Reichstag verteidigten Ermordungen der Generale von Schleicher und von Bredow bei krasser Hinwegsetzung über die geltenden Gesetze hatten ausgereicht, um diese Haltung, die er mit General Beck, General von Stülpnagel, mit Henning von Tresckow und anderen oppositionellen Militärs teilte, herbei zu führen.
Erwin von Witzlebens Plan, den Usurpator Hitler bereits 1938, also zu einem Zeitpunkt von der Macht zu entfernen, als Europa noch nicht an allen Ecken brannte, scheiterte an einem dummen Zufall der Geschichte – an der Beschwichtigungspolitik der Engländer, am Appeasement Chaimberlains und dem verhängnisvollen Münchner Abkommen, das die Tschechoslowakei dem Diktator auslieferte und ihn mit diesem - so genannten diplomatischen - Erfolg nach innen hin stärkte; der Opposition hingegen jeden Wind aus den Segeln nahm. General Halder und von Witzleben konnten bei entsprechender politischer Kulisse ihren Plan, Hitler verhaften zu lassen nicht durchsetzen. Die späteren Blitzkriegerfolge in Polen und Frankreich erzielten den gleichen Effekt und zementierten noch den Mythos der Unfehlbarkeit.
Auch der gemeinsame Plan General von Stülpnagels, damals Oberkommandierender der Wehrmacht in Frankreich, und von Generalfeldmarschall Erwin Rommel, der die Abwehrmaßnahmen einer drohenden Invasion am Kanal koordinierte, Hitler zu einer Besichtigung der Wehranlagen nach Westfrankreich zu locken, um ihn dort durch loyale Truppen der Wehrmacht verhaften zu lassen, scheiterte an einem dummen Zufall. Hitler, der bis dahin immer wieder Gründe finden konnte, nicht nach Frankreich zu reisen, blieb endgültig fern, nachdem eine nach England gelenkte V 1 versehentlich im Abwehrgebiet einschlug.


Foto: Carl Gibson

Hier ermordeten NS-Schergen der Kommunist Ernst Thälmann.

Nach dem gescheiterten Staatsstreich von 20. Juli nahmen sich General von Beck, Generalfeldmarschall Rommel, Henning von Tresckow und andere Mitverschwörer selbst das Leben, nicht zuletzt, um keine anderen Mitwisser in drohenden Verhören zu belasten. 
Heinrich Karl von Stülpnagel richtete seine Pistole an die Schläfe und schoss sich durch den Kopf. Er überlebte schwer verwundet – und wurde wahrscheinlich noch von der Gestapo gefoltert bevor er in dieser Halle an diesem Haken wie ein Strauchdieb erhängt wurde.
Wie er starb hier, wo meine Füße ruhten, der andere aufrechte Soldat, der nach einem Umsturz die Führung der Wehrmacht übernommen hätte: Erwin von Witzleben.

Wie viel menschliche Größe war hier verrauscht, hier vor mir?
Wie konnte ich alle würdigen und die Erinnerung an ihre altruistischen Taten wach halten? Und das große Aufbegehren jedes einzelnen Opponenten, jedes offenen Regimekritikers ins rechte Licht rücken? Die Taten von Tausenden, die gegen das Unrecht aufstanden und ihr Leben hingaben, um es zu beseitigen?
Wo war jetzt die heitere Gelassenheit eines Dietrich Bonhoeffer, der mit Gottvertrauen zuversichtlich in den Tod ging, in der Hoffnung auf das wahre Leben? Tragische Betroffenheit überkam mich – und ein spätes Schaudern vor der Dämonie des Bösen, auf die ich keine Antwort fand.

Wie viele einfältige Leute hatte ich über das Böse plaudern hören, philosophisch abstrakt und ironisch wie Mephisto in Faust. Das Böse der Geschichte war echt und immer noch real. Gleichzeitig spürte ich aber auch etwas von der Macht des Ethos, das über Jahre aufrechterhalten und von ganz unterschiedlicheren Charakteren vorgelebt wurde.
An solchen Taten verblasste das eigene Tun.
Doch die Botschaft der Geschichte ist eindeutig – der Mensch muss in jeder Situation am Humanum festhalten und alles menschenmögliche tun, um es zu beschützen. Die Würde des Menschen, Freiheit und Gerechtigkeit sind Grundwerte, die über allem positiven Recht angesiedelt sein müssen – auf nationaler wie auf internationaler Ebene. Die Verfassung der Bundesrepublik ist eine nationale Antwort darauf – die Charta der Vereinten Nationen die Antwort der Völkergemeinschaft.
Wir hatten auch einiges erlebt in unserer Auseinandersetzung mit dem repressiven System einer Diktatur. Doch was waren unsere Erlebnisse gemessen an der Tragik, die an dieser Stelle kulminierte und im Vergleich mit dem Grauen in den Konzentrationslagern mit dem millionenfachen Tod, Leid und Schrecken, der sich im Anonymen und Namenlosen vollzog?
Das Böse hatte wieder einmal über das Gute und Gerechte triumphiert. Und das Feige über Mut und Tapferkeit! Die gesamte Weltordnung schien für alle Zeiten erschüttert. Wie schwer war es doch, in kritischer Zeit aufrecht zu gehen?
Vor dem schweren Gang an den Unort hatte ich mir eine Liste besorgt – schon wieder eine Liste - mit den Namen der Beteiligten des nationalen Aufstandes vom 20. Juli 1944, die für die Sache der Freiheit ihr Leben hingegeben hatten. Darunter waren viele illustre Persönlichkeiten bis hin zu legendären Gestalten wie Feldmarschall Erwin Rommel. Jede von ihnen wirkte als Vorbild. Und jede von ihnen verdient eine würdige Auseinandersetzung. Denn hinter jedem individuellen Einsatz für Freiheit und Demokratie bei Preisgabe des eigenen Lebens steht eine schwere Gewissensentscheidung, ein Golgotha-Erlebnis, zu dem in schwerer Zeit nur die wenigsten Menschen fähig waren.
Noch einmal sah ich zu den Haken hin und erkannte dort die Gnade meines Schicksals durch die späte Geburt. Wäre das Baumeln dort am Haken mein Los gewesen, wenn ich einige Jahrzehnte früher gelebt hätte? Wie hätte ich mich entschieden? Hätten mein Patriotismus und mein Ethos ausgereicht, um dort zu hängen?
Berechtigte Zweifel kamen auf … Wir hatten es einfacher! Wir wussten, wo wir zu stehen hatten und wo wir standen! Dafür musste ich dankbar sein. Die Zweifel an der eigenen Festigkeit wurden deutlicher, je mehr ich über die innere Entscheidungssituation der Widerständler nachdachte. An ihrer Entschlossenheit verblasste die meine. Als ich ging, ging ich in tiefer Betroffenheit, doch unerfüllt über den Verlauf der Geschichte.

Auszug aus dem Werk: Carl Gibson, Symphonie der Freiheit. Widerstand gegen die Ceausescu-Diktatur. 2008.



 Gedenken in Stuttgart:







  Stuttgart






Foto: Monika Nickel

Auf den braunen Totalitarismus folgte der rote - Reste der "Berliner Mauer", 
entdeckt: 
1000 Kilometer südlich der deutschen Hauptstadt
irgendwo in Südbaden - sie erinnern und mahnen.

Die Opfer der beiden Diktaturen auf deutschem Boden im 20. Jahrhundert sollen nicht umsonst gewesen sein. 


Dort, wo die Würde des Menschen bedroht wird, ist Widerstand angesagt - überall, weltweit.




Mehr zum Thema Kommunismus hier:

 Carl Gibsons neues Buch

zur kommunistischen Diktatur in Rumänien -

über individuellen Widerstand in einem totalitären System.




 Allein in der Revolte -

im Februar 2013 erschienen.

Das Oeuvre ist nunmehr komplett.
Alle Rechte für das Gesamtwerk liegen bei Carl Gibson.

Eine Neuauflage des Gesamtwerks wird angestrebt.


 Carl Gibson





Fotos von Carl Gibson: Monika Nickel

©Carl Gibson. Alle Rechte vorbehalten.





Werke von Carl Gibson:

Zur Geschichte des Kommunismus,
zu Totalitarismus
und Menschenrechte






Publikationen des
Instituts zur Aufklärung und Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Europa,
Bad Mergentheim







Copyright: Carl Gibson

 

 

 

 

 


 

Carl Gibson, 

Natur- und Lebensphilosoph, ethisch ausgerichteter Zeitkritiker,

Naturfotograf, im August 2021





Mehr zu Carl Gibson, Autor,  (Vita, Bibliographie) hier:

https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Gibson_(Autor)

https://de.zxc.wiki/wiki/Carl_Gibson_(Autor)

(Das Wikipedia-Porträt Carl Gibsons in englischer Sprache)


https://www.worldcat.org/identities/lccn-nr90-12249/

 Bücher von Carl Gibson, zum Teil noch lieferbar.



Copyright: Carl Gibson 2021.




 

 

 

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